Advent der liebsten Blogger-ESC-Momente (8): Jamalas Sieg in Stockholm

Für uns alle gehören der erste ESC, den man zu Hause am Fernseher verfolgt hat, und der erste Contest live vor Ort sicherlich zu den prägendsten Momenten als Eurovision-Fan. Douze Points, Manu und Benny haben das schon eindrücklich in den ersten Adventskalendertürchen beschrieben. Und auch ich werde sicherlich nie den ersten Televoting-Anruf für XXL aus Mazedonien im Jahr 2000 (Mea culpa…) vergessen oder den phänomenalen Rückhalt für Lena live in der Düsseldorfer Fußball-Arena.

Für mich etwas ganz Besonderes ist aber auch der ESC 2016 in Stockholm, bei dem ich zum ersten Mal „so richtig“ in die Bubble eingetaucht bin. Das erste Mal war ich dank eines Fanclub-Ticketpakets bei allen sechs Liveshows dabei, das erste Mal habe ich mich in den Euroclub getraut – und das erste Mal hat eine meiner Favoriten gewonnen!

Die Globen-Arena in Stockholm mit ESC-Flaggen

Ich kann bei allen Siegern der 2000er-Jahre nachvollziehen, warum sie gewonnen haben, und ohne Frage haben alle Glücklichen die Trophäe zu Recht in die Luft recken können, doch zu meinem engen Favoritenkreis gehörten die ESC-Sieger bis dato in der Regel nicht. Es war einfach ein ungeschriebenes Grundgesetz des ESC, dass meine Favoriten nie gewinnen. Das sollte sich jedoch am Abend des 14. Mai 2016 ändern.

Lange Zeit war Sergey Lazarev aus Russland mit „You Are The Only One“ aufgrund der spektakulären Bühnenshow, seines Charismas und seines Bekanntheitsgrads in den östlichen Ländern als großer Favorit gehandelt worden. Aber auch Australien wurde nach Dami Ims stimmlich perfektem Liveautritt als möglicher Gewinner vorhergesagt. Und dann war da noch Jamala mit dem sperrigen, aber emotional eindringlichen „1944“ aus der Ukraine.

Ich mochte den Song von Anfang an. Er war interessant, weil er nicht klassischen Songaufbaumustern folgte und weil er es schaffte, durch Soundeffekte Emotionen in mir zu triggern. Während des Anhörens entwickelten sich in mir immer Gefühle von Anspannung und Angst. Wenn ein Song es schafft, Emotionen hervorzurufen, egal ob positive oder negative, dann fasziniert er mich immer besonders. Live wurde dieser Effekt dann noch einmal auf eine ganz neue Ebene gehoben, für mich war es so ein intensives Erlebnis „1944“ in der Halle zu erleben. Gänsehaut!

So stand ich am  Finalsamstag mit ukrainischen und niederländischen Flaggen (mein zweiter Favorit) geschmückt in der Halle, um die Show live zu verfolgen.

An einen Sieg wollte ich aber nicht glauben, denn „1944“ schien mir zu „sperrig“ für den Großteil der Zuschauer. Und dann passierte das Unglaubliche: Dami Im konnte die Juroren von sich überzeugen, kam aber beim Publikum weniger gut an. Bei Sergey Lazarev war es genau umgedreht: er lag nach dem Juryvoting so weit zurück, dass seine hohe Zuschauerpunktzahl nicht mehr ausreichte, um ganz vorne zu landen. Und auf einmal wurde die Ukraine als Siegerland verkündet.

Ich war einfach nur entgeistert – und begeistert. Diese Mischung aus Ungläubigkeit und Jubilieren. Jamala hatte tatsächlich gewonnen! Meine Erinnerung ist endorphinbedingt etwas verschwommen. Ich weiß nur noch, dass ich spontan einen mir unbekannten, großen, bärtigen Zuschauer hinter mir umarmt habe. Was er mir zum Glück nicht übelgenommen und sich einfach mitgefreut hat.

Mittlerweile ist mein Gefühl gegenüber „1944“, auch durch einige spätere Aussagen von Jamala, etwas ambivalent. Aber an diesem Abend war es einfach nur Freude pur.

Bislang in unserem Adventskalender erschienen:

(1) Mein „erstes Mal“
(2) Die BRAVO und ein Kindheitstrauma
(3) Der ESC 2000 in Stockholm
(4) Ein Hoch auf Moya Doherty
(5) Null Punkte und das Comeback von Ann Sophie
(6) Abba 1979 live in Dortmund
(7) Der Euroclub in Kiew

2020: Advent der besten DACH-ESC-Beiträge
2019: Advent der besten ESC–Momente

 


37 Kommentare

    • Sehe ich auch so. Jamalas Sieg markiert vielleicht den Aufbruch in eine neue Zeit, in der auf den ersten Plätzen auch Raum für etwas anderes als anglo-amerikanischen oder schwedischen Pop (bzw. blasse Kopien desselben) und kitschige oder melodramatische Balladen ist. In ein paar Jahren wissen wir mehr.

