Aufrecht geh’n: Mary Roos erzählt in neuer Biografie ihr liederliches Leben

Der Klappentext der Autobiografie unserer ESC-Ikone Mary Roos zieht uns sofort ins Buch hinein:

„Es gibt Beziehungen, die nicht für die Ewigkeit gemacht sind, und zum Tango gehören immer zwei. In den seltensten Fällen ist nur einer schuld, und wenn doch, dann tut es gut zu wissen: Die Seele wächst mit ihren Aufgaben. Wenn bei mir etwas schiefging, war ich immer für ‚Krönchen richten und weiter!‘. Damit bin ich bis heute gut gefahren. Ich schaue nicht zurück.“

Ach Mary, so wunderbar geradeaus gesagt, so richtig, so wahrhaftig, so pragmatisch, man möchte sie spontan umarmen.

Um es vorweg zu sagen: Wer mit Mary Roos eine musikalische Zeitreise machen möchte von den 50er Jahren bis heute, dem sei dieses Buch leidenschaftlich – wiederhole: leidenschaftlich!! – ans Herz gelegt. Der Autor dieser Zeilen hat in den letzten Wochen nach einem Jahrzehnt Pause gleich zwei Autobiografien gelesen – die eine von Michaela May (sensationell in „Familienfest“), die andere von Mary. Beide sind klasse, richtig gut – Unterhaltung mit Substanz.

Bitte nicht auslachen: Die Biografie, die ich gefühlt mindestens 10 Jahre davor zuletzt gelesen hatte, hieß „Between the Lines“ von 80s-heartthrob Jason Donovan. Die war zwar eher schlicht, aber Jason hat darin sehr ehrlich von seinen „Jugendsünden“ erzählt, das hat mir gefallen und er war immerhin „major teenage crush“ von Menschen, die musikalisch mit den Popschlagern von Stock, Aitken and Waterman sozialisiert wurden. That sound good to me.

Jetzt erzählt also Mary Roos aus ihrem Entertainment-Leben. Aufgeschrieben hat Marys Erinnerungen übrigens ihre Freundin Pe Werner, die mit „Kribbeln im Bauch“ als Interpretin und Songwriterin selbst zu großer Popularität gelangte und im übrigen für Carolin Fortenbacher „Hinterm Ozean“ geschrieben hat, womit Caro 2008 für Deutschland zum ESC wollte, aber den No Angels im Vorentscheid im Hamburger Schauspielhaus knapp unterlag.

Es begab sich, dass wir nach einem Tages-Engagement in Bergisch-Gladbach jüngst mit dem ICE von Köln nach Hamburg unterwegs waren und nach ein paar Kölsch zu deftiger Nahrung bei Gaffel am Dom (sehr touristisch und trashy und doch sehr, sehr nice) in den Zug stiegen. Vor Münster ging dann plötzlich nichts mehr und der Zug stand wegen „technischer Probleme“ zwei Stunden auf der Strecke rum. Wir sollten dann irgendwann abgeschleppt werden bis Münster und alle Münsteraner Hotels, die wir verzweifelt anriefen, waren ausgebucht. Plötzlich (nach zwei Stunden Ungewissheit) ging es dann doch weiter – ohne Abschleppen. Wir waren etwa gegen 3:00 Uhr morgens zurück in Hamburg. Wer häufiger Bahn fährt, kennt solche Grenzerfahrungen. Aber für mich war’s diesmal keine, denn ich hatte Marys Biographie dabei und das Lesen darin vertrieb den Bahn-Kummer und machte das ewige Warten komplett erträglich. Dank Mary verging die achtstündige DB-Fahrt wie im Fluge.

Mir fällt nichts ein, was mir an dem Buch nicht gefällt. Nichts! Das Buch ist kurzweilig, augenzwinkernd intelligent, unverstellt echt und außerdem lernt man bei dem Blick hinter die Kulissen von mehr als vier Jahrzehnten der deutschen Schlager- und Musikszene eine Menge.

Vier Dinge machen „Aufrecht Geh’n“ (für mich) vor allem aus:

1. Keine Zeile ist langweilig, jedes Kapitel liest sich inspirierend und unterhaltsam – und das obwohl Mary nie wirklich draufhaut. Normalerweise werden Autobiografien über Skandale oder kritische „Abrechnungen“ mit Weggefährten verkauft. Mary verzichtet darauf – und es wird doch nie langweilig. Ihr im besten Sinne des Wortes „gewinnendes Wesen“ macht die Lektüre maximal abwechslungsreich.

