ESC kompakt ESC 2020 – Die Ergebnisse der beiden Halbfinale im Detail

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Der ESC kompakt ESC 2020 hat am letzten Sonntag in Litauens „On Fire“ von The Roop einen würdigen und am Ende doch relativ klaren Sieger gefunden. Wir haben das Ergebnis mit einem kleinen Video auf unserem YouTube-Kanal und einem Liveblog gefeirt.

Auch wenn die vorderen drei Plätze nicht sehr überraschend waren – die genauen Platzierungen hat Benjamin Euch hier nochmal zusammengefasst – auf den Folgeplätzen tummelten sich dann doch kleinere Überraschungen.

Und diese gab es durchaus auch in beiden Halbfinalen. Das wollen wir Euch natürlich nicht vorenthalten, deswegen schauen wir hier jetzt nochmal genauer hin.

 

Das 1. Halbfinale

ESC-kompakt-2020-Ergebnis_Halbfinale1

Insgesamt konnten im 1. Halbfinale 307 gültige Stimmen gezählt werden. Hinzu kommen noch 18 Wertungen von Jurymitgliedern.

Bei der Verkündung der Finalteilnehmer wurde schon bekanntgegeben, dass zwischen Platz 10 und Platz 11 klare 29 Punkte lagen. Irland wäre zwar beim „Televoting“ ganz knapp im Finale gewesen (mit nur 1 Punkt Vorsprung), doch die Jurys sprachen sich hier recht klar für Ana Soklič aus, die mit einem 5. Platz bei den Jurys das Finale erreichen konnte.

Alle anderen Beiträge waren sowohl bei den Jurys und beim „Televoting“ klar im Finale. Etwas überraschend hier vielleicht nur die hohen Abweichungen bei Norwegen (Platz 9 nur beiden Jurys, Platz 4 beim „Televoting“) und bei Rumänien (Platz 2 bei den Jurys, aber nur Platz 8 beim „Televoting“).

Vergleicht man nun die Platzierungen im Halbfinale und im Finale, so fällt sofort auf, dass Rumänien im Finale in hohem Maß an Zustimmung verloren hat. Nach Platz 3 im Halbfinale, wurde es im Finale von der Ukraine, Russland und Slowenien überholt. Wobei Slowenien die zweite grobe Auffälligkeit ist, denn Slowenien konnte im Vergleich zum Halbfinale Aserbaidschan, Schweden, Belgien, Norwegen und eben Rumänien überflügeln. Während Rumänien im Finale mit dem bulgarischen Beitrag einen zumindest ähnlichen Kontrahenten und im direkten Vergleich das Nachsehen hatte, scheint es, als ob der slowenische Beitrag für einige von uns so zwingend ist, dass dieser immer hoch bewertet wird.

Im folgenden Bild seht ihr die kompletten Wertungen. Beim Televoting wurden diese in 10er-Blöcke pro Tag zusammengefasst. Nochmal zur Erinnerung: Unsere Jurys nutzten analog zum Eurovision Song Contests ein Ranking mit 1-8, 10 und 12 Punkten. Beim Televoting hatten alle bis zu 20 Punkte zur Verfügung, konnten diese aber so verteilen und Gewichten wie sie es wollten (ebenfalls analog zum Eurovision Song Contests).
Download in besserer Qualität hier

ESC-kompakt-2020-Wertungen_1. Halbfinale

 

2. Halbfinale

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Insgesamt wurden im 2. Halbfinale 292 gültige Wertungen gezählt, hinzu kommen weitere 19 Wertungen unserer Jurymitglieder.

Das von vielen als „schwaches Halbfinale“ wahrgenommene Semi hatte es in den Wertungen in sich. Mit Georgien, Armenien, Griechenland, Polen, Österreich, Tschechien, Serbien, Finnland, Albanien, anfangs auch noch Estland und sogar Portugal kämpften zeitweise 11 Beiträge um den Einzug ins Finale. Bei jeder von mir erstellten Wertungsrunde (eure Wertungen im Zusammenspiel mit den nach und nach abgegebenen Jurywertungen) gab es ein Hauen und Stechen um die Plätze 6 bis 10.

