Die Geschichte des ESC ist Thema der aktuellen Folge von „Eine Stunde History“ auf Deutschlandfunk Nova

Deutschlandfunk Nova ist „das junge Infoprogramm von Deutschlandfunk“ und dieses sendet auch das Format „Eine Stunde History“. In der aktuellen Sendung, die auch als Podcast auf den gängigen Kanälen nachgehört werden kann, geht es um den „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ bzw. die „Geschichte des ESC“ – pünktlich zum heutigen 65. Jubiläum des Beschlusses zur Einführung eines europäischen Musikwettbewerbs. Das war für uns natürlich Grund genug, in die Folge reinzuhören.

Die Sendung startet spannend, denn zuerst gibt es einen kurzen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Grand Prix und eine Einordnung in die damalige (Nachkriegs-)Lebenswirklichkeit. Anschließend bekommen wir einen recht kurzweiligen und unterhaltsamen Rückblick von Deutschlandfunk-Nova-Reporter Sven Preger auf 65 Jahre ESC-Geschichte zu hören. Natürlich wird hier hauptsächlich mit den üblichen Verdächtigen (ABBA, Lena, Johnny Logan, Nicole…) gearbeitet, aber so ist das eben, wenn ein Programm nicht explizit für Hardcore-Fans, sondern für die breite Masse zusammengestellt wird.

Trotzdem zeigen schon diese ersten beiden Abschnitte der Folge, wo das große Problem liegt: In der gewählten Breite des Themas. Es wäre vermutlich eine bessere Idee gewesen, sich tatsächlich auf die Entstehungsgeschichte des ESC zu fokussieren, statt die gesamte Geschichte des ESC mit zahlreichen Teilaspekten in 38 Minuten quetschen zu wollen. So werden letztendlich alle angeschnittenen Themen nur an der Oberfläche behandelt, ohne richtig in die Tiefe zu gehen. Zum Beispiel wird im Hinblick auf die Entstehung des ESC kein einziges Mal der Name Marcel Bezençon erwähnt, obwohl dieser als Erfinder des Contest gilt und heute noch Namensgeber für den entsprechenden Preis ist. Auch sprechen die ModeratorInnen öfter von dem Problem der Kommerzialisierung, ohne genauer darauf einzugehen, was sie damit meinen. Dabei hätte es ja durchaus Diskussionsstoff geliefert, was es bedeutet, wenn einzelne Länder ihre Teilnahme von der Unterstützung eines Sponsors abhängig machen oder der ESC 2020 aus versicherungstechnischen Gründen nicht in anderer Form stattfinden konnte.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Expertenauswahl für den Podcast: taz-Redakteur und Ex-Eurovision.de-Experte Jan Feddersen, ESC-Kommentator Peter Urban und Guildo Horn sind dann doch sehr vorhersehbar und wenig überraschend. Ob Guildo als ESC-Teilnehmer von vor über 20 Jahren außerdem der Richtige ist, um die Abläufe hinter den Kulissen des modernen Eurovision Song Contest zu beschreiben, ist doch eher fraglich. Trotzdem sagen alle drei auch kluge Sachen oder Dinge, an denen man sich reiben kann oder die neue Denkanstöße liefern. Gerade Peter Urban macht seine Sache ziemlich gut und widerspricht Moderatorin Meike Rosenplänter auch mal vehement, wo das notwendig ist („Das ist totaler Unsinn.“).

Überhaupt sind die gestellten Fragen teilweise ein bisschen ärgerlich, denn bei allem Verständnis für provokante Thesen, bekommt man doch das Gefühl, dass der moderne ESC hier vor allem als eine karnevalisierte Veranstaltung dargestellt wird, für den sich die Leute nur interessieren, wenn sie wie bei einem Dieter-Thomas-Kuhn-Konzert verkleidet mit Käseigel vor dem Fernseher sitzen und dabei das Event eigentlich sowieso nicht verfolgen, sondern sich lieber mit den versammelten Freunden unterhalten. Dieses Bauchgefühl der ModeratorInnen wird allerdings in Deutschland weder von den Einschaltquoten noch von den Votingzahlen gestützt.

