100% Televoting in den Semis: Welche Beiträge wären so in den vergangenen Jahren ins ESC-Finale eingezogen? (Teil1)

Bild: Janerik Henriksson / SCANPIX/ AFP

Nach 13 ESC-Ausgaben, in denen die Halbfinals zu jeweils der Hälfte per Jury- und Televoting entschieden wurden, kommt nächstes Jahr eine überraschende Änderung auf uns zu. Wie die EBU bekannt gegeben hat, werden die ESC-Halbfinalergebnisse ab sofort zu 100% vom Televoting bestimmt. Aber ändern sich die Ergebnisse dadurch wirklich so stark? Wir werfen einen Blick in die Vergangenheit…

Zuvor noch ein paar Punkte, die es bei dieser Statistik zu beachten gibt. Zum einen wird in beiden Halbfinals (genau wie im Finale) auch ein „internationales Voting“ ab 2023 hinzugezogen. Zuschauer:innen aus Ländern, die nicht am ESC teilnehmen, können hierbei – laut EBU per sicherem Identifizierungs- und Bezahlmodus – online abstimmen. Da es ein solches Voting noch nie gab, kann das in jegliche Prognosen natürlich nicht miteinbezogen werden.

Außerdem hat die EBU auf der offiziellen Homepage verkündet, dass eine Liste der Länder, die online mitvoten dürfen, „noch bekannt gegeben“ wird. Das deutet darauf hin, dass wohl doch nicht User aus ALLEN Länder der Welt mitvoten können. Ob also beispielsweise nur Russland oder auch andere Länder vom Online-Voting ausgeschlossen werden, bleibt abzuwarten. Auch eine Begrenzung nur auf EBU-Mitgliedstaaten (insgesamt 73) wäre denkbar.

Zu guter letzt eine Info, die gestern erst nachträglich folgte: die Länderjuries, die im Finale weiterhin zu 50% entscheiden, werden auch in den Halbfinals als Back Up mitabstimmen. Im Falle eines Televoting-Ausfalls könnte so die ein oder andere Jury also doch mitvoten.

Jetzt starten wir aber mit dem eigentlichen Thema: Welche Songs wären seit 2009 bei reinem Televoting in das ESC-Finale eingezogen und welche stattdessen rausgeflogen?

2009

Beim ESC in Moskau stimmte erstmals seit Jahren wieder eine Jury beim ESC mit ab. Hierbei schafften es in den beiden Semis 9 von 10 Beiträgen durch reines Televoting ins Finale. Nur der zehnte Beitrag wurde jeweils von den Jurys ausgewählt. So kam es, dass die Songs aus Finnland („Lose Control“ von Waldo’s Peaople) und Kroatien („Lijepa tena“ von Igor Cukrov feat. Andrea) ins Finale einzogen, während die Televoter im 1. Halbfinale Mazedonien („Nešto što kje ostane“ von Next Time) und im 2. Halbfinale einen Song über Schuhe aus Serbien („Cipela“ von Marko Kon & Milaan) weiter vorne sahen.

2010

Im Lena-Jahr gab es erstmals die 50/50-Gewichtung in den Halbfinals. Und es könnte tatsächlich sein, dass wir es im entfernten Sinne den Jurys zu verdanken haben, dass wir so viele 12 Punkte im Finale von Oslo bekamen. Die Zuscher:innen wollten damals beispielsweise den folkloristischen Beitrag aus Finnland („Työlki ellää“ von Kuunkuiskaajat; sogar auf dem sechsten Platz!) eindeutig im Finale haben, während im Endeffekt – wegen der Jurys – Bosnien und Herzegowina („Thunder and Lightning“ von Vukašin Brajić) in Semifinale 1 weiterkam.

