Brexit: Tschüss Großbritannien – We’re Still In Love With You!

BBC Eurovision ESC 2020 Großbritannien Vereinigtes Königreich Logo

Wir Fans wissen: Der ESC ist politisch. Wie könnte es auch anders sein, wenn Nationen gegen- und miteinander antreten? Und das ist auch gut so, denn nur so hat der Eurovision Song Contest auch die Macht, Brücken zu bauen. Da entdecken (nun gut, ein paar wenige) aserbaidschanische Televoter plötzlich ihre Liebe zu armenischer Musik, da stehen Russland und die Ukraine zusammen auf der Bühne und da ist im türkischen Fernsehen plötzlich eine Frau mit Bart zu sehen. Building Bridges und Celebrate Diversity!

Und ja, es gibt – wie in jeder Familie – auch immer wieder Rückschläge. Der eine ist gekränkt, der nächste ist beleidigt und wieder ein anderer kommt nicht mal mehr zu den Geburtstagen. Und trotzdem rauft man sich immer wieder zusammen, dann geht es weiter und auf lange Sicht führen die Probleme zu einem größeren Verständnis füreinander.

Die EU ist so etwas wie die Politik-Ausgabe des ESC. Ja, der Vergleich hinkt (sehr), aber zumindest historisch ist die Idee die gleiche: Länder zusammenbringen und durch die musikalische bzw. wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit den Zusammenhalt fördern. Und am Ende dafür zu sorgen, dass in Europa so viel Frieden ist wie noch nie.

Seit heute ist Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU und auch hier ist es wie beim ESC: Egal wie das Verhältnis war und egal wie qualitativ hochwertig die Beiträge, ein Rückzug ist immer ein Verlust und ein Stück Vielfalt geht verloren. Hoffen wir, dass Großbritannien (besser gesagt: Das Vereinigte Königreich, also die Insel Großbritannien mit England, Schottland und Wales samt Nordirland) nicht auf die Idee kommt, gerade ob der nicht sehr erfolgreichen jüngeren Vergangenheit auch beim ESC einen Rückzieher zu machen.

Das Vereinigte Königreich ist insgesamt das dritterfolgreichste Land beim ESC. Fünf Siege, 15 (!) zweite Platze und drei dritte Plätze stehen zu Buche. Zu den bekanntesten Beiträgen beim ESC zählen neben den Siegertiteln „Puppet on a String“ (1967), „Boom Bang-A-Bang“ (1969), „Save Your Kisses For Me“ (1976), „Making Your Mind Up“ (1981) und „Love Shine a Light“ (1997) sicherlich „Congratulations“ (1968) und „Power to All Our Friends“ (1973) von Cliff Richards, „Beg, Steel or Borrow“ (1972) von den New Seekers und „Let Me Be The One“ (1975) von The Shadows.

Aber auch die neueren Jahrgänge blieben – trotz der oftmals nicht gerade glücklichen Platzierungen – im Gedächtnis. Das war nicht zuletzt auch den großen Namen geschuldet, die die BBC für den ESC rekrutieren konnte: Blue, Engelbert Humperdinck und Bonnie Tyler sind Beispiele dafür. Aber auch Andrew Lloyd Webber mit der von Jade Ewen gesungenen Ballade „My Time“, die es beim ESC 2009 auf Platz 5 schaffte – die letzte Top-10-Platzierung Großbritanniens bis zum heutigen Tag.

In diesem Jahr überarbeitet die BBC ihr Auswahlkonzept für den ESC und wir lassen uns überraschen, ob das Vereinigte Königreich so wieder in die Erfolgsspur findet. Übrigens könnte der Brexit tatsächlich auch Auswirkungen auf den Eurovision Song Contest haben: In Schottland wird schon (wieder) über eine Unabhängigkeit nachgedacht, um dann der EU wieder beitreten zu können. Dann würde das Land sicherlich auch als neuer Teilnehmer zum ESC stoßen; am Eurovision Choir nimmt Schottland schon alleine teil, ebenso wie Wales am Junior Eurovision Song Contest.

