Feigheit oder Dreistheit: Zweiter #FreeESC kommt eine Woche vor dem ESC-Finale

So viel Vertrauen hatte man bei ProSieben dann wohl doch nicht, um die zweite Ausgabe des #FreeESC direkt gegen den richtigen ESC zu positionieren, der am 22. Mai in Rotterdam sein Finale erleben wird. Dreist genug war man aber dennoch, um der EBU-Show möglichst stark zu schaden. Das nennt man dann wohl Wettbewerb. Fairness sieht dennoch anders aus.

Das Datum für die beiden Halbfinale und das Finale des Eurovision Song Contest 2021 steht schon lange fest. Der Ausrichter, die European Broadcasting Union (EBU), hat die Termine schon vor vielen Monaten bekanntgegeben. Nun kam auch ProSieben aus der Deckung und gab den Termin für seine zweite Ausgabe des „Free European Song Contest“ bekannt – den 15. Mai. Das ist exakt der Samstag vor dem ESC-Finale.

Im letzten Jahr setzte sich Pro Sieben mit der ersten Ausgabe des #FreeESC noch exakt gegen die Ersatzsendung der ARD für den Pandemie-bedingt ausgefallenen richtigen ESC. Dabei hatte ProSieben bei den Zuschauer*innen auch leicht die Nase vorn und erreicht in der jüngeren Zielgruppe einen Marktanteil von 19,4 Prozent.

Schon im letzten Jahr sagte ProSieben-Chef Daniel Rosemann: „Unsere Absicht war nicht in Konkurrenz zu treten mit dem ehrwürdigen ESC“. Während man das im letzten Jahr letztlich aber doch tat, traut mich sich das in diesem Jahr dann doch nicht. Das war aber auch schon verkündet worden. Zur neuen Ausgabe sagt Rosemann:

„Der erste ‚Free European Song Contest‘ hat gezeigt, wie sehr Stefan Raab, ProSieben und unsere Zuschauer gute Musik und eine gute Show lieben. Das verbindet uns alle. Dieser neue Songwettbewerb hat 2020 eine wundervolle Note gesetzt und war der Auftakt für eine hoffentlich lange, jährliche Tradition. In diesem Jahr freuen wir uns auf den nächsten musikalischen Feiertag – made by Stefan Raab.“

Stefan Raab wird auch wieder der Produzent der Show sein. Der ehemalige ESC-Teilnehmer:

„Mit Nico Santos hat im ersten Jahr ein herausragender Musiker den #FreeESC gewonnen. Und für Deutschland war mit Helge Schneider eine echte Legende am Start. Beide stehen für die besondere musikalische Qualität dieses neuen, freien Wettbewerbs. In diesem Jahr wird der ‚Free European Song Contest‘ mindestens ebenso hochkarätig besetzt sein. Genauso hochkarätig, wie man es von einem internationalen Wettbewerb erwarten kann.“

Anmerkung des Autors

Das Positive ist ganz sicher, dass den Zuschauer*innen in diesem Jahr die Wahl zwischen den beiden Shows erspart bleibt. Die Positionierung des #FreeESC direkt eine Woche vor dem ESC kann aber nur als Angriff auf die traditionelle EBU-Show verstanden werden, um möglichst viel von ihrem Ruhm abzubekommen und ihr gleichzeitig größtmöglich zu schaden. Denn es ist durchaus vorstellbar, dass einige, die den #FreeESC gesehen haben, nur eine Woche später nicht noch einmal eine europäische Musikschauen gucken wollen. Außerdem gibt es unnötige Verwirrungen bei dem Namen.

Es ist wirklich bedauerlich, dass Stefan Raab dem Wettbewerb, der auch ihn zur Legende gemacht hat, so für die Eigenvermarktung nutzt und dafür im übertrageneren Sinne über Leichen geht. Dabei tröstest es ein bisschen, dass es den ESC vermutlich noch geben wird, wenn sich in ein paar Jahren niemand mehr an den #FreeESC erinnern kann.

Nachtrag: ProSieben schreibt sich selbst zu „richtig dreist“ zu sein (Achtung, Ironie)


138 Kommentare

  1. Dieser Contest interessiert mich eigentlich gar nicht besonders – ich finde allein den Titel ärgerlich. „Free“ ESC – was soll das eigentlich bedeuten? Dass der traditionelle ESC nicht „free“ ist? Dass der Raab-Contest keinen wie auch immer gearteten Zwängen unterliegt? Findet in Rotterdam etwa ein Contest statt, der „not free“ ist? Das müsste mir Pro 7 mal erklären.

