100.000 Fans unterzeichnen die Eskimo-Callboy-ESC-Petition – Interview mit den Initiatoren

Das Thema geht nicht weg. Wo immer derzeit in Deutschland über das deutsche ESC-Finale gesprochen wird, dominiert das Thema „Eskimo Callboy“. Die Metalband aus Castrop-Rauxel hat eine prominente Bewerbung für das deutsche ESC-Finale 2022 abgegeben, ist aber bei der Juryauswahl im Vorhinein an den Playlist-Präferenzen der ARD-Popwellen gescheitert ist. Das erzeugte ein derartiges großes Echo (auch auf dem Boulevard), dass die Gespräche und Diskussionen über Deutschlands Teilnahme am ESC von Eskimo Callboy geprägt werden – in der Bubble, in der Musikszene, in den Medien genauso wie am Arbeitsplatz oder Abendbrottisch von Menschen, die den ESC nur auf „da war doch mal was mit Guildo Horn„-Ebene wahrnehmen.

Eine vielbeachtete Reaktion auf diese Radiojury-Entscheidung ist eine Change.org Petition, in der darum gebeten wird, Eskimo Callboy mit einer Wildcard für den diesjährigen Vorentscheid namens „Germany 12 Points“ auszustatten. Die Forderung ist ein Anliegen, welches der NDR bereits verneint hat, was aber die Dynamik und die Popularität der Petition eher noch beschleunigt hat. „Wir lassen nicht nach“, ist die Botschaft der Petitionsclique und binnen weniger Tage hat die Petition jetzt die magische 100.000 Grenze überschritten.

Zusätzlich wurde die Dynamik der Petition erneut angefacht durch die Ansage des NDR, (u.a.) auf der facebook-Seite von Eurovision.de „alle Kommentare, die sich ausschließlich um Eskimo Callboy drehen“ zu „entfernen“, was man geschickter hätte formulieren kann und was nicht unmittelbar kompatibel ist zu der zwei Tage getätigten Ankündigung, in den Dialog mit den Fans und den Urhebern der Petition zu treten.

Die Kommentarlöschungen haben zudem die Metal-Szene weiter angeheizt. Was dazu beitragen kann, dass die Petition mit neuem Drive die Schwelle von 100.000 Unterzeichern überschritten hat – ein weiterer Meilenstein für die Initiatoren.

Es ist eine Petition, die viele Unzufriedene versammelt. Es sind bei weitem nicht nur klischee-krawalligen Eskimo-Callboy Fans, die dort unterschreiben Auch viele ESC-Fans, die kaum Berührung zu Eskimo Callboy haben, nutzen diesen Weg, ihrem Radiotauglich-Warum-Protest Ausdruck zu verliehen. Sogar die Schlagerfraktion, die keine Nähe zu Castrop-Rauxel hat, hat sich zusammengetan, um die Petition zu unterstützen.

„Klar hätten wir uns darüber gefreut, wenn der NDR auch einen Schlager ins Teilnehmerfeld geholt hätte. (…) Aber auch Metalfans haben eine Fanbase – eine, die nicht so leidensfähig ist wie Schlagerfans, die die Schlager-Diskriminierung leidensfähig mitmacht (ansonsten wäre dieser jahrelange skandalöse von durchgeknallten Entscheidungsträgern durchgesetzte Schlagerboykott im Radio so nicht möglich).  Und so unterstützen auch wir die Petition zu Gunsten einer Wildcard für Eskimo Callboy.“ schreiben etwa die Schlagerprofis.

ESC-, Metall- und Schlagerfans hinter einer Petition zu versammeln – wem ist das eigentlich gelungen? Die Initiatoren der Petition kommen aus niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover und sind gleichermaßen Eskimo Callboy UND ESC-Fans. Sie heißen Ilka und Daniel und die beiden retten jeden Tag Menschenleben, denn sie arbeiten zusammen als Rettungssanitäter in der Lena-Stadt, wo das deutsche Finale zuletzt im Kümmert-/Ann-Sophie-Jahr 2015 stattgefunden hat.

ESC kompakt wollte mehr darüber wissen, wie die beiden auf die Idee dieser Grassroots-Bewegung gekommen sind? Hier sind ihre Antworten.

Wie habt Ihr davon erfahren, dass der NDR mit Euch ins Gespräch kommen will? Habt Euch der NDR im Vorwege des öffentlichen Gesprächsangebots kontaktiert?

