Platz 23 ist kein Zufall: Was Deutschland ändern muss, um beim ESC erfolgreicher zu sein

Sarah Engels – Foto: Sarah Louise Bennett / EBU

Nach jedem schwachen deutschen Abschneiden beim Eurovision Song Contest in Wien wird wieder einmal reflexartig gefragt, warum uns keiner mag und weshalb es erneut (fast) punktlos ans Tabellenende ging. Dabei sind viele Probleme hausgemacht. Auch der Wechsel der ESC-Verantwortung innerhalb der ARD vom NDR zum SWR hat daran bislang wenig verändert.

Noch immer wird zu kurzfristig gedacht, zu viel intern abgestimmt und zu oft nach der berühmten eierlegenden Wollmilchsau gesucht: einem Beitrag, der allen ein bisschen gefällt und gleichzeitig irgendwie modern wirkt. Genau dieser scheinbar sichere Kompromiss wird beim ESC jedoch seit Jahren konsequent abgestraft. Dabei gäbe es durchaus einige konkrete Drehschrauben, an denen der SWR jetzt arbeiten sollte, um Deutschlands Chancen beim ESC 2027 deutlich zu verbessern.

1. Mit der ESC-Planung sofort beginnen – nicht erst im Herbst

Eines der größten Probleme Deutschlands ist der fehlende langfristige Ansatz. Jahr für Jahr wirkt es so, als würde die ESC-Strategie komplett neu gestartet werden. Zuständigkeiten müssen geklärt, Konzepte abgestimmt und Entscheidungen intern neu verhandelt werden. Genau dadurch verliert Deutschland wertvolle Zeit. Das bestätigte letztlich auch die ehemalige Delegationsleiterin Alexandra Wolfslast beim Fanclubtreffen im Januar in München.

Andere Länder arbeiten ganzjährig am ESC. Dort werden frühzeitig Künstler*innen angesprochen, Songs entwickelt, Staging-Ideen getestet und internationale Strategien aufgebaut. Deutschland dagegen beginnt oft erst dann ernsthaft mit der Vorbereitung, wenn die Sommerpause vorbei ist und alle ARD-Gremien zugestimmt haben. Wer beim ESC erfolgreich sein will, darf aber nicht erst im Herbst anfangen.

2. Weniger Gremien – mehr kreative Verantwortung

Der ESC ist kein Verwaltungsprojekt. Genau so wirkt die deutsche Herangehensweise aber häufig. Zu viele Entscheidungen entstehen im Konsens. Ideen werden diskutiert, abgeschwächt oder verworfen, weil sie zu speziell sein könnten oder Teile des Publikums irritieren würden. Das Ergebnis sind glatte, vermeintlich sichere und oft austauschbare Beiträge.

Viele deutsche ESC-Shows sehen ähnlich aus, arbeiten mit denselben Gesichtern und denselben Mechanismen. Wirklich innovative Ansätze fehlen dagegen häufig. Dabei zeigt der ESC jedes Jahr aufs Neue, dass gerade mutige, eigenständige und klar profilierte Konzepte Aufmerksamkeit erzeugen. Der Wettbewerb belohnt keine Kompromisslösungen aus Redaktionskonferenzen, sondern klare kreative Entscheidungen.

3. Den Vorentscheid konsequent auf den echten ESC ausrichten

Der deutsche Vorentscheid funktioniert bisweilen nach völlig anderen Regeln als der ESC selbst. Das beginnt schon bei der Zielgruppe. Nur rund zehn Prozent der Zuschauer*innen des deutschen Vorentscheids waren unter 30 Jahre alt. Viele jüngere Menschen, die beim internationalen ESC selbstverständlich dabei sind und abstimmen, wussten vom deutschen Vorentscheid dagegen kaum etwas.

Gleichzeitig hat die EBU die internationalen Jurys bewusst verjüngt und vorgeschrieben, dass mindestens zwei der sieben Juror*innen unter 25 Jahren alt sein müssen. Deutschland produziert also einen Vorentscheid für ein Publikum, das mit dem tatsächlichen ESC-Publikum immer weniger zu tun hat.

