Viva Vienna (2): Mein erster Eurovision Song Contest vor Ort

Foto: b2b.wien.info / Christian Stemper

Schon seit etlichen Jahren verfolge ich den ESC vor dem heimischen Fernseher; seit ein paar Jahren auch sämtliche Vorentscheide. Beim Melodifestivalen in Stockholm war ich bereits mehrmals vor Ort. Aber noch nie habe ich es zu einem Eurovision Song Contest geschafft. Doch das sollte sich dieses Jahr endlich ändern. Ein Beitrag von unserem Social-Media-Hintergrund-Mitblogger Bennet

Als Freizeitpark-Fan habe ich zum Beginn der ESC-Woche auf dem (Um-)Weg nach Wien noch schnell den Europa-Park besucht. Natürlich kam ich dank Deutscher Bahn dort 1,5 Stunden später an als geplant. Und genau wie dieser Urlaub startete, sollte er auch enden – aber dazu später mehr. Die Verspätung mit der Deutschen Bahn war nicht sonderlich überraschend. Anders war es bei der Bahnfahrt mit dem ICE nach Wien: Der Zug fuhr pünktlich über die deutsche Grenze und baute erst in Österreich Verspätung auf. Dass das außerhalb Deutschlands überhaupt möglich ist!?

Je näher wir mit dem Zug Richtung Wien fuhren, desto mehr stieg die Vorfreude auf die wenigen und dadurch vollgepackten Tage in Wien. Neben dem ESC-Buch von Lukas Heinser, welches ich während der Fahrt gelesen habe, wurde der ESC auch um mich herum immer präsenter. Aus allen Ecken des Zuges hörte ich „Welchen Song magst Du am meisten?“, „Wie schaut ihr morgen [Anm.: es war der Mittwoch vor dem zweiten Semi] die Show?“ und „Echt, ihr seid im Finale in der Halle!?“ – wobei sich bei letzterem herausstellte, dass es sich dabei ‚nur‘ um die Familienshow handeln sollte. Auch ich hatte Karten für eine der Final-Shows im Gepäck: Für das Jury-Finale.

Karaoke-Straßenbahn in Wien – Foto: ESC kompakt

Mit etwa 20 Minuten Verspätung erreichten wir Wien. Eine der ersten Straßenbahnen, die wir sahen, war direkt eine Karaoke-Straßenbahn – wir schienen also in der richtigen Stadt gelandet zu sein. In die Bahn selber haben wir uns nicht begeben. Schließlich waren wir schon spät dran und hatten an diesem Abend noch etwas vor. Auch der Fakt, dass in der Bahn gerade zu Justin Bieber statt zu ESC-Musik gesungen wurde, war sicherlich ein Grund, nicht die Bahn zu betreten. Aber allein der Aufdruck „Vienna 12 Points“ auf der Bahn sowie auf den Fähnchen, mit denen alle Straßenbahnen geschmückt waren, versprühte ESC-Spirit. Und davon sollte es in Wien für mich noch viel mehr geben.

Schnell brachten wir unsere Sachen weg – sind auf dem Weg am gut gefüllten Rathausplatz, dem Eurovision Village, vorbeigefahren – und haben uns direkt zum EuroClub begeben. Der Prater Dome auf dem Prater, die größte Diskothek Österreichs, wurde für die ESC-Woche zur offiziellen ESC-Disco mit reichlich ESC-Programm.

Wir kamen recht zu Beginn des Abends an. Entsprechend leer war es. Ehe wir uns versahen, landeten wir nach einer kurzen Taschen-, Ticket- und Ausweiskontrolle schon mitten auf dem großen Dancefloor. Und dieser füllte sich recht zügig. Verschiedenste DJs legten ESC-Musik auf und machten ordentlich Stimmung. Meine eine Begleitung, die das Melodifestivalen dieses Jahr nicht verfolgt hatte, schaute uns etwas irritiert an, als wir u.a. zu „Iconic“ von den A*Teens kräftig mitsangen. Und die anderen Gäste taten es uns gleich und sangen mindestens genauso leidenschaftlich mit. Kaum in der Stadt angekommen, lag hier direkt der ESC-Spirit in der Luft – ein unglaubliches Gefühl, wenn zahlreiche Menschen die gleichen nischigen Songs feiern und eine gute Zeit haben. Ich fühlte mich direkt gut aufgehoben.

An dem Abend trat neben Lion Ceccah und Parg auch Tamara Živković auf, die vom Publikum gefeiert wurde, als hätte sie den ESC gewonnen. Dabei war sie am Vorabend ausgeschieden. Auch das war echter ESC-Spirit, wie ich ihn mir nur ansatzweise hätte vorstellen können. Begeistert war ich neben dem Publikum auch davon, die ersten ESC kompakt-Blogger zu treffen. Was für ein toller Abschluss des ersten Tages in Wien.

EuroClub in Wien – Foto: ESC kompakt

Der nächste Tag sollte nach einer kurzen Nacht dort starten, wo der vorherige Tag endete: Auf dem Prater. Wir haben es ruhig angehen lassen und sind zum Wachwerden ein paar Achterbahnen gefahren.

Bereits vor unserem Urlaub hatten wir beim Wiener Tourismus an einem Gewinnspiel für eine „Experience-Bag“ teilgenommen und sehr schnell gewonnen. Verdächtig schnell. Vermutlich hat jeder Teilnehmer diese Tasche gewonnen. Für uns stand nun zumindest auf dem Programm, diese Tasche abzuholen. Eine Tasche mit 70 Jahre ESC-Logo, in der sich neben touristischen Unterlagen auch ein ESC gebrandeter Trinkbecher und ein Armband befanden, wie sich später herausstellte. Wir fuhren daher zum Wien Museum, um die Tasche abzuholen.

