Mein erster ESC – Ein Gastbeitrag von Johannes Floehr (Malmö Memories 1)

Den ersten Live-ESC-Moment meines Lebens erlebte ich mit Verzögerung. Und damit meine ich nicht nur die vielen Jahre, in denen Geld, Zeit und Mut fehlten, um allein nach Rotterdam, Lissabon oder Liverpool zu reisen. Eine temporäre Sperrung der Öresundbrücke zwischen Kopenhagen und Malmö verhinderte am Mittwoch zunächst die Anreise zur Probe des 2. Semifinales.

Die Show hatte also längst begonnen, als ich die Station Malmö-Hyllie erreichte. Die Treppen hoch, die Arena im Blick, Herzklopfen, Ticket vorzeigen, hier, bitte, have fun, thank you. Und dann rein. Gerade probte die tschechische Sängerin Aiko die Performance ihres Beitrags „Pedestal“, in meiner Hitliste der 37 Beiträge irgendwo im Mittelfeld. Pyro schoss nach oben, die Bassdrum rummste, tausend Lichtkegel tanzten durch die Arena. Wow, dachte ich. Das ist das beste Lied aller Zeiten.

Zu erleben, wie die Songs, die man seit Monaten im Ohr hat – manche mehr, andere lieber – plötzlich wahrhaftig wenige Meter entfernt zum Leben erwachen, das macht sofort richtig viel Spaß. Die gibt es ja alle wirklich! Da ist Kaleen! Ladavina! Wow, Nutsa Buzaladze!! Wuuhuuu!! Es war „nur“ die öffentliche Probe für ein Halbfinale, von dem Zuhause in Deutschland viele Leute noch nicht einmal wissen, dass zwei davon existieren, weil die Shows bedauernswerterweise im Spartenprogramm versteckt werden. Das erste Halbfinale hatte ich noch Zuhause eben dort mitverfolgt. Keine 24 Stunden später war ich selbst mittendrin. Vor Freude und Euphorie wusste ich jedoch schon da kaum wohin mit mir, aber auf keinen Fall von hier weg. Was würde das für eine emotionale Woche werden! Und dann traten ja auch noch meine Favoriten auf.

Über meine Begeisterung für die Esten 5Miinust und Puuluup könnte ich einen Text schreiben, der noch dreimal länger ist als dieser Text hier. Wahrscheinlich reicht’s inzwischen auch schon für ein ganzes Buch, jemand Interesse? Für diesen Bericht versuche ich, mich aufs Wichtigste zu beschränken: Anfang des Jahres verliebte ich mich beim ersten Hören in ihren Song „(Nendest) Narkootikumidest ei tea me (küll) midagi“. Sowas hatte ich noch nie gehört. Das muss zum ESC!! Eesti Laul geguckt, Daumen gedrückt, ESC-Ticket gelöst. Die Energie, die folkloristischen Elemente, die estnische Sprache, der Humor. Was für ein toller Quatsch! Sechs Jungs, zwei Talharpas, ein alberner traditioneller Tanz, fürs Staging fünf Euro Budget und ein Traum (vom ESC-Finale). Das gemeinsame Album der Rapper und des Folk-Duos läuft bei mir auf Dauerschleife. Unter eines ihrer Instagramvideos schrieb ich: „Diese Jungs machen mich stolz, Este zu sein. Und ich bin Deutscher.“

Womit ich wunderbar überleiten kann dazu, wie schön es ist, dass man beim ESC nicht, wie etwa bei vergleichbaren sportlichen Wettbewerben, vorrangig oder nur den Beitrag des Landes unterstützt, in dem man aus Versehen geboren ist. Gefeiert wird erst einmal alles und was einem besonders gut gefällt, das noch viel mehr. Nur mit einem empfand ich am ersten Abend irgendwie Mitleid: Der charismatische Lette Dons, mit seinem Beitrag „Hollow“ weit unten in den Wettquoten und Prognosen, sang inbrünstig und sehr gut seinen Song „Hollow“. Verhaltener Applaus. Als er am Ende der Probe als einer der zehn „Fake-Qualifikanten“ gekürt wurde, lachte neben mir jemand. Lettland im Finale! Wie absurd!

