Machen die neuen Jury-Regeln das ESC-Endergebnis unvorhersehbar? (Viva Vienna 9)

DARA – Foto: EBU / Corinne Cumming

Ist das Ergebnis des letztjährigen Eurovision Song Contest tatsächlich für den Sieg von Bulgarien in diesem Jahr verantwortlich? Auch wenn das auf den ersten Blick etwas weit hergeholt wirkt, könnte an dieser Theorie etwas dran sein. Die EBU kündigte für den diesjährigen Wettbewerb in Wien unter anderem neue Jury-Regularien an, die laut der Meinung einiger Fans und Insider für DARAs Erfolg verantwortlich waren. Wir blicken heute auf das Juryergebnis 2026 zurück…

Jury und Zuschauende waren sich dieses Jahr – zum ersten Mal seit langem – einig über den siegreichen Beitrag beim ESC: DARA und „Bangaranga“ holten in beiden Votings Platz 1. Und das, obwohl Bulgarien noch bis zum 13. Mai, dem Tag der Juryshow des zweiten Halbfinals, Siegeschancen von gerade einmal 1 Prozent (!) in den Wettquoten ausgerechnet wurden. Zu der großen Überraschung im ESC-Finale trug vor allem die Jury bei.

Während „Bangaranga“ von Beginn an bessere Chancen im Televoting zugesprochen wurden, war die positive Juryabstimmung eine echte Überraschung. Hier wurden DARA vorab keine große Chancen ausgerechnet – immerhin ist „Bangaranga“ alles andere als das, was bislang als klassisches Juryfutter galt. Eine klarere Struktur, Stimmakrobatik und ruhigere Momente machten stattdessen Länder wie Australien, Frankreich und Tschechien zu Vorab-Favoriten des Juryvotings.

Zwar kamen diese Beiträge tatsächlich gut bei den Länderjuries an, aber Platz 1 sicherte sich eben Bulgarien. Doch wie kam es dazu? Dass ein Dance-Ethno-Beitrag wie „Bangaranga“ genau in dem Jahr überraschender Jurysieger wird, in dem die EBU neue Juryregeln einführt wurden, ist für viele ein auffällig gewesen und könnte sogar die Erklärung liefern.

Nach der Unzufriedenheit vieler Rundfunkanstalten mit dem ESC-2025-Televoting, das von Israel gewonnen wurde, wollte die EBU diese mit neuen Regularien besänftigen. Neben den reduzierten Maximalvotes pro Votingkanal und dem Verbot unverhältnismäßiger Vorab-Werbung wurden die Juryregeln reformiert. Demnach sitzen ab diesem Jahr sieben statt fünf Juror*innen in einer Länderjury und zwei davon müssen besonders jung sein.

Teil der neuen Juryregularien ist die Altersvorgabe für zwei der sieben Jury-Mitglieder. Diese müssen zwischen 18 und 25 Jahre alt sein, um ein möglichst breites Meinungsbild zu gewährleisten. Zwar ist bislang – in den meisten Fällen – nicht bekannt, welche*r Juror*in hinter welcher Bewertung steckt, doch die äußerst unterschiedlichen Bewertungen innerhalb der 35 Länderjuries (hier unter „RANKING“ einsehbar) könnten darauf hin deuten, dass DARAs Erfolg vor allem den jungen Mitgliedern zu verdanken ist.

Im Detail fällt auf: insgesamt haben 21 Juror*innen Bulgarien auf Platz 1 gesetzt. „Bangaranga“ war somit 21 Mal der absolute Favorit bei der ESC-2026-Jury, Dänemark sogar 23 Mal! Beide Beiträge gelten als zeitgemäß, energiegeladen und visuell eingängig. Songs, die bislang eher als klassisches Juryfutter galten, erhielten hingegen deutlich seltener die Höchstwertung der Jury-Mitglieder: Finnland wurde 15 Mal auf Platz 1 gesetzt, Frankreich 16 Mal und Australien 18 Mal.