      @ Berenike, ich trenne den Künstler stets strikt vom Kunstwerk, und so halte ich das bei Jamala auch.

  1. Es war ein Wimpernschlagfinale bei der Vergabe der Punkte zwischen Australien, Ukraine und dem großen Rußland und für mich geht der Sieg von Jamala in Ordnung. Ich finde „1944“ mitnichten sperrig, sondern genial und die Inszenierung ist auch gut gelungen!

    Sergey Lazarew und seinen Auftritt fand ich super und hatte auch Herzklopfen und drückte ihm die Daumen, daß auch nichts schiefgeht. Für mich ist er immer noch der Sieger der Herzen. Im Vorfeld sah ich das offizielle Musikvideo zu „You are the only one“ und war begeistert! Auch wenn er für mich unerreichbar ist, bin ich immer noch in ihn verliebt und daran wird sich auch nichts ändern.

  2. Meiner meinung nach bis heute der einzige, wirklich politische sieger. Sergey hätte als teilnehmer für jedes andere land haushoch gewonnen.
    Mir ist von 2016 wirklich wenig geblieben, in meiner playlist nur frans und in meiner erinnerung nur die aus vielen löchern rauchende rykka die offensichtlich dringend auf toilette musste.

    • Also bitte wie kann man denn nur Donny Montell vergessen 😍
      abgesehen davon war 2016 allgemein ein richtiges Eye Candy Jahr 😅

    • Sehe ich genauso! Die Juries haben Russland sabotiert. Solange es sie gibt, wird Russland auch nicht gewinnen. Außer 2015 und (überraschenderweise) dieses Jahr waren sie immer viel niedriger im Jury-Ranking.

  3. Ich habe aus dem 2016er-Jahrgang noch Georgien (mein haushoher Sieger), Ungarn, die Ukraine, Italien und Russland (*erröt* … manchmal verliebe auch ich mich in Plastik, und ich meine hier nicht Sergey, sondern sein Lied …) in meiner Playlist. Es war für mich ein eher durchschnittlicher Jahrgang.

    • Ja Sergey fand ich damals auch cool, habe gedacht, „nö, nochmal einen ESC in Russland, muss nun auch nicht sein.“ Aber den Song mochte ich schon (schäm). Aber das süße Mädchen aus Italien mochte ich auch.🙂

    • Bei mir ist auch Georgien… gefolgt von Deutschland trotz eines nicht zusammen passenden Gesamtpakets. Aber wir haben ja alle unsere persönlichen Leichen im Musikkeller. 😉

  4. Ich habe für Dami Im angerufen. Ich war so geflasht von ihrem Auftritt. Ich wollte nicht das Sergey gewinnt das war mir von der Inszenierung zu sehr dem Vorjahressieger nachgemacht. Mit der Ukraine als Sieger konnte ich leben weil ich das auch großartig fand hätte mich aber für Australien mehr gefreut

  5. Ein Hoch auf den Jahrgang 2000 – es war mein erster! Mazedoniens 100% fand ich damals als Pubertier auch cool – angerufen habe ich aber für Skamps You Got Style… 🙂

  6. Puh, was ich von Jamala und ihren Song halte (nichts) , habe ich an anderer Stelle schon ausgeführt, möchte ich nicht mehr weiter drauf eingehen. Ich verstehe aber durchaus, dass dieser Song eine gewisse Faszination auf viele Fans ausübt. Meine Favoritin und persönliche Siegerin an diesem Abend war ganz Poli Genova.😍

    Bereinike, das Gefühl kenne ich. Meine Favoriten gewinnen auch in den seltensten Fällen, zumindest seit 2000.
    Das war bisher eigentlich nur 2007, 2009, 2012, 2018 (kann ich heute aber nicht mehr hören) und 2019 der Fall.😉

    • Ich glaube (aber ich bin kein esc-experte), zum ersten Mal hat man damals gegen den Esc (den alten esc) abgestimmt. Man braucht manchmal einen Bruch, um weiterzukommen.
      Das gleiche gilt auch für Sobral. Ich glaube, damals wurde Occidentalis Karma auch als „alten esc“ wahrgenommen, mit dem Gorilla und Tanz usw

      • Die merkwürdige Performance von „Occidentalis Karma“ hat Italien schon viele Punkte gekostet.
        Der Song war gut, meiner Meinung nach.🙂

    • „Das war bisher eigentlich nur 2007, 2009, 2012, 2018 (kann ich heute aber nicht mehr hören) und 2019 der Fall.“

      Das nennst du selten? Ich schaffe es nur auf einen Favoritensieger pro Jahrzehnt. Zuletzt waren das Marie N und Conchita. Und letztere auch nur durch ihren grandiosen Live-Auftritt, mit dem sie meinen Vor-Contest Favoriten Andras Kallay-Saunders auf der Zielgeraden noch überholte.