Außerdem, und das Thema kann ich hier leider nicht ausklammern, gab es dann ja auch noch den Auftritt der israelischen Sängerin Eden Golan. Insgesamt dreimal sah ich sie in dieser Woche auf der Bühne, jeweils bekanntermaßen unterlegt mit einem beschämenden Teppich aus Buh-Rufen von Menschen, die den ESC nicht begriffen haben. Das Bedürfnis danach, Zeichen zu setzen, war groß bei vielen Menschen im Publikum, auf der Bühne, bei Pressekonferenzen und auf der Straße. Meine Meinung dazu: Das größte Zeichen sind der gesamte Contest und die Songs an sich. Toleranz, Liebe, Vielfalt und Respekt sind die Werte, für die der ESC steht und für die es sich zu kämpfen lohnt und an die man manche Leute wohl nochmal erinnern muss. Es ist eine Herausforderung, den ESC und Politik zu trennen und vielleicht ist das in Gänze auch unmöglich. Wozu das allerdings nicht führen sollte, ist weitere Spaltung durch Ignoranz, die in selbstdarstellerischem Aktivismus mündet, der niemandem hilft. Vor allem nicht denjenigen, für die man sich einzusetzen möchte. Okay, Mist, habe jetzt doch mehr Sätze darüber geschrieben, als ich wollte. Hoffentlich ist in der ESC-Woche nicht noch ein Skandal passiert, den ich hier nicht unerwähnt lassen kann!

Am zweiten Tag begab ich mich erstmals ins „Eurovision Village“: Ein abgesperrter Parkabschnitt mit Bühnen, Futterbuden und buntem Herumwuseln von Fans aus aller Welt. Aus jeder Ecke schallten einem ESC-Hits entgegen. „Zorra, Zorra, Zorra“, die ganze Zeit und überall. „Zorra“ und „Waterloo“. Diese Lieder werde ich nach dieser Woche nie wieder aus dem Kopf bekommen. Andere leidenschaftliche ESC-Fans zu treffen ist für mich eine komplett tolle, neue Erfahrung: In meinem privaten Umfeld gibt es keine Menschen, bei denen die ESC-Begeisterung übers mindestens halbironische Finale gucken hinausgeht. Fragende Blicke beim Plaudern über beispielsweise den wilden ukrainischen Vorentscheid zu ernten kennen andere sicher ebenfalls. Wie, du hast nicht alle fünf Vorrunden von „Una voce per San Marino“ geschaut und kennst „Loco Boombox“ nicht? (Oder waren es sechs? Habe es verdrängt.)

Oder dass nicht alle sofort wissen, um welche Songs es geht, wenn man über „My Star“ (Lettland 2000) oder „När jag blundar“ (Finnland 2012) spricht. Wenigstens „Ein Lied kann eine Brücke“ (Deutschland 1975) kennen manche. Ha, hab ich noch frech meine drei All-Time-Lieblings-ESC-Songs in diesem Text untergebracht, nach denen wurde ich nämlich in Malmö leider kein einziges Mal gefragt! Was kein Indiz dafür sein soll, dass ich nicht in Kontakt mit Menschen gekommen wäre. Das Gegenteil war der Fall: Obwohl ich allein in Malmö unterwegs war, fühlte ich mich kein einziges Mal einsam.

Man kommt erstaunlich schnell mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch, weil der ESC eine perfekte Grundlage für Smalltalk ist: Und, was ist dein Lieblingsbeitrag? Kroatien, super, oder? Und, dein erster ESC? Wie schlimm war es wirklich in Turin? Zudem gibt es vereinzelt Fantreffen, beispielsweise von herausragend tollen ESC-Blogs. Endlich konnte ich mich persönlich dafür bedanken, Teil der Reaction-Videos von ESC kompakt gewesen sein zu dürfen. Beim Kennenlernen von Benny, Berenike, Max und Rick hatte ich dasselbe Gefühl wie eingangs bei Aiko oder Kaleen: Krass, die gibt es ja alle wirklich! Und die Leserinnen und Leser! Alle so freundlich und fachkundig!

