ESC-Songcheck kompakt (5) – Russland: „Russian Woman“ von Manizha

Lange mussten wir auf ESC-News aus Russland warten – und als sie dann kamen, waren die Informationen ziemlich dürftig. Viele Fans hofften darauf, das die russische Kult-Band Little Big das Land erneut in Rotterdam vertreten würden – dieses Mal richtig. Doch dem war nicht so. Little Big gaben bekannt, dass sie nicht noch einmal beim ESC antreten wollen, um keinem anderen Künstler die Chance zu nehmen.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, so hatte man jedenfalls den Eindruck, stellte das russische Fernsehen einen Vorentscheid auf die Beine, der an einem Montagabend mit einer festgelegten Dauer von einer Stunde über die Bühne ging – wortwörtlich. Bei Sendeschluss hatte man nämlich noch keinen Sieger unter den drei teilnehmenden Acts ausgewählt. Nach einem Nachrichtenblock wurde dann Manizha zur Siegerin gekürt, die mit ihrem Lied „Russian Woman“ (Russkaja Schentschina) nun Russland in Rotterdam vertreten wird.

Manizha wurde kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Tadschikistan geboren. Mit drei Jahren zog ihre Familie nach Moskau. Ein Großteil ihrer Musik nimmt Bezug auf den Kampf um Akzeptanz rund um Feminismus und Migration in Russland. Im Dezember 2020 wurde Manizha zur ersten russischen Goodwill-Botschafterin der UN-Flüchtlingsagentur ernannt. 

Nachdem die 29-Jährige das Ticket nach Rotterdam löste, wurden kritische Stimmen immer lauter, die einen Rückzug von Manizha forderten. Sie sei zu „unrussisch“, zudem sei der Text zu „Russian Woman“ teilweise männerfeindlich. Dass Manizha zudem offen die LGBT-Bewegung in Russland unterstützt, dürfte der ganzen Sache noch den Rest gegeben haben. Das russische Fernsehen beauftragte dann eine Arbeitsgruppe damit, den Beitrag und die Sängerin zu analysieren. Nach dieser Überprüfung darf die Moskauerin Russland weiterhin beim ESC vertreten.

Der Song

Das Lied „Russian Woman“ stellt das Thema Feminismus in den Mittelpunkt. Es ist mitreißend und aktivierend instrumentiert. Dabei kommen gleichermaßen Rap, Hip-Hop- und traditionelle Musikeinflüsse zur Geltung. Wird in der ersten Strophe noch die scheinbar hilflose Frau ironisch geschildert, beschreibt Manizha in der zweiten Strophe die Probleme, denen Frauen in der (russischen) Gesellschaft ausgesetzt sind. Die Botschaft hinter dem Lied ist „Female Empowerment“, wie sie einige Länder in diesem Jahr transportieren (Malta, Zypern, Aserbaidschan).

Geschrieben wurde das Lied „Russian Woman“ von Manizha selbst, von Ori Avni und von Ori Kaplan. Der Text stammt ausschließlich aus Manizhas Feder. Vor kurzem wurde der Beitrag in einer neuen Version mit leichten textlichen Änderungen veröffentlicht.

Der Check

Song: 4/5 Punkte
Stimme: 3/5 Punkte
Instant-Appeal: 4/5 Punkte
Optik: 4/5 Punkte

Benny: Dieser Song ist eine eigentlich unmögliche Mischung aus russischem Rap, Netta und Beschwörungsgesang – aber irgendwie schafft es Manizha, aus diesem Mix eine Einheit zu machen, die drei Minuten bestens unterhält, musikalisch extrem viel Gutes bietet und gleichzeitig noch eine Aussage hat. Die Performance tut ihr übriges. Was bleibt da anderes als 12 Punkte?

