
„Wir setzen die Nacht in Flammen und vergessen uns selbst …“ Das singt Søren Torpegaard Lund in dem Lied, mit dem er in diesem Jahr für Dänemark beim ESC angetreten ist, und liefert damit die perfekte Beschreibung für den EuroClub. Dem Euroclub habe ich all meine sechs Nächte in Wien gewidmet, habe für sechs Partys meinen Schlaf hergegeben, war sechs Mal um 6 Uhr morgens am Ende meiner Kräfte … und kann es jetzt schon kaum abwarten, dies im nächsten Jahr wieder zu tun, um im Euroclub die Zeit meines Lebens zu haben.
In unserer Rückblick-Serie „Viva Vienna“ schauen wir auf den vergangenen Eurovision Song Contest in Wien zurück. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und euch mit an einen Ort nehmen, an dem sich Stimmen vereinen, Körper durch die Luft springen und Menschen in einen Zustand verfallen, der sich irgendwo zwischen Glückseligkeit, Erschöpfung und Delirium befindet – der Euroclub.
Mit der schönen Erinnerung an den Euroclub in Basel im Kopf machte ich mich direkt am Montag der Wiener ESC-Woche voller Vorfreude auf den Weg in den Club. Ich lief 30 Minuten durch die Nacht, bis ich schließlich schon von Weitem das große Riesenrad sah. Ich ging durch den Bogen, auf dem „Prater – Hereinspaziert“ geschrieben steht, und folgte dem Weg, der mich an einem Autoscooter vorbeiführte. Ich schlängelte mich an dem Kettenkarussell vorbei und erreichte schließlich den von außen zunächst unscheinbar aussehenden Prater Dome. Nach dem Passieren der Security, die mich erstaunlicherweise nicht nach meinem „Tanzschein“ fragte, eröffnete sich mir zunächst ein großer Raum mit einer Bar und einer Pizza-Station. Mehrere Treppen und Eingänge verbanden den Vorraum mit weiteren Räumen und Dancefloors.
Ich folgte dem lauten Klatschen einer Menschenmasse und gelangte so auf den Mainfloor. Dort verabschiedete sich gerade GOJO nach seinem Auftritt vom Publikum. Ich ließ die Atmosphäre kurz auf mich wirken, holte mir ein Getränk an der Bar und versank in meinen Gedanken. Ein (sehr) lautes „GIULIA“ riss aus diesen heraus. Auf der anderen Seite der Bar standen Rick, Paul und Julia.
Nach meinem halben Herzinfarkt begrüßte ich die drei und freute mich. Ich freute mich, dass es jetzt endlich losging. An den kommenden Abenden würde ich so viele tolle Menschen wiedersehen. Menschen, die ich auf ESC-Partys kennengelernt habe, Leute, mit denen ich ein tolles ESC-Silvester gefeiert habe, Mit-Blogger*innen natürlich und Basel-Bekanntschaften. Genauso freute ich mich darauf, neue Leute kennenzulernen, ESC-Fans aus allen Ecken Europas anzutreffen und mit ihnen über ihre diesjährigen Favoriten zu plaudern.
Während meiner Euphorie-Welle begann die Masse hinter mir zu toben. Grund dafür waren zwei Geschwister, die jetzt die Bühne betraten. Abor und Tynna rissen kurzerhand die Halle ab und ich freute mich einen Ast, dass sie vom Publikum durch frenetische Jubel-Stürme die Anerkennung bekamen, die sie verdienten.
Nachdem der Einstieg getan war, sollte ich schon bald feststellen, dass dieser ESC-Jahrgang ein ganz besonderer Party-Jahrgang war. Immer wieder begeisterten die DJs mit Songs aus der aktuellen Saison die Masse. „Ferto“ wurde angespielt und ich erwischte mich, wie ich bei dem Lied, das ich doch eigentlich nicht mochte, im Takt mitwippte. Spätestens als der Refrain einsetzte und die Leute mitsangen feierte auch ich den Song, als hätte ich nie an ihm gezweifelt.
Ich schaute oben auf dem etwas kleineren Floor vorbei, wo gerade alle gemeinsam „Saremo io e te Da qui sarà per sempre sì“ riefen, als fließe durch ihre Körper italienisches Blut. Schon kurz darauf feierten wir alle gemeinsam die Republica Moldova als wäre sie unsere zweite Heimat. Wieder zurück auf dem Mainfloor entdeckte ich, wie herrlich es ist, mit allen zusammen „My, My, MY SYSTEM“ zu brüllen. Auch der Satz „Før vi går, før vi går hjem“ lässt sich ganz hervorragend laut und enthusiastisch mitsingen.