2. Das Buch ist auch eine Reise durch die deutsche Unterhaltungslandschaft von den 50er-Jahren bis heute, mehr als das sogar, oft wagt Mary auch einen gesellschaftspolitischen Blick über den Tellerrand. Man lernt eine Menge, ganz ohne das Gefühl zu haben, einer Geschichtsvorlesung beizuwohnen.

3. „Für Julian“ ist dem Buch vorangestellt und es ist in der Tat eine wunderbaren Lebenserklärung an ihren Sohn Julian aus der Achterbahn-Ehe mit Werner Böhm. Gefühle bis zum Anschlag, speziell die Passagen über Julian hat Pe Werner großartig zu Papier gebracht – intensiv, aber nie kitschig. Mit wie viel reflektierter Hinwendung und „Ausgewogenheit“ Mary darüber hinaus heute über ihren Ex-Mann schreibt, ringt mir zudem größten Respekt ab. The girl has style!

4. ESC-Fans erfahren ganz beiläufig eine Menge von den Gesetzmäßigkeiten des Grand Prix Eurovision de la Chanson in den 70er- und 80er-Jahren, da Mary ihren beiden (erfolgreichen) internationalen ESC-Teilnahmen breiten Raum in ihrer Autobiografie gibt.

Diese vier Pluspunkte möchte ich mit zwei Leseproben unterstreichen, aber ganz bewusst nicht aus den Berichten über ihre beiden internationalen ESC-Teilnahmen  („Nur die Liebe lässt uns leben“ und „Aufrecht geh’n“ haben jeweils ein eigenes Kapitel). Stattdessen möchte ich Marys Betrachtungen über die Föhnwelle der 80er-Jahre hervorheben und etwas erfrischend witzigen Gossip über Bernhard Brink (sein „Lieder an die Liebe“ ist einer meiner All-Time-Favorite-Schlager – und ich weiß, dass das „nur“ ein Cover ist).

Zur Fönwelle:

„In der Ehe mit Werner Böhm hatte die Leidenschaft die Hosen an. Bei uns war immer was los, denn Tohuwabohu war Werners zweiter Vorname, und dem machte er alle Ehre. Ungeniert, blondiert und pomadiert.

Was für Gottlieb Wendehals die Pomade war, das war für mich die Fönwelle, in den 80ern die absolute Trendfrisur. Farrah Fawcett hatte sie in der US-amerikanischen Serie Drei Engel für Charlie berühmt gemacht, und seitdem föhnte sich Frau zu Hause vorm Allibert den Wolf. Der Badspiegelschrank machte es möglich, das Föhnkunstwerk von allen Seiten zu betrachten, allerdings erforderte die Rundbürsten-Föhnerei enorme Armarbeit. Die Damenwelt stürmte deshalb wöchentlich die Friseurgeschäfte zum `Waschen und Föhnen´. Auch Lena Valaitis und ich trugen Föhnwelle. Bei unseren Friseurbesuchen verrieten uns die Coiffeure, dass Kundinnen ihnen ständig Fotos von uns zeigten, die sie aus Illustrierten herausgerissen hatten, und sagten genauso wollten sie aussehen. Dass die Föhnwelle nicht für jederfraus Haare gemacht war, interessierte die Föhnwilligen nicht.“

Lol, selten wurden die Larger-than-life-80er treffender nacherzählt. Und ich liebe Mary dafür, das Wort Tohuwabohu nach zwanzig Jahren mal wieder gelesen zu haben. Und die Wort-Neuschöpfung „die Föhnwilligen“ ist ebenfalls großes Kino.

Zu Bernhard Brink:

Cindy (Berger von Cindy & Bert) und mir war aufgefallen, dass unser Kollege Bernhard Brink auf den (Hitparade-)Tourneen (mit Dieter-Thomas Heck) nichts anbrennen ließ. Auffällig oft nahm er eine Tagesabschnittsgefährtin mit auf sein Hotelzimmer. Dieser Angewohnheit wollten wir uns besonders hingebungsvoll widmen.

