Kommentar: Der falsche Blick auf den ESC – wie deutsche Medien den Wettbewerb missverstehen

NAPA – Bild: Sarah Louise Bennett/ EBU

Man stelle sich vor: Kurz vor einer Fußball-Weltmeisterschaft entscheidet sich eine größere, deutsche Tageszeitung, nicht über Favoriten, Formkurven oder Schlüsselspieler zu schreiben – sondern darüber, wer dort alles nicht antritt. Garniert mit ein paar prominenten Namen, etwas historischem Beiwerk und der impliziten Botschaft: Eigentlich ist das alles ohnehin nicht so wichtig. Genau diesen Eindruck vermittelt aktuell ein Artikel der Rheinischen Post zum Eurovision Song Contest 2026.

Die Ausgangsmeldung – mehr als 1100 Künstler rufen zum Boykott auf – ist korrekt. Nur: Sie ist längst bekannt und war bereits zwei Wochen durch alle Kanäle gelaufen. Dass ausgerechnet dieses Thema nun zum zentralen Aufhänger gemacht wird, sagt weniger über die Relevanz der Nachricht aus als über die Mechanik dahinter: Konflikt schlägt kulturellen Kontext.

Denn während sich Wien auf das 70. ESC-Jubiläum vorbereitet, während Star-Line-ups vorgestellt werden und der Wettbewerb in seine heiße Phase geht, entscheidet man sich bewusst für den größtmöglichen Reibungspunkt. Der ESC wird nicht als Kulturereignis erzählt, sondern als Problemfall.

Der Rest des Textes folgt einem vertrauten Muster: ein paar solide historische Abrisse, ein bisschen ESC-Grundwissen, dazu eine humorvolle Alliteration wie „Kitsch, Kunst und Kalkül“. Man kennt das. Man hat es oft gelesen. Und genau das ist das Problem.

Denn spätestens bei der Bewertung der musikalischen Relevanz kippt der Text endgültig ins Klischee. Wenn es heißt, von den meisten ESC-Siegern sei außerhalb ihres Heimatlandes kaum noch etwas zu hören, wird nicht analysiert – es wird reproduziert. Die Realität sieht längst anders aus.

Duncan Laurences „Arcade“ und Rosa Linns „Snap“ haben Milliardenstreams erreicht. Aktuelle Beiträge wie „Deslocado“ von der portugiesischen Band NAPA generieren weltweit riesige Reichweiten, Songs laufen auf TikTok, in Clubs und im Radio. Der ESC ist nicht nur Fernsehereignis – er ist Teil der internationalen Popkultur.

Nur kommt davon in der deutschen Berichterstattung erstaunlich wenig an. Das liegt auch an strukturellen Eigenheiten im eigenen Land. Der Umgang mit dem ESC innerhalb der föderalen ARD wirkt seit Jahren wenig geschlossen und selten strategisch. Regionale Anstalten arbeiten nebeneinander statt miteinander, Songs aus dem Wettbewerb finden im Radio kaum statt, nachhaltige Förderung von ESC-Acts bleibt die Ausnahme. Während andere Länder ihre Beiträge gezielt aufbauen und international platzieren, verharrt Deutschland oft in sich selbst.

Diese Form der Nabelschau hat Folgen: In einem Markt mit über 80 Millionen Menschen scheint man sich selbst zu genügen – und verliert dabei den Blick dafür, was der ESC außerhalb Deutschlands tatsächlich ist.

Denn international funktioniert der Wettbewerb weiterhin als das, was er immer sein wollte: eine Plattform für kulturellen Austausch. Künstler*innen erreichen darüber neue Märkte, Songs werden über Ländergrenzen hinweg zu Hits, Acts entwickeln Karrieren jenseits ihres Heimatpublikums. Genau darin liegt die eigentliche Stärke des Eurovision Song Contest.

Stattdessen kreist die deutsche Berichterstattung weiter um die immer gleichen Referenzen: Ralph Siegel, Stefan Raab, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Distanz. Es ist ein Blick auf den ESC, wie ihn manche*r Journalist*in vielleicht in persönlichen Erinnerung hat – während der Wettbewerb selbst längst viel weiter ist.

Das Ergebnis ist ein schiefes Bild: Der ESC wird als schrilles, leicht peinliches Spektakel mit begrenzter Halbwertszeit erzählt – obwohl er in vielen Ländern ein relevanter Teil der aktuellen Poplandschaft ist. Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Missverständnis: Der ESC wird nicht falsch beschrieben. Er wird einfach aus der falschen Perspektive betrachtet – und schlicht nicht verstanden.



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155 Comments
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Matty
3 Tage zuvor

OTBN

Diese Woche Sonntag startet die neue Staffel des ZDF Fernsehgarten und zu Gast sind der diesjährige Teilnehmer am deutschen Vorentscheid Marti Fischer sowie Peggy March, die u. a. am deutschen Vorentscheid 1969 antrat:

https://ticketservice.zdf.de/events/1913-zdf-fernsehgarten

Matty
3 Tage zuvor

OTBN

Finnland hat die OGAE-Umfrage mit 459 Punkten deutlich gewonnen:

https://eurovoix.com/2026/05/05/ogae-poll-2026-results/

Auf dem zweiten Platz liegt Dänemark und auf dem dritten Australien. Deutschland belegt den 19. Platz und insgesamt blieben fünf Länder punktlos: Aserbaidschan, Polen, Portugal, San Marino und leider die Schweiz.