Mein Reaction-Partner und Nachbar Douze Points war ebenfalls da und hat mir inzwischen sämtliche Frotzeleien beim Dreh – viele wurden dankenswerterweise nicht in die Videos geschnitten – verziehen, glaube ich. „Gestern im Euroclub habe ich gegen drei Uhr auch mal das estnische Lied gespielt und die Leute sind nicht wie erwartet schreieind davongelaufen!“, erzählt er mir. United by Music! Das Bild, wie ESC-kompakt-Chef Benny staatsmännisch die Runde betrat und allen Leserinnen und Lesern die Hände schüttelte, das hat mir ebenfalls gut gefallen. Wie ein Bürgermeister! Der des besten Dorfes im Land! Außerdem konnte ich wie versprochen dem ESC-kompakt-Blogger mit dem besten Musikgeschmack, Rick, meine zweite mitgebrachte estnische Fahne überreichen. Gemeinsam begaben wir uns dann zur Arena, um in Semi 2 die Esten zu unterstützen und na ja, auf die anderen Beiträge freuten wir uns natürlich auch ein bisschen.

Als Nächstes lernte ich, dass die erste Party bereits in der Warteschlange steigt. Auch hier donnerten wieder ESC-Hits aus den Boxen, aber auch „Macarena“, „YMCA“ oder „Mambo No. 5“. Vor uns in der Schlange eine große Delegation vom OGAE Schweiz, viele mit dem rosa „Nemo-Hut“ auf dem Kopf (Aufmacherfoto). „Was muss man denn da bei Amazon eingeben, damit man den findet?“, wollte ich wissen. „Nemo selbst hat uns einen Link geschickt, keine zwanzig Euro!“, wenn ich mich richtig erinnere. Sah super aus, hätte auch gern einen getragen. Vielleicht eine gute Idee für Weihnachten? Die freundlichen Eidgenossen schenkten mir einen Nemo-PIN zum Anstecken und ich versprach, ihn als Glücksbringer zu tragen. Aber erst im Finale, fürs Halbfinale bräuchten sie das Glück noch nicht. Was soll ich sagen: Gern geschehen! Außerdem eine belgische Reisegruppe mit einem großen Banner: „See you next year in Brussels“ – na ja, fast. Die Sicherheitschecks beim Einlass waren dann nicht annähernd so streng wie zuvor angekündigt (kein Personalausweis-Check, bloß flüchtige Blicke auf Hosentascheninhalte) und ich kenne sogar jemanden, der hat ein Orangensaft-Trinkpäckchen mit in die Arena geschmuggelt! Frech! (Nein, nicht ich! Ich bin nicht wahnsinnig, nur wunderlich.)

Während dann alle, mit denen ich angestanden hatte, ganz nach vorn durften – viele konnte ich später auf den TV-Bildern entdecken, richtig schön – hatte ich „nur“ einen Platz in einem kleinen Stehplatzbereich ganz hinten, neben den Technikerinnen und Technikern. Vielleicht zwanzig Leute hatten sich dort eingefunden, neben mir ein Paar auf England und ein Franzose mit armenischer Fahne im Gepäck. Dazu Menschen aus Australien, Slowenien und na klar, Spanien. „Zorra, Zorra, Zorra!“ Und was soll ich sagen, die ganze Show war eine riesige Fete. Ich hatte behauptet, den estnischen Tanz („Veisson“) könne man zu jedem Lied tanzen, er passe immer und das wurde dann auch regelmäßig ausprobiert. Ich muss gestehen, ich hatte mich getäuscht. Der Stimmung tat dies aber keinen Abbruch.

Mir fiel positiv nochmal die Sprachvielfalt dieses Jahres auf, fast jeder zweiter Song nicht in Englisch. Eine erfreuliche Entwicklung, dass viele Länder begreifen, dass es nicht wichtig ist, ein Lied zu verstehen. Man muss es bloß fühlen. Es gibt so viele schöne Sprachen! Deutsch, zum Beispiel. Könnte man ja mal wieder auf die ESC-Bühne bringen. Nur so als Idee zwischendurch. Das Vergnügen, mal neugierig hinter die Kulissen einer so großen Fernsehshow blicken zu können, soll auch nicht unerwähnt bleiben („ach, SO machen die das!“) und erst recht nicht die tollen Menschen, die zwischen den Beiträgen in unter einer Minute über die Bühne wischen plus Requisiten wegräumen und herbringen. Im TV sind sie nicht zu sehen, dabei sind sie die unbesungenen Helden des ESC! Freue mich, dass sie an allen Abenden, an denen ich in der Arena war, mit Extra-Applaus gewürdigt wurden.