Ebenfalls im Wien Museum befand sich das Eurofan House von wiwibloggs. Und da eine meiner Begleitungen aus unerklärlichen Gründen ein großer Fan von Lavina war und diese zeitnah dort sein sollten, verfolgten wir spontan noch dessen Interview. Schon spannend zu hören, dass der originale Song auf Englisch war und sie ihn für den ESC auf Serbisch umgeschrieben haben. Die Band fand ich sehr sympathisch, aber an meiner Meinung zu dem Song konnte das leider wenig ändern.

Am Abend ging es für uns Richtung Rathausplatz. Das zweite Semifinale wollten wir dort im Public Viewing sehen. Auch der leichte Nieselregen konnte uns nicht davon abhalten. Aufgehalten wurden wir hingegen beim Merch-Stand auf verschiedene Arten und Weisen: Zum einen war die Größe meines gewünschten T-Shirts nicht mehr verfügbar und zum anderen hatte das Bezahlterminal Verbindungsschwierigkeiten mit dem Internet. Auch das kenne ich eigentlich nur aus Deutschland. Ein zweites herbeigeholtes Terminal hatte übrigens selbige Probleme, sodass aller guten Dinge drei waren. Wir nahmen es gelassen.

Rathaus Wien – Foto: ESC kompakt

Nichts anderes blieb mir auch beim Public Viewing übrig, als ich im Vorprogramm zunächst eine Stunde die Musik der Band Global Kryner (Volksmusik; ESC 2005 mit „Y Así“) ertragen musste. Ebenfalls versuchte ich gelassen zu bleiben, als der ORF während der Übertragung des Semifinales in die Werbepause ging und diese beim Public Viewing wiederum mit dem Einspielen von „Wasted Love“, „Rise Like a Phoenix“ etc. überspielt wurde. Andererseits blieben mir ein Quiz und eine Uni-Vorlesung erspart… Die Stimmung war sowieso gut – was auch am Auftritt von Cosmó gelegen haben könnte – und ich freute mich um so mehr auf den nächsten Tag.

Halbzeit in Wien – dabei war ich noch gar nicht so richtig angekommen und dennoch bereits mit wahnsinnig vielen Erfahrungen und Emotionen überfrachtet. Und der Höhepunkt sollte erst noch folgen. Neben dem deutschen Fantreffen von OGAE Germany, EC Germany und ESC kompakt war das natürlich der Besuch des Jury- Finales in der Wiener Stadthalle.

Nach der Passkontrolle um 18 Uhr holte ich unsere vorbestellten Fahnen im Märzpark vor der Stadthalle ab – acht Flaggen für drei Leute. Kurze Zeit später warteten wir zusammen mit tausenden weiteren ESC-Fans vor der Sicherheitskontrolle. Da diese erst um 19 Uhr startete, war noch genug Zeit, um sich mit den nebenstehenden Personen zu unterhalten. Neben meinen beiden Freunden wuchs unsere Runde um zwei Ukrainer, die in Italien leben, einen Engländer, der in den USA lebt, und einen Türken. Es stellte sich dabei heraus, dass der Türke Can Uğurluer war, welcher 1991 beim ESC aufgetreten war. Da war er wieder: Der ESC-Spirit. Tausende Menschen warteten gemeinsam auf den Einlass zum größten und besten jährlichen Musikereignis der Welt, Nationen vermischen sich und kommen ins Gespräch und mit dabei sind bescheiden auch ehemalige Teilnehmer, die dem ESC weiterhin treu sind.

Treu blieb uns unsere Gruppe zum Glück auch nach der Sicherheitskontrolle. Für diese wurde man mehrmals abgetastet und mit Detektoren gescannt. Außerdem musste man alle losen Gegenstände und seinen Gürtel wie am Flughafen in ein extra Behältnis legen. Und: Man durfte pro Person nur eine Flagge mit reinnehmen. Zum Glück haben die aufmerksamen Volunteers uns beim Warten schon auf diese (nach deren Aussage) „dümmste Regel des ESC“ aufmerksam gemacht und empfohlen, die Flaggen auf unsere Gruppe aufzuteilen. Was soll ich sagen? Es hat hervorragend funktioniert und hinter der Sicherheitskontrolle konnten wir uns beim Überreichen der Flaggen noch eine schöne Show wünschen. Und die hatten wir!

Victoria Swarovski & Michael Ostrowski – Foto: ESC kompakt

Nach über sieben Stunden Stehen fielen wir geschafft und glücklich in unser Bett – für etwa drei Stunden. Denn am frühen Morgen sollte es direkt wieder mit der Deutschen Bahn zwölf Stunden quer durch Deutschland nach Hause gehen. Hauptsache wir sind rechtzeitig zum Finale vor dem heimischen Fernseher.

Die ursprüngliche Ankunftszeit 19:52 Uhr hatte die Deutsche Bahn schon Wochen zuvor auf 20:52 Uhr angepasst. Und es kam natürlich wie es kommen musste: Beim letzten Umstieg fuhr unser Zug in der Minute in den Bahnhof ein, in der unser Anschlusszug abfahren sollte. Wir sprinteten durch den Bahnhof und drückten an unserem Anschlusszug auf den Türknopf. Doch die Tür blieb verriegelt und der Zug fuhr ohne uns ab. Somit kamen wir erst pünktlich zu Sørens Auftritt vor dem Fernseher an. Zumindest haben wir keinen Song im Fernsehen verpasst. Und zum Glück hatten wir zuvor eh alles live gesehen – nur eben aus einer anderen Perspektive.

Aus einer Perspektive, die ich gerne im nächsten Jahr noch ausführlicher erleben möchte.

In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:

Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:



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