Künstliche Intelligenz beim ESC 2024? San Marino sucht KI-Songs für kommende Vorentscheidung

Bild: Thomas Hanses/EBU

Dass das aktuell kleinste Teilnehmerland beim ESC immer offen für Innovationen ist, ist spätestens seit den öffentlichen Vorentscheidungen bekannt, die San Marino nutzt, um seinen Beitrag zu finden. Immerhin sind Bewerbungen aus ALLEN Ländern der Welt zugelassen, so auch 2024. Doch bei der kommenden Ausgabe von Una Voce per San Marino soll es jetzt eine weitere (noch nie dagewesene) Neuerung geben: Künstliche Intelligenz.

Wie im Aufmacherbild zu sehen ist, hat San Marino bereits 2018 für Aufsehen gesorgt, als kleine Roboter Teil der Performance zum Beitrag „Who We Are“ waren. Doch für kommendes Jahr geht man noch einen Schritt weiter: Der Sender SMRTV hat nun dazu aufgerufen, dass sich jede:r der/die möchte, für den Vorentscheid bewerben kann – egal ob man überhaupt musikalisch begabt ist oder nicht. Der Gedanke dabei: „Die KI wirds schon richten.“

Was erst einmal unglaublich klingt, wurde bereits genau durchdacht. SMRTV arbeitet hierfür kommendes Jahr mit dem Londoner Startup Casperaki zusammen, welches online KI-produzierte Musik anbietet. Hier kann mithilfe von vier imaginären „Produzenten“ (siehe unten) das perfekte Instrumental erstellt werden, wofür man nicht selbst Instrumente einspielen muss, sondern alles bereits vorproduziert ist. Die KI erstellt zudem auf individuelle Wünsche hin eine neue, komplett Komposition.

Die Casperaki-Produzenten – Bild: casperaki.com

Bis zum 15. Januar ist nun jeder kreative, musik-interessierte Mensch aufgerufen, über Casperaki Songs nach eigenen Vorstellungen erstellen zu lassen und für San Marinos ESC-Vorentscheidung 2024 einzureichen. Die Personen mit den besten Ideen werden Ende Januar zu einem Songwriting-Camp nach London eingeladen, bei dem sie ihre Einreichungen, also die KI-produzierten Songs, weiter verfeinern können. Für diese Zeit werden auch „echte Sänger:innen“ per Mail gesucht, die vermutlich die Demo-Versionen der Lieder einsingen. Casperaki bietet jedoch auch KI-produzierte Stimmen an.

Anfang Februar soll dann bekannt gegeben werden, welche der KI-Songs in der engeren Auswahl sind und einer dieser Songs bekommt dann tatsächlich – nach Bewertung einer Jury – einen Startplatz im Finale des Vorentscheids Una Voce per San Marino. Dieses ausgewählte Lied soll Mitte Februar bekannt gegeben werden und mit einem der „established acts“, also der vorqualifizierten etablierten Künstler:innen, gepaart werden und so dann Teil des Finales sein.

Auffällig ist, dass das Unternehmen Casperaki auf seiner Webseite, wie oben erwähnt, auch KI-Sänger:innen anbietet, die den erstellten Song automatisch singen. Da dies allerdings eindeutig gegen die EBU-Regeln verstoßen würde, kann man davon ausgehen, dass dieses Angebot am Ende nicht genutzt wird und stattdessen eben ein echter Mensch, vermutlich tatsächlich einer der etablierten, bekannten Acts, den KI-Song auf der Bühne live singen wird. Somit wäre ein solch erstelltes Lied regelkonform für den ESC!

SMRTV hat zudem bekannt gegeben, dass Ruggero Ricci (siehe oben) als Vocal Coach bei der „Auditions & Castings“-Phase des Vorentscheids eingesetzt wird. Er hat letztes Jahr selbst noch am Vorentscheid teilgenommen und soll den Teilnehmenden 2024 helfen, sich gesanglich perfekt für die Performances vor der Jury vorzubereiten. Falls das Casting in San Marino erfolgreich überstanden wird, geht’s in die Halbfinals. Ungefähr 16 Acts sollen hier für das Finale des sanmarinesischen ESC-Vorentscheids ausgesucht werden. Vermutlich nimmt auch Ikke Hüftgold daran teil.

Was hältst Du von San Marinos KI-Idee: Fortschrittlich oder total daneben? Könnten in der Vergangenheit bereits KI-produzierte Songs im ESC-Rennen gewesen sein, ohne dass es bemerkt wurde? Lass uns gerne Deine Meinung da.