Hinzu kommt das Abstimmungssystem. Beim deutschen Finale entschieden zunächst allein internationale Expert*innen über die Top 3 – erst danach durfte das Publikum abstimmen. Beim ESC selbst passiert genau das aber parallel. Entsprechend logisch wäre es, dieses System auch national abzubilden.

Wenn der SWR erfolgreich sein will, muss der Vorentscheid stärker auf die Realität des ESC ausgerichtet werden. Für das Altersdilemma wären etwa stärker integrierte Social-Media-Votings oder Modelle wie in Schweden denkbar, wo verschiedene Altersgruppen separat gewichtet werden.

4. Aufhören, „ganz gute“ Songs zu suchen

Deutschland versucht zu oft, einen möglichst ungefährlichen Kompromiss zu finden: etwas modern, etwas radiofreundlich, etwas emotional, etwas international. Heraus kommen Songs, die professionell produziert sind – aber kaum Begeisterung auslösen.

Der SWR ließ die Beiträge des Vorentscheids in diesem Jahr vorab von Kantar testen. Später war inoffiziell zu hören, die letztlich ausgewählten Songs seien nicht identisch mit den neun bestplatzierten der Marktforschung gewesen – aber alle seien „gut“ gewesen. Genau darin steckt das Problem: „gut“ reicht beim ESC nicht. Denn weder Zuschauer*innen noch Jurys vergeben Punkte für solide Durchschnittlichkeit. Sie stimmen für ihre absoluten Favoriten ab. Wer überall nur auf Platz elf landet, verliert.

Dabei sollte man sich auch die Frage stellen: Soll der Beitrag vor allem Jurys überzeugen? Soll er maximal im Televoting zünden? Oder schafft er wirklich beides? Sich irgendwie durchzuwurschteln und darauf zu hoffen, dass am Ende schon genügend Punkte zusammenkommen, funktioniert beim ESC nicht.

5. Mehr Mut zu klaren Profilen und echten Nischen

Das diesjährige Televoting im ESC-Finale hat erneut gezeigt, wie wichtig klare Identitäten geworden sind. Bulgarien punktete mit innovativem Mainstream-Pop, Rumänien war am besten in der Rock-Nische, Moldau zündete mit maximaler Party-Energie und Griechenland mit einer völlig überdrehten Spaßnummer. Man muss diese Beiträge nicht persönlich mögen. Aber sie hatten alle etwas Eigenes, an das man sich erinnerte.

Der Wettbewerb belohnt genau diese Exzellenz in einer klaren Nische. Erfolgreiche Beiträge haben starke Persönlichkeiten, kulturelle Eigenheiten, ungewöhnliche Ideen oder eine radikale Konsequenz in ihrer Inszenierung. Genau deshalb funktionierte übrigens auch „Baller“ im vergangenen Jahr deutlich besser: Der Beitrag hatte Ecken, Kanten sowie Wiedererkennungswert und Identifikationspotenzial. Oder anders formuliert: weniger Austauschbarkeit, mehr Exzellenz in der Nische (die Thomas Mohr vom ESC Update seit Jahren predigt).

Hinzu kommt: Der ESC ist längst nicht mehr nur ein Musikwettbewerb. Erfolgreiche Beiträge funktionieren heute oft genauso stark über Bilder, Inszenierung, Kamera-Momente und Social-Media-Wiedererkennbarkeit wie über den Song selbst. Deutschland bewertet Beiträge dagegen häufig noch zu sehr nach klassischer Radio- oder Fernsehtauglichkeit. Beim ESC reicht das längst nicht mehr aus.

6. ESC-Kompetenz wichtiger nehmen als Betriebslogik

Natürlich arbeiten in der ARD viele erfahrene und kompetente Menschen. Aber nicht jede gute Fernsehredakteurin und nicht jeder erfolgreiche Show-Produzent ist automatisch auch ESC-Expert*in. Der Wettbewerb folgt eigenen Regeln, Dynamiken und Ästhetiken – und sollte auch entsprechend professionell behandelt werden.

Trotzdem entsteht häufig der Eindruck, dass personelle Entscheidungen innerhalb der ARD über Jahre fortgeschrieben werden – unabhängig von den Ergebnissen. In anderen Unternehmungen würde man nach mehreren schwachen Resultaten automatisch hinterfragen, ob bestimmte kreative oder strategische Ansätze wirklich funktionieren. Wenn Staging, Kameraarbeit oder visuelle Konzepte international wiederholt nicht konkurrenzfähig wirken, muss man sich irgendwann ehrlich fragen, ob andere kreative Impulse sinnvoll wären.