Interessant zudem: Island lag im Halbfinale noch klar vor der Schweiz. Im Finale lieferten die beiden sich einen engen Kampf und kamen am Ende fast auf die gleiche Punktzahl. Dies lag klar am Televoting, das für Island im Finale etwas nachgelassen hat. Douze Points stellte im letzten ESC kompakt LIVE auf Youtube schon die Theorie auf, dass Island ein Beitrag ist, der schnell hochgefeiert, aber auch relativ schnell wieder an Zustimmung verliert. Oder lag das geringere Abschneiden am missglückten Auftritt in der Elbphilharmonie nur einen Tag vor unserem Votingstart?

Ein ähnliches Bild bei Dänemark und Lettland, die im Finale ebenfalls die Plätze tauschten. Wobei sich hier die Vermutung aufdrängt, dass manchen Liebhabern der lettische Beitrag zwingender schien, als den dänischen Liebhabern ihrer. Mit anderen Worten, es scheint, dass Samanta Tina einige total begeistert, während Ben & Tan eher ein Act sind, den man „mitbepunktet“, der aber wenige komplett überzeugt.

Im folgenden Bild seht ihr wieder die kompletten Wertungen (Download in besserer Qualität hier):

ESC-kompakt-2020-Wertungen_2. Halbfinale

Das Finale:

ESC-kompakt-ESC-ENDERGEBNIS

Schauen wir uns hier zuerst einmal die Big 5 und den Gastgeber an: Italien vor Deutschland. Beim Televoting lagen nur 3 Stimmen zwischen den beiden, das Juryergebnis war da eindeutiger. Schaut man sich andere Fanvotings an, so ist das ein ähnliches Ergebnis, dass die beiden relativ nah zusammen sind, in den meisten hatte der deutsche Beitrag dabei aber auch das Nachsehen. Sicherlich hat der nicht geglückte Auftritt von Bern in der Elbphilharmonie noch ein paar Punkte gekostet, aber ein 5. Platz ist ein tolles Ergebnis für einen deutschen Beitrag.

Dahinter folgen die Niederlande, Frankreich, Spanien und das Vereinigte Königreich. Im Vergleich zu anderen Votings scheint das Abschneiden des Niederländers und des Franzosen vielleicht außergewöhnlich gut, aber grundsätzlich geht diese Reihenfolge ebenso komplett in Ordnung. Ebenso, dass das Vereinigte Königreich und Spanien aufgrund des bisherigen Eindrucks sehr niedrig bewertet wurden, stimmt mit vielen anderen Fan-Polls überein.

Im folgenden Bild seht ihr wieder die kompletten Wertungen (Download in besserer Qualität hier):

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Ein letztes Wort zu unseren beiden Wertungsinstanzen, deren Einsatz ich Hinblick auf die Vergleichbarkeit mit dem Eurovision Song Contest persönlich besonders spannend finde. Wobei ich an dieser Stelle einmal die ewige Diskussion, ob es eine Jury beim Song Contest geben soll oder nicht, beiseite schieben möchte.

Da unsere Jury nicht wie normalerweise aus Musikern oder deren Umfeld, sondern aus Fans bestand und damit emotional mit dem ESC verbunden , liegt es nahe, dass es andere Gründe für die oft sehr unterschiedlichen Ergebnisse zwischen Jury und Publikum gibt.

Da ist auf der einen Seite das unterschiedlich angewendete Wertungssystem. Beim ESC sind die Jurys verpflichtet, alle Beiträge zu ranken. Außerdem können sie dabei nur zehn Beiträge mit Punkten versehen. Punktetechnisch liegen dann jeweils nur ein oder höchstens zwei Punkte zwischen den einzelnen Liedern, eine andere Gewichtung ist hier nicht möglich. Außerdem vergeben die einzelnen Juroren jeweils 58 Punkte und nicht wie jeder Einzelne der Televoter höchstens bis zu 20.

Auf der anderen Seite steht auch noch die unterschiedliche Herangehensweise an die Beiträge. Während ein Jurymitglied angehalten ist, nicht nur nach eigenem Geschmack, sondern unter verschiedenen Gesichtspunkten zu werten (musikalische Qualität, etc…) und das Staging dabei weniger zu beachten, kann das Publikum genau das wählen, was es mag. Egal warum das so ist. Kontrapunkt hat des öfteren in den Kommentaren eindrucksvoll dokumentiert, was viel Mühe sich die Juroren auch bei unserem ESC kompakt ESC gegeben haben.