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43 Comments
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Porsteinn
Mitglied
Porsteinn
2 Jahre zuvor

Dann geben wir mal ein: Partysong, guter Text, ohne Drogen, ohne Sex, Flötensolo. Der kann ja dann mit Ikke als established artist gepaart werden. 😉

Julian
Julian
2 Jahre zuvor

Ich bin gespannt was da raus kommt.

Nils
Nils
2 Jahre zuvor

Der PR-Coup ist auf jeden Fall geglückt. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass die Welt darauf gewartet hat.

ESC1994
ESC1994
2 Jahre zuvor

Also zumindest bei Georgien dieses Jahr hatte ich das Gefühl der Text sei von nee KI geschrieben wurde.😅

AI-Bernd
AI-Bernd
2 Jahre zuvor
Reply to  ESC1994

Wer kann schon Georgisch? Da muss es ja eine KI richten 😉

Rheez
Rheez
2 Jahre zuvor

Ist ein erstmal wirklich spannendes Projekt, wie es klingt und sich auf der Website von Casperaki liest. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dies PR-mäßig, aber auch musikalisch gerade einen Auswahlprozess wie den von San Marino aufwertet, vielleicht ja sogar enorm.
Prinzipiell stehe ich KIs aber eher kritisch gegenüber, zumal es hier ja auch noch um Kunst und geht. Auch um den Wert von Kunst, den Hintergrund, das menschliche an der Kunst. Aber Erfindungen werden erfahrungsgemäß auch genutzt, wenn sie einmal da sind bzw. zugänglich sind, somit war etwas vergleichbares nur eine Frage der Zeit. Im nächsten Jahr hätte ich allerdings noch nicht mit einem KI-Beitrag beim ESC gerechnet.

Yantras
Yantras
2 Jahre zuvor
Reply to  Rheez

Die KI wird kommen. Aber eher generische Songs hervorbringen. Echter Soul wird dabei nicht herauskommen. Zumindest nicht in den nächsten Jahren.

Thomas K
Thomas K
2 Jahre zuvor

Zum Thema letzte 32 für den deutschen Vorentscheid:
Bin gerade etwas überrascht nachdem ich nen Artikel de Kölner Stadtanzeigers gefunden habe:

https://www.ksta.de/region/rhein-erft/frechen/gloria-massamba-aus-frechen-nimmt-erste-huerde-fuer-den-esc-693203.

Das ist mir neu, dass der NDR einzelne Teilnehmer vor dem letzten Schritt bestätigt. Entweder wurden mehrere Peronen oder alle vorgestellt. Was ja auch schon ein paar Jahre her ist. Und warum nur sie? War sie die einzige die damit einverstanden war?

Yantras
Yantras
2 Jahre zuvor
Reply to  Thomas K

Es ist schon klasse, wenn sich Deutschland so international präsentiert. Das gefällt mir sehr und ist so finde ich absolut richtig. Malik war für mich ein Pseudo-Versuch und überhaupt nicht authentisch.

Ich befürchte gerade nur, dass die Werbemaßnahmen des Produzenten Früchte tragen. Und sie haben wohl einen direkten Draht zum NDR aufbauen können. Es ist hier oft kritisiert worden, dass externe Einflüsse von Labels und Produzenten die bisherige Entscheidung geprägt haben. Wir wissen ja, was dabei herausgekommen ist…

J. Freizeit
J. Freizeit
2 Jahre zuvor
Reply to  Thomas K

Ich glaube sie halten sich Wildcards offen, vielleicht ist sie eine davon… aber eigentlich ist das doch immer alles suuuper geheim, obwohl wir in den nächsten Wochen eigentlich erste Infos zu den teilnehmenden Künstlern erfahren dürften.

Jared
Jared
2 Jahre zuvor
Reply to  J. Freizeit

Wird das etwa ein Rückfall in alte Muster? Das Lied klingt doch genau nach dem Einheitsbrei den wir nicht wieder brauchen, da mag ihre Stimme noch so toll sein aber damit gewinnen wir keinen Blumentopf. Sorry no sorry.
Ich frag mich nur warum sie bereits vor 1 Monat eingeladen wurde und jetzt erneut damit an die Öffentlichkeit gehen darf. Steht unser Act etwa schon fest?
https://youtu.be/1mdFZEoXn8I?si=q1Cw8yPnHUDrqInz