Etwas schade ist in diesem Sinne dann auch, dass die Moderatorin Meike Rosenplänter und der Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld sich den Ausstieg aus der Sendung ein bisschen selbst versauen, indem sie zum Ende die Frage stellen, ob es den ESC eigentlich heutzutage noch bräuchte. Das ist einerseits schon keine besonders wertschätzende Frage und wer würde schon fragen, ob man Olympia oder die Fußball-WM heute noch braucht. Andererseits führen die beiden als Argumente gegen den ESC etliche Punkte an, die vorher von den Experten widerlegt oder zumindest relativiert bzw. eingeordnet wurden (Kommerzialisierung, Politik, Punkteschieberei). Auch ein Verweis auf den anfangs angesprochenen Gedanken der (europäischen) Völkerverständigung und dessen Aktualität fehlt hier. So ist das Fazit am Ende, dass die beiden ModeratorInnen den Wettbewerb persönlich zwar nicht bräuchten, aber verstehen können, das andere das anders sehen. Kein richtig schönes Ende für eine Sendung, die für ESC-Fans ganz nett anzuhören und für Laien sicherlich sogar ziemlich interessant ist.

Trotzdem: Reinhören lohnt sich auch für Fans und wir haben uns schon überlegt, demnächst ein ESC kompakt LIVE zu machen, in dem wir uns den in der Sendung angesprochenen Aspekten nochmal etwas ausführlicher widmen. Deshalb freuen wir uns auch auf Eure Anmerkungen hier in den Kommentaren.

„Eine Stunde History“ von Deutschlandfunk Nova zum „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ könnt Ihr hier runterladen oder Euch als Podcast anhören.


32 Kommentare

  1. Eigentlich müsste ich mal eine Sendung über die Entstehung der Fußballbundesliga, deren Kommerzialisierung und Politik machen. Das Fazit wüsste ich jetzt auch schon: ich persönlich bräuchte sie zwar nicht, kann aber verstehen können, das andere das anders sehen.

      • @Douze Points

        Oder man könnte allgemein eine Sendung über die Entstehung solcher „Rückblicksendungen“ machen mit dem Fazit dass man sie selber nicht bräuchte aber gut verstehen kann dass andere es anders sehen. 😉

    • Damals beim ersten ESC (Grand Prix Eurovision) 1956 in Lugano gab es keine Punktwertung.
      Jedes Teilnehmerland entsendete 2 Juroren. Bei nur 7 Teilnehmerländer kamen 14 Juroren zusammen. Nach der Präsentation der Lieder haben die Juroren beraten und ein Lied als Sieger erkoren. Das war damals das Lied „Refrain“.

      • Das ist mir schon klar, aber ich dachte immer das die Juroren damals – genauso wie heute – an jeden Song Punkte vergeben haben, und am Schluss Lys Assia eben die meisten hatte, und nicht das die Juroren gemeinsam sich für einen Gewinner entschieden haben.
        Die weiteren Plätze wurden ja nie veröffentlicht

      • Lys Assia hatte irgendwann mal gesagt, dass sie mit einer hohen Punktzahl gewonnen hätte. Sie hat zu Lebzeiten ob „mal was gesagt“. Der Nebel der Zeit im Geiste!
        Stimmzettel im Sinn einer Punktvergabe gab es nicht.
        Deutschland mit „Im Wartesaal zum großen Glück“ soll Zweiter gewesen sein, war immer nur eine Behauptung, die nie nachgewiesen wurde. Selbst der Sänger vom Lied Walter A. Schwarz hatte sich nie dazu geäußert.