7. Den deutschen Beitrag international stärker vermarkten

Viele Länder betreiben für den ESC gezielte internationale Markenpflege. Sie bauen früh Fan-Communities auf, bespielen Social Media strategisch und nutzen regionale Verbindungen bewusst aus. Deutschland unterschätzt diesen Faktor.

Dabei zeigte das Ergebnis von Sarah Engels, dass ihre besten Televoting-Platzierungen genau aus den Ländern kamen, in denen sie bereits bekannt war: Luxemburg, Österreich und der Schweiz. Man braucht keine einmaligen Promo-Aktionen in vielen Ländern, in denen deutsche Künstler*innen ohnehin kaum wahrgenommen werden. Zielführender wäre eine systematische und langfristige Öffentlichkeitsarbeit in wenigen Ländern, in denen Deutschland kulturelle oder mediale Anknüpfungspunkte hat.

Das heißt nicht, dass man die ESC-Pre-Partys komplett vernachlässigen sollte. Dort kann der deutsche Act mit den Teilnehmenden aus anderen Ländern connecten und wertvolle Erfahrungen mit der ESC-Bubble sammeln. Nachhaltige Wirkung auf das tatsächliche Voting-Ergebnis erzielt man dort allerdings nur äußerst begrenzt.

Welche der sieben „Drehschrauben“ hältst Du für die wichtigste – und welche anderen siehst Du noch? Braucht Deutschland beim ESC vor allem mutigere Songs – oder eher neue Strukturen hinter den Kulissen? Und was müsste der SWR aus Deiner Sicht bis zum ESC 2027 konkret verändern? Lass uns Deine Meinung in den Kommentaren da.



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LK1703
LK1703
3 Stunden zuvor

Keine Jurys beim Vorentscheid bitte! Einfach mal schauen, was passiert, wenn der Publikumsfavorit hingeschickt wird – schlimmer kann es eh nicht mehr werden :/

GEF
GEF
2 Stunden zuvor
Reply to  LK1703

Na der wurde doch gewählt… Das ist doch das Problem. Sarah Engels ist eben die bekannteste Teilnehmerin im Vorentscheid gewesen und somit war auch klar, dass sie gewählt wurde.

Rainer Knuth
Rainer Knuth
1 Stunde zuvor
Reply to  LK1703

Das Problem beginnt doch schon davor. Wir Zuschauer bekommen bereits eine gefiltert und den Normen des Veranstalters entsprechende Vorauswahl geliefert.

Dieses Jahr ist doch ein perfektes Beispiel dafür was uns Zuschauern zur Auswahl stand. Von den 9 Songs waren nur die 3 im Finale einigermaßen ESC würdig, der Rest war so glatt gebügelt das es keine Kanten mehr gab um sich daran zu stören. Was soll da ohne Jury besser werden?

Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
1 Stunde zuvor
Reply to  LK1703

Da stimme ich zu – absolut daneben

Jens
Jens
56 Minuten zuvor
Reply to  LK1703

Dir ist schon klar, dass Sarah Engels nur gewonnen hat, weil Sie die größte Fanbase von allen Künstlern hatte? Wenn du das so behalten willst, dann bleibt alles so wie es ist!

Philipp
Philipp
3 Stunden zuvor

Ich würde noch sagen , dass mehr in social Media investiert werden müsste um ein jüngeres Publikum anzulocken ( sei es erfolgreiche Streamer oder Influencer ins Boot holen und das diese dann die Werbetrommel für den ESC rühren wo das Zielpublikum die jungen Leute sind)
…die jungen Leute sind die Zuschauer als auch etwaige zükünftige Interpreten von Morgen.

Frank D.
Frank D.
3 Stunden zuvor

Das Problem ist doch auch, dass Musik jenseits von Silbereisen in der ARD überhaupt nicht mehr stattfindet. Eigentlich ist der ESC ein Fremdkörper im sonstigen ARD-Programm.

