ESC 2020 im Fernsehen: So könnte der deutsche ESC in ONE und im Ersten ablaufen

So viel Spontanität und Flexibilität in Sachen ESC gab’s in Deutschland selten. Nachdem nach der Absage des Eurovision Song Contest in Rotterdam das Angebot bei den ARD-Fernsehsendern auf ein Minimum reduziert wurde, dreht die Sendeanstalt nun richtig auf: Neben einem „deutschen“ Halbfinale auf ONE am 9. Mai und einem Finale am 16. Mai, bei dem der/die deutsche Sieger/in der Herzen gekürt wird, zeigt die ARD auch noch den ESC 2010 im Hauptprogramm (wenn auch erst um/nach Mitternacht).

Das heißt, dass nur zwei Wochen vor dem neuen Halbfinale die offizielle Ankündigung kommt und nicht nur das Programm von ONE am 9. Mai umgeschmissen wird. Auch die ARD ändert ihr Programm und die Ausstrahlung der Sendung Eurovision: Europe Shine a Light, die nun nicht mehr live, sondern live on tape (also um eine Stunde zeitversetzt) zu sehen sein wird. Hinzu kommt dann noch das neue Finale des deutschen ESC aus der Elbphilharmonie direkt davor.

Ob diese Aktivitäten eine Reaktion auf den FreeESC von Stefan Raab auf ProSieben sind, sei einmal dahingestellt. Letztlich platziert der NDR aber mit dem Sendestart des Finales um 20:15 Uhr eine Live-Sendung mit Abstimmungsmöglichkeit UND richtigen ESC-Teilnehmern gegen den Raab’schen Ansatz, der sich mit deutschen Acts mit ausländischem Bezug begnügen muss. Das Gegenangebot des NDR kommt vielleicht etwas spät, aber es hat es in sich.

Was bedeutet das nun für die Durchführung des deutschen ESC?

Beginnen wir mit dem Halbfinale am 9. Mai. Diese Show im Stil des jungen funk-Programms World Wide Wohnzimmer produziert und ab 20:15 Uhr (auch) auf ONE ausgestrahlt. Da hier alle 41 Beiträge à 3 Minuten gezeigt werden, wobei für den deutschen Act nicht abgestimmt werden darf, ergibt das bereits eine Sendezeit von 120 Minuten – ohne Moderation und Voting. Da es aber Moderatoren und mit Peter Urban auch einen Kommentatoren gibt, kann hier mindestens von 180 Minuten Sendezeit ausgegangen werden, selbst wenn die Ergebnisbekanntgabe – wie beim richtigen ESC – nur die Benennung der zehn Acts umfasst, die am besten bewertet wurden und sich somit für das Finale qualifiziert haben.

Im Rahmen der Halbfinal-Wertung soll neben dem Televoting auch die Eurovision-Jury zum Einsatz kommen. Diese besteht aus 100 Personen, deren Musikgeschmack optimal mit dem ESC-Gesamtgeschmack übereinstimmt. Da diese die diesjährigen ESC-Beiträge – die die meisten ohnehin schon kennen werden – auf Basis von Vorendscheid- oder Promo-Videos bewerten werden, können sie die Arbeit im Grunde jetzt schon vornehmen. Damit hätte der NDR dann auch schon sehr bald die „Jury-Favoriten“ – und könnte die erfolgsversprechendsten Acts bereits für das Finale am 16. Mai anfragen. Denn dann sollen ja einige von ihnen live in der Elbphilharmonie auftreten.

Alternativ kann der NDR aber bereits jetzt einen Blick auf das Voting hier auf ESC kompakt werfen, wie Ihr die Chancen der Beiträge einschätzt. Für die 35 Halbfinalisten liegt das Ergebnis bereits vor. Auf dieser Basis könnten z. B. Einladungen nach Litauen, Island, Bulgarien, in die Schweiz sowie nach Malta und Russland verschickt werden.

Während relativ klar ist, wie die Voting-Prozedur im Halbfinale ausfällt (50% Televoting, 50% Jury), ist das für das Finale am 16. Mail noch nicht bekannt. Zum einen könnte hier ebenfalls ein Votingsplit zum Einsatz kommen, wobei die Juroren nicht noch einmal abstimmen müssten, weil sich die Vorträge/Videos ja nicht mehr ändern. Dann käme hier nur noch das Televoting am Finalabend hinzu. Zum anderen kann es auch sein, dass hier nur die Zuschauer entscheiden.

Fest steht hingegen bereits, dass das Finale in der Elbphilharmonie von Barbara Schöneberger moderiert wird und dass Peter Urban und Michael Schulte – so wie für den abgesagten ESC geplant – die Kommentierung der Sendung übernehmen. Dass dort auch Ben Dolic seinen ESC-Moment bekommt, um Deutschland zu zeigen, was er drauf hat und so ähnlich in Rotterdam gezeigt hätte, ist unter den gegebenen Umständen die beste Würdigung des Songs und des Künstlers.