  2. Wer sich übrigens für den politischen Aspekt des ESCs interessiert (und 22 Euro für die Kindle-Version übrigen hat) dem empfehle ich „Postwar Europe and the Eurovision Song Contest“ von Dr. Dean Vuletic. von 2018. Da wird sehr umfangreich auf die Entstehung des ESCs geschaut und natürlich den Mythos, dass der ESC total unpolitisch sei, aufgelöst.

  3. Ich finde die Sendung gar nicht so schlecht bis auf ein paar Aussetzer und die tatsächlich unsägliche Abmoderation. Ich habe der Redaktion geschrieben, dass ich es eigentlich uninteressant finde, ob die Redaktion den Gegenstand der Berichterstattung mag oder nicht. Bei anderen Themen erfahre ich das (glücklicherweise) auch nicht.

    Hier kann mann übrigens reagieren:
    https://www.deutschlandfunknova.de/info/kontakt

  4. Die Leute die so reden haben keine Ahnung oder braucht man eine WM in Katar. Der ESC ist ein Wettbewerb für Europa, denn man ganz sicherlich braucht. Kommerzialisierung ist da keine Begründung sonst müsste man den Fußball ja auch abschaffen.

    • „…ESC ist ein Wettbewerb für Europa…“ ach, schau an, auf einmal. Australien ist nicht in Europa, auch kein Zipfel davon. Wenn man aber es so rumdreht, dass der britische Union Jack (=die brit. Flagge) auf der australischen Flagge abgebildet ist, kann so der „Zipfel“ zu Europa hergestellt sein, ergo Australien ist in Europa!

  5. Heute wurden die Wettbewerbstitel für den OGAE Video Contest 2020 bekanntgegeben und da gibt es ein Wiedersehen mit Claudia Faniello, die Malta vor drei Jahren beim ESC vertrat sowie Can Bonomo, der vor acht Jahren für die Türkei bei ihrer bis dato letzten ESC-Teilnahme vertrat:

    https://eurovoix.com/2020/10/18/ogae-video-contest-2020-entries-revealed/

    Weitere ehemalige ESC-Teilnehmer sind Ivi Adamou (Zypern 2012), Elina Elina Netšajeva (Estland 2018), Lake Malawi (Tschechien 2019) sowie die in diesem Jahr wegen der Covid-19-Pandemie verhinderten ESC-Teilnehmer Diodato (Italien), Vasil (Nordmazedonien) und Victoria (Bulgarien). Die Ukraine wird durch ONUKA, dem Intervallact des ESC-Finales von Kiew 2017 und Deutschland durch Johannes Oerding vertreten.

    • Klarer sieg für vitaa & slimane? Wäre echt super, die beiden beim esc zu sehen. Ob sich die französischen topstars aber dazu herablassen, einen ve mitzumachen, würde ich stark bezweifeln. Also , TF1/2/3/4/5(wer auch immer), so leid es mir tut, destination wieder für ein jahr aussetzen und v&s direkt nominieren……..und was richtig schön supersüsses, superklebriges von Thomas Gustafsson dazu.

      • Nein, Destination Eurovision auf gar keinen Fall aussetzen!

        Ich habe einen anderen Vorschlag: SCHWEDEN nominiert Vitaa & Slimane direkt. Wenn das Lied von Thomas Gustafsson komponiert ist, hätten wir doch auch einen schwedischen Bezug. Aber bitte unbedingt ein Lied in französischer Sprache, von mir aus mit schwedischen Refrain! Ein Jahrgang mit mindestens drei Beiträgen auf Französisch wär doch mal wieder toll – ein Traum wär’s natürlich, wenn Französisch wieder zur dominanten Sprache des Grand Prix aufsteigen würde, aber gut, man soll sich ja nicht zu viel auf einmal wünschen 😉

  6. Ich habe nicht das Gefühl, dass über die Kommerzialisierung des Fußballs nicht immer mal wieder und auch kontrovers diskutiert wird. Die hanebüchenen Ablösesummen, die Diskussionen um die „Mäzen“vereine RB Leipzig nd Hoffenheim etc pp – da fallen selbst mir als Fußball-Laien gleich ne Menge Beispiele ein. Das gilt auch für die Olympischen Spiele. Es bleibt nur zu hoffen, dass beim ESC nicht auch noch irgendwann ne Korruptionsaffäre aufgedeckt wird – wie es bei DFB, FIFA und NOK schon passiert ist.

