Kommentar: Verlässt Ungarn den ESC wegen Homophobie? Überraschend wäre es nicht.

Foto: Thomas Hanses

Ungarn wird am ESC 2020 in Rotterdam nicht teilnehmen. Bevor diese Entscheidung final war, stand bereits fest, dass die bisherige nationale Vorauswahl A Dal zwar fortgeführt werden solle, aber eben nicht mehr zur Ermittlung des ungarischen Vertreters beim ESC dienen würde.

Richtige Gründe wurden dafür von den Verantwortlichen nicht genannt. Sinngemäß blieb aber hängen, dass man stattdessen vor allem die einheimische Musikszene stärken wolle. Bei den in Ungarn herrschenden politischen Verhältnissen unter der Führung der national-gesinnten Fidesz-Partei wurde das von den Fans weitgehend mit einem bedauernden Schulterzucken aufgenommen. Ansonsten dachte man sich seinen Teil: nach etlichen erfolgreichen Teilnahmen verpasste das Land in Tel Aviv den Einzug ins Finale und schmollte womöglich nur.

Nun vermeldet aber der Guardian, dass das Land nicht teilnehmen wolle, weil der Wettbewerb „zu gay“ sei. Während sich die offiziellen Stellen des Fernsehsenders MTVA mit einer Kommentierung des Vorgangs zurückhielten, sagte András Bencsik, der Herausgeber einer regierungsfreundlichen Zeitschrift und häufiger Fernsehkommentator, der Zeitung: „Ich begrüße die Entscheidung, auch aus psychologischer Sicht, dass Ungarn nicht an der homosexuellen Flottille teilnehmen wird, auf die dieser internationale Gesangswettbewerb reduziert wurde… Viele junge Leute dachten, dass dies etwas für Menschen unter 18 Jahren ist, aber bei dieser Veranstaltung findet die Zerstörung des öffentlichen Geschmacks mit schreienden Transvestiten und bärtigen Frauen statt.“

Frau mit Bart: Conchita Wurst nach ihrem ESC-Sieg 2014 in Kopenhagen

Diese Rhetorik passt hervorragend in die homophobe Argumentationslinie der ungarischen Regierungspartei Fidesz. Und sie ist auch nicht neu: national-konservativ geführte Länder wie Russland und die Türkei haben schon früher die Offenheit des Wettbewerbs und seinen inkludierenden Ansatz kritisiert. Gleichzeitig haben sich die Fans auch einen Spaß daraus gemacht, während russischer Beiträge besonders kamerasichtbar die Regenbogenfahnen zu schwenken und das Land damit zu reizen.

Es stimmt aber auch, dass die Präsenz der LGBT-Community beim ESC in den letzten Jahren immer deutlicher wurde – und das nicht nur von den austragenden Fernsehanstalten hingenommen, sondern auch thematisiert und forciert wurde. Am deutlichsten ist das bei den Künstlern und ihren Auftritten selbst: Conchita Wurst, Dana International und in diesem Jahr Bilal Hassani (Aufmacherbild) sind dafür sicher die prominentesten Beispiele. Aber auch ein lesbischer Kuss aus Finnland oder ein schwules Pärchen aus Irland mag für weniger tolerante Zuschauer eine Herausforderung darstellen.

Video mit den angeblich fünf besonders queren Momenten beim ESC 

Der Tel Aviver ESC im Frühjahr war nicht nur wegen dem Moderator Assi Azar und seinen mehrfachen Hinweisen auf seinen Ehemann sowie eine fast zur Hälfte schwul besetzten Kiss-Cam eine Genugtuung für die LGBT-Community. Und auch in früheren ESCs wie 2016 in Stockholm wurde das Thema von den Moderator/innen aktiv aufgenommen.

Nicht zuletzt ist da auch noch das Publikum selbst. Die Fans vor der Bühne formen einen CSD mit bunten Kostümchen, glitzernden Krönchen und fröhlichen Bärchen. Dazu die ein oder andere Gabi. Wer da nicht den Pride spürt, muss schon fernab jeglicher Realität leben.

Dass das nicht jedem gefällt, ist klar. Ich habe mich selbst schon mehrfach gefragt, warum die Regie nicht gezielter auch Hetero-Publikum nach den Titeln einblendet. Gut, die flippen nicht so aus und machen daher weniger Stimmung. Aber auch sie sind begeisterter Teil der Leute in der Halle.

Wäre ich Vertreter einer rechts-nationalen Partei mit quasi unangefochtener Macht im Heimatland und würde diese das Idealbild der heterosexuellen Familie postulieren, würde mir der Wettbewerb und seine Entwicklung in den letzten Jahren übel aufstoßen. Mich wundert es geradezu, wie stoisch Russland, das ja sogar ein Gesetz gegen „Homo-Propaganda“ hat, die LGBT-freundliche Show aushält und (erfolgreich) versucht, dort an der Spitze mitzuspielen.

Während also Russland auch nach einer Nicht-Qualifikation für das Finale nicht die Reißleine gezogen hat, zieht sich Ungarn vom ESC zurück. Das ist schade um die Beiträge und schade auch für die Menschen – in und außerhalb des Landes. Natürlich darf sich die EBU davon nicht beeindrucken lassen – und scheint da auch gar nicht dran zu denken. Dem Guardian sagte sie: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass EBU-Mitglieder Pausen bei der Teilnahme am Eurovision Song Contest einlegen. Wir hoffen, ihren Sender MTVA bald wieder in der Eurovision Song Contest Familie begrüßen zu können.“

Diesem diplomatischen „Fuck Off“ und der Hoffnung auf die Rückkehr des Landes zum ESC schließe ich mich uneingeschränkt an.