Thomas K
Thomas K
2 Jahre zuvor
Reply to  J. Freizeit

@jared: dass sie unter den letzten 32 ist muss nicht bedeuten mit diesem Song. Theoretisch war jemand so aufmerksam und hat aus den puren Songeinreichungen einem für sie passenden gefunden.
Ich persönlich finde den Sound echt altbacken. Klingt nach Ende 80er Anfang 90er.
Das ist echt eine Krankheit in vermutlich jeder Saison aber ganz besonders in dieser. Soviel Beiträge bei denen man merkt, dass die KünstlerInnen einfach nur den Sound ihrer geilsten Zeit benutzen und die liegt meiste mindesten 10 Jahre zurück.

milkyway
milkyway
2 Jahre zuvor
Reply to  J. Freizeit

ich wette, dass das schon längst feststeht. es wäre schon skandalös, wenn die meisten der 700 bewerber von vornherein nur für pr und öffentlichkeitsarbeit missbraucht wurden.

aber vielleicht hat man ein paar auszubildende beauftragt, sich die einsendung mal kurz anzuhören. dass das nichts bringt, ist wohl selbsterklärend. sieht man übrigens auch hier. wir kennen nur einen kurzen ausschnitt des liedes und beurteilen es schon.

zu ihr: sie hat eine schöne stimme, aber ich finde die stimme leider viel zu dünn und charakterlos für eine ballade. schade. rita ora style könnte aber gut passen.

Der Thoddy
Der Thoddy
2 Jahre zuvor
Reply to  Thomas K

Thomas K – sie singt gut ….aber das ist doch kein gutes Lied für den ESC. Ist zu Anfang eine Ballade und wandelt sich dann zur Mid-Tempo Langweils-Nummer:

Thomas K
Thomas K
2 Jahre zuvor
Reply to  Der Thoddy

So sehe ich das auch. Man kann nur hoffen, dass sie einen anderen Song angeboten bekommen hat alternativ zum eingereichten Song.

Franz Diwischek
Franz Diwischek
2 Jahre zuvor
Reply to  Thomas K

Momentan kann ich den Online-Artikel des Kölner Stadtanzeigers nicht aufrufen. Hat möglicherweise der NDR eingegriffen und der unabgesprochenen Veröffentlichung dieser Information einen Riegel vorgeschoben?

Nils
Nils
2 Jahre zuvor

Tatsache … Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Aber da kannst du uns ja einen Einblick in die diesjährige Kommunikationspolitik gewähren: Hast du denn schon irgendeine Rückmeldung erhalten?

Yantras
Yantras
2 Jahre zuvor

Damit ist alles gesagt! Hinter den Kulissen wird also kräftig gemauschelt. Das ist schade für den deutschen ESC.

Franz Diwischek
Franz Diwischek
2 Jahre zuvor

@Nils:

Gerne gebe ich dir die Info: In all den Jahren habe ich nach ein paar Wochen meistens die allgemeingültige Absage-Mail erhalten, die in der Regel eine Formulierung etwa dieser Art enthält:
„Bitte nimm diese Absage nicht persönlich… Das Feld der Bewerber war nicht nur groß, sondern auch sehr stark.“
Ich bin mir sicher: Wäre ich in der engeren Auswahl, hätte ich längst davon durch Anrufe, Termine etc. erfahren. Also entspricht bis jetzt alles meinen Erwartungen.

Inge Periotte
Inge Periotte
2 Jahre zuvor

Naja, kann ja nur besser werden …

Timo1986
Timo1986
2 Jahre zuvor

Off-topic:

Die Quotidiano Nazionale – Ein Zeitungskonsortium überregionaler Tageszeitungen in der Lombardei (Hauptstadt Mailand), in der Emilia-Romagna (Hauptstadt Parma) und in der Toskana (Hauptstadt Florenz) – möchte in Erfahrung gebracht haben, dass Diodato von Amadeus KEINE Einladung erhalten hat beim Festival di Sanremo 2024 teilzunehmen.

Rheez
Rheez
2 Jahre zuvor
Reply to  Timo1986

Schade eigentlich. „Fai rumore“ war für mich der absolute Hammer.

Rusty
Mitglied
Rusty
2 Jahre zuvor
Reply to  Timo1986

Schade😟

Tamara
Mitglied
2 Jahre zuvor

Meine erste Reaktion bei der Lektüre des Artikels war „WHAT THE F*CK?!?“ Ist es auch immer noch. KI kann man machen, muss man nicht, es können schon durchaus ordentliche Songs dabei rauskommen, aber eben nur: Ordentliche. Daran, dass die KI jemals Exzellenz produzieren kann, glaube ich in 100 Jahren nicht. Aber wie hier schon jemand schrieb: Schicker PR-Coup. Und spielen lässt sich mit dem Ding allemal.

