Oh, Canada! Retterin des ESC 2027? Über 40 Jahre ESC-Achterbahnfahrt im Rückspiegel

Céline Dion – Foto: Instagram @celinedion

Wie bitte? Kanadas öffentlich-rechtlicher Sender ist doch erst sein ein paar Tagen EBU-Vollmitglied – wie soll das nordamerikanische Land schon seit den 80er-Jahren beim Song Contest mitmischen? Ein Gastbeitrag von Mario R. Lackner.

Natürlich, Céline Dion startete 1988 für die Schweiz und gewann mit einem Punkt arschknapp vor dem damaligen Platz-2-Dauerabonnent Großbritannien. Vielleicht erinnern sich echte Hardcore-Fans auch noch an die in Montréal geborene Annie Cotton, die beim ESC 1993 einen 3. Platz ersang. Aber das macht noch lange keine kanadische Achterbahnfahrt bei der Eurovision, wie sie der Titel dieses Beitrags ankündigt.

Neben der Dion stand im selben Jahr sogar noch eine andere Kanadierin auf der Bühne von Dublin: Lara Fabian, die für Luxemburg mit „Croire“ Platz 4 belegte. Vor den beiden machten aber schon Sherisse Laurence 1986 (auch für Luxemburg, sogar Platz 3) und Gary Lux mit, der Österreich insgesamt drei Mal vertrat: 1983 als Teil der Gruppe Westend und 1985 und ’87 als Solokünstler – mit „Kinder dieser Welt“ erreichte er den 8. Platz, was für österreichische Verhältnisse damals beinah einem Sieg gleichkam.

Der Sänger aus der englischsprachigen Provinz Ontario ist bis dato der einzige männliche Vertreter von insgesamt neun Künstler*innen aus dem Land, dessen symbolisches Staatsoberhaupt übrigens König Charles des Vereinigten Königreichs ist. Außer dem ORF setzten alle anderen Sender auf den Charme von Sängerinnen, mehrheitlich aus frankophonen Regionen Kanadas.

Nach den stattlichen Erfolgen für die Schweiz und Luxemburg zwischen 1986 und 1993 kam 2001 sogar Frankreich auf den Geschmack. Man entdeckte bei den französischsprachigen Nachbarn auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans eine aufstrebende Musicaldarstellerin, die bei „Notre Dame de Paris“ für Furore sorgte: Natasha Saint-Pier aus der zweisprachigen Provinz Neubraunschweig, von der manche munkeln, sie hätte anstatt Platz 4 den ESC in Kopenhagen sogar gewinnen können, wenn die Atmosphäre des Songs „Je n’ai que mon âme“ nicht im riesengroßen Parken-Stadion untergegangen wäre.

Danach beginnt die Talfahrt der nordamerikanischen Importe made in Canada, was womöglich auch mit der Aufhebung des Nationalsprachgebots beim ESC seit 1999, aber auch mit den deutlich schwächeren Song-Sängerin-Show-Gesamtpaketen zusammenhängt:

2016 holte sich die Schweiz ein drittes Mal eine Kanadierin, dieses Mal aus der englischsprachigen Westküstenmetropole Vancouver, um die Kohlen aus dem eurovisionären Feuer zu holen: Rykka sang ein etwas repetitives „The Last Of Our Kind“ und ließ manche Beobachter*innen mutmaßen, sie müsse während ihres Auftritts dringend woanders hin als auf der Showbühne zu brillieren. Sie schied bis dato als einzige Kanadierin bereits im Semifinale aus.

Wenig erfolgreicher war drei Jahre später Katerine Duskas Engagement für Griechenland. Dem Ausfall im Semi souverän entronnen, wurde es im Finale für das sehr zeitgeistige „Better Love“ nur ein undankbarer 21. Platz.

La Zarra – so wie Duska und Cotton aus Québecs Metropole Montréal – war hingegen als Frankreichs große Hoffnung 2023 bereits fix fürs Finale qualifiziert und sichtbar schockiert, als sie auch nach den Televotingpunkten nicht in die Top 5 katapultiert wurde, sondern schlussendlich nur im schlechteren Mittelfeld landete: Platz 16. Kleiner Wermutstropfen: Im „Rest of the World“-Votum hatte sie es sicherlich auch dank vieler Stimmen aus Kanada knapp, aber doch in die Top Ten geschafft.

Nach insgesamt elf Gastspielen unter anderen Flaggen (zumeist auf Französisch für die Grand Nation, Luxemburg und – siegreich – für die Schweiz) tut sich jetzt also für Kanada die Möglichkeit auf, neben Australien das zweite Land aus Übersee zu werden, das regelmäßig am Liederwettbewerb der Eurovision teilnimmt.

