SWR-ESC-Chef Clemens Bratzler: Volle Breitseite von Stefan Mross nach „Immer wieder sonntags“-Aus

Clemens Bratzler – Foto: SWR / Alexander Kluge

Nicht nur die politische Landschaft in Deutschland hat sich am vergangenen Wochenende fundamental verändert, auch die Unterhaltungs- und Schlagerszene erlebte eine kleine Erschütterung (no pun intended). Es gab einen sonntäglichen Moment von Authentizität beim ESC-Sender SWR. Das Gesundbeten, was nach einem miserablen 23. Platz für Sarah Engels beim ESC in Wien noch einigermaßen glimpflich durchgegangen ist, funktionierte beim Abschied von der Schlagershow „Immer wieder sonntags“ nicht.

Die vom SWR verantwortete Unterhaltungsshow „Immer wieder sonntags“ (IWS), die es seit 1995 gibt, wurde am Wochenende vom SWR „off air“ genommen – offiziell aus Sparzwängen und „strukturellen“ Gründen, weil immer weniger Leute lineares Fernsehen schauen würden. Ungeachtet dessen hat „Immer wieder Sonntags“ bei fairer Betrachtung bis zuletzt stark performt. Bei durchschnittlich 1,26 Mio. Zuschauern erzielte das Format für einen Sonntagvormittag beachtliche 17% Marktanteil.

Während der SWR am Sonntagnachmittag eine kitschige Verklärung der ruppigen Abschieds veröffentlicht („Traumfinale“), berichtet BILD unverblümt von einem emotionalen und temperamentvollen, gut inszenierten Rant von Moderator Stefan Mross auf der SWR-Abschiedsparty nach der Liveshow. Stefan Mross, dem man unverstellt ein bewegtes berufliches und persönlichen Wirken attestieren darf, moderiert IWS seit 2005, also seit 21 Jahren.

Die BILD-Insights gehen inzwischen viral und sind längst in die etablierten Medien außerhalb des Boulevards übergeschwappt. Berichtet von der SWR-Abschiedsparty hat in BILD übrigens Mark Pittelkau, der auch die ESC-Berichterstattung der Tageszeitung maßgebend verantwortet.

Sowohl SWR-Intendant Kai Gniffke als auch SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler waren beim Abschieds-Sektempfang nach der Finalshow (u.a. mit Peggy March) zugegen und fanden die bei solchen Anlässen üblichen warmen Worte. Was soll man auch sagen, wenn man ein Senioren-Erfolgsformat gekillt hat, um das eingesparte Geld in ungenannte „neue digitale Unterhaltungsformate“ umzuschichten.

Es ist ganz erfrischend, wenn der Verantwortliche für das Aus, welches wir hier nicht bewerten wollen, für seine salbungsvollen, pathetisch-unpassenden, ich-fokussierten Worte „Das lässt mich auch als Programmdirektor nicht kalt“ nicht nur Applaus erntet. So ein Satz ist halt schnell formuliert und kostet nix. Stefan Mross war genervt auf aufgebracht.

Zunächst richtete Herr Mross kritische Worte an den Intendanten und klassifizierte dessen Abschiedsworte als „Bestattungsrede“: „Und bei jedem Negativen haben Sie geklatscht, ich weiß nicht warum. Ich habe in den letzten Monaten nie ein negatives Wort verloren über den SWR oder die ARD, weil das Positive überwiegt, auch wenn man sich trennt.“

Nicht weniger Kritik musste anschließend SWR-Programmchef Clemens Bratzler einstecken, der ESC-seitig zuletzt vor allem dadurch aufgefallen, zunächst das merkwürdige 3-aus-9-Finalvoting-System als auch das Ergebnis in Wien schönzureden. Während das Feuilleton von der Rückkehr ins „Eurovisions-Elend“ spricht, meinte Herr Bratzler lapidar: „Unser Team hat großartig gearbeitet.“

Clemens Bratzler durfte und musste Stefan Mross im März mitteilen, dass sein Format „Immer wieder Sonntags“ eingestellt wird. Insofern konnte er damit rechnen, dass Stefan Mross nicht begeistert ist, wenn er sein Abschiedspathos übertreibt.