Zudem hätte es ohne Jurys nie das erste und bislang einzige Aus der Schweden („This Is My Life“) in einem ESC-Halbfinale gegeben. Das Televoting sah Anna Bergendahl nämlich, genau wie InCulto („East European Funk“) aus Litauen im Finale. Durch die Jurys kamen aber der israelische Beitrag („Milim“ von Harel Skaat) und Niamh Kavanagh („It’s for You) aus Irland im zweiten Semifinale weiter. Die restlichen Baltikum-Staaten Estland und Lettland hätten dadurch immerhin Litauen im Finale gehabt und eventuell hoch bepunktet. Aber auch Länder aus Skandinavien hätten die ein oder anderen 12 Punkte möglicherweise, statt an Lena, an Schweden und Finnland verteilt. Hätte, hätte, Fahrradkette…

2011

Ähnlich wie bei Anna Bergendahl und Schweden wäre auch die Türkei („Live It Up“ von Yüksek Sadakat) kein einziges Mal durchs Raster gefallen, wenn 2011 bereits alleine das Televoting über die ESC-Finalisten entschieden hätte. Sie hätte es (wenn auch nur ganz knapp) genauso wie „Boom Boom“-Armenien (Emmy) und „Haba Haba“-Norwegen (Stella Mwangi) geschafft. Durch die 50%-Gewichtung der Jurys konnten stattdessen Evelina Sašenko aus Litauen („C’est ma vie“) – wohlbemerkt auf Platz 1 (!) im Juryvoting – sowie die Schweiz („In Love For A While“ von Anna Rossinelli) und Serbien („Čaroban“ von Nina) vom ersten Semifinale ins Finale einziehen.

Auch im zweiten Halbfinale waren sich Zuschauer:innen und Jurys uneinig. Allerdings nur bei einem Beitrag. Das fragwürdige „I love Belarus“ von Anastasiya Vinnikova aus Belarus wäre statt Getter Jaani „Rockefeller Street“) aus Estland weitergekommen, wenn nur das Publikum gewählt hätte.

2012

Und noch eine ESC-Qualifikationsrate würde heute anders aussehen, wenn 2012 nur das Publikum bestimmt hätte. Aber wir fangen vorne an: im ersten Halbfinale von Baku hätten es die Jungs von Sinplus („Unbreakable“) für die Schweiz ins Finale gepackt. Stattdessen kam mit Hilfe der Jury Ungarn („Sound of Our Hearts“ von Compact Disco) ins Finale.

Im zweiten Semifinale gab es mehr Unterschiede. Das Publikum hätte tatsächlich dafür gesorgt, dass es die Niederlande nicht erst ein Jahr später, sondern schon hier mit Joan Franka „You and Me“) nach sieben Jahren wieder ins Finale geschafft hätten. Auch Bulgarien („“Love Unlimited“ von Sofi Marinova) hätte es gepackt. Stattdessen setze die Jury die beiden Beiträge, gemeinsam mit Qualifikant Tooji „Stay“) aus Norwegen, tatsächlich auf die letzten drei (!) Plätze des Semifinals. So kamen im Endeffekt Malta („This Is The Night“ von Kurt Calleja) und Ukraine („Be My Guest) von Gaitana weiter. Richtig gelesen: die Ukraine hätte ohne die 2012er-Jury keine perfekte Qualifikationsrate mehr!

2013

Das Votingsystem 2013 war… anders. Die EBU verlangte zum ersten Mal von allen Juror:innen ein Gesamtranking von allen teilnehmenden Beiträgen anzufertigen. So wurden erstmals sowohl von Jurys als auch dem Televoting alle 26 Songs (im Finale) bewertet und auch in den Halbfinals der Durchschnittsplatz (bei beiden abstimmenden Gruppen) ermittelt. Erst anschließend wurden diese Daten in die üblichen Punkte umgewandelt. Die EBUhat nie alle gesplitteten Ergebnisse per Land veröffentlicht, sondern nur einen Gesamtdurchschnitt für die Platzierung im Tele- bzw. Juryvoting. Auch hier gab es drastische Unterschiede in den Votings.

Moldau („O mio“ von Aliona Moon) und Estland („Et uus saaks alguse“ von Birgit) wären bei reinem Televoting im ersten Halbfinale kleben geblieben. Stattdessen sah das Publikum die rappenden Astronauten aus Montenegro („Igranka“ von Who See ft. Nina Žižić auf Platz 4!) ganz eindeutig im Finale. Auch Kroatien („Mižerja“ von Klapa s mora) hätte es so geschafft. Übrigens hätte die Jury Natália Kelly aus Österreich auf dem 5. Platz ins Finale geschickt.