Und dann die Verkündung der fürs Finale Qualifizierten. Als Erster im Finale: Dons für Lettland. „WHAT?!“, schrie ich vor Verwunderung und Freude; wie war das denn passiert?! Wie überraschend, wie super, wie schön! Da hat dann niemand gelacht. Viel zu viele Stunden der letzten Monate habe ich mit dem Betrachten von Wettquoten und „Expertentipps“ verschwendet, auf nichts davon ist Verlass und das ist doch toll. Auf dem YouTube-Video seines Halbfinalauftritts kann man sehen, wie Dons im letzten Teil des Liedes mit seinen Emotionen kämpft und ich tue es ihm beim Betrachten nach. „Hollow“ ist jetzt in meinen Top 10. Die meisten Menschen hören die Lieder des ESC ja ein-, vielleicht zweimal. Dass sie einen Hardcore-ESC-Fan über Monate begleiten und sich mehrfach ändert, ob sie etwas in einem auslösen oder eben nicht, das ist auch ein schöner Bestandteil des Hobbys. Wie gesagt, da ist dann auf einmal Aikos „Pedestal“ das beste Lied der Welt – und leider nicht im Finale.

Im Gegensatz zu den Esten. Als sie als Sechstes als Finalist durchgesagt wurden, sprang ich dem verdutzten Franzosen in die Arme, irgendwo mussten die Emotionen hin. Dasselbe umgekehrt nach Armeniens Finaleinzug. Kann man Außenstehenden nicht begreiflich machen, zu jubeln, nur weil Menschen ein weiteres Mal ihr Lied singen dürfen. Da verpassen die halt was. Was für ein Abend, was für eine Show! „Europapa, Europapa“-Gesänge an der Bahnhaltestelle, ein ganzer Tag in den Beinen. Erschöpft vor Glück über die Öresundbrücke zurück nach Kopenhagen, ins Hotel. Eine halbe Stunde fährt man von der Arena zum Bahnhof der Hauptstadt Dänemarks. Lustig, die ganze Zeit zwischen zwei Ländern zu pendeln.

Die jeweils auch noch ihre eigene Währung und damit auch unterschiedliche Wechselkurse haben: Mathe lernt man nicht für die Lehrer, sondern fürs Leben, es stimmt tatsächlich. In der Warteschlange für einen schnellen Gute-Nacht-Burger schaue ich mir zehnmal hintereinander das Video an, dass der Franzose von mir beim Tanzen gemacht hat (bitte im Instagram-Post unten dreimal nach rechts klicken). Und dann mindestens genauso oft das meiner Freundin, die sich für den ESC nur mir zuliebe interessiert. Auch sie hat vor dem Fernseher zu diesem einen albernen Lied getanzt, das mich nach Malmö gebracht hat. Denke an sie und überlege, wie ich sie überredet bekomme, mich zum kommenden ESC nach Tallinn zu begleiten. Oder vielleicht geht es ja überraschenderweise doch woanders hin, nach Zagreb oder Zürich? Kann erst kaum schlafen vor Aufregung wegen des Erlebten und dem, was noch kommen wird. Dann aber doch.