18 Kommentare

  1. Die Homophobie lässt sich leider politisch von extrem Gesinnten gut instrumentalisieren. Die Argumentation passt sicher auch gut in die gegenwärtige Lage in Ungarn. Es wäre daher ausgesprochen bedenklich, wenn sie die wirkliche Ursache des Rückzuges ist.
    Bei der derzeitigen Informations – und Gerüchtelage ist auf jeden Fall Vorsicht geboten.

    • Siehe Polen, wo leider die nationalkonservative PIS immer noch am der Macht ist und die Katholische Kirche Homophobie salonfähig machten.

  2. Bei Russland zum Beispiel habe ich so das Gefühl, dass sie sich einmal im Jahr den ESC „gönnen“ wollen, weil sie einfach immer gut abschneiden. Außerdem nehmen sie ja auch aktiv teil an der „Verschwulung“ des ESCs, indem sie immer mal wieder offensichtlich eher weniger heteronormative Künstler zum ESC schicken wie Kirkorov und Sehrgay

  3. Ähnliche artikel gab es auch in der schweiz und österreich. Und sie wurden viel kommentiert, zu einem grossen teil befürworten viele kommentare die haltung ungarns.
    Ihr dürft gerne wieder schimpfen, aber meiner meinung nach kommt diese wieder zunehmende homophopie von der auch zunehmenden „vermischung der mentalitäten. Da nützt es nichts, wenn wir einmal pro jahr laut „diversity“schreien…gut gekämpft, ziel fast erreicht und trotzdem verloren.

  4. Ich finde es sehr schade! Ungarns Beiträge haben mir immer gefallen; ich bin ein großer Fan ungarischer Musik, der ungarischen Sprache und der ungarischen Mentalität. Zwar stimme ich mit dem Schritt Ungarns nicht überein, denke aber, dass dies die souveräne Entscheidung der staatlichen ungarischen Rundfunkanstalt ist und man Ungarn deshalb nicht verteufeln sollte. Auch wenn ich sicher nicht die Fidesz-Partei gewählt hätte, zeigen die Wahlergebnisse doch, dass ein großer Teil der Ungarn hinter gesellschaftlich konservativen Werten steht und das ist ihr gutes Recht. A Dal werde ich trotzdem schauen.

    • Ich würde mich in ungarn nicht (mehr) trauen, mit meinem mann hand in hand durch die strassen zu laufen. Ich habe einen guten freund in szekesfehervar und er erzählt mir sachen, was nichts mit „gesellschaftlich konservativen werten „zu tun hat. Da wird offen homophobie, ausländerfeindlichkeit etc. zelebriert.
      Da nützen gute songs, schöne sprache und die tolle mentalität auch nichts.

  5. Den Satz mit „der ein oder anderen Gabi“ unter dem CSD verstehe ich nicht ganz. Wie ist das gemeint?
    Nur am Rande: Mein Vorname ist wirklich „Gaby“, nicht, dass dieses hier bei dem ein oder anderen User als Provokation verstanden wird, warum auch immer. Sollte es so sein, tut es mir leid. Wusste ich nicht, dass dieser Name irgendeine Bedeutung haben könnte. Mir viel kein xyz-Name ein. Sorry.

    Um bei der Musik zu bleiben: Es ist sehr sehr schade, dass ausgerechnet Länder aussteigen, die meist exzellente Beiträge geschickt haben, wie Ungarn oder die Türkei. Die Länder haben mir oft ESC-mäßig besser gefallen als Russland.
    Über die politischen Aspekte habe ich mich schon an anderer Stelle geäußert. Ich könnte heulen, vor allem für die Menschen in den betreffenden Ländern, dass es so viel Intoleranz im 21. Jahrhundert noch gibt.
    Hoffen wir mal, dass nicht noch mehr Länder aus denselben Gründen aussteigen werden.

  6. Der ungarische Sender hat die Meldung bereits ausführlich dementiert und als Fake-News bezeichnet. Damit ist die Panik der Fans im Netz mal wieder völlig unbegründet!

  7. Musikalisch ist das für mich ein riesiger Verlust. In den letzten Jahren konnte man sich stets darauf verlassen, interessante Beiträge aus Ungarn zu hören. Im weiteren Kontext ergibt die bedauernswerte Entscheidung allerdings Sinn. Totalitäre Regime brauchen Feindbilder, und diese Notwendigkeit zeigt, was für jämmeliche Schlappschwänze Fidesz, PiS, AfD & Co. sind. Für die Fans in Ungarn tut es mir sehr leid. Hoffen wir mal, dass die Zeit der Orban-Ideologie auf dem absteigenden Ast ist. Die Geschichte lehrt uns ja, dass sich solch ein gefährlicher Unsinn nur selten länger als 20 Jahre hält.

  8. Etwas verspätet,da ich erst mal selbst hier und dort nachgefragt habe. Ja, die Entscheidung nicht teil zu nehmen ist politisch motiviert. Nein, der Grund ist breiter als Homophobie. (Immerhin vielsagend dass dieser Grund außerhalb des Landes an erster Stelle aufgeführt wird.)
    ‚Einheimische Musikszene‘ ist hier der Schlüssel mit ‚Einheimisch‘ betont. Heißt: keine Randgruppen, keine Sinti oder Roma, dafür bitteschön 100% ungarische Musiker. Die gibt es kaum – wer Talent oder eine abgeschlossene Ausbildung hat, arbeitet im EU-Ausland. Dennoch möchte die Regierung solche Musiker finden und fördern und dafür soll A Dal als Mittel zum Zweck herhalten.

    Neue ESC-Teilnahme darf man erwarten nachdem Orban & Co abgewählt werden.

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