Advent der liebsten Blogger-ESC-Momente (7): Der Euroclub in Kiew

Nachdem ich am Nikolaustag in die späten 70er Jahre zurückgekehrt bin, um an die letzte ABBA-Live-Tournee durch drei Kontinente zu erinnern, liegt die heutige Erinnerung fast 40 Jahre später. Mit großer Euphorie denke ich immer noch an den 12. Mai 2017 im Euroclub in Kiew zurück.

Der 62. ESC in Kiew gehört zu den besten, die ich jemals live erleben konnte (nur Athen und Baku gefielen mir noch besser) und das hat vielerlei Gründe: die faszinierende Stadt, die Gastfreundschaft der Gastgeber, die vielen spannenden kulinarischen Highlights, der abwechslungsreiche Jahrgang, der längste Red Carpet aller Zeiten (bei strahlendem Sonnenschein), der einzigartige Siegertitel aus Portugal, der sich gegen den großen Favoriten Italien durchsetzen konnte und und und.

Und in Kiew fand auch einer der beiden besten Euroclub-Abende statt, die ich je erlebt habe. Eigentlich sogar der beste, den der andere Abend, an den ich mich mit größter Freude erinnere, war keiner im offiziellen Euroclub, sondern eine Party in einem smarten Szeneclub namens Herkules in Helsinki. Das war in 2007 und was beide Abende verbindet: Die Events fanden jeweils am Freitag vor dem Grande Finale statt.

Was ebenfalls beide Abende eint, ist, dass der legendäre ESC-DJ Ohrmeister aus Köln (der vielen von Euch noch als PRINZ-Blogger bekannt sein dürfte) aufgelegt hat – in Helsinki noch angeheuert vom lokalen Herkulus-Chef und in Kiew als einer der beiden offiziellen Euroclub-ESC-DJs, die der internationale Fanclub OGAE im Auftrag der EBU und des örtlichen Veranstalters nominiert hat.

Von Konsti (DJ Ohrmeister) weiß man, dass er am allerliebsten am Freitag vor dem Finale auflegt, weil die Stimmung in der Finalwoche dann immer spezifisch magisch ist. Die Halbfinal-Messe ist gelesen, die Startreihenfolge ist veröffentlicht, das Juryfinale ist gelaufen, die gesamte Bubble blickt gespannt auf den Finaltag. Bessere Voraussetzungen, vorher noch einmal den ESC abzufeiern, gibt es nicht.

Relativ kurzfristig ergab es sich dann, dass our very own DJ Douze Points ebenfalls einen time slot am Freitagabend vor dem Finale ergatterte, so dass die bestens aufeinander abgestimmten DJs Ohrmeister und Douze Points hintereinander die große Verantwortung hatten, den wichtigsten Partyabend des ESC-Jahres 2017 zu bestreiten.

Und was für ein Abend wurde es. Während Helsinki in 2007 noch den Charakter eines Familientreffens hatte (mit einem Fassungsvermögen von wohlwollend geschätzt 400-500 Menschen, die – an diesem Abend ungenutzt gebliebenen – Darkroomflächen mitgezählt), war der Euroclub in Kiew großräumig, ausladend und reizvoll durch einen gewissen Industrial Chic. Es gab mehrere Venues/Dancefloors (einer mit einem wenig partytauglichen Teppichboden) aber die ausgelassene Friday Nite fand im Basement statt und es feierten an die 2.000 Fans, Delegationsmitglieder usw. den ESC bis zum Anschlag, wie es hoffentlich auch die Fotos, mit denen ich in der Folge diesen Beitrag garniere, dokumentieren.

Was waren die großen Hits des Abends? Selbstverständlich dominierten auch und wie so oft die üblichen Verdächtigen der Nullerjahre, die ich hier nicht zu nennen brauche („Dancing Lasha Tumbai„, „Shady Lady„, „Undercover“ usw. usw.) als Crowdpleaser den Dancefloor. Aus dem aktuellen Jahrgang waren das vor allem drei Titel, von denen einer nicht einmal im Finale war. Abgehottet und mitgesungen bis zum maximalen Euphoriepegel wurde zu „I Feel Alive“ und – natüüüürlich – „Verona“ und – wie schon in der ganzen Saison und bis heute – zu „Occidentali’s Karma„. (Wiewohl an diesem Abend schon vielen schwante, dass es mit Turin 2018 wohl nix werden würde. Dass der Sanremo Siegersong allerdings „nur“ auf Platz 6 landen würde, darauf hätte wohl kaum jemand gewettet.)

Die Sets von Douze Points und DJ Ohrmeister zeichnen sich aber auch immer wieder durch Überraschungen und auch Perlen aus Vorentscheidungen aus (nicht nur aus dem Mello). Sympathisch ist außerdem, dass die beiden auch, wo es passt, Songwünsche berücksichtigt haben. Es würde hier den Rahmen sprengen, alle Spezialisten und Highlights, die die beiden jenseits des Mainstreams aufgelegt haben, zu nennen, ich will mich auf drei beschränken.

1) Im Ohrmeister-Set gab es ein Loreen-Triple, das den Dancefloor fast zum Explodieren brachte. In zeitlich chronologischer Reihenfolge spielte Konsti „MY Heart Is Refusing Me„, „Euphoria“ und „Statements“ und speziell das eigentlich sperrige „Statements“ löste (taktisch klug eingeleitet) maximale Begeisterungsstürme aus, so dass Tobbe Ek vom schwedischen Aftonbladet (Foto oben) das so sogar ein eigener Eintrag bei Facebook wert war.

