Analyse „Unser Lied für Liverpool“: Wie gut ist das neue Konzept für die deutsche Vorentscheidung?

„Germany 12 Points“ oder eher nicht? Die ersten offiziellen Informationen zur deutschen Vorentscheidung „Unser Lied für Liverpool“ beschäftigen seit gestern die ESC-Fanszene – das ist nicht zuletzt auch ablesbar an (bislang) knapp 300 Kommentaren unter unserem Artikel. Auch wir Blogger haben uns seit gestern Mittag ausführlich mit dem neuen Konzept für das Auswahlverfahren beschäftigt und darüber unter anderem auch in unserem ESC kompakt LIVE (verfügbar als Video und Podcast, s. unten) gesprochen. Zeit für eine erste Bestandausnahme: Welche Elemente können bislang überzeugen, wo sehen wir noch Fragezeichen? Hier ist unsere Analyse in der kompakten Übersicht.

Die Pluspunkte

Mehr Acts in der Vorentscheidung

Ein großer Kritikpunkt in diesem Jahr war, dass von Anfang an feststand, dass nur sechs Acts an der Vorentscheidung teilnehmen sollten. In diesem Jahr gibt es a) keine Festlegung auf eine konkrete Zahl und b) sollen dem Vernehmen nach etwa acht bis zehn Acts an der Vorentscheidung teilnehmen. Das bietet dann auch Raum für die avisierte Genrevielfalt. We like!

Der NDR nimmt seine redaktionelle Verantwortung wahr und bindet ESC-Expert*innen ein

Im vergangenen Jahr hat der NDR die Auswahl der Vorentscheidungsacts komplett in die Hände einer Jury aus fast ausschließlich Radio-Leuten gelegt. Das Ergebnis ist bekannt: Kein Platz für Polarisierung, kein Platz für Vielfalt. In diesem Jahr holt man sich zwar Expertise aus allen möglichen Bereichen (inkl. der Radios), behält aber alle Zügel in der Hand und am Ende entscheidet das ARD-ESC-Team, wer es ins große Finale schafft. Das bietet sowohl die Möglichkeit, hauptsächlich den potenziellen ESC-Erfolg als Entscheidungskriterium heranzuziehen, aber eben auch möglicherweise abseitige Acts zu berücksichtigen, wenn es dem Gesamtkonzept und dem Unterhaltungswert von „Unser Lied für Liverpool“ dient. So können auch Head of Delegation Alexandra Wolfslast und Neu-Redaktionsmitglied Stefan Leidner das Können und Wissen aus ihren bisherigen beruflichen Stationen ausspielen.

Der TikTok-Act

Ja, dieser Weg hält auch ein paar Tücken bereit, aber dass ein Vorentscheidungs-Act über die – vor allem bei jungen Leuten – beliebte Social-Media-Plattform gesucht wird, ist vor allem a) eine Möglichkeit, neue Zielgruppen für den ESC zu erschließen, und b) ein Bewerbungsweg mit großer Transparenz: Alle können nachvollziehen, wer sich unter dem Hashtag #UnserLiedFürLiverpool bewirbt, wer es in das finale Voting schafft und wer dann mit dem meisten Stimmen als TikTok-Act in die Live-Sendung einziehen kann.

Frühzeitige Einbindung der Plattenfirmen

Dass der NDR schon aktiv auf Künstler*innen und Labels zugegangen ist, zeigt dass die nun begonnene Bewerbungsphase gut vorbereitet wurde. Mit dem Radio- und Charterfolg von Malik Harris‘ „Rockstars“ haben die Verantwortlichen zudem ein gutes Argument gegenüber aufstrebenden Acts auf ihrer Seite.

Die Minuspunkte

Sehr spät

Kollege Douze Points hat es gestern im ESC kompakt LIVE auf den Punkt gebracht: Wie lange die Bewerbungsphase dauert, ist egal. Aber dass nun zwischen der endgültigen Auswahl der Acts, die ja frühestens (!) kurz vor Weihnachten bzw. Anfang des kommenden Jahres finalisiert werden kann und der Vorentscheidung dann wieder nur maximal zwei Monate (eher weniger) liegen, bringt alle Beteiligten in unnötige Zeitnot angesichts der Tatsache, dass der letzte ESC schon wieder ein halbes Jahr her ist. Den Song nochmal überarbeiten, eine spektakuläre Bühnenshow auf die Beine stellen, ausreichend proben – das wird wieder einmal alles sehr, sehr knapp.