Wir sind gespannt, was die Zukunft bringt und hoffen aber, dass Großbritannien uns – in welcher Form auch immer – zumindest beim ESC erhalten bleibt. Und wer weiß, vielleicht gibt’s ja auch irgendwann ein EU-Comeback. Bis dahin sagen wir: We’re still in love with you und niemals geht man so ganz!


35 Kommentare

  1. Reisende soll man nicht aufhalten. Wenn die Briten dem ESC fernbleiben würden, dann würde ich sie nicht vermissen. Eher, ein Konkurrent weniger.

  2. Tja, UK ist gegangen, hat aber die Sprache hiergelassen…

    Wenn es tatsächlich zur Abspaltung von Wales und Schottland kommen sollte, dann hätte die EBU möglicherweise neue Mitglieder und es gäbe möglicherweise ein neues Big-5-Mitglied (zum Beispiel Schweden oder Russland statt England). Ich habe irgendwo gelesen, daß die BBC durch den Brexit angeblich in finanziellen Schwierigkeiten steckt….

    • Ich schaue jeden Tag britische Nachrichten. Offensichtlich wollen die Tories die BBC auf Parteilinie zwingen und üben deshalb finanziellen Druck aus. Die Demokratie ist in Großbritannien tatsächlich inGefahr. 🙁

  3. Go before you break my heart (1989)
    We will be free (lonely symphony) (1994)
    No dream impossible (2001)

    Come back (2002)
    You are not alone (2016)

  4. Ich denke, das Königreich wird uns schon aus Tradition beim ESC erhalten bleiben, auch wenn es den Wettbewerb nie so richtig Ernst genommen hat und es unter Umständen in abgespeckter Form Auftritt.
    Denn die eigenständige Teilnahme von Schottland am ESC ist irgendwann in Zukunft wie geschildert durchaus denkbar . Und vielleicht auch die einer Sonderfreihandelszone Nordirland.

  5. Also das Schottland ein neues Reverendum zur Unabhängigkeit abhalten darf ist eher unwahrscheinlich weil es von der britischen Regierung abgesegnet werden muss. Was aber möglich ist das Schottland trotzdem beim ESC mitmachen könnte wenn es denn wollte weil man ein eigenen Sender bei der EBU hat. Ebenso auch Wales was ja beim JESC auch passiert. Oder ist das doch etwas komplizierter

  6. UK wird dem ESC natürlich treu bleibeb, da die Show dort immer sehr gute Einschaltquoten hat – auch weil die Sendung dort ehr (zu) ironisch betrachtet wird und nicht wie hier als epische Tragödie.

  7. Komisch, auf diesen „Nachruf“ habe ich irgendwie gewartet. Vielen Dank dafür. Nun, wir werden sehen, was die Zukunft für UK bringt, und hoffen, dass die Auswirkungen nicht allzu negativ sein werden (für das UK und für die EU als Wirtschaftspartner).

    Wundert mich sowieso, dass Schottland und Wales noch keine eigenen Beiträge zu ESC geschickt haben.
    Beim Fussball haben sie doch auch eigene Nationalmannschaften.

    Ich vermisse jedes Land, welches dem ESC fernbleibt, auch UK, obwohl sie mich musikalisch seit der Jahrtausendwende selten überzeugt haben.

  8. Mein Freund (absolut nicht ESC-affin, aber anglophil geprägt) erkundigt sich gerade, ob UK dieses Jahr beim ESC mit drei Schweigeminuten antreten wird… Anders kann man es sich nicht erklären, daß von Seiten der BBC bislang nichts durchgedrungen ist. Paßt aber ganz gut zum Brexit-Orkus.

    • Der Brexit, egal ob man dafür oder dagegen ist, war nun mal eine demokratische Entscheidung von der Mehrheit der Britischen Bevölkerung das hat man zu akzeptieren. Anstatt sich hier selbst zu bemitleiden, sollte man sich doch mal fragen, warum hat sich die Mehrheit der Britischen Bevölkerung für den Brexit entschieden? Ist wirklich alles Gold, was glänzt im paradiesischen EU-Land? Welcher Fehler hat die EU gemacht. Wie gesagt der Brexit war eine demokratische Entscheidung der britischen Bürger, in Deutschland wurden die Bürger ja nie gefragt, ob sie wirklich den Euro und die EU haben wollen.