Der Thoddy
Der Thoddy
2 Jahre zuvor

Wo ist Ivy Quainoo wenn man sie mal braucht?

byJannik
byJannik
2 Jahre zuvor

Sehr spannendes Thema. KI ist gerade in aller Munde und bringt natürlich Vor- und Nachteile mit sich. Ich persönlich bin jetzt nicht unbedingt gegen KI-Kunst, weil ich sie so seelenlos oder gar schlecht finde, da sind auch immer wieder mal ein paar ESC-Songs nicht unbedingt besser *hust*. Aber wogegen ich bin und worin ich auch viel eher die Gefahr sehe ist etwas, dass man bei diesem Thema auf jeden Fall im Kopf behalten sollte, nämlich dass Delegationen aus Bequemlichkeit KI-generierte Lieder den von echten Menschen geschriebenen vorziehen könnten, einfach weil es leichter ist, als sich um einen Pool von Hunderten von Einsendungen zu kümmern. Weil es leichter ist, als sich mit Komponisten, Textern, vielleicht sogar Choreographen und, und, und auseinandersetzen zu müssen, die alle ihren Beitrag leisten und in den gesamten Prozess mit einbezogen werden wollen. Denn es spart natürlich einiges an Aufwand und Geld, die Delegationsgröße auf nur wenige Leute vom Sender und einen Künstler zu reduzieren, wenn der Rest von einer KI gemacht wird. Ich glaube nicht, dass alle Länder das tun würden, aber vor allem diejenigen, die mit Ressourcen zu kämpfen haben, könnten das Gefühl bekommen, dass sie sich für diese Maßnahme entscheiden MÜSSEN, da sie sonst nicht mehr mithalten könnten, gerade wenn man im Kopf behält das die Teilnahme am ESC in den letzten Jahren nicht gerade billiger wurde oder auch einfach weil sie denken: „KI ist gerade der heiße Scheiß!“ – das machen wir.
Also mir geht’s hier nicht unbedingt um die möglichen qualitativen Einbußen durch künstliche Intelligenz, sondern eher die um echten Künstler und Songwriter, die die Möglichkeit haben sollten, ihre Kunst, ihre Musik, beim Eurovision Song Contest 200 Millionen Menschen sehen zu lassen und denen diese eine Chance genommen werden könnte. Es geht darum, dass KI Menschen vorgezogen werden könnte, die ihr Talent für eine Karriere nutzen könnten. Die EBU muss dem deswegen unbedingt einen Riegel vorschieben, um zu verhindern, dass andere Länder diesem Beispiel folgen und menschliche Songwriter „ihre Stimme verlieren“. Selbst ein einziges Land, das tatsächliche Kunst zugunsten KI-generierter „Musik“ ablehnt, wäre eines zu viel.

Gaby
Gaby
2 Jahre zuvor

Na ja,… solange keine KI singt…

trevoristos
Mitglied
2 Jahre zuvor

Mal wieder ein längere Argumentationskette von mir ^^ ihr müsst stark bleiben, aber lesen 🙂

KI heisst im Grunde ja aus Bestehendem was ‚Neues‘ machen (ohne dass man sich nen Dreck um Copyright schert..).
Das hat es beim ESC und natürlich auch sonst in der Musikwirtschaft schon zur Genüge so ähnlich gegeben. Computerprogramme, die allerlei Vorgefertigtes liefern gibt es schon sehr lange (sei es Musik, oder Text).
Der Gesang muss allerdings von nem Menschen Live erbracht werden. Das kann eine KI nicht. Die kann nur noch bessere Hilfe zum Faken geben, als bisher. Es wird ja auch heute schon viel ‚gefaked‘.
Kompositions und Lyric-Hilfe Anhand KI wird breit kommen, und wird eh nicht nachweisbar sein.

Sehr wahrscheinlich wird KI auch im Live Bereich eingesetzt werden (Echtzeit-Stimm-Modulation usw). Es werden Leute auf der Bühne stehen, die eigentlich stimmlich nicht die Bohne können. Die Nichtskönner werden noch besser faken können, als heute. Ob es aber mehr sein werden, die trotz Nichts-Könnens Erfolg haben werden, das kann man nicht so ohne weiteres behaupten.

Eine der Hauptgefahren der KI ist u.a. im Bereich ‚Stimmenkopie‘ zu erwarten. KI Programme werden Stimmen bekannter Musikstars so gut imitieren können (bzw können das sogar jetzt schon), dass ein Unterschied zum Original nicht feststellbar sein wird. Ob solcherart von Fremden erzeugte Songs allerdings auf große Nachfrage stoßen werden ist die große Frage. Ob wer was von Frankie Sheran hören will, der sich 100% nach Ed Sheeran anhört ist die Frage. Ob solche Songs überhaupt freigeschaltet werden ist eine weitere Frage.