Stefan Mross wendete sich also nach der Abrechnung mit dem Intendaten direkt an Clemens Bratzler:

„Clemens, ich glaube, du hattest mal eine sehr unerfolgreiche Fernsehshow. Für mich kam es so rüber als wäre das mit mir eine kleine Rache-Aktion von dir. (…) Das soll kein Vorführen sein hier, Clemens. Ich wurde auch vorgeführt! Es hieß überall, du hast mich rausgeschmissen. Ja, es war so! Aber nicht nur mich, Ihr habt ein ganzes Format gestrichen. Und jetzt singt Ihr hier eine Stunde lang Lobeshymnen, wie toll diese Sendung ist. Ich habe dir die Frage gestellt: Was bringt Ihr nächstes Jahr sonntags um 10.03 Uhr? Da hat Clemens zu mir gesagt: ,Wahrscheinlich Wiederholungen von ,Immer wieder sonntags’.“

In der Tat, für den nächsten Sonntag hat der SWR eine „Best Of“ Sendung von IWS angekündigt. Ein Schelm…

Clemens Bratzler will sich verteidigen, erntet aber nur Buhrufe vom IWS-Team, dessen Stimmung Stefan Mross besser einschätzt:

„Ich wollte heute eigentlich gar nicht auf diesen Empfang kommen. Aber ich bin es meinem Team schuldig, das seit fast 22 Jahren hier Hand in Hand mit mir gearbeitet hat. Da kann uns der Rest am A…. lecken! (…) Ich werde jetzt diesen Raum verlassen, weil es hier drinnen zu viel negative Energie ist. Aber das gilt nicht für mein Team, Ihr wart die Besten!“

„Times, they are changin'“ sang Nobelpreisträger Bob Dylan schon 1964. Und die Überlegungen, die die SWR- und ARD-Programmplaner anstellen, sind legitim. Dennoch ist es aus der subjektiven Sicht des Chronisten in diesem Beitrag ganz inspirierend, wenn das übliche Gesalbe mal auf einen Reality Check bekommt. Es gibt sie noch, die wahrhaftigen, unverblümten Reactions. „Mein Team und ich sind alle traurig und die feiern sich?“, fragt Mroos die BILD.

Wie seht Ihr das? Habt Ihr Verständnis für den Rant von Stefan Mross? Und glaubt Ihr, dass Clemens Bratzler die sonntägliche Grenzerfahrung spurenlos verarbeitet? Sagt es uns in den Kommentaren.



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3 Comments
Delta
Mitglied
Delta
2 Stunden zuvor

Morgen könnte „Immer wieder Sonntags“ kaum egaler sein. Was hat das ganze mit dem ESC zu tun?

sam1
sam1
2 Stunden zuvor
Reply to  Delta

,,Was hat das ganze mit dem ESC zu tun?“

,,Immer wieder Sonntags“ wurde auch wegen dem ESC eingestellt. Clemens Bratzler hat nämlich von Anfang an klar gemacht, dass sie an anderen Stellen und Formaten sparen müssen, wenn sie den ESC übernehmen. Und nun ist also ,,Immer wieder Sonntags“ diesen Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen. Der ESC wird zwar vom SWR nicht als Grund genannt, aber man muss nur 1 und 1 zusammenzählen.

Last edited 2 Stunden zuvor by sam1
funtasticc*
Mitglied
funtasticc*
1 Stunde zuvor

IWS war die einzige Unterhaltungssendung bei den Öffis, wo noch Stars „von früher“ auftreten konnten, deren Zielgruppe Senioren sind. Der ZDF-Fernsehgarten hat sich ja schon längst von volkstümlicher Musik verabschiedet und beim Flori Silbereisen findet das auch nicht statt.

Für diese Interpreten wird es nun noch schwerer, überhaupt noch eine Rolle im linearen Fernsehen zu finden.
Ich bin auch kein Fan solcher Musik, aber hier wird wieder am falschen Ende gespart… Hauptsache, man kann das Geld für immer teurer werdende Sportveranstaltungen ausgeben.
Ich glaube nicht, dass der ESC bzw. die Vorentscheidung der Grund für diesen Schritt ist, dafür wird das ganze zu billig produziert.
Ich frage mich nur, was dann zukünftig überhaupt noch in der ARD angeboten wird… nur noch Wiederholungen von irgendwas?