Bei all der oben beschriebenen Spontanität und Flexibilität bei der ARD stellt sich nun die Frage, ob ONE dann nicht doch auch noch die Songchecks der Eurovision.de-Kollegen ausstrahlen könnte. Nachdem der Nischensender in diesem Jahr ja eigentlich ESC-freie Zone sein sollte, steht er nun mit Halbfinale im Fokus der ESC-Öffentlichkeit. Da würden die Songchecks doch nur zu gut passen. Und wenn man das Programm schon einmal umgestellt hat, wäre so eine zweite Anpassung doch auch kein großer Akt mehr. We’ll see.


17 Kommentare

  1. Hut ab, NDR, an den Abenden von 5.-9.5. wird schon mal gewertet. Am 16.5. bleibe ich bei Pro 7 und am 18.5. gibts dann die ARD Sendungen in der Mediathek. Vielleicht verkündet das Faultier am Dienstag eine Terminverschiebung des Free-ESC im Kampf um die Raab Quoten, das wäre dann optimal 🙂

  2. Es stimmt, dieser Rahmen ist eine gute Würdigung des deutschen Acts. Für mich ist klar, dass ich das gucken werde, denn die endlos in die Länge gezogenen und von vielen Werbeblocks unterbrochenen Sendungen im Privat-TV ertrage ich kaum.

  3. Das schreit nach einer grossen umfrage. Wer kommt ins final?
    1. Schweiz
    2. Island
    3. Litauen
    4. Frankreich
    5. Rumänien
    6. Malta
    7. Schweden
    8. Italien
    9. Israel
    10. Kroatien

  4. Die ganzen inoffiziellen Abstimmungen zeigen ja mehr oder weniger immer das gleiche Bild der Bubble. Daher dürfte das wohl kaum spannend werden, aber auf die Show an sich freue ich mich.

    • Naja, wie wir wissen, können doch Abstimmungen im TV und beim allgemeinen Publikum anders als Internetabstimmungen, vor allem der Fanszene, ausgehen… Also unspannend ist das deswegen nicht unbedingt… Beim Halbfinale vielleicht, beim quotenstärkeren TV-Finale hingegen – das wissen wir doch aus Vorentscheiden – kann es hingegen für die Fanszene unerwartet laufen. Außerdem könnte auch ein Live-Auftrittseindruck eines Künstlers beeinflussen…

  5. Ich denke, dass die Ausstrahlung der Songchecks auf ONE echt nicht mehr kriegsentscheidend, wenn auch schade ist…

    Auch könnte ich mir sogar vorstellen, dass am Finalsamstag bewusst ein reines Televoting stattfindet, um das Konzept für den Otto-Normal-Zuschauer nicht zu komplex zu gestalten… So viel Zeit bis 22:00 Uhr ist ja nun auch wieder nicht, wenn man alles samt Zwischentalks usw. unterbringen möchte.

    Für mich persönlich ist der FreeESC noch keineswegs abgeschrieben (in punkto Quotentagessieg hingegen schon). Entscheidend wird für mich sein, wie das Wohnzimmer-Halbfinale auf mich wirkt. Dank Aufnahmemöglichkeiten wird letztens sowieso beides geguckt.

    Bin außerdem gespannt, ob es tatsächlich gelingen wird, ausländische Finalisten nach Hamburg zu holen. Am eigentlichen Finalsamstag werden viele doch sicherlich auch im eigenen Landesprogramm erwartet werden… Alles in allem aber natürlich: Daumen hoch an den NDR!

  6. Böörti, der letzte Aspekt ist tatsächlich das interessanteste an allem – kommen einige Künstler nach Hamburg für Live-Auftritte – und wenn ja, wieviele. Ich schimpfe ja auch gerne und oft über ARD und NDR – aber mit diesem Konzept ist echt wahlich gelungen, doch ein bisschen Spannung in die Sache zu bringen. Für mich war ja eigentlich die ESC-Saison 2020 schon beinahe abgehakt – aber jetzt freue ich mich riesig auf die Sendungen auf One und dem Ersten.

  7. Der Terminplan ist ja fast noch voller, wie in anderen Jahren😀.
    Mein Mann hat sich schon beschwert, dass ich dieses Jahr besonders viel mit dem ESC beschäftigt bin🙂

  8. In Norwegen gab es letzte Woche Samstag eine weitere Ausgabe der ESC-Nostalgie-Show „Adresse Europa“ und es gewann ein Künstler, der 1958 als sicherer Gewinner in Hilversum gesehen wurde, aber leider nur den dritten Platz belegte:

    https://eurovisionworld.com/esc/domenico-modugno-from-italy-wins-the-second-show-of-adresse-europa-in-norway

    Knapp hinter Italien – mit zwei Punkten Abstand – landet der ESC-Sieger von 2000 und auf dem dritten der umstrittene Zweitplatzierte von 2017.

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