Allerdings könnten bekannte Stars geneigt sein durch KI ihre Veröffentlichungsfrequenz drastisch zu erhöhen. Sie könnten Songs unter ihrem Namen veröffentlichen, die sie selbst aber gar nicht eingesungen haben.

Klar wird sein, dass KI Musikproduktionen durchaus Erfolg haben können, so lange kein unabhängig kontrollierter Live Nachweis erbracht wird bzw ob Live überhaupt wen interessiert (das juckt manchmal die Leute nicht die Bohne). Stimmlich benachteiligte Personen könnten sich mit KI Hilfe noch leichter, als bisher, zu Knaller-Nachtigallen faken. Wenn das die Leute haben wollen, dann werden sie das bekommen. Selbst bei Live Konzerten könnte mit Leichtigkeit durch KI Hilfe in Echtzeit eine hohe Gesangsqualität simuliert werden, ohne dass es bemerkbar wäre. Würde im Endeffekt dazu führen, dass irgendwann in der Zukunft gelten wird: ‚virtually everbody can become a popstar‘ . Trotzdem wird halt auch in Zukunft nicht jeder Popstar werden (glaube z.B. ‚eher gutaussehend/interessant aussehend‘ muss man auch in Zukunft sein, so ’not really everybody..‘). Gibt halt nur 200 Positionen und nur eine Nummer 1 pro Woche.
Bei reinen Tonaufnahmen werden KI-Anwendungen ganz sicher bei vielen bald schon Hauptwerkzeug sein.

Andere große Hauptgefahr von KI Anwendungen wird sein:

Man könnte durch hohen Output mit KI Hilfe das derzeit geltende Vergütungsmodell zu seinen Gunsten Nutzen. Bezahlung erfolgt aktuell rein nach Masse. Die Schiere Menge der täglichen Veröffentlichungen verschiebt ja schon seit Jahren den Verdienstschwerpunkt in zunehmendem Tempo in die hintere Breite. Von den 100.000 Songs die angeblich täglich neu hochgeladen werden sind nur noch 4000 von Musiklabeln.
Meine schon 15% – 20% aller Audiostreams bei Spotify werden derzeit von Songs erbracht, die im Jahr weltweit weniger als 10000mal gestreamt werden. Davon gibt es dutzende Millionen und es werden jedes Jahr derzeit an die 2 bis 3 Dutzend Millionen mehr. Davon weniger betroffen ist die absolute Spitze, sondern der ‚obere Mittelbau‘.

Mit KI könnten der Songoutput ohne weiteres auf 10 Dutzend Millionen pro Jahr gesteigert werden bzw theoretisch wäre da sogar ein ‚UNENDLICH‘-Output möglich.
Es wird daher irgendwann zwangsläufig zu Vergütungsänderungen kommen müssen. Man könnte auch das nicht-aktive Abspielen von Playlists als ‚private Radioplays‘ geringer vergüten (so wie Radio), als explizit aktives Streaming (d.h. Play nach userindizierten Click bzw Play nach Wortsuche usw). 1 Mio Radiohörer eines Songs (= 1 Mio passive Audioplays) bringen zum Beispiel in Deutschland im Durchschnitt ca 30€ an Tantiemen.

KI könnte natürlich von Nutzen sein, den beim Audiostreaming zunehmend passiven Nutzer zu noch mehr Playlist-Streaming zu verleiten. Es gibt einen starken Trend zu Aufgaben- und stimmungszentriertem Musik Streaming unter Nutzung entsprechender Playlisten (die einzelnen gestreamten Songs spielen dabei für den Nutzer meist eine völlig untergeordnete Rolle). Inhalte für solche Listen könnten mit KI Hilfe massenhaft erstellt werden.

Aber:
Nur 0,4% der 2021 bei Spotify gemeldeten Künstleraccounts hatten im UK einen 60% Anteil am Audio-Streaming-Jahresaufkommen von insges 138 Mrd und erzielten jeweils mehr als 25K Euro Jahreseinkommen durch Streaming-Tantiemen. Ein weiteres Prozent erzielte 12 K bis 25K Jahreseinkommen. Ob reine KI Werke von ‚Musiktechnikklepnern, oder gar komplett Laien‘ wirklich in die Spitze werden eindringen können ist unklar. Kann sein, kann aber auch nicht sein.

