„Hart aber fair“ zum Eurovision Song Contest: Viel Gerede, wenig Inhalte

„Die ARD punktet mit Hart aber fair“, schreibt Douze Points heute Vormittag. Wichtig: Damit meint er nur die anständige Einschaltquote. Inhaltlich war die ESC-Sondersendung mit dem Titel „Mehr als Musik: wie politisch ist der ESC?“ in weiten Teilen ein weitgehend sinnentleerter ESC-Stanzen-Reinfall. Es wurde viel gequatscht, aber wenig gesagt.

Ich schreibe mal runter, was mir aufgefallen ist, ohne die Rezensionen im deutschen Feuilleton gelesen zu haben, aber ich befürchte es gibt (wie man im Dalli-Dalli-Style formulieren würde) „viele Doppelte“, denn diese ESC-Sondersendung bot haufenweise augenfällige Angriffsflächen für jedermann.

Es war ein „Sieben gegen einen Format“. Der stellvertretende bayerische Ministerpräsident und Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger gefielt sich in seinem Eingangsstatement mit der Behauptung, der ESC sei nur noch „Klamauk“ und der „Normalbürger“ könne damit nichts mehr anfangen. Als Beleg für seine genauso steilen wie falschen Thesen führte er „Conschita Wurtscht“ (die „singende Frau mit Bart“) an.

Es verliert sich in den Nebeln von Norwegen, warum Hubert Aiwanger eingeladen wurde. Möglicherweise hat die Hart-aber-fair-Redaktion einen Krawallmacher mit Anti-ESC-Position gebraucht. Das funktionierte dann auch bestens: Alle anderen Talkgäste bezogen leidenschaftlich und lautstark Gegenposition, einschließlich des aus Wien zugeschalteten ARD-Personals Caro Worbs und Miguel Robitzky (Podcast „too many tabs“, übrigens auf deutsch).

Dass sich die Studiogäste einschließlich Moderator Louis Klamroth gegen Herrn Aiwanger positionierten und in vergleichbaren Entrüstungsworten alle die identische Gegenposition bezogen, machte die Talkshow langweilig. Es wurde alles Gesagte von jedem mehrfach gesagt – in vielen Sinn-und-Sachverwandte-Wörter-Duden-Variationen wie in einem Wiederholungsmarathon. Das passierte auch deshalb, weil der Wirtschaftsminister mit dem Flugblatt-Bruder seinen Schwachsinn (immer und immer wieder) wiederholte, der so „absurd“ (Marie-Agnes Strack-Zimmermann) ist, dass ein schnelles Wegschauen und Ignorieren seiner Trivial-Provokationen gereicht hätte.

Anstrengend war auch, dass sich alle immer wieder ins Wort fielen und gegenseitig chaotisch anbrüllten, zu Lasten von Erkenntnisgewinnen. Man fragt sich ohnehin, wie die Talkrunde zusammengesetzt wurde. Einen wahrhaftigen ESC-Bezug gab es nur bei Katja Ebstein. Bei Marie-Agnes Strack-Zimmermann (Mitglied des FDP-Präsidiums und Mitglied des Europäischen Parlaments) kann man noch anführen, dass sie Düsseldorfs Bürgermeisterin war, als der ESC 2011 dort stattfand. Sie hat ihr dabei erworbenes Basiswissen bereits vor drei Jahren in der Talkshow 3 nach 9 zum Besten gegeben, was ich hier dokumentiert habe und mich immerhin veranlasste, sie dem NDR als Head of Delegation zu empfehlen.

Weiter im Panel waren die Journalistin und Moderatorin Maria Popov und der SZ-Journalist und Jurist Ronan Steinke. Letzterer wurde uns von Louis K als Fanboy verkauft und gab mehrfach die gleichen ESC-Klischee-Anekdoten zum Besten („Espresso Macchiato“), was ein wenig auswendig gelernt klang. Maria, deren Anwesenheit von Louis K (auch) mit ihren bulgarischen Wurzeln erklärt wurde, war demgegenüber maximal wortgewandt und formulierte Stellungnahmen zu kontroverseren Themen (Israel-Boykott) so wortgewandt und eloquent und politisch korrekt (ohne eine eigene subjektive Meinung erkennen zu lassen), dass ich sie sofort als Redenschreiberin für das Bundeskanzleramt vorschlagen würde.