Das Online-Radio-Voting

Den absoluten Tiefpunkt der diesjährigen Vorentscheidung bildete das sterbenslangweilige und für alle Beteiligten peinliche Radio-Online-Voting. Ausgerechnet daran soll nun – in welcher Form auch immer – festgehalten werden. Selbst wenn es nur zu einem kleinen Teil in das Gesamtvoting einfließt und die Punktevergabe modifiziert wird: Wieder sollen irgendwelche Fangruppen Radiohörer*innen ohne die für den ESC so wichtige Inszenierung und Performance zu kennen über „Unser Lied für Liverpool“ abstimmen? Warum nur, warum?

Viele Unklarheiten

Wann findet die Vorentscheidung statt? Wo findet die Vorentscheidung statt? Wer moderiert? Wo wird die Vorentscheidung ausgestrahlt? Droht uns ONE? Wie genau sieht das Votingverfahren aus? Zitat aus der ESC-kompakt-WhatsApp-Gruppe (der Autor bleibt geheim): „Nie waren die Nebel von Norwegen dichter als heute“. Wohlwollend könnte man aber auch davon ausgehen, dass alle diese offenen Fragen bereit vollumfänglich geklärt, nur noch nicht kommuniziert sind. Wir lassen uns überraschen!

Fazit

Unterm Strich können wir festhalten, dass es in diesem Jahr gelungen ist, nach einem schlechten ESC-Ergebnis nicht das komplette Verfahren über den Haufen zu werfen und bei Null anzufangen, sondern stattdessen nach einer Fehleranalyse einzelne Schwachstellen zu bearbeiten. Ob diese Korrekturen letztendlich ausreichen und die hier genannten Pluspunkte am Ende überwiegen, wird letztendlich vor allem die Zusammensetzung der deutschen ESC-Vorentscheidung „Unser Lied für Liverpool“ zeigen – (Vorsicht, Stanze!) auf die Acts und Songs kommt es an. Bis dahin ist das Glas wie immer mindestens halb voll.

Wie ist Eure Sicht auf die oben genannten Punkte? Stimmt Ihr überein oder kommt Ihr zu einer ganz anderen Einschätzung? Welche Punkte haben wir vergessen? Schreibt uns Eure Meinung gerne in die Kommentare.


184 Kommentare

  1. Ich hoffe einfach, dass mehr Künstler*innen als sonst aufmerksam auf den ESC Vorentscheid werden, die sich eigentlich vorher nie gedacht haben mal beim ESC aufzutreten. Weil sonst bleibt alles beim Alten. Also, das könnte der Vorteil der noch verbleibenden drei Wochen zum Bewerben sein. So lange sollte man Werbung machen und seinen Lieblingskünstler*innen eine solche Teilnahme vorschlagen. Auf welchem Weg das auch immer funktionieren mag… Und es muss ja eben nicht bei solchen Acts wie beim letzten Vorentscheid bleiben. Das können durchaus namenhafte Acts sein. Aber das muss eben attraktiv sein und das wird es wahrscheinlich erst, wenn sich richtig gute Künstler*innen bewerben. So können wir unseren ESC vielleicht noch retten. Natürlich müssen deren Songs auch gut sein. Nur bekannt sein hilft dann auch nicht. Aber bevor man immer nur nach dem NDR Schema F handelt… Radiovoting muss weg. Ein normales Telefon-/SMSvoting reicht vollkommen.