Ahso so am Rande:
Künstleraccounts bei Spotify geben ein relativ genauen Einblick darüber, wer wie gezielt und oft die Songs eines Künstleraccount-Inhabers hört
Es gibt Audience Segments in der Datenübersicht:

1. Super listeners (User, die in den vergangen 28 Tagen absichtlich aktiv sehr häufig Songs des Künstler angehört haben).
2. Moderate listeners (User, die in den vergangen 28 Tagen gelegentlich bis oft absichtlich aktiv Songs des Künstler angehört haben).
3. Light listeners (User, die in den vergangen 28 Tagen 1 bis ein paar mal Songs des Künstlers absichtlich aktiv angehört haben).

es gibt zudem
active audience – Zahl der User die aktiv Songs des Künstler im vergangenen Monat angehört haben

und das auch allgemein veröffentlichte und weniger aussagekräftige
monthly listeners – Zahl der User die aktiv Songs angehört haben + Zahl der User die passiv (per Playlistabspielung oder Algorithmus gesteuertem Auto-Play) Songs des Künstlers im vergangenen ‚Monat‘ (d.h. 4 Wochen Zeitraum) gehört bzw ‚mitgekriegt‘ haben.

Leider geben die Dienste inkl Spotify der Öffentlichkeit diese Daten nicht raus und erstellen auch keine Charts, die ‚passives Hören von Playlists‘ rausgefiltert haben.

Fazit:
Nur sowas Unabhängiges, wie der ESC kann sicherstellen, dass tatsächlich live gesungen wird. Dieser Asset ist, meine ich, ein wertvolles Kernstück des ESCs. Das sollte man nur ganz vorsichtig dosiert und auch nur bis zu einem wirklich geringen Grad ändern.

marcomunetti
Mitglied
2 Jahre zuvor
Reply to  trevoristos

Wow, Respekt für diese kleine Dissertation (absolut nicht böse gemeint) 😅

Ich sehe es auch so, dass wir in naher Zukunft in vielen Bereichen Veränderungen haben werden dank KI. Dein Fazit, dass der ESC deshalb unbedingt live bleiben sollte, muss man als Fan einfach unterstützen. Ich würde sogar soweit gehen, dass der Instrumentelle Teil auch wieder live und nicht ab Band sein sollte.

Beim Thema der Stimmenkopie ist mir noch folgendes in den Sinn gekommen: Es gibt ja oft den Fall, dass ein Sänger einer Band nicht mehr Teil der Band ist (sei es wegen Krankheit, Streit innerhalb der Band oder Tod). Für mich als Fan wäre es ja eigentlich trotzdem toll, wenn ich dann neue Alben mit der Stimme des alten Sängers hören könnte. Als kleines Beispiel kann ich hier Nightwish nennen, wo Tarja Turunen nicht mehr Teil der Band war nach 2005 und ich schon mancherorts an Konzerten gehört habe, dass sich Fans einen neueren Song gerne mit ihrer Stimme angehört hätten. Oder stellt euch mal vor Loreen singt Cha Cha Cha und Käärijä macht einen auf Tattoo. Es wäre schon sehr amüsant. 🤣

trevoristos
Mitglied
2 Jahre zuvor
Reply to  marcomunetti

es wird mit Sicherheit eine Erweiterung des Copyrights auf ‚die Gesangsstimme/Stimme‘ geben. Das Recht ‚an der eigenen Stimme‘ ist derzeit nicht anerkannt. Nirgends. Jede menschliche Stimme ist einzigartig kann aber durch eine KI-Anwendung wahrscheinlich zu 100% imitiert werden und dadurch ihrer Einzigartigkeit vergleichsweise leicht beraubt werden. Allerdings könnte es natürlich KI Systeme geben, die gleiche, oder ‚zu ähnliche‘ Stimmen entdecken könnten.
Es wird diesbezüglich glaub ich eine komplizierte Regelung durch den Gesetzgeber auf europäischer Ebene geben müssen. zb hat man noch das Copyright wenn eine andere Stimme zu 99% ähnlich ist? Wieviele menschliche Stimmen gibt es die zb zu 99% ähnlich sind. usw usf.
Es könnten reichlich viele Rechtsstreitigkeiten ausbrechen (je nachdem wie gut ein Stimm-Copyright denn dann gesetzlich geregelt sein wird).
Auch ist das mit der Änderung der stimme über die Jahre und per Lebenswandel oder Erkrankungen ein ganz großes Problem. Das wird alles echt kompliziert werden.

Der Gesetzgeber muss unbedingt darauf achten, dass gute Sänger und Sängerinnen nicht am Ende die Gelackmeierten sind. Möglicherweise könnte es sogar auf lange Sicht dazu kommen, dass das Business-Modell ‚real Live‘-Singen bzw Tonträger-Besingen durch Menschen eine später mal melancholisch betrauerte historische Reminiszenz sein wird. Werden die Konsumenten entscheiden.