Ein weiterer Langeweile-Nachteil dieser Talkshow war auch, dass alle im Studio wohl vorher die zuvor ausgestrahlte Doku „70 Jahre ESC – More than Words“ angeschaut hatten, die Marcel hier so smart und zutreffend besprochen hat. Insofern waren alle auf den gleichen Wording-Sound eingeschworen und Hape Kerkeling wurde – wie von Marcel prognostiziert – zu einer Art „Argumente-Godfather“ und war somit der einzige rote Faden der Sendung. Selbst nachdem Katja Ebstein bereits gesagt hatte, es gehe bei der Rettung des ESCs um den „Erhalt der Demokratie“ in Europa, spielte die Hart-aber-fair-Redaktion, um ganz sicher zu gehen, die Hape-Botschaft „Solange es den ESC geben wird, hat die Demokratie in Europa eine Chance“ auch nochmal als MAZ ein.

Überhaupt hatten die beiden älteren Damen in der Runde nicht nur den größten Unterhaltungswert, sondern sagten auch die vernünftigsten und interessantesten Dinge. Katja teilte Retro-Erinnerungen an Amsterdam (1970) und Dublin (1971) und sagte den wunderbaren Satz „Der Wettbewerb ist Ausdruck unserer bunten Welt – mit Musik kannst Du am besten Brücken schlagen.“ So hätte es auch bei ESC kompakt stehen können.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann disste zwischendurch mal den WDR. Die Stadt Düsseldorf habe 2011 erreichen wollen, dass der ESC-Vorentscheid (wie in früheren Jahren) die VE-Austragungsstadt im Titel ausflaggen solle. Aber statt „Unser Lied für Düsseldorf“ habe es dann „Unser Song für Deutschland“ geheißen und das habe daran gelegen, dass der WDR als Veranstalter seinen Sitz in Köln habe. Ob es so war? In jedem Fall ist es eine schöne Geschichte.

Über das eigentliche Thema der Sendung wurde übrigens wenig geredet, vor allem auch wenig substanzstark. Aus der Schalte nach Wien erfuhr man, dass das „FBI“ vor Ort auch „involviert“ ist. What?

In Lukas Heinsers neuem ESC-Reader gibt es zum Thema „Der ESC und die Politik“ viel mehr Informationen und viel bessere Analysen als in der gesamt Politsendung von Louis Klamroth. Stattdessen fragte dieser alle in der Runde noch, auf welchem Platz Sarah Engels landen würde, aber auch darauf gab es nur gestanzte Wischi-Waschi-Antworten (Marie-Agnes: „12,5“).

Was meint Ihr? Habt Ihr die Sendung gesehen? (Es gibt sie hier in der ARD Mediathek.) Sind Euch Dinge aufgefallen, die wir hier übersehen haben? Teilt Ihr unsere Einschätzung oder habt Ihr ein anderes Fazit?



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36 Comments
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funtasticc*
Mitglied
funtasticc*
1 Stunde zuvor

Es war also eine ganz normale Talkshow.

Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
1 Stunde zuvor

Katja und MASZ stabil !

cars10
cars10
1 Stunde zuvor

Warum schaut man sich so einen Blödsinn an? Warum nur? Und das gleich zweimal am Abend?

Die ARD ist und bleibt der Totengräber des ESC aus deutscher Sicht, eingeklemmt zwischen käseigeliger Voreingenommenheit und bräsiger Spießigkeit. Das wird nie wieder etwas.

Matty
Matty
44 Minuten zuvor
Reply to  cars10

Du hättest besser vorher mal folgenden Artikel lesen sollen:

https://esc-kompakt.de/esc-zieht-junges-publikum-an-ard-punktet-mit-jubilaeums-doku-und-hart-aber-fair/

Hauptsache aber, einen unqualifizierten Sermon vom Stapel lassen, du elender Meckerheini!

J. Freizeit
J. Freizeit
1 Stunde zuvor

Wer auf die Idee gekommen ist, Hubert Aiwanger dort zu platzieren … Puh, dazu fällt mir wenig ein.
Ich fand es jedenfalls gut, dass man neben viel Israel-Glazing auch mal angesprochen hat, warum die fünf Länder dieses Jahr wirklich boykottieren. Dass es Gründe dafür gibt, die nichts mit Antisemitismus zu tun haben, wie von manchen Menschen so gern behauptet wird. Mir wäre nur wichtig, dass mehr Leute verstehen, das ein Boykott nicht gleich das Ende des ESC bedeutet, sondern auch symbolisch gesehen werden kann. Das heißt nicht, dass die Länder jetzt für immer feindlich gegenüber Israel eingestellt sind oder nie wieder zum ESC zurückkehren. Aber nun gut.

Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
1 Stunde zuvor
Reply to  J. Freizeit

Mir ist die Argumentation bekannt, geht mir aber inzwischen tierisch auf den Senkel.

J. Freizeit
J. Freizeit
1 Stunde zuvor

Dann ist das eben so. Es gibt aber auch genug Leute, denen das Verhalten Israels beim ESC auf die Nerven geht, gerade wenn wieder solche Dinge aufgedeckt werden, wie gestern von der New York Times. 

Dybala
Dybala
38 Minuten zuvor
Reply to  J. Freizeit

Es wurde „aufgedeckt“, dass sie das Televoting mit großem Abstand gewonnen haben – und jetzt?
Willst du die Leute zwingen, für was anderes zu stimmen?

Last edited 35 Minuten zuvor by Dybala
Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
27 Minuten zuvor
Reply to  Dybala

Es soll sogar Leute geben, die den israelischen Beitrag mögen (ich zum Beispiel)

Geri
Geri
1 Stunde zuvor

Jeder kriegt das was er verdient.

Matty
Matty
39 Minuten zuvor
Reply to  Geri

Sag bloß!?

Invitto
Invitto
1 Stunde zuvor

Die New York Times hat einen Artikel veröffentlicht wie die israelische Regierung seit Jahren interveniert bis manipuliert hat. Sowie die EBU mit Green an der Spitze einerseits Fakten geheimhält und denn Verbleib Israels mit Fauls durchgesetzt hat. Es werden sich noch viele umschauen welch langfristiger Schaden entstanden ist. Gewinnt Israel ist der Wettbewerb tod.

Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
1 Stunde zuvor
Reply to  Invitto

Wieder so blödes Geschwurbel….

Matty
Matty
36 Minuten zuvor
Reply to  Invitto

Der ESC hat bis jetzt alle Krisen überlebt und bei dem Kommentar war es genau richtig, daß zu dem von Benjamin in seinem Kommentar erwähnte verlinkte Artikel die Kommentarfunktion deaktiviert wurde!

AndrESCas
AndrESCas
8 Minuten zuvor
Reply to  Invitto

Genau, und für diese sensationelle Enthüllung hatte die NYT so ziemlich ein ganzes Jahr Zeit. Und dann kommt das ausgerechnet heute raus? Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

benegigs
benegigs
1 Stunde zuvor

Bei der Zusammensetzung habe ich schon nichts Gutes erwartet, weshalb ich auch nicht eingeschaltet habe. Wenn ich diesen Artikel so lese, habe ich auch nichts verpasst..

Jana Manger
Jana Manger
1 Stunde zuvor

Es ist ganz schlimm, wie man den ESC hier wieder als queeres Kitschfest hingestellt hat, Aiwanger sei Dank. Von der ARD scheint kein Interesse zu bestehen, den Wettbewerb im eigenen Land moderner zu gestalten, so wie es Finnland seit wenigen Jahren erfolgreich tut oder es auch die Niederlande in den letzten Jahren gemacht hat. Mein Beileid an alle die wie ich damit ihre Lebenszeit verschwendet haben.

togravus ceterum
Mitglied
togravus ceterum
1 Stunde zuvor

weitgehend sinnentleerter ESC-Stanzen-Reinfall

Gut, dass ich gestern Abend Douze Points Probenprosa gefolgt bin und nicht diesem Unsinn.

Malge1985
Malge1985
59 Minuten zuvor

Also wenn ich Klamauk will, schaue ich mir den Fernsehgarten oder den Schlagerboom an. 😛 *duckundweg*

Jared
Jared
56 Minuten zuvor
Reply to  Malge1985

Ich den ESC.

Anmey
Anmey
58 Minuten zuvor

Das war ja leider so zu erwarten…

sam1
sam1
57 Minuten zuvor

Heute kommt übrigens wieder bei Brisant ein Bericht über den ESC 2026. Und diesmal geht es insbesondere um den Griechischen Beitrag. Um 17:15 Uhr geht’s in der ARD los.

togravus ceterum
Mitglied
togravus ceterum
40 Minuten zuvor
Reply to  sam1

Ist das nicht Wettbewerbsverzerrung, wenn man vor dem Wettbewerb über ein paar wenige Beiträge berichtet, über andere aber nicht?