Wir sind bei meiner Nacherzählung inzwischen also am Freitag angekommen. Im „Eurovision Village“ begeistert mittags eine Tanzgruppe von Kindern und Jugendlichen, angeführt von einem Menschen im Verka-Serduchka-Outfit. Eins, zwei, drei: Tanzen! Eine große Freude macht mir außerdem, anhand von Fanschals oder Fahnen Fans „obskurer“, kleinerer Länder auszumachen. Spanien, UK, Deutschland, Griechenland, natürlich Schweden: Omnipräsent. Toll, dann endlich eine maltesische Fahne zu entdecken! Wie eine kleine Schnitzeljagd. Sehr präsent an diesem Tag die finnische Flagge, was mit dem Open-Air-Konzert von Käärija zusammenhängen könnte. Auf einer der Bühnen im Village konnte man kostenlos Auftritte von ESC-Acts bestaunen, am Tag zuvor zum Beispiel auch von Isaak, Windows95Man sowie Fahree & Ilkin Dovlatov. Bei all diesen Auftritten wurde mir bewusst, dass ich in der nächsten Saison weniger (am besten: gar nicht!) auf X/Twitter herumhängen und mich stattdessen mehr mit Musik der ESC-Acts beschäftigen sollte: Die haben ja alle mehr als ein Lied! Potzblitz.

Hingegen Eintritt bezahlen musste man für ein Event am Abend, aber da sollte sich das Eintrittsgeld sehr lohnen: Lord of the Lost spielten unweit vom Village in einem Rockclub. Vor dem eigentlichen Konzert spielten Chris Harms und Keyboarder Gared Dirge fast eine Dreiviertelstunde lang ESC-Cover: Darunter „Hard Rock Hallelujah“, „Euphoria“, „Solo“ (Bejba!) und „Ein bisschen Frieden“. Im Publikum geschätzt zur einen Hälfte ESC-, die andere Hardrock-Fans. Viele Deutsche, klar. Zuhause wäre mir nie die Idee gekommen, ein Hardrock-Konzert zu besuchen: Ist nicht 1:1 meine Musik. Dem Charme und der Energie von Lord of the Lost konnte ich mich aber nicht entziehen. Es war ganz toll! Und lehrte mich nochmal, wie inspirierend und gesund es ist, sich auch mal spontan auf Neues einzulassen. Erfreulich auch, wie positiv Chris Harms vom ESC sprach, eine weitere Teilnahme nicht ausschloss und ankündigte, dass ein Konzert von ihnen am Vorabend des Finals nun ein jährliches Event werden soll. So geht ESC!

Seufz, jetzt ist es soweit: Der Finaltag. Die erste Tageshälfte war ganz schwierig zu verarbeiten. Minütlich neue Gerüchte und Nachrichten, die allesamt nicht nur die Lust auf den eigentlichen Höhepunkt des ESC-Jahres erstmal ordentlich verhagelten, sondern auch Sorgen bereiteten. Was, wenn Israel gewinnt? Angebliche Boykottbekundungen anderer Delegationen. Wegen der Disqualifikation eines Mitfavoriten. Während ich das hier tippe, ist nicht genau bekannt, was der Niederländer Joost Klein getan oder gesagt hat und ob eine Disqualifikation die harte, aber gerechtfertigte Reaktion darauf war. Mein um Romantik bemühtes Herz hofft auf eine Aufarbeitung durch die schwedischen Behörden, die ermöglicht, dass alle beteiligten Parteien sich wieder in die Augen schauen können. Die Enttäuschung aber war groß, vor allem ob des mutmaßlichen Fehlverhalten des Interpreten eines meiner diesjährigen Lieblingssongs. Das erste Halbfinale fühlte sich zu diesem Zeitpunkt so an, als wäre es zwei Monate her. So viel war passiert.

Triggerwarnung: Fußball! Statt dem Lesen schlechter Nachrichten und Mutmaßungen vertrieb ich mir den Mittag spontan damit, ein Fußballspiel der sechsten dänischen Liga zu schauen. Für beide, die das interessiert: BK Viktoria gewann gegen Fremad Valby mit 3:1. Im Schatten des Kunstrasenplatzes die Kopenhagener Parken-Arena. Dort fand 2001 der ESC statt und gewonnen hat ihn damals wer, na? Korrekt: Estland. Zufall? Auf jeden Fall! Aber ein sehr lustiger. Schnell ins Hotel, nochmal frisch machen. Zeit für die endgültige Erfüllung eines großen Lebenstraums.