In Halbfinale 2 gab es auch riesengroße Meinungsverschiedenheiten. Die Zuschauer:innen sahen sowohl Takasa aus der Schweiz („You and Me“) als auch den Beitrag aus Bulgarien („Samo shampioni“ von Elitsa Todorova und Stoyan Yankulov) eindeutig im Finale. Da die Jurys beide Songs auf die letzten Plätze (!) setzte, wurde daraus aber nichts. Stattdessen kamen die unspektakulären Songs aus Armenien („Lonely Planet“ von Dorians) und Georgien („Waterfall“ von Nodi Tatishvili und Sophie Gelovani) weiter.

Es zeichnet sich also bereits hier ab, dass Beiträge, die etwas „ungewöhnlich“ klingen und oft auch nicht rein auf die stimmlichen Fähigkeiten ausgelegt sind, mit reinem Televoting weiter gekommen wären. EBU-Mitglied Sieste Bakker sagte jedoch bereits, dass es „nur minimale Unterschiede“ beim reinem Televoting in den Halbfinals geben werde. Zwar ist es eher unwahrscheinlich, dass viele der oben genannten Beiträge es in die Top 10 des ESC-Finales geschafft hätten; aber mit jährlich drei oder vier Songs, die zwischen 2010 und 2013 den Finaleinzug geschafft hätten, hätten viele ESC-Endrunden deutlich anders ausgesehen. Wie groß die Unterschiede ab 2014 waren und was sich daraus ggf. ableiten lässt, lest Ihr im kommenden zweiten Teil.

Findest Du auch, dass es mit reinem Televoting nur „minimale Unterschiede“ bei den Qualifikanten gegeben hat und geben wird? Welche Beiträge der oben genannten Televoting-Qualifikanten hättest Du gerne im Finale gehabt? Diskutiere gerne mit.


36 Kommentare

  1. „Zudem hätte es ohne Jurys nie das erste und bislang einzige Aus der Schweden („This Is My Life“) in einem ESC-Halbfinale gegeben.“

    Rick, du hast 2008 vergessen. Auch dort gab es schon einen Jury-Qualifikanten pro Semi. Unter anderem: Schweden! Die Jurys haben Schwedens Semifinal-Aus also lediglich etwas verzögert.

    Es wäre übrigens stattdessen Mazedonien weitergekommen.

    • Hallo 🙂
      der Satz war tatsächlich nur auf 2010 bezogen und eher so gemeint, dass es nie ein Schweden-Aus gegeben hätte, wenn explizit 2010 (!) keine Jury mitabgestimmt hätte.

      Dass ich 2008 vergessen hab, ist aber absolut richtig. Das wird im zweiten Teil natürlich noch nachgetragen! Danke dir.

  2. Ich habe einen Fehler entdeckt bei Zudem hätte es ohne Jurys nie das erste und bislang einzige Aus der Schweden („This Is My Life“) in einem ESC-Halbfinale gegeben. Steht bei Schweden der.

  3. Hm, 2012 muss man den Jurys für das Verhindern von Joan Franka fast schon dankbar sein. Wer weiß, ob wir ansonsten ein Jahr später Anouk bekommen hätten. Womöglich hätte man sonst das Vorentscheidformat aus 2012 wiederholt.

  4. Als „emotionaler Italiener“ hat es mich natürlich interessiert wie denn das Televoting Schweden gegen Italien beim ESC 2015 in Wien ausging und wie das in der ESC-Bubble bewertet wird.

    Wer möchte kann Mal in der Google-Suchleiste „Il Volo die wahren Lieblinge des Publikums – eingeben oder gleich ganz oben http://www.eurovision.de. Man stößt schnell auf einen Kommentar von Jan Feddersen. Der sagte folgendes und ich füge gleich hinzu, er lag mit seiner Prognose Lichtjahre daneben:

    Zitatanfang:
    „Nicht jedoch waren die Jurys wieder zum Leben erweckt worden, um die Hitpotenziale von Liedern abzuschwächen. Dass „Grande Amore“ eine Art Sommerhit Europas werden könnte, liegt auf der Hand – dass der „Heroes“ singende Schwede ein Darling der Musikindustrie sein würde, auch. Es ist schade, dass das Expertentum wieder so einen Rang bekommen hat, das echte Publikumslieblinge nicht zur Geltung kommen lässt. Jede Wette: „Heroes“ wird kein echter Hit, „Grande Amore“ hingegen ein starker. Es könnte Zeit für die European Broadcasting Union sein, das System der Jurymacht wenigstens auf ein Viertel einzugrenzen.“ (Zitatende)

    In folgenden Single Charts sah es im Jahr 2015 für Il Volo mit „Grande amore“ so aus:
    DE Platz 54; AT 5; CH 19; IT 1; ES 24

    Für Mans Zelmerlöw hingegen so:
    DE 3; AT 1; CH 1; UK 11; SE 1

    Ich habe Il Volo wirklich die Daumen gedrückt, mit ihnen gefiebert und bedaure es heute noch, dass sie den ESC 2015 nicht gewonnen haben.