Dieser kulturpolitische Move bestärkt auch Spekulationen, dass sich Kanada damit weiter der Europäischen Union annähern will. Ähnlich gestaltete sich seinerzeit auch die Aufnahme Estlands, Litauens, Rumäniens und anderer ehemaliger Sowjetrepubliken und Ostblockstaaten in die EBU, bevor sie einige Jahre später EU-Beitrittsgespräche begannen.

Gestern also Kroatien & Co., heute Kanada und morgen vielleicht schon Kasachstan oder gar Kosovo? Australiens erfolgreiche Etablierung als Teil der Song-Contest-Familie seit 2015 ist die Blaupause für alle weiteren Neuzugänge, die die EBU wie einen Bissen Brot benötigt, um die Boykottkrise zu kaschieren, in die sie 2025/26 geschlittert ist. Da kommt auch die Ankündigung gerade recht, dass der siegreiche Act des Asien-Ablegers beim 71. ESC Teil des Showprogramms live aus Bulgarien werden soll.

Keiner will es laut aussprechen, aber der Elefant im Raum ist wohl auch die durch Putin reaktivierte Intervision, deren kosmopolitischem Flair mit Teilnehmerländern aus fünf Kontinenten die Stirn geboten werden muss, um auf der Weltbühne zu signalisieren: Der Westen ist noch lange kein Auslaufmodell und Europa trägt seine Botschaft „United by Music“ aller Widrigkeiten zum Trotz Diversity-betont und ungebrochen enthusiastisch in die Welt hinaus!

Die nächsten Monate werden zeigen, ob Kanada tatsächlich bereits 2027 am ESC teilnimmt und falls ja, wie das Auswahlverfahren gestaltet wird.

Wenn Ihr in den Schuhen der TV-Verantwortlichen bei CBC / Radio Canada stecken würdet, wie würdet ihr den ESC-Selektionsprozess angehen? Direkt eine Diva auf Französisch nominieren, wie es im letzten Jahrhundert so erfolgreich war, oder eine Vorentscheidungsshow, vielleicht sogar à la Mini-Song-Contest mit Vorrunden in den jeweiligen Provinzen und Territorien des Landes? Oder ganz anders? Wir freuen uns auf eure Vorschläge und Kommentare!

Mario R. Lackner ist bekannt als „Song-Contest-Professor“ (u.a. wissenschaftlicher Leiter einer ESC-Vortragsreihe an der Urania Steiermark), studierte Internationale Entwicklung in Wien und Rotterdam, ist Autor einiger Bücher zum Thema, Producer und Moderator der Donau-Vision 2025 und 2026, Teilnehmer für die OGAE Germany bei der FanVision 2023 in Prag und heuer für die OGAE Austria in München und Texter auf seinem massiv ESC-lastigen Blog www.derMarioLackner.wordpress.com



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20 Comments
Matty
Matty
1 Stunde zuvor

Voilà und vielen Dank für die Übersicht. Kanada hat mehr als Céline Dion und Justin Bieber zu bieten: Shania Twain, Billy Talent, Paul Anka, Nickelback und Sarah MacLachlan (die 2025 das Studioalbum „Better Broken“ veröffentlichte) zu bieten. Mit Bryan Adams kommt auch einer der internationalen Superstars aus dem flächenmäßig zweitgrößtem Land der Welt.

Last edited 1 Stunde zuvor by Matty
Timo1986
Timo1986
1 Stunde zuvor

Ich persönlich wünsche mir bei einer Teilnahme Kanadas beim ESC 2027 in Bulgarien tatsächlich entweder Michael Bublé oder Justin Biber. 😀

Beide sind Weltstars, beide haben musikalisches Welt-Niveau und beide würden dem ESC auf jeden Fall zu einem weiteren hohen Ansehen verhelfen. Vielleicht würden nationale Musikstars aus anderen Ländern à la Helene Fischer, die Toten Hosen (Deutschland) oder Paul Pizzera (Österreich) eine ESC-Teilnahme dann mal ernsthaft in Erwägung ziehen. 😀

ESC1994
ESC1994
1 Stunde zuvor
Reply to  Timo1986

Das glaubst du doch selbst nicht, oder??

Timo1986
Timo1986
59 Minuten zuvor
Reply to  ESC1994

„Ich persönlich wünsche mir…..“

Ein ausdrücklicher Wunsch von mir. Also keine Vorhersage. 😀

Sash
Sash
49 Minuten zuvor
Reply to  Timo1986

Der Biber ist in Wahrheit ein Bieber…🤓

Timo1986
Timo1986
47 Minuten zuvor
Reply to  Sash

Versehentlicher Tippfehler beim Schreiben. 😀

So kurz bevor man die Arbeit verlässt, sollte man keine Postings mehr machen. 😀

Franny
Franny
17 Minuten zuvor
Reply to  Sash

🙂

ESC1994
ESC1994
13 Minuten zuvor
Reply to  Franny

Deine Ansicht zum DFB-Debakel??