      • Der Live-Auftritt von Conchita war zweifelsohne toll. Aber den Song fand ich jetzt nicht so besonders, da haben mir Die Niederlande, Armenien und auch Ungarn wesentlich besser gefallen.
        Und Marie N – okay, der Jahrgang war sehr schwach, meiner Meinung nach. Habe ich auch keine wirkliche Alternative gesehen, außer Malta. 😉

      • Damy Im war klasse, aber zu glatt, Jamalas 1944 gehörte erst nicht zu meinen Favoriten, aber der Auftritt und die Inszenierung Gänsehaut. Gefällt mir ungeachtet Jamalas unsympathisch Gebärdens später immer noch neben Zoes Loin d‘ ici. Occidentalis Karma, mein Favorit, hatte nicht geflasht.

  7. 2016 war der einzige ESC in den vergangenen Jahren bei dem ich froh war als es vorbei war. Es herrschte eine verdammt aufgeheizte Atmosphäre, vor allem wegen den Konflikt zwischen Russland und Ukraine. Mit Jamalas Song kann ich bis heute nichts anfangen, klar war es etwas anderes, aber sowohl musikalisch als auch stimmlich gar nicht meins, teilweise klang sie als ob sie auf der Bühne in den Wehen liegt.

  8. Das war wirklich ein historischer ESC und von denen, bei dem ich (wie immer bei nem Semi) dabei war mein liebster. Links von mir saß eine Russin mit ihrem Emo-Sohn und sagte „We invite you to Russia when Sergej wins“. Finale haben wir im Hotel geguckt (ich war für Dami); bevor Laserboys Televote-Punkte kamen, sah man an seinem Kopfschütteln, dass er gerechnet hatte und wusste, dass es nicht reicht. Jamala hingegen raffte es nicht mal, als die Punkte bekanntgegeben wurden. Wir saassen dann noch bis 5 in der Lobby mit der Nachtportierin, die die Hotelbar für uns plünderte.

  9. Ooooh 2016, einer der besten Jahrgänge mit einer 2 davor. Ich sage zu Jamala jetzt mal nichts; stehe ihr als Person wie auch dem Song sehr ambivalent gegenüber. Aber so viele tolle Songs in dem Jahr, allen voran: Frankreich! Den hätte ich mir als Sieger gewünscht, leider hat der Auftritt bzw. dessen Kameraführung nicht überzeugt. Und ja: Für jedes andere Land wäre Sergej nicht zu schlagen gewesen. Zum Rahmenprogramm muss man glaub ich nichts sagen, das ist bis heute unübertroffen. Zwei meiner guiltiesten Guilty Pleasures kommen aus dem Jahr, nämlich … ahem … Irland und Slowenien … *duck*

  10. Hui, schöne und interessante Erinnerung, Berenike! 🙂

    Ich persönlich habe es damals nicht so empfunden, aber heute finde ich den 2016-Jahrgang schwach wie selten. Die Performances waren immerhin meist schön, aber viele Lieder konnten mich nicht so wirklich überzeugen. Dazu zählt auch Australien, was ich schon immer dröge fand. Russland fand ich überraschend gut, nur die Performance war mir dann zu viel. Und Ukraine….näh. Der Auftritt hat mich insofern überzeugt, dass ich verstanden habe, warum es gewonnen hat. Ansonsten finde ich das Lied unterdurchschnittlich. Und Jamala…naja. Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass es 2017 noch viel schlimmer kommen sollte.