Mein Herz füllte sich mit Freude, als zum ersten Mal „Eclipse“ im Euroclub gespielt wurde. Wie schön, dass dieses untypische Partylied hier seine Chance bekommt, die Leute zu bewegen. Und eines kann ich euch sagen: Dieses Lied bewegte die Leute. Nicht zu vergessen ist auch der Moment, in dem alle zusammen ein genuscheltes „Ois viisaampi häipyy täält“ singen, sobald die ersten Töne von „Liekinheitin“ angespielt werden.
Aber dann kam etwas, das ich so noch bei keiner Party erlebt habe. Lauter als alles, was davor passiert war, riefen alle gemeinsam „JALLA, JALLA“. Das Lied schafft es, die Stimmung hochzutreiben, bis sie bei „JALLA, JALLA, JALLA, JALLA, JALLA … OPA!“ ihren Siedepunkt findet. Jeden Tag wurden diese Lieder rauf und runter gespielt. Bestimmt sechs bis sieben Mal an einem Abend wurden all diese Lieder wiederholt und wiederholt und wiederholt. Und mit jedem Mal hatte ich das Gefühl, dass die Leute noch lauter mitsangen, noch höher sprangen und einen immer lauter werdenden Chor kreierten, der nicht müde wurde, das 80. Mal aus vollem Halse „JALLA“ zu rufen. Immer wieder freute man sich über die Lieder, als hätte man sie das letzte Mal vor 20 Jahren und nicht erst vor 20 Minuten gehört.
Und so vergingen die ersten Tage viel zu schnell. Schon nach Tag drei hatte ich keine gut funktionierende Stimme mehr. Das war mir aber mehr als egal. Denn am Donnerstag musste ich mit voller Energie „ICH KOMME“ singen. Erika Vikman trat im Euroclub auf, weswegen ich mich recht nah an der Bühne positionierte. Erika stellte sich auf die Bühne, breitete ihre Arme aus und ließ sich erst einmal vom ganzen Club feiern. Ich glaubte für einen kurzen Moment, eine göttliche Erscheinung zu haben, fing mich aber recht schnell wieder und genoss den tollen Auftritt.
Mit meinem „ICH KOMME“-T-Shirt flanierte ich anschließend durch den Club. Das brachte mir ganz viele tolle und süße Momente mit Leuten ein, die ebenfalls ein „ICH KOMME“-T-Shirt trugen. Immer wieder stimmte jemand ein kurzes „ICH KOMME“ an oder zeigte voller Freude auf sein oder mein T-Shirt. Das Ganze ging so weit, dass sich eine Frau ihr T-Shirt hoch riss, um mir ihr „ICH KOMME“-Tattoo zu zeigen. Besonders gefreut hat mich, dass ein junger Mann mich angesprochen hat, damit wir zusammen in unseren „ICH KOMME“-T-Shirts ein Foto machen können (Liebe Grüße 😀 ).

Der Donnerstag sollte sich schließlich noch zu einem Abend der eskalatösen Art entwickeln. Obwohl ich eigentlich schon längst müde war, spielte mich um 4 Uhr nachts der beste DJ des Euroclubs noch einmal wach. Douze Point legte einen Banger nach dem anderen auf, was meine Freund*innen und mich in einen Tanz-Rausch versetzte. Spätestens bei „Eclipse“ fühlten wir uns so, als würden wir Delta Goodrem heißen und gerade in einem Kleid aus Tausenden Swarovski-Steinen unser Land im Finale des Eurovision Song Contest vertreten. Da wurde mir wieder klar, was für ein besonderer Ort der Euroclub doch war.
Jede und jeder konnte sich hier der Musik und seinen Gefühlen hingeben, ohne auf Konventionen oder die Blicke anderer Leute achten zu müssen. Gleichzeitig gab es keinen unangenehmen Exzess. Wer nur hier war, um ein bisschen Atmosphäre zu schnuppern oder sich zu unterhalten, konnte auch das tun. Wer mag, geht früh nach Hause und wer Bock hat, bleibt bis 6 Uhr nachts und taumelt mit den gleichgesinnten Feierwütigen aus dem Euroclub, während es draußen schon längst hell geworden ist.
Am Samstagabend machte ich mich mit Laureen auf, um beim Public Viewing im Euroclub das ESC-Finale zu schauen. Zwar waren die Sichtverhältnisse nicht die optimalsten, aber die Atmosphäre machte das wieder wett. Ich gucke den ESC sehr gerne ganz in Ruhe zu Hause mit meiner Familie, aber mein Herz ging auf, als alle voller Vorfreude die Eurovisions-Hymne mitsangen und anschließend lautstark Sarah bei ihrem Auftritt anfeuerten. Eine ganz besonders magische Energie ging tatsächlich bei dem Auftritt von Frankreich durch den Raum. „Il est là, là, là“ sangen alle mit, bewegten dabei wie Monroe ihre Arme hoch und runter, um dann pathetisch ein „Regarde-moi, regarde-toi“ in die Nacht zu rufen. Jeder einzelne Beitrag wurde an diesem Abend kompromisslos gefeiert und alle waren ausnahmslos United by Music!