In vielen detaillierten Länderjury-Ergebnissen aus diesem Jahr ist klar zu erkennen, dass einige Beiträge stark polarisierten und die Meinungen der einzelnen Jurymitglieder hier stark auseinander gingen. Das kann als Indikator gesehen werden, dass die Altersvorgaben neue Perspektiven in die Jurybewertung hineingebracht hat. Um dies besser zu verdeutlichen, habe ich einige Beispiele herausgesucht.

Vor allem beim Beitrag aus Frankreich, der vorab als einer der großen Jury-Favoriten gehandelt wurde, fällt auf: Bei vielen Länderjuries ging die Bewertung zu „Regarde !“ unter den einzelnen Mitgliedern weit auseinander. In der belgischen Jury gab es beispielsweise zwei Juror*innen, die Frankreich auf Platz 1 bzw. 2 setzen, alle restlichen platzierten den Beitrag zwischen Rang 12 und 19! In Albanien gab es drei Juror*innen, die Frankreich auf den zweiten Rang setzen – die restlichen vier Jurymitglieder platzierten den Song zwischen Rang 15 und 22 (siehe unten)!

Screenshot: Jurywertungen für Frankreich beim ESC 2026, Quelle eurovisionworld.com

Ganz extrem zeigt sich diese sehr unterschiedliche Bewertung der einzelnen Jurymitglieder auch bei Rumänien. Die portugiesischen Juror*innen setzten „Choke Me“ auf alle möglichen Ränge zwischen Platz 3 und Platz 23. Auch in Norwegens Jury polarisierte Rumänien stark. Hier wurden Plätze zwischen 2 und 24 (also der letzte Platz!) vergeben. Auch hier könnten die unterschiedlichen Altersgruppen eine mögliche Erklärung sein.

Übrigens: Auch die Bewertung für Israel wurde von den einzelnen Juror*innen sehr unterschiedlich angegangen. Während Noam Bettan insgesamt von 14 Juror*innen auf den ersten Platz gesetzt wurde, setzten fünf der montenegrinischen Jurymitglieder Israel auf den letzten Platz! Auch in Schweden gingen die Meinungen weit auseinander, hier wurde „Michelle“ zwischen Platz 2 und 24 (Letzter) gesetzt. Große Bewertungsunterschiede für Israel zeigen zudem die Juryvotings aus Belgien, Zypern und Deutschland.

Screenshot: Bewertungen der Jury aus Polen beim ESC 2026, Quelle eurovisionworld.com

Übrigens: Das wohl uneinigste Juryergebnis, egal bei welchem Song, kommt aus Polen (siehe oben). Hier wurde so ziemlich jeder Song vollkommen unterschiedlich bewertet. Selbst Sieger Bulgarien erhielt hier neben Platzierungen in den Top Ten (inklusive Platz 1 von einem Juror), auch die hinteren Ränge 17 und 19. Diese schlechteren Bewertungen für „Bangaranga“ stammen von den Jurymitgliedern, die nicht in der jungen Altersgruppe (18 bis 25) sind, was erneut die Theorie stützt, dass Bulgarien vor allem bei den sehr jungen Juror*innen gut ankam.

Welche Bewertung von welchem Juror stammt, weiß man bislang übrigens ausschließlich im Falle von Polen. Das polnische Fernsehen hat diese Details nämlich inzwischen auf Anfrage veröffentlicht. Für jedes der 35 Teilnehmerländer wurden inzwischen die sieben Namen der Jurymitglieder des ESC 2026 veröffentlicht. Alle Details können hierzu auf der offiziellen Eurovision-Website gefunden werden.

Bei meiner Recherche fiel mir zudem ein interessanter „Fun“ Fact auf: Während in 31 Ländern die vorgegebenen sieben Juror*innen die Länderjury bildeten, gehörten in Malta, Zypern, Luxemburg und Tschechien jeweils nur 6 Juror*innen zur dortigen Jury. Woran genau das liegt, konnte ich nicht herausfinden.

Was denkst du über das überraschend positive Juryergebnis für Bulgarien 2026? Helfen die neuen Jury-Regeln Songs wie „Bangaranga“ beim ESC? Lass uns deine Meinung da.



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