    • Eigentlich einfach: ESC = öffentlich-rechtlich/staatliche Sender; FreeESC = Sender des freien privatrechtlichen TV-Markts

    • @Böörti01
      Wie unfrei der privatrechtliche TV-Markt tatsächlich sein kann, hat Raab doch höchstselbst schon öfters anhand der berüchtigten DSDS-Knebelverträge entlarvt. Diese Namensgebung ist auch nur reines Marketing.

      • Ähm, ja, klar… Spricht ja jetzt aber auch nicht gegen die Namensgebung. Kennt man doch auch von Begriffen wie Freie Wirtschaft, Freie Software oder so. Wie auch immer…

    • Ich sehe das „Free“ eher als „offener, freier“ ESC. In dem Sinne, dass die Sänger nur irgendwie mit den Ländern in verbindung stehen müssen und im Letzten Jahr ja auch „der Mond“ teilgenommen hat. Es basiert quasi „lose“ auf den ESC.

      • Ich sehe es eher so das der Sender kein Mitglied einer Organisation sein muss um daran teilzunehmen. Letztes Jahr hat zwar noch kein anderer Privatsender dran teilgenommen aber das soll ja dieses Jahr anders sein

  2. Weder Feigheit noch Dreistigkeit, denn ich glaube, dass ProSieben die ESC-Fans -und ich denke dass die meisten FreeESC Zuschauer auch ESC Zuschauer/Fans sind- nicht verärgern möchte und sendet den FreeESC deswegen nicht direkt gegen den ESC! Außerdem möchte ProSieben, denke ich mal, auch gute Quoten mit dem FreeESC einfahren und wenn der ESC zeitgleich läuft muss man sich die Zuschauerschaft mit diesen teilen. Aber dies hat für mich nichts mit Feigheit zu tun! Im letzten Jahr war die zeitgleiche Programmierung gegen „Europe Shine a Light“ ja eher eine „Protesthaltung“, weil es der EBU, obwohl es gute Vorschläge gegeben hat (u.a. ja auch vom NDR bzw. Thomas Schreiber), nicht gelungen ist, den Contest trotz der Pandemie -wo die Situation zugegeben damals, vor rund einem Jahr, für uns noch sehr neu war- zu veranstalten.
    Ich glaube auch nicht, dass der FreeESC den ESC schaden wird. Der ESC ist dann schon noch eine ganz andere Hausnummer!
    Ich glaube nicht, dass der FreeESC den Hunger der ESC-Fans stillt!

  3. Für mich schon eine etwas zweischneidige Geschichte.
    Einerseits ist es grundsätzlich natürilch erstmal erfreulich, noch eine zweite Musikshow sehen zu können. Ich habe auch den Bundesvisionsongcontest gerne mal geguckt. ABER: der lief auch nicht in bewusster Nähe zum ESC (an den sich konzeptionell ganz offensichtlich auch damals schon angelehnt wurde).

    Alle Befürworter und DP-Kritiker möchte ich fragen, was ihr glaubt, warum der „FreeESC“ nicht eine Woche NACH dem ESC ausgestrahlt wird. Für mich ist das eigentlich nur mit der naheliegenderweise schlechteren Quoten-Aussicht zu erklären.
    Da der ESC ins den letzten 20 Jahren zu einer sehr kommerziellen Veranstaltung aufgeplustert wurde und ich trevoristos‘ Analyse der gegenwärtigen Situation durchaus folgen kann, sehe ich einen durch den FreeESC eher geförderten als bekämpften Zuschauerschwund in einem Big5-Land durchaus mit Sorge. Machen wir uns nichts vor: der Marktraum für Musik- und/oder Castingshows ist doch wesentlich knapper als für Krimis oder Quizshows.

    Ich würde es genau wie Festivalknüller viel mehr begrüßen, wenn NDR und Pro7 sich wieder auf ein VE-Format einigen könnten. Da man im ÖR jetzt sowieso lieber gar nichts zeigt, dürfte dem doch eigentlich wenig im Weg stehen. Wäre es erlaubt, könnte Pro7 meinetwegen sogar gerne noch die beiden ESC-Semis zeigen.