  2. Kurze Zusammenfassung von ein paar ernstzunehmenden TikTok Bewerbungen:

    Jonathan Heinrich – https://vm.tiktok.com/ZMF5quXQW/

    Luca Wolf – https://vm.tiktok.com/ZMF5qgQVb/

    College Boy – https://vm.tiktok.com/ZMF5qv3Cw/

    Dan Tim –
    https://vm.tiktok.com/ZMF5bhWoA/

    Will Church – https://vm.tiktok.com/ZMF5qTCQq/

    Dominik Klein – https://vm.tiktok.com/ZMF5bJX9F/

    Alessandro Pola (The Voice vor zwei Jahren) bewirbt sich ebenfalls in den nächsten Tagen.

    Ebenfalls dabei, jedoch nicht auf TikTok:

    Vamp – Zeiger
    https://youtu.be/RKN0OClVv7c

  3. Senta oder oonagh wie sie viele kennen hat den hashtag unserliedfürliverpool benutzt auf tik Tok zu ihrem neuen Song verlieren

    • Ich bin etwas erstaunt darüber, dass niemand darauf reagiert. Ich hab noch in Erinnerung dass sich einige hier Oonagh schon lange gewünscht haben.
      Leider finde ich, dass ihr Song nicht für den Esc geeignet ist. Ich glaub nicht dass sie es in den Vorentscheid packen wird.

      • Ehrlich gesagt klingt mir der Song zu sehr nach 08/15. Er hat kein Alleinstellungsmerkmal. Hmm. Mal sehen. Klingt trotzdem besser als die Lieder vom letzten Jahr.

      • Ich bin kein großer Fan des Oonagh-Sounds. Verlieren gefällt mir aber richtig gut, geht eher in so´ne Richtung wie Alexa Feser. Und das ganze auf deutsch. I like!

    • Klingt etwas besser als dieses komische Zeug in Fantasiesprache was sie einige Zeit gemacht hat, aber vom Hocker haut es mich nicht.

  4. also hab bei esc-tiktok bis jetzt so 2 gute bewerber gefunden: einmal dominik klein mit better days
    https://www.tiktok.com/@dominikklein/video/7165933277797256454?is_copy_url=1&is_from_webapp=v1
    https://www.youtube.com/watch?v=Exj2zZPjbqA

    und dann noch will church mit hold on
    https://www.tiktok.com/@willchurchmusic/video/7164083546598935813?is_copy_url=1&is_from_webapp=v1

    hoffe mal, dass noch weitere gute songs kommen die auch noch andere musikrichtungen vertreten als nur pop.

  5. Ein ganz lieben Dank an alle, die die ersthaften Einreichungen hier zusammenfassen. Ich habe jetzt schon ein bischen Mitleid mit demjenigen, der das Ganze angucken muss! Nur ist es mir noch ein Rätsel, wie man einen „aussichtsreichen Song in einem mehrstufigen Beurteilungsprozess“ auswählen will, wenn der Clip nur 30 Sekunden geht? Zumindest lassen die paar, die ernsthaft scheinen, ein bischen hoffen!

  6. Also Dominik Klein und Will church gefallen mir sehr gut,da man auch in diesen Ausschnitten hört,dass sie live gut singen.Allerdings hätten wir dann wieder das ähnliche Genre wie in diesem Jahr,junger Mann mit Gitarre.
    Würde mich trotzdem freuen,wenigstens einen von den beiden im Vorentscheid erleben zu dürfen.

  7. Betül akmar hat sich für den esc Vorentscheid über tik Tok beworben bin auf ihren Song heaven gespannt . Sie scheint großes Interesse zu haben

  8. Das scheint das „Offene Internet-Bewerbungskonzept“ zu sein, mit der die Schweiz uns zwar viel Spass gemacht hat aufgrund skurillster Einreichungen, letztlich aber immer auf den Bauch fiel, weil sie sich zu den echt schrillen und guten Dingern einfach nicht traute.

    So ähnlich wird es dann ja auch weder beim NDR laufen, dafür steht das Peter-Prinzip-Mädel ja viel zu sehr unter Druck.

  9. Der Song von Will Church war ja der erste, der sich online beworben hat – gefällt mir auch recht gut, allerdings wäre das schon recht nah dran an Sam Ryder (UK 2022) – so wie ich die Community kenne wird das dann auch reichlich thematisiert und ausgeschlachtet.