Gnampfer
Gnampfer
2 Stunden zuvor
Reply to  Frank D.

Mit Silbereisen würde es ja auch funktionieren, siehe Italien 🙂

Andi
Andi
2 Stunden zuvor

https://songcontest.orf.at/story/Bilderstory100

Auf der ORF Seite gibt es noch einmal einen sehr schönen Rückblick auf die vergangenen Wochen. Mit vielen Fotos 😀

Matty
Matty
2 Stunden zuvor
GEF
GEF
1 Stunde zuvor

Ich würde mal beim Staging anfangen. Das „S“ in ESC steht immer mehr für Staging und immer weniger für Song. So wurde Bulgarien dieses Jahr auch vor allem wegen des innovativen Stagings ESC-Sieger und nicht primär wegen des Songs.

Am Ende ist es natürlich immer eine Kombination aus allem. Song, Künstler und Performance.

Man muss aber bei der Song- und Künstlerauswahl immer die Performance mitdenken. Bei „Fire“ ist eben das Problem, dass der Song genaue eine bestimmte Peformance zulässt, und zwar die, die wir im Vorentscheid und leicht abgewandelt auch im ESC-Finale gesehen haben. Das ist dann solide und OK, aber nicht innovativ und wird weder von den Jurys noch vom Publikum honoriert.

Ein Song wie Bangaranga ist für sich genommen auch nicht herausragend, bietet aber viele Möglichkeiten, durch eine innovative Inszenierung auf ein ganz anderes Gesamtlevel zu kommen. Ähnliches haben wir letztes Jahr auch bei Espresso Machiato gesehen.

Ein Trend im TikTok-Zeitalter ist sicher, dass einfache, aber innovative Performances ohne viel Schnickschnack gut funktionieren. Das bietet gerade auch kleineren und weniger finanzstarken Ländern wie Bulgarien oder Estland die Möglichkeit, oben mitzuspielen.

Ich finde, dass Deutschland 2024 und 2025 bei der Inszenierung vieles richtig gemacht hat, und auch daher am Ende besser abgeschnitten hat, als erwartet. Bei Issac lag der Fokus auf seiner grandiosen Stimme, bei A & T auf dem Song und der Stimmung. Man hatte aber eben auch Songs, die einem Raum für eine gute und vor allem überraschende Inszenierung geboten haben. Das war dieses Jahr leider nicht so.

Vielleicht kehren wir also 2027 wieder auf den Weg zurück, den wir in den Vorjahren eingeschlagen haben. Es braucht Songs, die man gut auf der ESC-Bühne in Szene setzen kann. Dann ist zumindest ein Mittelfeldplatz drin 🙂

Holger
Holger
43 Minuten zuvor
Reply to  GEF

Der wichtigste Punkt ist – neben der Songauswahl für den Vorentscheid – wie du richtig erwähnst, warum sich der SWR nicht angeguckt hat, warum man aus auch vielleicht nicht so ganz optimalen Songmaterial zwei gute Mittelfeldplatzierungen rausgeholt hat.

Isaak hat es z.B. ja auch geschafft, als wesentlich unbekannterer Act im Vgl. zu Sarah Engels Televotingpunkte aus dem deutschensprachigen Ausland zu holen. (Und selbst „Rockstars“ und „Blood and Glitter“ haben das ja geschafft.)

Tamara
Mitglied
Tamara
1 Stunde zuvor

DP kann sich bald umbenennen in DQ – Don Quichotte, nicht Drama Queen. Der alljährliche Kampf gegen die Windmühlen. Und auch dieses Jahr unterschreibe ich jedes Wort.

Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
1 Stunde zuvor
Reply to  Tamara

Danke, Tamara !

„Baller“ ist auf meiner Playlist und wird immer noch von mir gefeiert. „Fire“ dagegen im Orkus verschwunden.

Last edited 1 Stunde zuvor by Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
1 Stunde zuvor

Alle sieben Punkte sind wichtig !

martin224
martin224
48 Minuten zuvor

Einfach mal 9 verschiedene Songs aus unterschiedlichen Genres hätte schon was. Deutschland ist musikalisch so breit aufgestellt mit guten Künstlern. Man muss halt auch mal wirklich suchen und sich was trauen und den Vorentscheid dann eben auch auf den richtigen ESC ausrichten, wie schon geschrieben.