  4. Nachtrag: „Glückwunsch“ zur ProSieben-Reaktion, Douze Points!
    Aber das 0,017%-Helene-Fischer-beim-ESC-Echo auf Peters Artikel wird es wahrscheinlich noch nicht schlagen… 😉

  5. Am Bubbletellerrand endet bei vielen das Universum, wie man so liest…
    Natürlich ramponiert Raab mit seiner Tour die Marke, die ist Mittel zum Zweck und das war im Wesentlichen garantiert schon immer so bei ihm. Profilneurose und Narzissmus meets Respekt- und Rücksichtslosigkeit und Geschäftstüchtigkeit (ehemals Raffgier), über die Jahre hinweg nur anders austariert.
    Als kreativer Rohrkrepierer lautete Raabs grundsätzliche Maxime für sein Schaffen stets: „lieber gut geklaut, als schlecht selbst gemacht“. Nicht, das er jemals einen Hehl daraus gemacht hätte.
    Das allein sagt schon mehr als tausend Worte.

  6. Es ist egal. Die Veranstaltung im letzten Jahr war mäßig unterhaltsam. Nur Helge Schneider war ein Highlight.

  7. Um es mit den Worten von Thomas Schreiber zu sagen: Dieser Argumentation kann ich nicht folgen.

    Pro7 ist ein Privatsender. Dem geht es in erster Linie darum, möglichst viele Zuschauer zu bekommen. Der Inhalt oder auch die Qualität ist da erstmal zweitrangig. Dass man den eigenen Contest also versetzt vor dem echten ESC bringt, ist aus Sicht von Pro7 erstmal verständlich. Ich glaube, dass der gemeine Zuschauer intellektuell den Unterschied verstehen dürfte, zumal beide Shows komplett unterschiedlich aufgemacht sind, v. a. dramaturgisch. Höchstens sieht er in sein Fernsehprogramm und sagt: „Ach wie schön, nächste Woche ist ja noch eine Schlager/Musikshow“ und das wars.

    Das Erste kann Pro7 für diesen Schritt eigentlich danken, denn wir leben in Zeiten, wo Borowski oder Thiel und Boerne über die Quoten, die der ESC jüngst erreicht hat, nur lächeln können.

    • Warum in einer Diskussion über Musiksendungen wiederholt Tatort als das Maß der Dinge herhalten muss, leuchtet mir nicht ein. Borowski holt im Schnitt augenscheinlich auch keine 10 Millionen und über Thiel und Boerne können nun wieder Schimi und Thanner nur lächeln.

      Nachdem ich nochmal eben geguckt habe, stelle ich fest, dass der ESC (Finale) sich seit 2012 relativ zuverlässig um die 8 Millionen-Grenze bewegt, was für eine Musik-Sendung schon sehr ordentlich erscheint (die Schlagerchampions liegen da mit nicht mal 6 Millionen deutlich drunter).
      Trotzdem wurde hier schon mehrfach bezweifelt, dass eine in der Theorie eben doch sehr ähnliche Sendung eine Woche vorher das Interesse am ESC irgendwie steigert – meines Erachtens eher im Gegenteil …

  8. Ich kann die Aufregung ehrlich gesagt nicht nachvollziehen: Der Free ESC kommt zwischen dem 2. Semi, das ausser uns Fans keiner guckt und dem eigentlichen ESC; steht also nicht in Konkurrenz zu den beiden Shows – was ja wegen der Einschaltquote auch nicht im Interesse von Pro 7 wäre.

  9. Da sich ausser uns Fans niemand in Deutschland für Jendrik interessiert, wird die Quote vom Final irgendwo zwischen 6 bis 8 Mio liegen. Sehr populäre Kandidaten haben die Quoten immer gegen 10 Mio getrieben oder noch höher.
    Die letzten VEs kamen noch auf knapp 3 Mio und die Medien schrieben davon, wie schwach die Quote doch war. Gleichzeitig schreiben die selben Medien wie toll die Quote beim FreeESC sei. Obwohl keine 3 Mio dabei waren. Verstehe hier noch einer die Logik.

  10. Weil es ein Unterschied ist, ob 3 Mio im Ersten Deutschen Fernsehen oder bei einem von vielen Privatsendern des TV-Marktes erreicht werden…

  11. und für die TV-und Werbe-Macher, ob die in einer günstig oder teuer adressierbaren „Zielgruppe“ erreicht werden…

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