    Wunderschön ist der Song von Marie-Celestine – würde mich sehr freuen, wenn der es bis ins VE-Finale schafft. Da gibts auch ne Menge Möglichkeiten, sowas schön uns stimmungsvoll in Szene zu setzen.

    • Ich bin das zweite Mitglied im Team Betül. Klingt wirklich sehr gut. Hoffentlich wird ihr Lied auch ausgewählt. Damit sie in die Endauswahl der Tik-Tok-Bewerbungen kommt. Wenn das live gut rüberkommt, könnte das Lied wirklich in Liverpool ordentlich abschneiden.

  10. Offtopic: Sorry, das passt hier überhaupt nicht rein, aber ich muss es einfach irgendwo los werden. Ich habe mir diesen Thread rausgesucht, weil ja oft genug andere Threads durch Offtopics zur deutschen ESC-Vorauswahl unterbrochen werden, jetzt passiert es halt mal anders herum.

    Nachdem die alte Kabelverbindung immer schlechter wurde, bin ich nun doch umgestiegen auf Streaming TV. Zu meiner Freude kann ich damit auch Internet-Radio empfangen und habe auch schon ESCRadio und ESCape-Radio gefunden! Und dann habe ich noch einen kanadischen LGBTQ-Fernsehsender namens Out-TV entdeckt. Da gibt’s u.a. eine Sendung, die heißt „OUT music“ (laut Info findet man darin „die besten LGBTQ+-Künstler, die heißesten Videos und die beste Musik“), als ich heute mittag und soeben zur Abendsendung mal reingeschaut habe, waren von den zwölf Videos die ich gesehen habe, sieben vom ESC: „Derech ha melech“ von Gili & Galit, „Nur ein Lied“ von Thomas Forstner, „Wir geben ’ne Party“ von Mekado, „Je n’ai que mon ame“ von Natasha St.Pier, „Opa“ von Giorgios Alkaios, „Skeletons“ von Dihaj und jetzt gerade „All out of luck“ von Selma; einer der fünf übrigen war das tolle „Shoot your shout“ von Divine.

    Wahrscheinlich ist das für die meisten hier nichts Neues, aber ich bin so begeistert von dieser Entdeckung, dass ich sie unbedingt los werden musste!

    • „„Nur ein Lied“ von Thomas Forstner“

      Erstmal wünsche ich dir viel Spaß. Wenn du Lust hast und es nicht vergisst, kannst du mir ja Mal bei irgendeiner deiner Mitteilungen sagen, welcher Song aus Italien du denn als erstes in jenem kanadischem LGTBQ-Sender zur Kenntnis genommen hast. Solltest du das vergessen ist das auch nicht schlimm. Es gibt wichtigeres. 😀

      Aber nun zu Thomas Forstner. Der ist ja beim Grand Prix 1989 in Lausanne für Österreich mit eben diesem Lied angetreten. Da beim Grand Prix 1989 aber auch Nino de Angelo mit „Flieger“ für Deutschland teilnahm und beide Songs von Dieter Bohlen komponiert wurden, hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen, dass mir der ESC-Song aus Österreich besser gefiel, als der von uns. Ich glaube, das lag aber auch ein bisschen an Thomas Forstner selbst (Wenn du verstehst was ich meine 😍) !

  11. Von allen Bewerbungen gefällt mir inzwischen Day After Day von Jonathan Henrich am besten. Der Stil erinnert mich stark an Owl City, was aber nichts Schlechtes ist für mich. Alles dabei, sogar ein Key Change. Evtl. etwas schade, dass die Lyrics wenig optimistisch sind.
    Ich wünschte, ich könnte solche Musik machen.
    Beachtenswert ist auch der Hype um „Misfit“ von Lonely Spring. Ich rechne damit, dass das vor allem bei denjenigen punktet, die sich mal keinen Pop für den ESC wünschen. Meine Musik ist es nicht, dennoch geht die Nummer sofort ins zweifellos direkt ins Ohr.
    Ich selbst bin positiv überrascht, dass sich einige für meine Einreichungen begeistern können. Da habe ich in den letzten Jahren viel schlechteres Feedback erhalten.

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