An der Arena angekommen kam die Vorfreude aufs Finale sehr schnell zurück. Wieder einmal die Bestätigung: Zu viel auf sozialen Netzwerken in Echokammern herumhängen, die sich in ihrer Negativität und Toxizität gegenseitig überbieten, kann einem den Spaß im Leben ordentlich verhageln. Der ESC findet zum Glück nicht auf X/Twitter statt, sondern jedes Jahr woanders, aber immer in der Realität. Gut so. Denn in der gibt es zufällige Wiedersehen mit Menschen, die man in den zwei Tagen kennengelernt hat. Von denen man den Namen nicht weiß, welchen Beiträgen sie die Daumen drücken jedoch schon. Ein langes Gespräch mit einem älteren Pärchen aus Wales, die erzählen, bereits beim letzten ESC in Malmö 2013 mit dabei gewesen zu sein. Fachgespräche über verschiedene Lieder, Petra Mede, Comedy und Schweden. Ich werde für mein sehr gutes Englisch gelobt, gebe das Lob zurück. Dann rein in die Arena. Dieses Mal: Sitzplatz, oben im Rang. Mit Popcorn. Es kribbelt.

Viele Nachrichten auf meinem Handy: „Neid!!“, „viel Spaß!!“ und „wink, wenn du im Bild bist!“. Die Eurovisionsfanfare wird gespielt und ich realisiere: Krass, es ist ESC-Finale und du bist einfach mit dabei, verdammt nochmal!! Kämpfe mit den Tränen. Meine Güte, wie schön ist das denn, dass ich das live erleben darf. Durch den Kopf rauschen Erinnerungen: Als Kind gelacht mit Guildo Horn und Stefan Raab, Punktevergabe mit der Familie, Lordi passieren, Windmaschinen und tausend Dancebreaks, die Vlogs von Lukas Heinser & Stefan Niggemeier, Lena gewinnt für Deutschland, dreimal Zdob și Zdub feiern, aufrechtgehn.de lesen, Conchita Wurst und Dadi Freyr, dann Anfang 2024 die lustigen sechs Esten auf YouTube entdecken. Und jetzt sitzt man da in der Arena. Was ein Gefühl.

Im Sitzen ist ESC gucken ist natürlich entspannter, aber auch ein bisschen langweiliger: Es wurde im Oberrang nicht getanzt und hatte eher das Feeling von vor dem Fernseher, was das Erlebnis nicht schmälern soll. Empfehle aber eher die Stehplätze, da geht die Party ab! Vielleicht lag es auch daran, dass ich die Performances größtenteils schon mindestens ein-, oft auch schon zweimal gesehen hatte. Wie gesagt, keine Beschwerde, es war trotzdem ganz, ganz toll: Was für eine Energie zu spüren war in der Arena! Rim Tim Tagi Dim! Jako! Ramdidammdamm, we will rave! No Rules, auch aus der Arena-Perspektive unglaublich lustig. Und natürlich nochmal: Zorra, Zorra, Zorra! Richtig spannend dann die Punktevergabe. Es zeichneten sich schnell drei Dinge ab: Der völlig verdiente und versöhnliche Sieg Nemos. Die erfreulich vielen Punkte für Isaak und Deutschland. Und dass meine Esten nicht besonders weit vorne landen würden.

Darüber aber keine Enttäuschung. Eher Erleichterung, dass sie nicht Letzter geworden sind. Dass diese zweifelhafte Ehre jetzt mit Gåte aus Norwegen einem anderen Beitrag, für den ich Sympathien habe, zuteil wird, ist schade, aber irgendwen erwischt es halt. Vielleicht war „Ulveham“ zu sehr Beitrag für die Nische, wenn es so etwas bei der größten Musikshow überhaupt gibt. Ich bin so glücklich darüber, dass auch obskure und nicht für den ganz großen Massenmarkt produzierte Musik seinen Platz beim ESC hat: Eine Bühne, die sich gleichberechtigt unterschiedlichste Acts wie Let3, Elena Tsagrinou, Hera Björk oder Olly Alexander teilen, muss man einfach lieben. Der ganze ESC: Ein herrlicher Quatsch, bunt und kreativ. Eine Party mit Menschen und Musik von überall. Würde mich als introvertiert bezeichnen, doch wenn dieser eine ESC-Song aus Slowenien oder Österreich gespielt wird, dann vergisst das mein kleiner, dummer Kopf für drei Minuten.