  11. Ich war mir selten so sicher, wer den ESC gewinnen würde, wie 2016 und 2017. Schon bei der ersten Vorführung im Halbfinale des ukrainischen Vorentscheids war ich gebannt und mich überkam während des Liedes schon drei mal Gänsehaut am ganzen Körper.
    Das erste mal wahrgenommen habe ich Jamala im Jahr davor, als ich auf ESC Radio ihren Beitrag „Smile“ von 2011 hörte und sie mich zum lachen brachte. Unbedingt sehenswert wer es noch nicht kennt: https://youtu.be/zFRS2KdXImE

    Meiner Meinung nach hat „1944“ auch nicht gewonnen, da es als politisch wahrgenommen wurde (mal ganz ehrlich, wer Voten denn für einen politischen Beitrag?). Das Lied stach als musikalisch ungewöhnlich heraus und wurde hochemotional und gesanglich perfekt vorgetragen.
    Sergeys Beitrag „You are the only one“ wurde zwar spektakulär auf die Bühne gebracht (und es war dadurch auch klar, dass es das Televoting gewinnen würde), aber musikalisch war das schon ziemlich dünn und zielte sehr auf den allgemeinen Fangeschmack ab. Für mich ist das kein Wunder, dass die Jurys etwas verhaltener waren mit ihren Punkten – gerade wenn man bedenkt, was für Vorgaben die Jurys beim bewerten haben.

    Ansonsten habe ich noch Israel und vor allem Georgien abgefeiert – aber damit war ich recht allein. Gerade in der Halle rümpften die meisten Fans eher die Nase bei Georgien… Insgesamt haben die Schweden aber eine geniale Show über die Bühne gebracht! Lustig übrigens, dass ich ziemlich genau dort stand, wo Berenike das Foto aufnahm… 😉

    • „You are the only one“ war ein Ohrwurm, habe ich schon vorher dauernd mitgesungen (natürlich, wenn mich niemand hörte😀. (Und mich irgendwie geschämt für so einen schlicht gestrickten Geschmack, was stimmt mit mir nicht?😀)

      Georgien fand ich auch super, dieses Land ist sowieso eine Bereicherung für den ESC.🙂

      • Ach… Wenn ein Lied etwas in dir auslöst – und wenns nur gute Laune und mitsingen ist – dann ists doch schonmal super und nichts zum schämen!

        Das stimmt. Die haben den ESC musikalisch für mich oft bereichert!

      • Danke, Manu.

        Ich war drauf und dran, mich in so einer anonymen Selbsthilfegruppe anzumelden für… Musikgeschmack?😀😉

      • Man hätte den Song mMn nicht zulassen sollen, Ich bin wahrlich kein Russland-Fan und die Wut ist mehr als verständlich. Aber der ESC sollte eigentlich dazu beitragen, die Völker zu versöhnen. Oder bin ich zu naiv???
        Es hieß immer, Politik hat beim ESC nichts zu suchen, wie ich finde, aus gutem Grund. Natürlich läßt es sich nicht immer vermeiden, und z. B. Armenien und Aserbaidschan wird man durch den ESC nicht versöhnen können. Aber zumindest in den Songs hat Politik nichts zu suchen.

        Aber ich denke eigentlich nicht, dass Jamala nur wegen dem Inhalt des Songs gewonnen hat. Er war halt doch irgendwie außergewöhnlich auf der Bühne umgesetzt worden. Hat viele Leute schon fasziniert.😉

      • Richtig, und Russland hat mal wieder selber schuld – sie hätten ja vorab (gerechtfertigten) Einspruch gegen Jamalas Lied einlegen können.

    • @manu
      ich habe zum sieger eine andere meinung.
      ich glaube schon,daß es ein paar politisch motivierte jurypunkte gegeben hat und die waren dann möglicherweise ausschlaggebend für den rechten knappen sieg?
      vielleicht wurde der plastikpoprusse von den jurys bedingt durch damalige ereignisse auch (un?)bewußt knapp gehalten?
      denn was war denn der unterschied von seinem aalglatten plasikpop und den diversen schwedischen acts,die eigentlich immer jurys liebling waren?
      na,wir hätten den im vorfeld siegesgewissen plastikpoprussen als sieger gehabt – erst recht verwählt.🤣
      rein musikalisch war die ukraine nicht überragend aber optisch um so mehr – der digitalbaum hat bestimmt so manchen extrapunkt gebracht.
      der m.e. beste song im wettbewerb kam aus australien und hatte aufgrund seiner sperrigkeit probleme im televoting.
      wenn ich heute nach über 5 jahren unter dem aspekt der zeitlosigkeit zurückblicke dann bestärkt es mich um so mehr,daß hier der falsche act zum sieger erkoren wurde.
      aber was ist schon falsch beim ESC – es entscheidet die „tagesform“. 🙃
      australien war aber „nur“ meine nr.2.
      ich war im team armenien – da habe ich vor’m finale echt gedacht,daß der song um den sieg mitspielt aber es fehlte ein wenig die lobby,etwas was ukraine,schweden und noch mehr russland zur genüge haben.
      allein die moment mit dem langen sirenenton,sowas geiles beim ESC zu bringen – revolutionär!
      2016 war trotz der politischen randmanöver ein hochqualitativer ESC,allenfalls von 2015 in den 00er jahren noch übertroffen.

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