Franny
Franny
4 Minuten zuvor
Reply to  ESC1994

Schönes Kopfballtor, das nicht gegeben wurde.
Aber letztendlich kam viel zu wenig, was sich schon gg. Ecuador angedeutet hatte. Wir sind derzeit keine Turniermannschaft. Sonderlich sympathisch war mir Paraguay allerdings auch nicht. Deshalb hätte ich unserer Nati schon den Sieg gegönnt.

Besonders schade finde ich aber, dass nun die netten Abende mit der Stammkundenrunde ein Ende haben. Ich hoffe, die Jungs kommen mal zu anderen Spielen vorbei. Saßen gestern noch bis Spielende vor der Tankstelle (nach meiner Schicht).

ESC1994
ESC1994
1 Minute zuvor
Reply to  Franny

Nagelsmann hat sich danach mal wieder von seiner „Schokladenseite“ gezeigt: „Rücktritt?? Ach was!!“ 🙄

Neuer hat sich mit der Aktion auch überhaupt keinen Gefallen getan, hat bei mir (und wohl vielen anderen) dadurch stark an Sympathie eingebüßt. Hoffe der Rücktritt ist diesmal endgültig, nicht dass er 2028 paar Wochen doch wieder meint Ansprüche zu stellen.

Was glaubst du wer seinen Hut nehmen wird in der Mannschaft??

elkracho
Mitglied
elkracho
1 Stunde zuvor

Wenig erfolgreicher war drei Jahre später Katerine Duskas Engagement für Griechenland. Dem Ausfall im Semi souverän entronnen, wurde es im Finale für das sehr zeitgeistige „Better Love“ nur ein undankbarer 21. Platz.

Ungute Erinnerungen kommen hoch.
Bei dem Song würde ich heute noch weglaufen.

Gaby L
Gaby L
1 Stunde zuvor

Sehr interessanter Bericht, wusste gar nicht dass Gary Lux, Rykka und La Zarra auch aus Kanada stammten. Wieder was gelernt, vielen Dank dafür.😅

So gesehen hat Kanada ja eigentlich schon Erfahrung mit der Eurovision gesammelt, wenn auch nicht als direkter Teilnehmer. Fände es echt toll, wenn sie nächstes Jahr teilnehmen würden, am liebsten mit einem französischen Lied. Herzlich Willkommen.🤗🇨🇦

💪 Jakub 🇮🇱 dances אנה פרנק 🌪️ 🌅 💎
💪 Jakub 🇮🇱 dances אנה פרנק 🌪️ 🌅 💎
1 Stunde zuvor

Mein Göttergatte:
„Um Himmels willen, lass es …“

🤔 Wahrscheinlich hat er recht und es ist wirklich besser, wenn ich diesen gequirlten Quark nicht weiter kommentiere. 🙄

ESCFan2010
ESCFan2010
56 Minuten zuvor

OT:Kann man diese AI Links nicht abstellen.
Ich weiß, dass ich mich schon Gestern beschwert habe, jedoch nervt es bei jedem zweitem Absatz auf nicht vorhandene ESC-Tickets oder Prognosen für 2027 hingewiesen zu werden.

So macht das Lesen keinen Spaß

Sash
Sash
48 Minuten zuvor
Reply to  ESCFan2010

Gestern wars bei mir weg…heute wieder da. 😤

Nils
Nils
51 Minuten zuvor

Ein sehr starker, aufschlussreicher Artikel. Die Intervision hatte ich als möglichen Grund tatsächlich gar nicht auf dem Schirm, aber kann natürlich schon sein.

Geri
Geri
47 Minuten zuvor

Was heisst für österreichische Verhältnisse?
Merkwürdiger Beitrag.

Sash
Sash
44 Minuten zuvor

Leider tritt Nelly Furtado nicht mehr auf.
Sie würde eine schöne Brücke verkörpern von Portugal, wo ihre familiären Wurzeln liegen, nach Kanada.
Zum Einstieg braucht es entweder einen großen Namen oder einen verdammt guten Song.

Jorge
Jorge
4 Minuten zuvor

Super Überblick mit einigen Bonusinfos und Einordnung. 👍 Ich sehe Autorivision in diesem Fall aber weniger als Leitkuh der Elefantenherde, vielleicht doch eher Trump mit seiner repressiven, antimultilateralen Politik und der Liquidierung der US-Softpower.

Bin selbst ohnehin in der Pro-Kanada-Fraktion, vor allem weil die ESC-Werte keine Frage des Kontinents sind.

Die Fragen unter dem Artikel sind aber etwas strange. Diva? Französisch? Vorentscheid? Sind ja nicht gerade die Kernfragen.

Last edited 48 Sekunden zuvor by Jorge
Schorschiborsch
Schorschiborsch
1 Minute zuvor

Noch mehr Infos aus der Nerd-Schatulle: Die Gruppe Janz, die 1981 in der deutschen VE den sehr hübschen Titel „Steine“ sang, hat auch kanadische Wurzeln. 🙂