      • –Der Brexit, egal ob man dafür oder dagegen ist, war nun mal eine demokratische Entscheidung von der Mehrheit der Britischen Bevölkerung das hat man zu akzeptieren. —

        Nö, das hatte nichts mit Demokratie zu tun und schon gar nichts mehr Mehrheit. 17 von 65 Mio Einwohner in UK haben in einer Abstimmung, die als Stimmungsbild geplant war, gesagt, dass sie die EU verlassen wollen. Über das WIE wurde nie abgestimmt.

      • Fairerweise sollte man 17,4 Millionen von 46,5 Millionen wahlberechtigten Briten sagen. Aber das macht immer noch gut 29 Millionen, die NICHT für „Leave“ gestimmt haben (davon knapp 13 Millionen, die nicht zur Wahl gegangen waren).

        Ich find’s so schade, dass die Remainers in denen letzten drei Jahren nicht mit dieser Zahl konterten, wenn die Brexiteers mal wieder gebetsmühlenhaft ihre 17,4 Millionen aufführten.

    • Nun ja, der Brexit mag Veränderungen im politischen Verhältnis der EU zu UK bringen, aber die Welt geht deshalb nicht unter. Ich kann auch sehr gut damit leben, dsss z.B. Norwegen und die Schweiz nicht zur EU gehören. Und geht es diesen Ländern schlecht? Natürlich nicht, im Gegenteil. Vielmehr zeigt uns der Brexitprozess, das die EU dringend reformiert gehört. Mittlerweile ist sie zu einem bürokratischen Monster mutiert, in dem Steuergelder ohne Ende verbraten werden einer zweifelhaften Agenda folgend.

      Aber genug davon, dem ESC wird es nicht schaden. UK bleibt selbstverständlich dabei.
      UK, i love you forever.😘

      • Auch wenn ich es nicht so drastisch ausdrücken würde, gibt es sicherlich genug Dinge, die sich in und an der EU verändern müssen. Da stimmt ich Dir zu.
        Beim Thema Schweiz und Norwegen muss ich Dir aber widersprechen, denn für diese Länder klappt die Konstruktion natürlich nur, weil alle Länder um sie herum in der EU mitmachen. Sollten irgendwann immer mehr Länder von der EU profitieren, aber nichts (ich übertreibe etwas) mehr beitragen wollen, dann klappt die Konstruktion auch nicht mehr.

      • Na kommt, ihr wisst aber, was ich meine. Natürlich würde eine EU in dieser Form nicht mehr funktionieren, wenn alle mehr oder weniger beitragen, aber keiner mehr Mitglied ist.

      • +Vielmehr zeigt uns der Brexitprozess, das die EU dringend reformiert gehört. Mittlerweile ist sie zu einem bürokratischen Monster mutiert, in dem Steuergelder ohne Ende verbraten werden einer zweifelhaften Agenda folgend. +
        Das ist rechtspopulistisches Gewäsch, Entschuldigung. Die EU-Bürokratie ist kein Monster sondern im Verhältnis zu denen in den Mitgliedsstaaten oder gar der der USA sogar recht schlank. Sie hat in einigen Bereichen Aufgaben der Staaten übernommen und diese könnten daher den eigenen Beamtenapparat abbauen.
        Ein guter Vergleich ist immer wenn man sieht, dass die EU 40000 Mitarbeiter hat, die Stadt Hamburg aber 60000. Steuergelder werden vor allem an der Spitze „verbraten“, das liegt aber nicht an der EU sondern an den Mitgliedsstaaten, die immer noch gerne verdienten Politikern gutbezahlte Posten zuschanzen. Daber unterscheiden sich übrigens die EU-kritischen Staaten nicht von anderen.
        Und mit dem Brexit-Prozess hat Ganze nichts zu tun, im Gegenteil. UK war bis zum Schluss ein Verfechter der EU-Erweiterung und auch der Freihandel, mit all seinen Normierungsproblemen war hauptsächlich ein Projekt aus England. Einzig mag nun sein, dass ohne die Brenser aus GB eine politische Weiterentwickung der EU möglich ist.