In der ESC-Berichterstattung in den großen Medien geht es jedes Jahr nur sehr wenig um Musik, das galt für dieses Jahr ganz besonders: Allerlei Drama, das traditionell-blöde „Wir werden doch eh Letzter“ und die Konflikte der Welt wurden auf die ESC-Bühne gebracht. Einst wurde der Contest erfunden, um verschiedene Kulturen wieder zu vereinen. Die Vielfalt zu zelebrieren. Ich glaube daran, dass der ESC weiterhin bzw. wieder einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben kann. Dass man im Rahmen einer riesengroßen Party nebenbei lernt, tolerant und respektvoll miteinander umzugehen, neugierig und offen zu sein, sich kennenlernt. Denn all das habe ich vor Ort gespürt und geliebt. Den ESC live erleben ist nicht so, wie man es sich vorstellt. Sondern noch viel schöner.

Es ist schon spät in der Nacht, als ich mich, beseelt von allen Eindrücken, auf den Weg zur Bahnhaltestelle mache. Eine TV-Kamera filmt die jubelnden Sieger dieses Jahres. Nemo, Nemo, Nemo! Ich erkenne ein paar Schweizer aus den Warteschlangen wieder, winke kurz. Neben Schweizer Fahnen sind es auch Menschen mit Fahnen anderer Länder, die freudig mit herumspringen. Bekomme eine letzte Gänsehaut. Gemeinsam feiern, tanzen, lachen, singen. Das ist für mich der ESC. Die beste Show der Welt.

Ein Gastbeitrag von „ESC kompakt Reactions“-Songchecker Johannes Floehr



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Neug TV
Neug TV
1 Jahr zuvor

Sehr toller Bericht und endlich mal was Positives nach so vielen schlechten Nachrichten. 
Ich habe nämlich das Gefühl, die Nachrichten (TV, Zeitung, Social Media etc.)picken immer genau alles, was schlecht läuft heraus und servieren es einem zum Abendessen.
Es kann nicht immer alles glattlaufen auch beim ESC nicht und es war ein sehr schöner! Von der Sache mit Niederlandes Disqualifizierung, den Demos und den buh Rufern abgesehen. Jeder sollte seine Meinung mitteilen dürfen. Die israelische Sängerin hat ihren Song beeindruckend herübergebracht. Darum gehts. Mein Favorit war Kroatien. Nemo aus der Schweiz als Sieger finde ich auch toll. Auch bei mir ist das Glas immer halb voll. Hierbei sogar fast komplett voll. Ich fand die Bühne wahnsinnig toll, besser als in vielen Jahren zuvor. Die Schweden haben sich mit der Produktion der drei Shows große Mühe gegeben und sie zu einem großartigen Ereignis werden lassen. Ich (bzw. wir) waren in vier Shows (Mo, Mi, Fr, Sa Finale) in der Arena und zum ersten Mal in zwei Nächten im Euroclub. An drei Tagen besuchten wir das Village und sammelten in der Zeit viele Eindrücke. Diese waren fast alle positiv. Soviel ESC Feeling hatten wir noch nie von Montag bis Sonntag. Auch wir standen mittwochs in Kopenhagen und warteten auf den Zug. Reihten uns allerdings am Flughafen in eine Schlange für die Taxen ein und schafften es noch gerade um die Hälfte von Malta mitzubekommen (Startnummer 01). Wir konnten in den Straßen viel ESC Beschriftungen erkennen. Im Village und im Euroclub war grandiose Stimmung.
Auch beim ESC Kompakt Treffen waren wir. War sehr schön. Am Freitag und Samstag fuhren wir dann schon um ca. 15 Uhr nach Malmö und flanierten durchs Einkaufszentrum. Ebenfalls sehr schön. Die Stimmung in der Arena am Final Abend war natürlich aufgeheizt, doch die positiven Gefühle überwiegen bei mir. Von den Songs finde ich viel mehr toll als ein Jahr zuvor, als wir den ESC vorm Fernseher verbrachten. Die Moderation ebenfalls besser. Ist halt Petra Mede. 2023 waren die mir zu grell. Vier Moderatoren sind einfach zu viel und sie haben geschrien. Ich schaute mir übrigens gestern nochmal das Finale an und merkte auch als TV Zuschauer an so vielen Stellen, dass der ESC 2024 sehr hochwertig war. 15 der 25 Songs sangen nicht nur in Englisch. Die Postkarten waren einfach mit Liebe an die ESC Gemeinde kreiert und die Interval Acts genau nach meinem Geschmack. Das Scoreboard Design gefiel mir auch besser als letztes Jahr, denn es wurde nicht (fast) von 2021 übernommen. Mein Vorschlag für nächstes Jahr: Mal wieder was Rundes: wie 2004 oder beim Bundesvision Song Contest. Besonders positiv überrascht, (wie viele bestimmt auch) war der tolle 12te Platz für Isaak. Wow. 
Zu guter Letzt. Jeder ESC ist etwas Einmaliges und hat seine guten und schlechten Momente. Mein persönliches Ranking der ESCs wo wir vor Ort waren: 
Platz 1: Turin (ja! Ich mochte 35 von 40 Songs, Eindruck in der Halle besonders bei Mika und den italienischen Interval Acts Gänsehaut und Tränen vor Freude)
Platz 2: Oslo 2010 (erster esc vor Ort mit deutschem Sieg)
Platz 3: Wien 2015(bestes opening neben Düsseldorf)
Platz 4: Lissabon 2018 (bis auf Portugal fand ich im Finale alle songs gut, natürlich michael schulte, ansonsten schlechtes Rahmenprogramm, aber beste Stadt von allen 8)
Platz 5: Malmö 2024
Platz 6: Kopenhagen 2014 (beste Bühne neben Malmö 2024 und Düsseldorf 2011)
Platz 7: Düsseldorf 2011 (fast vor der Haustür, toll)
Platz 8: Malmö 2013 (war auch toll aber mir gefiel die Bühne nicht. ) 
Platz 9: Kiew 2017 (nicht so toll, wenig gute Lieder meiner Meinung nach)