Ich persönlich denke, das erklärt ganz gut, wieso Jurys oftmals „besondere“ Beiträge niedriger und vorsichtiger bewerten als das Publikum, das einfach für die Songs anrufen kann, die ihm gefallen und dabei zudem noch anonym bleibt. Gut gesungene oder moderne Beiträge, die massenkompatibel wirken (ich sag nur Schweden), liegen wohl deshalb tendenziell bei den Jurys oft vorn. Beiträge, die auf Bühnenshow setzen oder sich ansonsten stark vom Feld abheben, liegen dann eher beim Publikum vorn. Auch weil man nicht gegen einen Beitrag anrufen kann, sondern nur dafür.

Ein ESC-Sieger muss das beides vereinen. Der gemeinsame Nenner ist da meist die emotionale Ebene – oder ein Beitrag ist so zwingend „hitverdächtig“ und auf den Punkt, dass er von beiden Wertungsinstanzen nicht übergangen werden kann.

 


 

Nachtrag:
Nach erneuter Durchsicht der Tabellen sind mir leider im 1. Halbfinale sowie im Finale jeweils 2 Rundungsfehler im Televoting aufgefallen, die aber zum Glück nichts an den Platzierungen ändern.

Im 1. Halbfinale beendet Zypern demnach nicht wie angegeben das Voting mit 19 sondern 20 Punkten. Um die Gewichtung von Jury und Televoting gleich zu halten, müsste demnach Belgien 1 Punkt abgezogen werden (statt 132 Punkte nur noch 131 Punkte).

Im Finale betrifft dies zum einen Malta, die einen Punkt verlieren (statt 126 Punkten nun 125 Punkte) und Deutschland, die durch die Rundung im Televoting einen Punkt hinzugewinnen (statt 144 Punkte nun 145 Punkte).

Ich bitte dies zu entschuldigen.


26 Kommentare

  1. Kurios finde ich das Österreich im Halbfinale 27 Punkte von den Jurys erhalten hat und dann im Finale 0 Punkte. Wahrscheinlich muss dann Österreich froh sein im Finale gewesen zu sein bzw. kann den Televotern danken

    • Österreich scheint für einzelne vielleicht ein Beitrag gewesen zu sein, dem es gegönnt wurde zumindest ins Finale zu kommen… Zudem hat er von vielen niedrigere Punkte bekommen, im Finale war dann aber wohl die Konkurrenz dafür zu groß…

  2. Super, vielen Dank für die genaue Auflistung @Manu.🙂
    Ich persönlich tue mich allerdings mit dem Begriff „musikalische Qualität“ ein wenig schwer. Ich denke, das definiert jeder anders, auch Juries werten letztendlich nach dem eigenen Geschmack, meiner Meinung nach. Dennoch, meinen Respekt natürlich auch für die Juries, die einen tollen Job gemacht haben.

    P. S.: Den gesamten Jahrgang fand ich extrem schwer, weshalb ich immer noch einigen Ausgeschiedenen nachheule😢 Aber so ist nunmal das Spiel🙂

    • Ich hab es einfach mal als „musikalische Qualität“ bezeichnet, der genaue Wortlaut der EBU ist mir nicht geläufig. Ich kann mich aber noch erinnern, das im letzten Jahr die Jurys direkt aufgerufen wurden, nicht zu sehr auf die Show bei den Beiträgen zu achten.
      Aber ja, jeder wertet ein bisschen nach eigenem Geschmack, mit dem Wissen das die Wertungen aber nach dem ESC veröffentlicht werden, verbiegen sicher einige ihren eigenen Geschmack auch etwas.

      • Nichts für ungut, war nicht böse gemeint🙂. Dieser Ausdruck ist mir des öfteren auch auf anderen Seiten begegnet, und ich habe mich halt damals schon gefragt, was damit gemeint ist. Könnte in der Tat die Melodie, Rythmus, Gesang, Stimme etc. gemeint sein (obwohl das meiste auch eher subjektiv ist, außer der Gesang, ob jemand den Ton halten kann oder eher „schepp“ singt, dürfte objektiv zu beurteilen sein).🙂
        Dass die Jurys den eigenen Geschmack ins Voting einbringen, finde ich legitim, finde ich auch etwas traurig, wenn sie sich verbiegen würden, nur um der Masse zu gefallen.