Da der NDR leider bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf unsere Kontaktversuche reagiert hatte, haben wir erst mit Veröffentlichung des Statements davon erfahren. Als ESC- und EC-Fans würden wir uns natürlich freuen, mit den Verantwortlichen des NDR in Kontakt zu treten, insbesondere um zu verdeutlichen, dass wir nachhaltig etwas verändern möchten.

Der NDR will keine Verfahrensänderung, also keine Wildcard oder Wildcards, auch nicht für Eskimo Callboy. Wollt Ihr die Petition dennoch fortsetzen?

Natürlich möchten wir die Petition fortsetzen, denn wir möchten ein klares Zeichen für musikalische Diversität setzen und der NDR hat im Großen und Ganzen seit seiner ursprünglichen Aussage nichts verändert. Das Statement wiederholt zu großen Teilen die Botschaft von Frau Alexandra Wolfslast vom vergangenen Donnerstag. Zu der Wildcard können wir nur sagen, dass es prinzipiell keine Verfahrensänderung wäre, da solche bereits in der Vergangenheit vergeben wurden. Zudem werden die Rufe nach einer Wildcard zunehmend lauter.

Wie seid Ihr eigentlich auf die Idee gekommen, die Petition zu starten?

Als langjährige ESC-Fans war der Frust nach der Pressekonferenz am Freitag schon groß. Diesen Frust verspürten nicht nur wir, sondern auch die Twitter-Gemeinschaft. Die Rufe nach Veränderung und nach einer Petition wurden größer. Um den Wünschen gerecht zu werden dachten wir uns: „Hey, lass‘ uns mal eine Petition starten und schauen, wie weit wir kommen“.

Da wir aus dem Rettungsdienst kommen und wissen, dass im Gesundheitswesen viel und auch erfolgreich mit Petitionen gearbeitet wird, haben wir unsere Erfolgschancen als gut eingeschätzt. Das liegt dann von Berufswege schon nahe, schließlich sagt man ja auch „Wer heilt, hat Recht“. Offensichtlich haben wir damit auch einen Nerv getroffen.

Außerdem wird bei uns im Job auch viel Musik gehört – mittlerweile aber eher Bluetooth oder DAB+ anstelle von „Popwellen“, denn diese sind für uns kein Thema. Unsere Branche steht schon sehr lange für Vielfalt, und so bleibt es nicht aus, dass wir auch des Öfteren mal über Musik diskutieren.

Wenn man einen Großteil der Arbeitszeit zwangsläufig im Auto verbringt, möchte man natürlich auch gerne mal etwas anderes hören als immer nur die Pop-Charts und das Beste aus den 80ern oder 90ern.

Eure Petition hat auch viel Aufmerksamkeit bei ESC-Fans bekommen, die Eskimo Callboy vorher noch gar nicht wahrgenommen hatten. Wie ist das Feedback aus der ESC-Community?

Das Feedback ist großartig, egal ob in den Petitionskommentaren oder auf Social Media. Ein großer Teil der UnterstützerInnen kommt aus der „ESC-Bubble“, unabhängig davon ob die Leute Eskimo Callboy als Act präferieren oder nicht – der Zuspruch ist riesig.

Einige Kommentare zeigen auch, dass einige Eskimo Callboy vorher gar nicht gehört haben bzw. kannten, das Potenzial aber als Act, in Turin dabei zu sein, genauso sehen wie die „EC-Fanbubble“.

Aus der „ESC-Bubble“ kommt allerdings auch viel Kritik am allgemeinen System seit Jahren, was wir auch durchaus verstehen und als Teil der Petition sehen.

Hat der NDR inzwischen mit Euch Kontakt aufgenommen?

Ja, Andreas Gerling hat uns am Dienstagmorgen (15. Februar 2022) eine Email geschickt und einen Austausch angeboten.

Wir sind neugierig, ob auch Fans aus dem Ausland abstimmen, schließlich ist der ESC eine große völkerverständigende Idee der gesamten EBU.

Weit über 90% der Stimmen kommen aus Deutschland.

Die größten Länder danach sind:

1. Österreich
2. Schweiz
3. Niederlande
4. Großbritanien
5. USA
6. Belgien
7. Schweden
8. Finnland
9. Spanien
10. Frankreich

Wir danken Ilka und Daniel für das Interview und sind sehr gespannt auf die Ergebnisse des Austausches der Petitions-Initiatoren mit dem ARD ESC-Chef Andreas Gerling.

Und dies ist der Song, den die 50-Plus-Radio-Jury für das deutsche Finale aussortiert hat:

„Pump It“ von Eskimo Callboy verzeichnet inzwischen 8,5 Mio Klicks auf YouTube.