Berenike: Von durchgeknallt auf Trash-Art im letzten Jahr zu durchgeknallt auf Urban-Art in diesem Jahr. Ich finde „Russian Woman“ wirklich richtig klasse. Der Song ist unheimlich kreativ, abwechslungsreich und eine gelungene Mischung aus modern sowie „klassisch Urrussisch“ im Chorteil. Außerdem hat er eine Botschaft und ich nehme Manizha ab, dass es ihr wirklich darum geht diese zu verbreiten, das wirkt nicht wie oft gehörte Empoweringmessages, die am Ende nur Publikumsanbiederung sind. Ich rechne dem Song auch hoch an, dass er sich überhaupt nicht an vermeintlichen ESC-Erfolgskonzepten orientiert. Wer hätte gedacht, dass einer der eigenständigsten und musikalisch gewagtesten Beiträge in diesem Jahr aus Russland kommen würde? 12 Punkte. 

Douze Points: „Russian Woman“ ist ein Lied, dass ich mir ohne den ESC nie anhören würde. Für drei Minuten finde ich das wirklich spannend, gerade auch die musikalischen Brüche. Aber wenn ich das nur in der Playlist höre, ist es wirklich eine Herausforderung. 4 Punkte.

Florian: Was für ein fulminanter Auftritt von Manizha in der russischen Vorentscheidung. „Russian Woman“ ist ein wirklich interessanter Beitrag, der von seiner Live-Performance lebt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese Performance auf der ESC-Bühne in Rotterdam funktionieren kann und Anhänger Russlands in ganz Europa begeistern wird. Ich bin sehr gespannt, wie Russland im Mai abschneiden wird – zwischen totalem Fail und Top 10 sehe ich fast alles für Manizha. 5 Punkte. 

Manu: Manziha ist als Künstlerin für mich DIE Entdeckung des Jahrgangs, „Russian Woman“ als Lied nicht nur aufgrund der Botschaft unglaublich spannend. Musikalisch spielt das Lied mit russisch-folkloristischen Sounds, ohne diese aber in glatten Pop zu verwandeln. „Russian Woman“ ist absolut unbequem, lässt mich zuhören, aber wenn der Beat einsetzt kann ich nicht anders als mich zu bewegen. Insgesamt werde ich nur zweimal die 12 und zweimal die 10 Punkte zücken – Manizha bekommt die ersten: 10 Punkte.

Max: Das gefällt mir richtig gut! Es ist ein guter Mix zwischen Rap, Folk-Elementen und Pop. In der Hinsicht erinnert es an die Butterstampferinnen aus Polen. Russland sollte keine Probleme damit haben ins Finale zu kommen. Manizha ist eine echte Rampensau und kann ihren eher ausgefallenen Beitrag sehr gut verkaufen. Zudem ist Manizhas Botschaft sehr wichtig, länderübergreifend wohlgemerkt! 7 Punkte.

Peter: Mir ist sehr positiv aufgefallen, dass Russland kurzfristig eine Vorentscheidung veranstaltet hat. Mir ist ferner sehr positiv aufgefallen, dass aus Russland ein Titel mit einer ernsthaften, zeitgemäß und glaubwürdig getexteten und dargebotenen Botschaft kommt. Mir gefällt super, dass der größere Teil des Titels in Landessprache gesungen wird, was auch in Rotterdam der Fall sein wird. Und der Song selbst ist traditionell und modern zugleich, ich liebe diesen „weißen“ Gesang und die folkloristisch und doch heutige kreative Instrumentation ist Champions League. 12 Punkte.

Gesamtpunktzahl: 62/84 Punkten

Beim ESC-kompakt-Index landet „Russian Woman“ auf Platz 24 von 39.

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Bisher erschienene Songchecks:

Erste Hälfte des ersten Semis

(1) Australien: „Technicolour“ von Montaigne
(2) Irland: „Maps“ von Lesley Roy
(3) Litauen: „Discoteque“ von THE ROOP
(4) Nordmazedonien: „Here I Stand“ von Vasil


66 Kommentare

  1. Ich weiß noch nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Der Song beginnt schwach, wird dann aber immer besser. Es klingt wieder so, als wollte man aus 5 Songs einen machen. Außerdem finde ich den Sprachenwechsel sehr nervig und schlecht eingebaut. Gibt erstmal 5 Punkte von mir.

  2. Es ist wirr, es ist anstrengend – und ich feier es KOMPLETT wegen allem, wofür die Sängerin steht. Der mutigste Beitrag, den Russland jemals geschickt hat. Ich will das im Finale!

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