
Es mutet wie ein Anachronismus an, am (vorsichtig formuliert) turbulentesten Finaltag, den der Eurovision Song Contest in seiner 68jährigen Geschichte erlebt hat, eine Eloge über eine einzelne prominente Punktesprecherin aufzuschreiben. Aber: Die Zeitfenster für jede Spokesperson werden immer kürzer, aber die Punktesprecher*innen immer prominenter. Wo früher No-Names aus den lokalen Rundfunksendern fungierten, werden heute oft Weltstars inthronisiert.
Bevor wir uns vor einem solchen Weltstar verbeugen, wollen wir nicht unterschlagen, dass die deutschen Punkte diesmal von Ina Müller verlesen werden, die dieses Amt schon in Düsseldorf innehatte hat und die deutsche Zwölf dreizehn Jahre später noch einmal verraten wird. Im Vorjahr hat Elton sich mit dieser Aufgabe eher schwergetan und sich etwas holprig an Moderatorin Hannah Waddingham rangeschmissen und konnte mit diesem Awkward-Gig nicht an seine prominenten Vorgängerinnen Lovely Lena, Helene Fischer und Barbara Schöneberger heranreichen.
Immer mehr EBU-Sender erkennen die Kraft, die auch ein kurzer Punkteverkündungsauftritt haben kann und den größten Coup haben diesbezüglich in diesem Jahr einmal mehr die BBC und Graham Norton gelandet:
Wenn der Name Joanna Lumley bei ESC-kompakt-Leserinnen und -Lesern unter 39 nur ein Fragezeichen oder Schulterzucken auslöst, so ist Joanna aka Patsy bei Erwachsenen über 49 Kult. Dafür hat die BBC selbst gesorgt, denn Joanna spielte in der BBC-Sitcom „Absolutely Fabulous“ die VOGUE-Redakteurin Patsy Stone – in insgesamt sechs Staffeln (von 1992-1996) und diversen BBC-Specials von 1992-2012.
In der megapopulären Sitcom spielt Joanna an der Seite von Jennifer Saunders, die in der Rolle als klischeegetränkte Londoner PR-Dame ebenfalls brilliert. Über „Absolutely Fabulous“ könnte man (ich) Romane schreiben. Die Serie hatte weltweit im Feuilleton, in der TV-Kultur und in der Gay-Community einen so starken Niederschlag, dass sie seit drei Jahrzehnten ein (DVD/BlueRay/Streaming/Download)-Verkaufserfolg ist, eine BBC-Cash-Cow wie kaum eine andere Produktion jenseits der Planet-Earth-Serie.
Für „Absolutely Fabulous“-Einsteiger sei diese Top-Ten von zehn „Fabulous Moments“ zum Kennenlernen empfohlen. Mit nur zwei Anekdoten mag ich den künstlerischen und kommerziellen Erfolg von Abfab illustrieren.
Erstens: Patsy Stone hat mehr für den Vertriebserfolg von Champagne Bollinger („Bolli darling“) und Veuve Clicquot in Großbritannien und Australien getan als jede Werbekampagne.
Zweitens: 1993 machte der Autor dieser Zeilen in Sydney Urlaub und beim Mardi Gras (CSD-vergleichbar, nur viiiiel populärer) gab es einen eigenen Patsy-Stone-Wagen. Darauf winkten etwa drei Dutzend Patsys in die Menge, was mich erstmals motivierte, tief in die Abfab-Welt einzusteigen.
Noch heute sind viele Patsy-Sprüche Klassiker und für Joanna Lumley war diese Rolle Segen und Fluch zugleich. Sie wird so eng mit der Rolle verknüpft wie nicht einmal Daniel Craig, Roger Moore oder Sean Connory mit James Bond. (Btw, Joanna war auch einmal Bond-Girl in „Im Geheimdienst ihrer Majestät“.)
In Großbritannien hat Joanna Lumley einen Bekanntheitsgrad nahe 100% und ist von Queen Elisabeth II. als „Dame Commander“ mit dem Orden des britischen Empire ausgezeichnet worden. Ihre Serie „Absolutely Fabulous“ wird vom British Film Institute auf Platz 17 der besten britischen TV-Produktionen aller Zeiten ausgezeichnet.
Über „Absolutely Fabulous“ könnte ich an dieser Stelle Elogen notieren, deren Lektüre mindestens bis zur Verkündung des Televoting-Siegers heute Abend dauern würde. Sagen wir es mal so: Würde ich mein Leben noch einmal leben, würde ich über die Magie von „Absolutely Fabulous“ promovieren wollen…
Oder anders: Nie habe ich den Jurypunkten aus Großbritannien stärker entgegengefiebert als 2024.
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Ich kenne Joanna Lumley aus der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ (The New Avengers). Da spielte sie die Rolle der Purdey an der Seite von Gareth Hunt und Patrick Macnee.
Absolutely fabulous!
Mir gefällen die Reise-Programme mit Joanna Lumley aus den letzten Jahren.
Und dann durfte die Lady noch „12 points for Portugal“ verkünden !
Joanna Lumley spielte auch in der Agatha Christies „Marple“-Serie (GB, 2004–2013), in der Folge „Die Tote in der Bibliothek“. Ganz Lady, ganz Upperclass und sehr kontrolliert.