    • Es gab doch vor 5(?) Jahren zumindest mal so ein Skandälchen, dass Sietse Bakker als Mitglied der Reference Group trotz allgemeiner Ausschreibung bestimmte Aufträge immer den gleichen Firmen zugeschanzt hat; woraufhin dann auch der darin verstrickte JESC-Supervisor zurücktreten musste.
      Wenn man allerdings mal überlegt, dass Florian Wieder 7 der letzten 10 Bühnen gestaltet hat, die Produktionsfirma von Ola Melzig drei Viertel der ESCs seit der Jahrtausendwende betreut hat und gerade der dritte skandinavische Supervisor in Folge sein Amt angetreten hat, stellt man wohl besser immer noch nicht zu viele Fragen, gute Arbeit hin oder her!

  7. War doch vorrauszusehen, wenn sowas bei Rundfunksender kommt, das es solche schwachsinnigen Frage, wie nach der Notwendigkeit des Wettbewerbs kommen. Ich frage mich dann aber, warum macht man dann solche Sendungen, wenn es den Moderatoren eigentlich zu wider ist, darüber ne Sendung zu machen?

  8. Interessant finde ich, dass gerade beim DLF die Frage nach der Notwendigkeit eines Wettbewerbs gestellt wird, mit dem die „Konkurrenz“ von der ARD alljährlich Quote macht.
    Gewisse Klischees der ESC-Welt haben sicher ihre Berechtigung, aber diese typisch deutsche Frage nach dem Sinn des Contest (s.a. „was haben WIR davon?“) empfinde ich immer wieder sehr kleingeistig, da der Nutzen für kleinere europäische Musikmärkte doch eigentlich auf der Hand liegt und sich auch im augenscheinlichen Stellenwert diverser Vorentscheidungen wiederspiegelt. Dass die Produzenten dieses Rückblicks hier anscheinend noch nicht mal die Bedeutung des Mellos einordnen können, raubt mir jegliche Motivation, mir für sowas Zeit zu nehmen, aber nun, unsereins gehört ja eh nicht zur Zielgruppe.

  9. Die Frage was haben wir davon? beantworten die europaweiten Zuschauerquoten am Finalabend wohl hinreichend. Das ewig gleiche Rumgemeckere gibt es ja auch bei anderen Events, selbst beim Fussball, nämlich dann wenn Deutschland nicht gewinnt.
    Mir gehen die meisten Journalisten und deren Meinungen sowieso auf die Nerven. Arbeite in einer Medienanstalten und kenne mich mit dem Schaffen dieser Leute etwas aus, die dass ja bekanntlich zuerst einmal nicht aus Begeisterung für eine Sache sondern letztendlich für Geld tun.

  10. Ich höre Nova eher nicht, aber meistens den Dlf an sich und ärgere mich heimlich manchmal über die Themenauswahl (zu links?) und die verwendete Sprache, andererseits werden da oft Themen besprochen, die man im normalen Radio so nicht hört. Bei einer Sendung von knapp 40 Minuten ist es auch schwierig, alles einzubringen. Müsste ich ein Referat in der Schule über den ESC halten, könnte ich stundenlang reden. Auch haben wir in Deutschland immer noch nicht alle Klischees überwunden. Der Wettbewerb wird ja doch eher belächelt und jedes Mal wenn Deutschland schlecht abschneidet, freue ich mich schon auf die Kommentare im Welt-Online-Forum.

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