Grad so in so Fällen, wo sich im Streit getrennt wird, müsste man als Leadsänger/in sicherstellen können, dass ne Solokarriere nicht etwa einfach durch weitere Veröffentlichungen einer Band, in der man mal Mitglied war, quasi torpediert würde.
Stimmen von ‚Toten‘ werden durch KI natürlich ‚wiedererweckt‘ werden können. Wenn sowas Leute hören wollen und die ‚Erben‘ bzw diejenigen die das Stimm-Copyright dann haben (sind gerne auch mal Publishing Konzerne) ihr OK geben, dann wird es das geben.
Insgesamt wird das Copyright stark und noch weiter verkompliziert.
Auch Verträge werden sicherlich verkompliziert werden.

Grundsätzlich müsste es so sein, dass man die Rechte an seiner Stimme nicht abgeben darf (gegen zb Geldzahlung/en), sie also unveräusserlich sein müssten. Verwendung einer Stimme durch andere, als den Stimminhaber müsste grundsätzlich verboten sein.

Für Acts die ‚Wegwerfstimmen‘ nutzen (das sind sehr oft Dance Acts bzw Dance Musikproduzenten/DJs) wird das Einsetzen menschlicher Stimmen obsolet werden. Inwiefern dann von einer KI erfundene Stimmen dann dem Copyright unterliegen ist eine schwierige Frage. Problem wird auch immer sein, ob künstlich von einer KI erfundene Stimmen überhaupt von einem technischen Kontrollsystem erfassbar sein werden. Die KI könnte ja Stimmen erfinden die einzigartig sind.
DJs haben den großen Vorteil, dass sie Live auftreten und viel Geld dafür bekommen einfach nur Musik abzuspielen. Live Gesang nicht erforderlich. Das eigentlich jetzt schon mehr oder weniger KI.

Daher werden bzw sollten unabhängig kontrollierte Live Nachweise (allerdings natürlich nur für die, die das wirklich interessiert) eine Schlüsselrolle spielen. Sowas wird nur viele gar nicht interessieren, solange sie einen bestimmten Song einfach gut finden.

Natürlich könnten auch die Streamingdienste ihre Algorithmen so modulieren, dass sie Acts, die nachgewiesen live was können bevorteilen. Nur wird man die dazu glaub ich nicht zwingen können.
Die Streamingdienste haben geringes Interesse an dem was gehört wird, sondern nur daran, dass Abo Accounts abgeschlossen werden und nicht gekündigt werden. Zudem dürften die AboDienste eigentlich gar nicht das Interesse haben, dass jemand viel streamt. Je weniger Songs nämlich ein Kunde pro Jahr streamt, desto größer ist der Gewinn.
In den letzten 5 Jahren hat sich jedoch bei Spotify der Musikkonsum (d.h. Zahl der echten Songstreams) je Premium Aboinhaber um 35% erhöht. D.h. die Beträge, die an die Song-Rechtinhaber und Label bezahlt werden müssen haben sich ebenfalls um rund 35% erhöht. Die Einnahmen stiegen aber nur um etwas mehr als 10%.

Musikunternehmen und Künstler haben ganz andere Interessen. Die wollen, dass konkret ihre Songs sehr viel gespielt werden und nicht ‚irgendwelche anderen Lieder‘. Bei Spotify zb haben ja Musikunternehmen als Anteilseigner durchaus wohl Einfluss darauf was von Spotify ausgespielt wird. Bei Amazon Music und Apple Music ist das nicht so und auch nur wenig bei Googles Youtube.

marcomunetti
Mitglied
2 Jahre zuvor

Aus reinem Interesse und auch ein klein wenig Spass habe ich mich da auf der Seite ein bisschen ausgetobt. Also wenn sowas in dieser Art zu einem kompletten Song führen soll, den der User sich auch so wünscht, braucht man wahrscheinlich Monate bis man mit dem Chatbot etwas vernünftiges auf die Beine stellen kann. Ausserdem sind einige Features noch in Arbeit laut Entwicklern.

KI generierte Musik hat sicher Potential, aber in diesem Fall ist es eindeutig zu wenig ausgereift und es fehlen die wirklich wichtigen Features.

Tobiz
Mitglied
Tobiz
2 Jahre zuvor
Reply to  marcomunetti

Im Text klingt es auch so, als sollen sich Leute einfach mal ausprobieren. Professionelle Komponisten haben ja eh schon ihre Tools und Erfahrung, wie man Musik macht. Die Zielgruppe ist eine ganz andere, nämlich Anfänger, die aber kreativ sind.