      • Dass „auf musikalische Qualität“ achten bedeuten könnte, sich nicht zu sehr von der Show drumherum ablenken zu lassen, macht sehr viel Sinn. Allerdings sollte sich ein Juror/eine Jurorin, der/die auf musikalische Qualität achtet, m.E. gerade NICHT von einem Kritierium wie „Massenkompatibiltät“ leiten lassen. Aber, wie Du schreibst, Manu, bewirkt die Veröffentlichung der Einzelwertungen wohl, dass dies eben doch öfters passiert.

  3. Respekt, Manu 🙂

    Powervoting mit 20 Punkten für einen Titel war anscheinend eher die Ausnahme als die Regel

  4. Am Ende fehlten Tschechien vier und Serbien fünf Punkte zum Finaleinzug und Österreich wäre im zweiten Halbfinal knapp draußen gewesen! Statt San Marino hatte ich Portugal auf dem letzten Platz vermutet.

    Erstaunlich ist aber, daß im ersten Halbfinale Schweden beim Televoting erfolgreicher als bei den Juries abschneidet, denn beim richten ESC ist es ja immer andersherum.

  5. Manu, vielen Dank für diese spannende Auflistung und auch nochmal für den gesamten tollen Wettbewerb!

    Das Studium der Tabellen war hochinteressant, wie gut, dass ich bei meinem Browser auf 300% vergrößern kann, das habe ich gebraucht 😉

    Nach dem ersten Halbfinale wurde (eher im Spaß) „beklagt“, dass die Jurys „schuld“ am Ausscheiden von Leslie Roy seien. Aber selbst wenn die Jurys ihr genau so viele Punkte wie die Televoter gegeben hätten (nämlich 45), und man die dabei hinzugewonnenen 22 Punkte alle ausschließlich von Ana Soklic auf dem 10.Platz abgezogen hätte, wäre Slowenien immer noch einen Punkt vor Irland gelandet und weiterhin vor Israel, Australien und Kroatien gewesen, es hätte also auch dann noch Platz 10 belegt.

    • esc.Club.EL hat recht, ich hätte schreiben müssen „dass die Jury ’schuld‘ …sei“ und „wenn die Jury … gegeben hätte“ bzw. „dass die Juroren ’schuld‘ … seien“ und „wenn die Juroren … gegeben hätten“.

      Mist, ich hätte mich so gern als „Jury“ gesehen 😉 !

    • Stimmt, wenn man die Rechnung so aufzieht, hast Du vollkommen recht. Das „beklagen“ war auch eher darauf bezogen, das Lesley es im reinen Televoting knapp unter die besten Zehn geschafft hatte.

  6. Nur für mich zum Verständnis:
    Eine Jury setzt sich aus mindestens zwei Juroren zusammen. – Dies ist hier anderes verlagert. Es sind 20 einzelne Juroren, die eine gesamte Jurywertung ausmachen. Richtig?

    Ein Einzelner kann keine Jury bilden. Richtig?

    • Das stimmt, eine Jury beim ESC setzt sich derzeitige immer aus 5 Personen zusammen. Daraus werden dann die Jurywertungen der einzelnen Länder ermittelt. Unsere Juroren haben aber einzeln gewertet.

      • Also müsste es doch „Juror Manu“ heißen und nicht „Jury Manu“.

        Bei „Jury Manu“ müssten mehrere Juroren sein. Sei sei den der Juror hat eine mutiple Persönlichkeit 😉 sorry, den musste ich jetzt raushauen 😉

  7. Kannst du die Tabelle noch iwie größer bekommen? Du hast dir so viel Mühe damit gegeben und es ist schade, dass man sie nicht lesen kann.

  8. Bei Eurovision Times haben es die Niederlande (mit meinen 12 Punkten) sogar auf den 6. Platz geschafft. 🙂

    Noch einmal vielen Dank an Manu. <3

  9. Ich verstehe die ganzen Excel-Listen und diese Rechnerei eh nicht…ist mir auch egal 🤷‍♂️
    Ich vertraue und benötige keine kleinteilige Auswertung…. oder wurden wir doch alle nur betrogen???
    Haben dunkle Mächte ESC-kompakt unterwandert, sicher ist man nie 😂😂😂
    Dankeee Manu!!! Für die Mühe und besonders das Video zum Voting war mega.
    Für mich gab es in diesem Jahr nur zwei echt gefühlte ESC-Momente. Das Finale auf SVT und das Voting hier 🙋‍♂️

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