    Aber eine Eingrenzung der Jury wie sie Jan Feddersen gefordert hat ist falsch. Der ESC 2015 in Wien ist für mich ein sehr gutes Beispiel, dass das Juryvoting nicht eingeschränkt gehört. Wenn eine Jury mit fachlich kompetenten Leuten besetzt ist, dann finde ich ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass deren Punktevergabe und der Erfolg in vielen Single-Charts näher an die Realität herankommt, als es bei einem übermächtigem Televoting der Fall ist.

    Andererseits: Es gibt das beste Beispiel von Maneskin ! Sie haben dank dem Televoting gewonnen und setzen was internationale Chart-Erfolg und internationale Auszeichnungen betrifft Maßstäbe auf höchstem Niveau ! 😀

    • Abgesehen davon, dass ich immer noch nicht ganz weiß was „fachlich kompetent“ in Bezug auf so etwas Subjektives wie Musik überhaupt bedeuten soll (um herauszufinden ob Töne getroffen werden, reicht ein Computer), möchte ich bei dieser Gegenüberstellung anmerken, dass ich die Vergleichbarkeit in den Charts zwischen Italien und Schweden nicht hundertprozentig sehe. Schweden konnte immerhin bei der Vermarktung davon profitieren, ein ESC-Gewinner zu sein, Italien nicht. Außerdem ist Italien eher ein Bühnensong, während Schweden auch wunderbar zum Nebenbeihören funktioniert, im Airplay bekommen kann, was dann womöglich weitere Verkäufe einbringt. Von daher weiß ich auch nicht, wie Herr Feddersen überhaupt auf die Idee gekommen ist, dass „Grande Amore“ Sommerhitpotential hätte.

      • Danke für deine super Antwort. Ich stimme mit dir vollkommen überein ! 👍 👍 👍

        Zu deiner Frage was ich oder man unter „fachlich kompetent“ verstehen könnte, versuche ich es Mal so zu sagen:

        Ich möchte auf jeden Fall niemand in der Jury, der mit seinen eher mäßig erfolgreichen Singles in den Charts und Streams nur seine eigene Karriere im Blick hat oder einen Betreuer (m/w/d) einer Casting-Show, der die Karriere seines ehemaligen Schützlings fördern möchte, um einen Teil des möglichen Ruhmes abzubekommen.

        Als Beispiele für fachlich kompetent denke ich daher an einen bspw. Violinenspieler (m/w/d) aus der Elbphilharmonie oder oder einen Eventmanager (m/w/d) eines großen Festivals wie das Hurricane Festival in Scheeßel oder Rock im Park in Nürnberg. Es gibt bestimmt noch viele andere Beispiele. wie Universitätsprofessoren (m/w/d) für Musik / Musikwissenschaft u.s.w.

  5. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass die Jurys -zumindest mit dem aktuellen Konzept- komplett verschwinden sollen!
    Der „große“ Grund, weshalb die Jurys wieder eingeführt wurden, war ja hauptsächlich dieser, dass sich (gut befreundete) Länder nicht mehr so sehr gegenseitig Punkte zuschieben können. Diese Tatsache konnte das Juryvoting aber nicht verhindern, denn die Jurys haben ja das selbe gemacht! Es tut mir Leid für alle Jurymitglieder in den letzten Jahren, welche wirklich professionell abgestimmt haben und sich somit auch nur auf die Musik (und nichts anderes) konzentriert haben, aber so müssten halt dann auch die Jurys aus ALLEN Ländern sein!

    Ganz besonderes fallen die Jurywertungen beim JuniorESC ins Gewicht, da es dort eben weniger Teilnahmeländer gibt und somit die Jury eines einzelnen Landes mehr „Macht“ hat. Außerdem sind hier die osteuropäischen Ländern nach wie vor in der Überzahl.
    Man braucht nur den JESC vom letzten Jahr als Beispiel zu nehmen. Dort gab es nämlich für den sehr schwachen Song (sowie auch noch eine sehr minimalistische Performance) von Aserbaidschan sehr hohen Juryzuspruch (4. Platz nach Juryvoting), während im Zuschauervoting Aserbaidschan nur den 15. Platz (von 19) erreichen konnte.