Böörti01
Böörti01
2 Jahre zuvor

Also eins muss man San Marino lassen: Unkonventionell kreativ und geschäftstüchtig sind sie da. (Das finde ich an Mikronationen sowieso immer sehr interessant: dass sie gut darin sind, sich ihre Nieschen zu suchen – sei es traditionell im Stile einer „Briefmarkennation“ oder manchmal auch am Rande der Legalität… aber auch das ist dann wohl ein Ausdruck von Kreativität).

In der Ausführung und Exzellenz hapert es bei San Marino beim ESC am Ende meist, aber gut. Bei künstlerischen Prozessen wie dem Songschreiben finde ich KI-Einsätze natürlich nicht gut, aber man wird es so oder so nicht verhindern können – und wer weiß, wie häufig da schon was zum Einsatz kam bzw. nicht transparent gemacht zum Einsatz kommen wird. Da finde ich das offen gemacht schon okay. Soll San Marino halt machen. Es wird ein Gimmick sein und wohl auf nicht viel Gegenliebe stoßen.

JoBi
JoBi
2 Jahre zuvor

Bin gespannt wie das Lied von der KI klingt.

Porsteinn
Mitglied
Porsteinn
2 Jahre zuvor

Na ja, die KI bildet am Ende nur die Grundlage des Songs. Finalisiert wird immer noch in einem Songwriting-Camp. Von daher wird sich das wahrscheinlich kaum von den Baukästen professioneller Songschreiber unterscheiden.

Nils
Nils
2 Jahre zuvor

KI – eine Chance für Ralph Siegel? 🤭

Der Thoddy
Der Thoddy
2 Jahre zuvor

Wenn die KI einen Song bastelt, dann kann so etwas dabei herauskommen (allerdings ist die KI schon jetzt einen Quantensprung weiter als bei dem Lied von vor 4 Jahren):

trevoristos
Mitglied
2 Jahre zuvor
Reply to  Der Thoddy

das Teil ist 4 Jahre alt…aber…wer glaubt, dass das nicht schon gemacht wird (also im Grunde von anderen schon bestehenden Songs zu kopieren) der ist ja eh auf dem Holzweg. Ist vollkommen üblich.

Problem bei der Sache ist natürlich, dass so ein Werk wie in dem Video beim Eurovisison Finale gar nicht vorführbar ist (nicht teilnahmenberechtigt), da es dafür ja ein Live Leadstimme und zwar die eines Menschen bedarf.
Es gibt zudem das Genre ‚Eurovision‘-Song überhaupt gar nicht. Die Behauptung Eurovision Songs hätten was spezifisch Ureigenes ist natürlich Unsinn. Bzw bestimmte Songs wären erfolgversprechender, als andere ist auch nur schwer belegbar.
Denn wenn es sowas wirklich gut erkennbar gäbe, wäre das schon längst erkannt und würde mit großem Erfolg angewendet werden.

Fakt bleibt beim ESC:
eine Leadstimme von einem Menschen vorgetragen kann eine KI nicht liefern, nicht ‚morgen‘, nicht in 10 Jahren und auch nicht in 1999 Jahren… Beim ESC muss mind. ein Mensch auf die Bühne.

Künstliche Leadstimmen werden beim ESC sicher niemals erlaubt werden. KI Einsatz könnte sogar dazu führen, dass Chorus auch wieder zwingend live erbracht werden muss (und zwar durch Menschen). Ich hätte da nichts dagegen.

Yantras
Yantras
2 Jahre zuvor
Reply to  Der Thoddy

„We fed hundreds of Eurovision lyrics to a deep-learning algorithm“ und da kam „Tears will always have wet eyes, I’ll cry but I’ll survive“ raus? Das hat mir den Tag gerettet 🙂

Matty
2 Jahre zuvor

Es gibt weitere Neuigkeiten zum Vorentscheid. Das Finale findet früher statt, und zwar bereits am 24. Februar 2024:

https://eurovoix.com/2023/11/30/san-marino-una-voce-per-san-marino-2024-final-rescheduled-to-february-24/

Dadurch findet das erste Halbfinale am 15. und das zweite am 16. Februar 2024 statt.

J.D.L.
J.D.L.
2 Jahre zuvor
Nils
Nils
2 Jahre zuvor
Reply to  J.D.L.

„Was hat Conchita Wurst, was ich nicht habe?“

Talent.

Marsos
Marsos
2 Jahre zuvor

KI bei einem Songwriting-Contest? Finde den Fehler!