Malge1985
Malge1985
3 Tage zuvor
Reply to  Matty

Banausen meine Top 3 hat zusammen 9 Punkte. Meine Nummer 1 sogar 0 Punkte.

Matty
3 Tage zuvor

Die Seite funktioniert wieder. Vorhin war sie nicht erreichbar.

Waterloo
Waterloo
2 Tage zuvor

Wäre Deutschland beim ESC erfolgreicher, wäre auch die Berichterstattung eine andere und eine deutlich wohlwollendere. Ich denke, so wird ein Schuh draus. Siehe Schweden. Die lähmenden und lahmen 90er-Jahre und dann die schlimmen 2000er und die Post-Lena-Jahre, wo erst BR, MDR, später NDR (Guildo ausgenommen), Raab und genehme Acts und Produzententeams (Debakel Grazia, No Angels, auch der leider völlig deplatziere Roger Cicero, dann der Schrott von Kiss Kiss Bang Bang) den deutschen ESC-Beitrag unter sich ausmachten, können nicht einfach so hinweggewischt werden. Daran haben wir bis heute zu knuspern. Es fehlt beim fantastisch alimentieren und bestens gepamperten ÖRR ganz einfach der Anreiz (und die Notwendigkeit) Top-Qualtät zu liefern. Die Schöneberger, eine Dragqueen auf der Couch, ein, zwei schräge Vögel für die Kontroverse und um überhapt Presse zu kriegen – Hauptsache Vielfalt – passt doch. Plansoll erfüllt. Eine Schwalbe (ein Michael Schulte) macht noch keinen Sommer. Die für den ESC Verwantwortlichen beim SWR kriegen ihr Geld. Ob Deutschland Letzter wird oder Erster. Dass die freie Presse das kritisiert und hämisch, ja genüsslich ausschlachtet, ist nur logisch. Bad news are good News.

Schlippschlapp71
Schlippschlapp71
2 Tage zuvor
Reply to  Waterloo

Absolut korrekte Wahrnehmung !

posh1814
posh1814
2 Tage zuvor

Großartige Acts wie Go_A, Shkodra Elektronike oder KEiiNO haben sich durch ihre Auftritte beim ESC eine europaweite Fanbasis aufbauen können, die sie sonst nie erreicht hätten. Und das sind nur drei (weil mir am Herzen liegende) Beispiele von Künstlern der unterschiedlichsten Richtungen, die keineswegs nach dem ESC in der Versenkung verschwunden sind.

David
David
2 Tage zuvor

Nunja, dieses Jahr ist das Interesse am ESC halt tatsächlich so gering wie seit Jahren nicht, auch international. Das hat vor allem die EBU selbst zu verantworten.

SanomiKedvesem
SanomiKedvesem
2 Tage zuvor

Heute hat die ZEIT einen Artikel über die Lage beim ESC veröffentlicht:
https://www.zeit.de/feuilleton/musik/2026-05/boykott-eurovision-song-contest-2026-israel-teilnahme

Mittlerweile habe ich auch raus, was in Irland anstelle des ESC gesendet werden soll. Hier blicke ich auf das Programm von RTÉ One, Quelle ist der folgende Weblink, Änderungen im Programmablauf vorbehalten: https://www.tvireland.ie/tv/

Am 12. Mai läuft nach den Nachrichten und der Sendung „Prime Time“ die Serie „Beyond Paradise“.

Am 14. Mai läuft nach „Prime Time“ eine weitere Serie und eine Doku über „Irish Nurses in the NHS“.

Und den 16. Mai bestückt man mit Filmen statt mit dem ESC-Finale: Da laufen der Animationsfilm „Mummies“ (zu Deutsch: „Mumien – Ein total verwickeltes Abenteuer“), danach der Spielfilm „That They May Face The Rising Sun“, unter anderem mit der Deutschen Anna Bederke, und später am Abend „Finding Graceland“. Wem das nicht gefällt: Bei RTÉ 2 läuft, ebenfalls später am Abend, „Jaws“, also „Der weiße Hai“.
Ob Irland jetzt also die Haie zum ESC schickt?

PS: In Spanien bin ich noch nicht fündig geworden…

SanomiKedvesem
SanomiKedvesem
3 Stunden zuvor
Reply to  SanomiKedvesem

Nachtrag zu Irland:
Die besagten „Prime Time“-Sendungen beginnen erst um 22 Uhr unserer Zeit. Zuvor laufen noch andere Sendungen. Am Dienstag gibt es etwa eine Dokumentation über Irland im Jahr 1976. Am Donnerstag läuft nach einer Seifenoper „The End of the World with Beanz“. Hier versucht sich der Moderator als Rentierhalter in Norwegen. Mit dabei: Niamh Kavanagh, Siegerin des ESC 1993 und erneut dabei beim ESC 2010 in – Norwegen. Immerhin, ein bisschen ESC-Bezug im RTÉ-Programm…

Das Programm kann man hier finden, es wird bei uns auch in MEZ umgerechnet. Kann man daran erkennen, dass die „Nine O’Clock News“ bei uns um 10 laufen:
https://www.rte.ie/entertainment/listings/television