171 Kommentare

  1. Ach ja Nachtrag zu Eskimo Callboys: Es wird ja immer so getan, als hätte der NDR den nächsten ESC-Sieger abgelehnt. Dazu ist zu sagen: 1. Nicht jeder Rocksong war beim ESC erfolgreich. 2. Maneskin und Blind Channel sind mit Eskimo Callboys nicht zu vergleichen. Denn deren Songs waren für den Mainstream viel zugänglicher, als Eskimo Callboys. 3. 2018 hatte Ungarn eine Gruppe geschickt, die in einem ähnlichen Stil gesungen hatten, wie Eskimo Callboys. Die Gruppe hat nur Platz 21 belegt. Es wäre absolut nicht sicher gewesen, das EC die Top 10 erreicht hätte. Und mehr sage ich zu diesem ganzen Thema nicht mehr. Spätestens morgen muss damit Schluss sein und die anderen Kandidaten müssen in den Fokus gesetzt werden.

    • meine es wurde, wenn es um EC ging, immer von ‚aussichtsreich‘ für eine gute Platzierung geredet. Damit wurde relativ oft eine Platzierung innerhalb der Top 10 gemeint. Wie wahrscheinlich das wäre? Ich hab den Song von EC noch nicht live performt gesehen und gehört. Schlechte Performance kombiniert mit blödem Outfit hätte auch für EC ‚was ganz hinten‘ bedeuten können. Man muss aber davon ausgehen, dass EC mit ihrer jahrelangen Bühnenerfahrung sicher fähig gewesen wären was Ordentliches hinzulegen. Wie das dann platzierungsmäßig geendet wäre ist wirklich schwer zu sagen. Top 10 im möglicherweise Fitenssstudio-Outift? Kann sein, dass sowas zieht. Bunter Klimbim hat bei Jendrik zb aber net gezogen. Klar EC sind im Ausland nicht gänzlich unbekannt. Hätte gewissen Vorteil bringen können. Würde aber schon meinen, das Letzter oder Vorletzter mit EC nicht so wahrscheinlich gewesen wäre

      • Vor dem „ESC-Engagement“ waren mir Eskimo Callboys total unbekannt. Ich kann mir nicht vorstellen, das sie in Deutschland viele Platten verkauft haben. Einen Charthit hatten sie Deutschland meines Wissens auch nicht. Insofern relativiert sich das mit dem Bekanntheitsgrad. Ich möchte ja gar nicht ausschließen, das EC in Turin hätten erfolgreich sein können. aber so sicher wie das hier immer hingestellt wird, ist es natürlich auch nicht. Genausowenig es sicher ist, das der VE-Sieger in Turin schlecht abschneiden wird. Wenn derjenige 4 Punkte bekommt, ist er besser als Jendrik. Ist doch auch was.

      • Schon möglich, das EC nicht gewinnt. Aber wenn man die ablehnt, sollte man schon sicher sein, das man sechs richtige gute Songs ins Rennen schickt. Bei guter Konkurrenz wäre dann halt ein anderer Song ins Finale gegangen. Aber das ist bei den Songs absolut nicht der Fall.Sie sind relativ langweilig und Mainstream. Wenigsten nicht total lächerlich, was ja oft auch schon vorkam.

    • Um mal ein Sprichwort abzuwandeln: Wer etwas wagt, kann verlieren; wer nichts wagt, hat schon verloren. Und mit vermeintlich sicherem, braven Mainstream-Pop haben wir schon oft genug verloren.

      Natürlich gibt es mit keinem Act eine Top-Ten-Garantie, aber sich vielfältiger präsentieren, experimentieren und tatsächlich mal einen (mittel-)bekannten Act mit internationaler Fanbase schicken, darum geht es meines Erachtens den meisten Fans.

  2. Ich finde die Sache ist bereits größer als Eskimo Callboy. Ich stimme zu, das mit der Wildcard wird nichts mehr. Aber ich finde es trotzdem gut, dass der Druck auf das NDR aufrechtgehalten wird, damit wir zumindest nächstes Jahr einen vielfältigeren Vorentscheid haben. Ich finde es gut, dass der ESC damit in Deutschland wieder mehr im Fokus ist und der NDR nicht mehr abseits der großen Öffentlichkeit seine Inkompetenz ausleben darf.

    • Es wird höchstens passieren, das der NDR überhaupt keinen Vorentscheid mehr macht. Wer tut sich sowas ein zweites mal an?

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.