2) Logischerweise haben DJ Ohrmeister und DJ Douze Points auch tief in der heimischen ESC-Kiste gewühlt. Bei keiner ESC-Party ever ever ever habe ich stärkere, leidenschaftlichere und ausdauernde Reaktionen auf „Let’s Get Happy„, „Wir geben ’ne Party“ oder „Ein Lied kann eine Brücke sein“ erlebt.

3) Und schließlich möchte ich einen Song hervorheben, den es in Kiew häufiger in Kombi mit dem Jahrgangsfavoriten „Yodel It“ gab, und zwar die finnische Polka „Työlki Ellää“ des zauberhaften Damenduos Kuunkuiskaajat.

Työlki Ellää“ war in diesem Jahr auch der Euroclub-Favorit unseres Blogfotografen Volli in Kiew, vor allem nach dem zweiten oder dritten Gin oder Wodka Tonic. Was mich zu einer meiner liebsten Euroclub-Anekdoten bringt und zwar zum schrittweisen Ausbau unserer Freundschaft zum Barkeeper direkt an der Vodkabar am Dancefloor.

Desto weiter die Probentage fortgeschritten waren (und desto mehr Fans und Delegationen angereist waren), desto größer wurde die Schlange der Durstigen, die sich vor der Bar stauten. In den letzten Tagen verpasste man zuweilen vier oder fünf Songs, bis man zu seinem Drink kam. Volli schärfte mir sehr früh ein, nur örtliche Spirituosen zu ordern und nicht die bekannten Importmarken. In der Tat war die Drinkpreisdifferenz (das Wort habe ich gerade erfunden) erheblich, für Tanqueray & Co. fiel das Vierfache oder mehr an im Vergleich zu heimischen Branntweinen.

Das „eingesparte“ Geld haben wir in großzügige Tips investiert, gerade in den ersten Tagen als Geste der Völkerverständigung. Was wiederum dazu führte, dass wir irgendwann nicht mehr anstehen mussten, sondern nach erfolgten Blickkontakt („die schon wieder“) nach vorne gewunken wurden. In einer dritten Phase mussten wir dann auch nicht mehr sagen, was wir haben wollen, den Gin oder Wodka Tonic mit viel Eis gab’s automatisch. Und ganz am Ende die Drinks nicht einmal mehr bezahlen. Wahrscheinlich hatten wir durch unser Sozialverhalten als treue Kunden dazu beigetragen, dass die Barbilanz bereits vor dem Grande Finalabend ausreichend profitabel war.

Wir haben in den letzten Tagen in unserem Adventskalender mehrfach über die Teenager-Postille BRAVO gesprochen (Benny hier und der Autor dieser Zeilen hier) und mit einem BRAVO-Buzzword möchte ich auch schließen: Eigentlich ist dieses Adventskalender-Türchen kein Wortbeitrag, sondern einen Foto-Love-Story. So hoffe ich, dass auch die Bilder rüberbringen, dass alle, die dabei waren, DJ Douze Points und DJ Ohrmeister bis heute dankbar sind für diesen unvergesslichen ESC-Abend.

Bereits in Kiew haben wir zahlreiche ABBA Huldigungen fotografieren können. „Love Love Love“, um mal Agnes zu zitieren.

PS: Um kritischen Bemerkungen vorzubeugen: Selbstverständlich tranken und trinken wir im Euroclub (nicht nur in Kiew) zwischendurch auch immer wieder Wasser (oder Espresso, wenn im Angebot), um mit den Songs auf dem Dancefloor auch zu fortgeschrittener Stunde einigermaßen standfest umgehen zu können und um Euch über das Geschehen vor Ort auch am nächsten Morgen immer aufmerksam berichten zu können. (Dass passte nur nicht so gut in die Geschichte unserer wahrhaftigen Barkeeper-Friendship im Euroclub in Kiew.)

Bislang in unserem Adventskalender erschienen:

(1) Mein „erstes Mal“
(2) Die BRAVO und ein Kindheitstrauma
(3) Der ESC 2000 in Stockholm
(4) Ein Hoch auf Moya Doherty
(5) Null Punkte und das Comeback von Ann Sophie
(6) Abba 1979 live in Dortmund

2020: Advent der besten DACH-ESC-Beiträge
2019: Advent der besten ESC–Momente


20 Kommentare

  1. Sehr schöne Bilder… fast wie aus einer anderen Welt. Einer Welt, wo Menschen noch nicht als potenzielle Gefahr galten. Entschuldigung, ich bin momentan etwas wehmütig.
    Danke für den schönen Artikel, und bleibt gesund… weil, das ist das wichtigste!

    • “Työlki Ellää“ war ein richtig feiner Beitrag. Finde ich heute noch skandalös, dass Finnland mit diesem Meisterwerk 2010 im Semi ausgeschieden ist.☹️

      • Ich finde, dass das Lied etwas zu lang geraten ist. Die ersten 2 Minuten finde ich das richtig klasse, aber danach beginnt es mir leicht auf die Nerven zu gehen.

      • Hm… ja, es wiederholte sich irgendwie später immer. Aber ich fand die Band auch total sympathisch. Sie hatten richtig Spaß und waren so energiegeladen. Echt total süß.😍

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