Solang der ESC aber in Deutschland nicht beliebter wird, wird sich auch am bisherigen Modell nichts ändern. Die ARD bzw. der SWR verwaltet das bisher da gewesene. Bloß keine Arbeit, geht ja eh schief…

Prometheus
Prometheus
26 Minuten zuvor

Das ist wirklich der Tiefpunkt der jüngeren ESC-Geschichte. Zumindest seit Levina 2017 (nicht zu verwechseln mit dem diesjährigen Beitrag von Lavina aus Serbien). Jendrik hatte immerhin ein Nachleben mit dem Stinkefinger-Meme und Ann Sophie ist damals 2015 dem unausgeglichenen Wertungssystem zum Opfer gefallen. Aber dieser Beitrag war von Anfang bis Ende ein hoffnungsloser Fall und der Startplatz 2 war da auch nicht der letzte Sargnagel, denn das Ding war bereits tot geboren. International interessiert sich in der Nachbetrachtung niemand dafür und es gibt noch nicht mal Memes. Es ist so, als hätte es diesen Beitrag niemals gegeben, und da er am Samstag so früh drankam, hat es sich auch fast so angefühlt, als wäre Deutschland gar nicht dabei. Blieb null in Erinnerung.

Es scheint so, als wäre man bei der ARD glücklich, diese Sendung an einem Samstag im Jahr zu haben, in denen man Quoten in Richtung neun Millionen hat, ohne dass man sonderlich viel dafür bezahlen muss im Vergleich zu anderen Produktionen.

Man muss niemandem was vormachen. Der internationale Ruf Deutschlands hat keinen guten Stand, aber man kann bei dieser Show, dem größten kulturellen und musikalischen Event Europas, über eine ganze Menge hinwegtäuschen und ein echt positives Bild von sich hinterlassen, und da haben Abor & Tynna letztes Jahr einen sehr guten Anfang gemacht mit dem besten Televote-Ergebnis seit 2018. Die Leute sind also bereit, für Deutschland anzurufen, wenn das Lied gut ist. Warum man diese Gelegenheit, sich auf der größten Bühne der Welt zu präsentieren, nicht intelligenter nutzt, das begreife ich einfach nicht. Die diesjährigen Bestrebungen des SWR würde ich noch nichtmal als „Hauptsache man hat es versucht“ verbuchen. Das qualifiziert sich nicht als Versuch, sondern als Selbstsabotage oder Realitätsverweigerung.

Ich habe kein Vertrauen in den SWR, einen guten Vorentscheid auszurichten, weshalb ich eine interne Auswahl bevorzugen würde. Es liegt nicht am Publikum. Wenn das Publikum etwas Gutes angeboten bekommt und das Teilnehmerfeld fair und ausgewogen ist, dann gewinnt auch das Richtige (siehe Abor & Tynna). Es liegt an dem, was zur Auswahl steht. Und die Arbeit, die man in die Vorbereitung eines VE mitsamt provisorischen Stagings, Gästeliste und Intervall-Acts steckt, würde ich lieber auf eine interne Auswahl verwenden. Der NDR hatte da ja eher kein gutes Händchen (Jendrik, Xavier Naidoo), aber der SWR könnte sich mal daran versuchen. Einmal kann man es ja mal machen. Damit müsste man aber heute schon loslegen und nicht erst im September.

Übrigens ist der diesjährige Siegersong im Sofia Songwriting Camp 2023 entstanden, und war als bulgarischer ESC-Beitrag 2024 angedacht. Dass dieser Song aus 2023 im Jahr 2026 immer noch so sehr am Puls der Zeit wirkt, zeigt, dass es echt gute Songwriting-Camps auf dieser Welt gibt. Das in Südfrankreich, oder das in Marokko, wo „Fire“ entstanden sind, gehören nicht dazu. Oder vielleicht entstehen in diesen Camps gute Songs, die aber von den anonymen Herren im Anzug beim ÖRR abgelehnt werden.