    Kleines JESC Off-Topic: Rosa Linn ist für den diesjährigen JuniorESC (11. Dezember) als Intervall-Act eingeplant!
    https://eurovoix.com/2022/11/24/junior-eurovision-2022-malena-rosa-linn-interval-acts/

    • Um zukünftige Manipulationen bei einer Jury zu verhindern bin ich schon lange dafür, dass bei einer Manipulation die jeweilige nationale öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt eine Geldstrafe bezahlen soll, die sich gewaschen hat.

      Wenn diese Geldstrafe nicht pünktlich bezahlt werden sollte, soll das Land für die nächsten fünf Jahre einfach nicht mehr beim ESC teilnehmen dürfen Und wenn ich pünktlich meine dann meine ich auch pünktlich. Das fünfjährige Teilnahmeverbot beim ESC gilt dann auch bei einer Geldüberweisung nach der gesetzten Frist.

      Die gesetzte Frist für die Geldüberweisung muss natürlich ein sehr kurzer Zeitraum sein.

      • Bei eine hohen Geldstrafe bin ich bei dir. Aber ein Teilnahmeverbot und dann gleich 5 Jahre…hui, heftig. Da denke ich eher an die zahlreichen Künstler, Songwriters etc. die im Grunde mitbestraft werden.

      • Das Problem ist ja nicht, eine mögliche Manipulation zu erkennen, sondern Sie zu beweisen. Die EBU redet daher ja auch nur von „auffälligen“ Jury-Ergebnissen und nicht von „gezielten Manipulationen“. Der Unterschied ist, dass man beim letzteren eine unfaire bzw. kriminelle Motivation attestiert, die man dann auch beweisen müsste. Und wie soll man das bitte machen? Die ESC-Jurys schreiben ja nun kein Protokoll ihrer geheimen Hinterzimmer-Gespräche.

        Deshalb finde ich den Weg, die Jurys im Semifinale zu entmachten auch sehr smart. Am Ende tauschen sich 2-3 Songs aus, die (so oder so) eher selten in die Top 10 kommen dürften (dafür braucht man Jurys und Televoter). Und Jury-Absprachen im Finale bringen weniger, weil einzelne Jury-Votings da nur eine geringe Macht besitzen.

      • @zwo.2:
        „Aber ein Teilnahmeverbot und dann gleich 5 Jahre…hui, heftig.“

        Als Jurist erzähle ich da jetzt kein großes Geheimnis. Zuerst im Vorfeld der Vertragsverhandlungen oder einer Satzungsänderung das Maximalste fordern und sich später bei den tatsächlichen Vertragsverhandlungen bzw. der tatsächlichen Satzungsänderung mit dem zufrieden geben, was man insgeheim ohnehin gefordert hat ist ein offenes juristisches Geheimnis. Ich denke, wenn es tatsächlich zu einer Satzungsänderung käme liefe es wohl auf ein Teilnahmeverbot von ein oder zwei Jahre hinaus. 😀

        Dass du ein relevantes Problem erkannt hast – und das ist wirklich ein Detailproblem mit großen Auswirkungen – sprich für dich. 😀

        @Frank B.:
        „Das Problem ist ja nicht, eine mögliche Manipulation zu erkennen, sondern Sie zu beweisen. Die EBU redet daher ja auch nur von „auffälligen“ Jury-Ergebnissen und nicht von „gezielten Manipulationen““

        Im Strafrecht muss für eine Täterüberführung ein glasklarer Beweis vorliegen. Da liegst du richtig.

        Im privaten Wirtschaftsrecht oder im öffentlich-rechtlichen Medien- und Wirtschaftsrecht dagegen reichen Indizien für ein Fehlverhalten aus. Deswegen wird im Strafrecht auch von einer kriminellen Handlung gesprochen, während in den anderen beiden Rechtsgebiete einfach nur von einem fehlerhaften oder falschen Handlung gesprochen wird. Im Strafrecht spricht man dann auch von einem Täter und in den anderen beiden Rechtsgebiete einfach nur von einem Anspruchsinhaber. Letztgenannter wäre die EBU, weil sie einen Geldanspruch fordert. Die jeweilige nationale Rundfunkanstalt ist der Anspruchsgegner, weil die EBU gegen sie ihren satzungsmäßigen Geldanspruch durchsetzen möchte.