Und dann machte sich Aufregung breit. Das Voting ging los. Hände wurden gefaltet, Augen wurden zugehalten und Haare wurden gerauft. Was für ein wundervoller Moment es doch war, als Bulgariens Herz an dem israelischen Herz vorbeizog und der Euroclub in einen Freuden-Rausch verfiel. Gemeinsam wurde gejubelt und sich gefreut, mit fremden Leuten abgeklatscht, als seien wir alle Bulgar*innen. Es muss nicht erwähnt werden, wie anerkennend und ausgelassen „Bangaranga“ an diesem Abend noch viele Male im Euroclub gefeiert wurde.
Für mich neigte sich damit eine Woche dem Ende zu, die ich als ganz WUNDERBAR bezeichnen möchte. Gegen 5 Uhr morgens kamen mir die Worte eines dänischen Poeten in den Kopf: „Før vi går hjem“ (Bevor wir heimgehen). Bevor wir heimgehen, wollte ich noch einmal meinen diesjährigen Favoriten „Choke Me“ hören. Zusammen mit Lea machte ich mich auf den Weg zum DJ, und wir wünschten uns den rumänischen Beitrag. Wir bekamen vom DJ ein Lächeln und einen Daumen nach oben und stürzten uns noch ein letztes Mal in die Klänge dieses tollen Liedes.
Mit schmerzenden Füßen schlürften wir schließlich nach Hause. Ich verfluchte mich und meine Entscheidung trotz früher Zugfahrt am nächsten Morgen so lange im Euroclub zu bleiben. Die Entscheidung war so schlecht, dass ich sie im nächsten Jahr genau so wieder treffen werde … Ganz liebe Grüße an all meine feierwütigen Begleiter*innen, an alle, mit denen ich tolle Gespräche im Euroclub führen durfte und an alle, die ich im Euroclub kennengelernt habe.
- (1) Die schönsten Wien-Bilder der Blogger*innen
- (2) Mein erster Eurovision Song Contest vor Ort
- (3) Wie war Wien als Gastgeberstadt 2026?
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- (5) ESC 2026 in Wien: All My Life for a Night Like
- (6) Tagebuch ESC 2026: Mini-Storys aus meiner Zeit in Wien
Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:
- Bye Bye Basel: Unser Rückblick auf den ESC 2025
- Malmö Memories: Unser Rückblick auf den ESC 2024
- Leaving Liverpool: Unser Rückblick auf den ESC 2023
- Torniamo a Torino: Unser Rückblick auf den ESC 2022
- Replay Rotterdam: Unser Rückblick auf den ESC 2021
- Talking Tel Aviv: Unser Rückblick auf den ESC 2019
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Danke für den Bericht und die Eindrücke, liebe Giulia!
Schöner, positiver Artikel, danke Giulia! Neben der Bro-Gallerie des Blog Otters bisher mein liebster Artikel in der Winke Winke Wien Serie.
Kann es sein dass du momentan einen kleinen Max-Crush hast?? 😉
Freut mich dass du und der Rest der Truppe Spaß hattest. Ich persönlich bin gar kein Clubgänger und hätte mich da nur unwohl gefühlt. 😅
Hoffe trotzdem dass es beim nächsten Teil wieder mehr um die Show an sich geht.
Ich bin auch kein Clubgänger und kenne dieses Gefühl des Unbehagens. Die ESC Bubble feiert aber anders und es waren wunderbare Nächte im Euroclub.
Mich würde es mehr interessieren, ob Giulia mit der Bahn gefahren ist und wie traumatisch das für sie war. Und wie war die Einlasskontrolle für sie?
Genau das will ich eigentlich nicht mehr lesen. 😅
Giulia, ich habe die Woche im Eurclub genaus geliebt wie du sie beschreibst und selbst erlebt zu haben scheinst. Danke für diesen tollen Bericht der so viele schöne Erinnerungen hervorbringt, dass ich wieder Gänsehaut habe. Wir sehen uns auf der Tanzfläche im Euroclub 2027!
Ich hab den Finalabend auch im Euroclub verbracht – leider, leider dann doch beim Voting sehr viel Buhs für Israel, die anwesenden Israelfans haben mir leid getan und den Abend hat es etwas vermiest – der frenetische Jubel für Bulgarien war allerdings mega!
Stimmt. Daher ist die Beschreibung: „Jeder einzelne Beitrag wurde an diesem Abend kompromisslos gefeiert und alle waren ausnahmslos United by Music!“ doch ein bisschen zu optimistisch geschrieben und beugt dann doch etwas die Wahrheit.