  9. Aber eine eu in dieser form funktioniert ja nicht! Und wird auch nicht, solange das missverhältniss zwischen gebern und empfängern so ist wie jetzt.

    • Die Schweiz ist nicht Mitglied der EU. Wie kann sie denn was zum Gelingen oder Scheitern der EU beitragen? Sie hat ja keinerlei Einfluss auf die Entscheidungen.

    • Es gibt keine Geber und Nehmer in der EU. Jeder Staat zahlt im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft ein und das Parlament stellt einen Haushalt auf. Hier ist der größte Posten immer noch die Landwirtschaft und dabei profitieren die Bauern aus fast jedem EU-Land. UK meinte, dass sie keinen Zuschauss hierfür bräuchten und hatten sich daher den Sonderrabatt ausgehandelt.Natürlich gibt es Netto-Zahler und Nehmer, aber das ist ja bei den deutschen Ländern auch nicht anders, es gibt eben Ländern, die eine geringere Wirtschaftskraft haben und entsprechend weniger zahlen. Das muss aber kein Dauerzustand sein, Irland hat sich beispielsweise vom EU-Armenhaus zu einem profitablen Staat entwickelt.
      Zusammengefasst: inn Deutschland gibt es Bereiche, wie die Landwirtschaft, die stark von der EU profitieren, bei Strukturmaßnahmen ist es weinger, aber auch hier fließen EU-Gelder.

  10. Das Folgende habe ich schon mal im Thread https://esc-kompakt.de/wer-vertritt-deutschland-beim-eurovision-song-contest-2020/ geschrieben, so ziemlich am Ende, als es kurz um das UK ging. Ich dachte, hier könnte es auch reinpassen; auch wenn es die interessante politische Debatte ein wenig unterbricht. Ab jetzt Zitat:

    „Sowohl Remainers als auch Brexiteers haben [letzte Woche] Kampagnen zum Downloaden von Songs organisiert.

    Der Song der Remainers, Beethovens ‚Ode to Joy‘, gespielt von Andre Rieu & Johann Strauss Orchestra, hatte dabei die Nase vorn und stieg [am 31.01.] auf Platz 1 in den Download Charts ein (Platz 30 in den offiziellen Single Charts).

    Die Brexiteers brachten ihren Titel ’nur‘ auf Platz 2 der Download Charts und 43 der Single Charts, es handelt sich um ’17 Million F**k Offs – A Brexit Song‘ von Dominic Frisby. Eine Anspielung auf die 17 Millionen Briten, die für den Brexit gestimmt hatten, und es gab in den letzten 3 Jahren kaum einen von Brexiteers ausgesprochenen Satz, in dem diese Zahl nicht zu hören war. Die 16 Millionen Remainers und die vielen Millionen, die gar nicht abgestimmt hatten, kamen da nie vor.“

    • Das finde ich wieder geil, Ode an die Freude auf Platz 1 in GB!
      Die Millionen, die zu faul zum abstimmen waren, aber in der EU bleiben wollten, haben sich selbst die Suppe eingebrockt. Aber jede Demokratie lebt nun mal von denen, die sich auch daran beteiligen. Die Briten können ja in 10 Jahren oder so wieder bei der EU anklopfen, wenn es Ihnen ohne uns auf Ihren Inseln zu fad wird.

  11. Ich bin still in love! Molly 2014 und Lucie 2017 beide großartig und Elektro Velvet 2015 einfach unterhaltsam. Holly Brewer aus dem VE 2017 fantastisch (Achtung, Laurell Barker Song, aber Ballade – sowie zu „nur eine Platte“ xD) und Legends 2018 in der Studioversion ein Bop!

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