Manchmal fehlen mir die alten Zeiten, in denen man alle Lieder (außer dem Beitrag des eigenen Landes) zum ersten Mal gehört hat, wenn sie auf der ESC-Bühne dargeboten wurden.

sam1
sam1
30 Minuten zuvor

,,Ist das nicht Wettbewerbsverzerrung, wenn man vor dem Wettbewerb über ein paar wenige Beiträge berichtet, über andere aber nicht?“

Ja, dass ist es. Aber Brisant hat sich nun Mal dafür entschieden.

Offiziell heißt es im heutigen Programm von Brisant:

,,Countdown für den ESC – Warum Griechenland zu den Favoriten zählt“

Last edited 27 Minuten zuvor by sam1
Chris
Chris
41 Minuten zuvor

Ich hab’s nicht gesehen. Hab ich was verpasst?

togravus ceterum
Mitglied
togravus ceterum
38 Minuten zuvor
Reply to  Chris

Lies doch einfach Peters Text …

lasse braun 🏴‍☠️🐈
lasse braun 🏴‍☠️🐈
38 Minuten zuvor

„Viel Gerede, wenig Inhalte“
war das denn bei „hart aber fair“ schon mal anders?
meine lebenszeit ist mir zu kostbar für all diese sich immer im kreis drehenden palaverrunden im deutschen TV.
der rosa elefant ist sehr oft auch mit im raum aber man bekommt ihn einfach nicht auf die piste. 🥴

sam1
sam1
32 Minuten zuvor

Der Deutsche Kulturstaatsminister Weimer wird extra zum ESC 2026 nach Wien reisen um hauptsächlich Israel zu unterstützen:

https://www.instagram.com/p/DYPRFXPjjOq/?igsh=cmVnZTk5M2p0dXM0

Er hatte sich ja für eine Israelische ESC-Teilnahme starkgemacht.

JoelESC
JoelESC
30 Minuten zuvor
Reply to  sam1

und das ist einer der Gründe, warum der ESC in Deutschland nicht so bekannt/beliebt ist. Es geht immer um die anderen

Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
25 Minuten zuvor
Reply to  JoelESC

Ich kann Herrn Weimer nicht ausstehen…

Micha Knust
Micha Knust
8 Minuten zuvor

Ich schließe mich an – furchtbar!!!
Diese elendige Buchladengeschichte – unsäglich!

eurovision-berlin
eurovision-berlin
21 Minuten zuvor

Wurde vom Algorithmus von youtube dahingeführt und habe mal durchgeklickt. Diese Shows werden immer nach dem gleichen Muster gestrickt. Dass Deutschland definitiv nichts reißen will oder darf, hat sich weltweit herumgesprochen, nur noch nicht zu Strack-Zimmermann.

Aber mir fällt im persönlichen Umfeld auf, dass der ESC immer weniger interessiert. Wenn ich ihn am Arbeitsplatz thematisiere, riskiere ich mittlerweile fast Streit. Wenn es früher vielen egal war, gibt es immer mehr, die den ESC demonstrativ von sich weisen, manchmal sogar mit aggressiver Note.

Langsam aber sicher wird der ESC in Deutschland zerstört.
Und solche Talkshows tragen dazu bei.

Cedric
Cedric
21 Minuten zuvor

Wer hätte gedacht dass Hubert Aiwanger noch unsympathischer werden könnte?

AndrESCas
AndrESCas
12 Minuten zuvor

Wann und vor allem sind eigentlich die (selbst ernannten?) ESC-„Spezialisten“ Caro und Miguel aufgetaucht, die behaupten, Frankreich müsse sich im Semi erst noch qualifizieren? Was genau qualifiziert denn die beiden?

Micha Knust
Micha Knust
4 Minuten zuvor

Welche Talkshow (politische Talkshow) ist denn sinnstiftend?
Inhaltsleer und überflüssig, viel Gerede um Nichts – das trifft
es ganz gut.
Die Macher hätten sicher mehr Krawall von Aiwanger erwartet –
ging nur so halb auf.
Unterm Strich: Kein Lernzuwachs!