Also: Interne Auswahl oder externe Hilfe von Leuten, die nicht betriebsblind sind, annehmen. Vielleicht braucht es nach Ralph Siegel und Stefan Raab wieder jemanden, der mit einer richtigen Obsession und Verbissenheit an die Sache herangeht. Jedes Hilfsangebot, welches man bekommt, würde ich an Stelle des SWR ernsthaft prüfen und eigentlich muss man es auch annehmen. Ob Böhmermanns Firma, Raab Entertainment, oder man könnte auch einfach mal mit den ESC-Fanmedien sprechen.

Ich denke aber nicht, dass sich was ändern wird, und wenn Deutschland irgendwann wieder gut abschneidet, dann eher als Zufall und nicht weil man darauf hingearbeitet hat. Das Glück fällt jedem irgendwann in den Schoß.

Last edited 25 Minuten zuvor by Prometheus
Porsteinn
Mitglied
Porsteinn
25 Minuten zuvor

Eigentlich müssten sich die Verantwortlichen nur mal von dem Gedanken lösen, etwas möglichst Gefälliges zum ESC zu schicken. Für das Finale sind wir gesetzt, keiner kann uns Minuspunkte geben, hinten landen wir sowieso.

Sucht euch einen abwechslungsreichen Querschnitt der aktuellen deutschen Musikszene für den ESC zusammen. Gerne auch aus der zweiten Reihe oder der ein oder anderen Nische wenn die erste nicht will. Hauptsache kein 50 Shades of Beige. Achtet darauf, das die eingereichten Songs nicht nur wie Albumfüller klingen und go for it. Wenn ihr den ESC nicht versteht, dann versucht es gar nicht erst. Viel schlechter kann es nicht werden und ein Maneskin oder Salvador Sobral können ja trotzdem zufällig mal darunter sein.

Alternativ: Baut auf diesem Jahr auf. Die Auswahl an Künstlern war schließlich ganz ordentlich. Charismatische Sänger und Sängerinnen waren im Vorentscheid einige dabei. Und auch Mainstreampop muss nichts Schlechtes sein. Dann braucht es allerdings auch Songs vom Kaliber eines „Eclipse“ oder einer „Michelle“. Oder eines „You let me walk alone“, um ein deutsches Beispiel zu nennen. Ob ihr an so etwas herankommt bzw. solche Songs erkennt, da bin ich momentan nach diesem Jahr aber leider nicht besonders optimistisch.

Prometheus
Prometheus
3 Minuten zuvor
Reply to  Porsteinn

Vor allem in einem Land wie Deutschland, in dem immer noch Shows wie DSDS und The Voice gibt, muss man es doch schaffen, einen starken Sänger oder Sängerin hinzuschicken, der zumindest einen Teil der Konkurrenz mit schamlosem Leistungssingen und Stimmakrobatik wegfegt. Siehe Tschechien und Polen dieses Jahr, oder auch Australien.

Es ist krass, wie viel man schon gewonnen hat, wenn man einfach eine tolle Stimme hat und das auch unverhohlen zeigt. Mit „Fire“ hat sich Sarah Engels wirklich unter Wert verkauft. Ein „Eclipse“ hätte man ihr auch auf den Leib schreiben können. Sie hätte es wohl nicht so gut gesungen, aber trotzdem.

Querschnitt der aktuellen deutschen Musikszene wäre nicht schlecht. Dazu würden dann wohl German Hip Hop und German Schlager gehören. Was Schlager anbelangt: Das ist ja im Grunde unsere Art von Ethno. Auch aus deutscher volkstümlicher Musik kann man einen Ethno-Pop machen, solange es keine Ballermann-Stimmungsmusik ist. „Naiv“ von Marie Reim von 2024 war zwar ein bisschen schwach, aber im Grunde sollte mind. ein Lied dieser Art schon im Vorentscheid dabei sein.

Falls es wieder einen Vorentscheid gibt, sollte die Genre-Vielfalt schon etwas größer sein. Das war dieses Jahr irgendwie alles „more of the same“ mit Ausnahme von „Ciao, Ragazzki“ als Alibi-Spaßbeitrag, der in Wien ohne Revamp aber auch bitter baden gegangen wäre

Holger Faut
Holger Faut
23 Minuten zuvor

Einfach nicht mehr teilnehmen und das Geld sparen, wie es Italien einige Jahre praktiziert hat!