        Allgemein formuliert. Wenn es strafrechtlich kriminell wird sind an einen Beweis ganz hohe Anforderungen zu stellen und außerhalb des Strafrechts dürfen die Anforderungen an einen Indiz auch gering sein.

        Aber dass du so differenziert denkst und zwischen einem klaren Beweis und einem Indiz unterscheidest finde ich klasse von dir. 😀

      • @Nils:

        Wen oder was meinst du denn mit Rohrkrepierer ? Die drei Italiener mit ihrem Son oder den Schwede mit seinem Song ?

        PS: Der kleine Ausflug nach „Juravision“ musste bei diesen beiden Steilvorlagen einfach sein. 😀

      • @ Timo1986

        Meinen hundsmiserablen Flachwitz, für den ich an dieser Stelle auch noch mal in aller Form um Verzeihung bitte.

      • @Timo: Dann vielen Dank für die Aufklärung, dass die EBU doch die rechtlichen Mittel haben könnte. Man lernt ja nie aus.

        Was man bei dieser Diskussion bzw. beim ESC im Allgemeinen nicht vergessen darf: Der ESC ist ja nur ein kleiner Teil der EBU-Arbeit, wenn auch der für die Öffentlichkeit sichtbarste.

        Der Sinn und Zweck der EBU ist ja in erster Linie der Austausch der Sender untereinander bzgl. Nachrichten-Bildern und auch der gemeinsame Rechte-Einkauf z.B. im Sport-Bereich ist ja auch noch ganz wichtig. Der ESC ist auch wichtig, aber am Ende will man sich auch nicht eine ganze Reihe eigener Mitglieder (also TV-Sender) vergraulen, weil man sich über den ESC zerstreitet. Da ist die Lösung mit den gestrichenen Jury-Wertungen der salomonischste Weg, um das Problem für 2023 nicht wieder intern hochkochen zu lassen.

        Selbst bei den russischen Sendern wollte die EBU im März ja nicht so schnell auf Distanz gehen (was dann am Widerstand anderer Länder schnell scheiterte). Einfach weil es interessant ist, in solch einem großen Land auf bestehende Senderkooperationen zurückgreifen zu können.

        Kurzum: Am Ende ist es eine Medienorganisation, die an viel mehr denkt als nur an unseren Lieblings-Musik-Wettbewerb. Und das darf man der EBU auch nicht krumm nehmen, da der ESC ja eher ein erfreuliches Nebenprodukt ist und nicht das Ziel der eigentlichen Unternehmung.

  6. Ich kann durchaus verstehen warum viele ESC-Fans gegen Jury-Wertungen sind. Ich finde, dass „Nur“-Publikumswertung zu emotional, zu euphorisch und zu länderbezogen wäre; die Dispora lässt grüßen. Hierfür gibt es auch zahlreiche Beispiele. Sonst kommen wieder nur SiegerInnen für einen Abend (für den Moment) hervor.
    Mir gefiel die 50/50-Mischung. Ich war damit bisher zufrieden.

    • Ich sehe es wie du: „Nur Jury“ bedeutet, dass die Musik ggf. für das Publikum uninteressant wird, „nur Televote“ fördert das Einreichen von Trash-Beiträgen. Daher empfinde ich auch die 50/50-Regelung gut.

      Aber: Der Grund der neuen Regelung liegt ja eher darin, dass die EBU die Manipulationsmöglichkeiten einschränken will bzw. nicht zu viel Zeit und Aufwand in die Bekämpfung stecken will (inkl. wahrscheinlich ausgiebiger interner Streitigkeiten). Am Ende bleiben ein paar künstlerische oder ruhige Songs im Halbfinale stecken, die aber im Finale ohnehin nicht in die Top 15 gekommen wäre. Da liegt der Nutzen für die EBU einfach höher, als dass man das Ergebnis grundlegend verändern würde.