Die Tournee-Hotels waren immer belagert von Fans, die stundenlang in der Lobby rumhingen, in der Erwartung, ihren Lieblingsstar zu treffen. Eine von ihnen war Rosita, eine fröhliche, füllige Mittdreißigerin, die Cindy und ich spontan ansprachen und fragten, ob sie Lust habe, mit uns Bernhard Brink zu veräppeln. Was wir uns ausgedacht hatten, war herausfordernd, aber Rosita war sofort Feuer und Flamme. (…)

Wir verschafften uns mit einem Trick Schlüsselgewalt (zu BBs Hotelzimmer) und wussten, in welchem Zeitfenster Bernhard mit Begleitung auf seinem Zimmer zu verschwinden geruhte. Wir gehen auf Position – das Streich-Quartett versteckt hinterm Vorgang und Rosita nackt in Bernhards Hotelbett. Als Bernhard mit seinem Fang des Tages das Zimmer betrat, sprang unser Lockvogel aus dem Bett und rief: ‚Du hast mir doch die Ehe versprochen.‘ In diesem Moment kamen wir hinterm Vorhang vor und applaudierten, was das Zeug hielt. Rosita luden wir an die Hotelbar ein und dankten ihr noch einmal recht herzlich für ihre Einlage. Bernhard hat daraufhin sehr lange nicht mehr mit uns gesprochen.“

Ha, so viele schöne Formulierungen („Tagesabschnittsgefährtin“, „Fang des Tages“, „hingebungsvoll“, „veräppeln“)! Und, liebe Rosita, wenn Du einmal in Hamburg weilst, melde Dich bei ESC kompakt, wir geben Dir an Deiner Hotelbar Champagner bis zum Abwinken aus. Und singen mit Dir „Schau‘ Dich nicht um“.

Es steht noch so viel mehr drin in diesem wunderbaren Buch. Wer es auch lesen möchte, kann es bei uns sogar gewinnen. Marys Verlag Rowohlt hat uns 10 Exemplare zur Verfügung gestellt (Dank an Nora Gottschalk). Wenn Ihr mitmachen wollt, schreibt einfach Eure vier liebsten Mary-Songs (gerangreiht von Platz 1 bis Platz 4) in die Kommentare – und zwar bis zum kommenden Sonntag (20.11.22) um 22:00 Uhr. Blogger dürfen leider nicht mitmachen, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Wir wünschen Euch viel Glück und freuen uns, wenn Ihr mitmacht, denn wir finden auf diesem Wege ja auch die beliebtesten Songs von Mary heraus.

Einem befreundeten Kollegen, der auch nicht mitmachen wird, weil er Marys Autobiografie bereits persönlich gekauft hat, möchten wir das Schlusswort überlassen. Ich habe Arne gefragt, wie ihm das Buch gefallen hat und das hat er geantwortet:

„Die Lektüre von ‚Aufrecht geh’n‘ hat mir ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert. Es wurden Erinnerungen wach an meine Jugend und die Abende vor dem Fernseher mit der Hitparade und dem Grand Prix Eurovision. Viele Hintergrundgeschichten, insbesondere zum ESC 1984 in Luxemburg, persönliche Schicksalsschläge auch am Tag des Finals lassen ihren damaligen Auftritt und ihr Lied einem ganz anderen Licht erscheinen. Mary Roos war mir als Künstlerin schon immer äußerst sympathisch. Nachdem ich das Buch gelesen habe, ist sie mir auch menschlich noch näher gekommen. Man hätte sie gern als Freundin.“

Ein großer Moment der ESC-Geschichte mit überwältigendem persönlichen Bezug für die Interpretin. Mary Roos singt „Aufrecht geh’n“ 1984 auf der ESC-Bühne in Luxemburg – eine der zu ihrer Zeit meist unterschätzten deutschen Popballade der 80er, heute ein Klassiker der deutschsprachigen Songgeschichte. Der Song ist auch der Name ihrer Autobiografie.


110 Kommentare

  1. Es gibt soo viele tolle Songs von ihr. Nur vier…okay..dann diese:

    1. Aufrecht geh´n
    2. Zu schön um wahr zu sein
    3. Mit dir für immer oder nie
    4. Einzigartig

  2. Mary hatte viele tolle Titel meine Favoriten sind : 1 – Aufrecht gehen 2 – Nur die Liebe lässt uns leben 3- Ich bin stark nur mit dir 4- Pinocchio wünsche für alle Vorhaben viel Glück!

  3. Morgen Abend ist Mary Roos zu Gast in der Talkshow „Kölner Treff“ im WDR-Fernsehen. Die Sendung beginnt um 22 Uhr. Ebenfalls mit dabei ist Michael Patrick Kelly.

    Ebenfalls um 22 Uhr beginnt im MDR-Fernsehen die Talkshow „Riverboat“ und zu Gast ist der deutsche ESC-Teilnehmer von 2018, Michael Schulte.

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