Lola
Lola
1 Jahr zuvor

„Andere leidenschaftliche ESC-Fans zu treffen ist für mich eine komplett tolle, neue Erfahrung: In meinem privaten Umfeld gibt es keine Menschen, bei denen die ESC-Begeisterung übers mindestens halbironische Finale gucken hinausgeht.“

Vielen Dank Johannes für diesen tollen Bericht. Das Zitat gefiel mir sehr gut, denn so geht es mir wenn ich ESC Kompakt lese 🙂 Ich habe im Umfeld eher nur Final Zuschauer, die aber vor April sich mit nichts zum Eurovision beschäftigen. Das ist dann schon etwas einsam, wenn man alleine die Clips schaut, alleine die Musik hört – aber zumindest nicht alleine auf ESC Kompakt diskutiert.
Auf jeden Fall fand ich den Bericht super erfrischend, man merkt förmlich wie du all diese neuen Erlebnisse und Eindrücke aufgesogen hast, und auch sehr dankbar für diese Erfahrungen bist!
Ich hoffe eines Tages ist es bei mir auch so weit – an Mut mangelt es nicht, an Zeit auch nicht unbedingt, bei mir ist es eher das Geld. Die horrenden Hotelpreise plus Reisekosten plus Verpflegung plus Tickets sind für mich immer etwas zu erschreckend. Aber vielleicht klappt es 2025, dass ich mal zur ESC Party Konzert nach Amsterdam komme.

Kuestensocke
Kuestensocke
1 Jahr zuvor

Was für ein toller Artikel, danke Johannes! Meine Eindrücke und Gefühle sind Deinen sehr ähnlich. Ich habe meine Zeit in Malmö in vollen Zügen genossen. Es war toll ein Teil des Spektakels zu sein und in die Musik einzutauchen und rundherum freundliche Zeitgenossen zu erleben.
Freue mich mit Dir, dass die Esten im Finale ein tolle Performance geliefert haben und vom Publikum 33 Punkte erhielten.