      Außerdem freue ich mich persönlich auch einfach, wenn wieder ein paar „buntere“ Beiträge dabei sind, die das Finale einfach nochmal neben den vielen braven Pop-Nummern bereichern. Im Gesamtklassement werden auch die eher hinten bleiben, aber sie halten gerade die Leute, die nur das Finale schauen bei einer Show von über 4 Stunden eher interessiert als das 5. Lied von „ernsthafter“ Popmusik

  7. Es ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite kommen die Jurys ihrer Aufgabe inzwischen nicht mehr so gut nach wie früher, während das Publikum zusehends auch Abseitigeres, aber Qualitatives honoriert. Auf der anderen Seite hat aber halt auch das Publikum immer wieder böse Ausrutscher dabei (KEiiNO, Zdob so Zdub 2022), für die es das Korrektiv der Jury dringend braucht, bevor der ESC musikalisch wieder einen Schritt zurück macht.

    Gerade, wenn man an den unfassbaren Boost für „Trenuletul“ denkt, wird aber auch klar, dass die Startreihenfolge in allen Shows wieder komplett ausgelost wird. Alles andere Wettbewerbsverzerrung.

    • „dass die Startreihenfolge in allen Shows wieder komplett ausgelost wird. Alles andere Wettbewerbsverzerrung.“

      Das stimmt zu 100 %. Das Streichen der Startplatzauslosung war wirklich eine beiläufige Maßnahme, aber mit immensen ungerechten und unfairen Auswirkungen.

  8. BREAKING NEWS

    Am 19. Dezember werden offiziell die Wettbewerbsbeiträge der Teilnehmer vorgestellt. Dazu gibt es dann auch eine Pressekonferenz mit allen 18 Künstlern.

  9. Auf Eure Frage : „Welche Beiträge der oben genannten Televoting-Qualifikanten hättest Du gerne im Finale gehabt ?“

    Ganz klar: „Igranka“ (Montenegro 2013).

    Ich mag auch das Amy McDonald-Plagiat von Schweden 2010, und auch Sofi Marinova (Bulgarien 2012) hätte es verdient gehabt.

    Alle anderen habe ich im Finale nicht vermisst. Das gilt besonders für Boom-Boom Chaka Chaka, Mizerja und You and me (furchtbare Songs m.E.)

    • igranka zustimmung – bei anna b. 2010 auch und da wäre uns dann später so manches machwerk aus der schwedischen trashpopmeloküche erspart geblieben.
      trotzdem sind das aber western von gestern – erst ab 2023 gilt die neue für mich bekloppte überflüssige neuregelung und dann wird der gefällige „poptrash“ (musikrichtung) wahrscheinlich (schon) dominieren,spätestens aber ab 2024.🤠

  10. Ich habe mich gefragt, welche Beiträge wären in das ESC-Finale eingezogen, hätte die EBU die Regelung von 2008/2009 beibehalten, d.h., die Top 9 vom Televoting, sowie der höchstplatzierte Beitrag der Jurys, der nicht in den Top 9 vom Televoting war.

    Da gibt es doch einige, folgende Unterschiede, zu der Auflistung von Rick hier:

    2010: Neben FIN, LAT und SWE hätte es auch Malta (My dream) geschafft.

    Nicht im Finale hätten wir MOL (Run away), BOS (Thunder and l.), CYP (Life looks better…) und IRE (It’s for you) gesehen.

    2011: ARM, NOR und BLR hätten es geschafft, aber die Türkei (Live it up) nicht.
    Nicht im Finale: SER (Caroban), SUI (Love for a while), EST (Rockefeller Street)

    2012: Lediglich BUL (Love unlimited) wäre im Finale gewesen. NED und SUI nicht.
    Raus: MAL (This is the night)

    2013: MTN, SUI und BUL hätten es geschafft, aber Kroatien (Mizerja) nicht.
    Raus: EST (Et uus…), FIN (Marry me) und ARM (Lonely Planet)

    Parallel zu Rick werde ich auch die folgenden Jahre auflisten. Ich hoffe, es interessiert jemanden. Ich liebe solche Vergleiche und Statistiken. Danke an Rick !

    • Vielleicht auch interessant:
      Wer hätte den 10. Qualifikations-Platz durch die Jurys erhalten:

      2010:
      Semi 1 : MAL (My dream)
      Semi 2. ISR (Milim)

      2011:
      Semi 1: LIT (C’est ma vie)
      Semi 2: AUT (The secret is love)

      2012:
      Semi 1: HUN (The sound of our hearts)
      Semi 2: UKR (Be my guest)

      2013:
      Semi 1: MOL (O mie)
      Semi 2: GEO (Waterfall)

  11. Wen hätte ich gern im Finale gehabt?

    2009 auf jeden Fall Marko Kon. Der mazedonische Beitrag ist okay, aber nicht mehr

    2010 Kuunkuiskaajat (deren Ausscheiden uns damals sogar einen eigenen Blogbeitrag wert war, allerdings noch in Unkenntnis der Tatsache, dass die Jurys das zu verantworten hatten: http://sixtussagtmiau.blogspot.com/2010/05/ein-blog-tragt-trauer.html). Die anderen beiden durften gern draußenbleiben, insbesondere im Falle von Schweden hab ich mich tierisch gefreut, dass das abgestraft wurde. Und vor allem hätte ich weder auf Harel (auch wenn er seinen Auftritt an die Wand gefahren hat) noch auf Niamh (dito) im Finale verzichten mögen.

    2011 Da tut es mir lediglich um Stella Mwangi leid, der Rest muss draußen bleiben. Getter hätte ich eigentlich auch nicht im Finale gebraucht, weil sie wirklich schlecht war, aber gut … „I love Belarus“ ist mindestens fragwürdig, aber in meinem Falle ein Very Very Guilty Pleasure. Haut mich doch.

    2012 WER HAT DIE UKRAINE INS FINALE GELASSEN UND WARUM???

    2013: Um O mie hätte ich getrauert. Aber: Ein Beitrag, der im Televoting auf Platz 4 kommt, muss ins Finale! Ende, aus! Und ja, auch die Sahnepilze hätte ich gerne drin gehabt, am liebsten anstelle des armenischen Reiseführers. Da hat man uns damals im Schatten der handverlesenen Startreihenfolge echt was richtig übles untergejubelt. Ich weiß es noch: Damals hatten sich alle darüber aufgeregt, dass die Startreihenfolge nicht mehr ausgelost wurde (ich wage jetzt mal die steile These, dass eine handgeklöppelte Startreihenfolge uns Baku 2012 erspart hätte …), aber die wirklich üble Änderung wurde kaum beachtet. Glücklicherweise hat man die ja dann drei Jahre später wieder einkassiert.

  12. Es ist der niemals endende, tiefe Schmerz und die Verbitterung über den Verlust von Igranka und Työlki Ellää, die meinen fanatischen Hass auf die Jurys bis ans Ende meiner Tage speisen wird.

  13. Ich bin und bleibe wohl ein Jurykind: Ich mag „C’est ma vie“ sehr, „It’s For You“ ist der einzige Song, für den ich je beim ESC abgestimmt habe, und „Et uus saaks alguse“ gehört zu meinen fünf liebsten ESC-Beiträgen der 2010er-Jahre. Ich hätte es sehr schade gefunden, wenn diese drei es nicht ins Finale geschafft hätten, zumal ich zu keinem durch die Jurys ausgeschiedenen in diesem Beitrag vorgestellten Acts einen großen Bezug habe (am ehesten noch zu Kuunkuiskaajat).

  14. Dass 2008 vergessen wurde, wurde bereits oben erwähnt.
    Ansonsten bin ich doch froh, dass Lijepa Tena und Milim gerettet wurden. Statt letzterem hätte ich auf Litauen verzichten können. Irland hätte ich jedoch nicht gebraucht.
    Rockefeller Street ist mein Zweiter von 2011, da bin ich den Juries wirklich mal dankbar, was selten ist.
    Ich wünschte mir wirklich, dass die Ukraine keinen perfekten Rekord hätte. Vielen Dank für nichts, Juries! Die Alternativen waren allerdings nicht besser. Was ist mit Slowenien und Portugal in dem Semifinale? Die hätten’s wirklich verdient.
    Die arme Schweiz! Was haben sie den Juries eigentlich getan? Das dritte Mal, dass sie von den Juries verhindert wurden, war für mich das schlimmste, aber dazu kommen wir später.

  15. Ich finde die Unterschiede in diesen Jahren größtenteils relativ einfach zu verstehen. Jurys stimmen eher für professionell gemachte und performte Balladen und haben nicht viel über für Spaßbeiträge und schwachen Gesang.

    Persönlich bin ich in den allermeisten Fällen bei der reinen Televoting-Variante, wobei ich auf Milim und O Mie nur sehr ungern im Finale verzichtet hätte.

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