Eigentlich nur ESC – Ein Reisebericht zu meinem ersten ESC vor Ort (Viva Vienna 12)

Foto: privat

2019 schlug meine Mutter vor, mit mir nach Rotterdam zum ESC zu fahren. Ich lehnte ab, da ich den ESC lieber vor dem Fernseher verfolge. Bekanntlich wurde aus dem Eurovision Song Contest 2020 nichts. 2025 überlegte ich, nach Basel zu fahren. Da ich aber weiß, dass die Schweiz teuer ist, und ich wegen des Geldwechsels in Schweizer Franken unsicher war, ließ ich es bleiben. Als es schließlich hieß, dass der ESC in Wien stattfindet, war ich am Überlegen. Durch die ESC kompakt Livestreams, in denen geschwärmt wurde, wie toll es vor Ort ist und dass man das mindestens einmal in seinem ESC-Leben erleben muss, ergriff ich die Chance. Die Vorfreude wuchs, als ich das Hotel buchte, Monate später dank meiner Familie die Zugtickets für den ICE und schließlich an einem Donnerstagnachmittag das Ticket für die Preview Evening Show für das zweite Halbfinale kaufte. Ein Gabstbeitrag von unserem Leser JoBi

Und dann war es so weit: Die erste Etappe führte mich schon am Sonntag, den 10. Mai, zu meinen Eltern, wo ich übernachtete. Die zweite Etappe ging früh los, als mein Vater mich zum Bahnhof in ihrer Nähe brachte. Von dort ging es mit dem Regionalexpress nach Würzburg Hbf und dann mit dem ICE direkt nach Wien. Den Abend verbrachte ich in meinem Bezirk, dem 10. Bezirk Favoriten. Dort aß ich in einem bosnischen Restaurant Pljeskavica mit Käsefüllung, Pommes und ein Märzen zu Abend.

Am nächsten Tag war Dienstag, der Tag des ersten Halbfinals. Mit meinem Rucksack ging ich erst mal durch die Wiener Innenstadt und stattete dem Stephansdom und der Peterskirche einen Besuch ab, wo ich für einen friedlichen ESC und für meine Favoriten des ersten Halbfinals den Einzug ins Finale gebetet habe. Dann ging es weiter Richtung Rathausplatz. Als ich las, dass es eine strikte Bag Policy gibt und Taschen ab A4 unzulässig sind, war ich verunsichert, ob mein Rucksack zu groß ist. Um 14 Uhr, als die Tore zum Eurovision Village geöffnet wurden, wurde meine Sorge bestätigt: Mein Rucksack war zu groß. Enttäuscht, aber schlauer, ging ich in mein Hotelzimmer, ruhte mich aus und bereitete mich auf den Abend im EuroClub vor.

Blick auf das geschlossene Eurovision Village 2026 – Foto: privat

Als ich ankam, wunderte ich mich, dass noch nichts los war. Auch um 19 Uhr war noch nichts zu sehen von einer Schlange. Ich aß zu Abend und schaute mich interessiert im Prater um. Als es so weit war, reihte ich mich in eine Schlange mit Frauen mit serbischen Flaggen und einem Polen ein. Ich fragte nach der Abendkasse, die es geben sollte. Doch die Abendkasse war eben jenes Online-Ticket-Formular, über das ich keines bekommen hatte. Eine sehr nette Volunteerin und ich versuchten alles, um mich dort anzumelden und ein Ticket zu bekommen. Vergebens. Schließlich ging ich schnell zur U-Bahn und fuhr, so schnell es ging, zum Eurovision Village. Es war ein echtes Gemeinschaftsgefühl, das ich dort empfand. Viele Menschen aus aller Herren Länder, aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen feierten die Musik von Europa! Ich aß noch eine Brezel und trank ein Wasser. Es war sehr schön, mit all den Menschen das erste Halbfinale zu schauen. Vor allem in meiner Nähe waren enthusiastische Griechen und ein männliches Paar mit serbischer Flagge, die sie auch bei Kroatien und Montenegro hochhielten. Durchgefroren tanzte ich so gut es ging bei jedem Lied und versuchte, mich durch Bewegungen warmzuhalten.

Am Mittwoch war mein großer Tag, obwohl ein Teil von mir lieber im Hotelzimmer die Füße hochlegen wollte. Doch der andere Teil setzte sich durch und so marschierte ich – ohne Rucksack (!) – wieder los, beginnend an der Kärntner Straße durch die Innenstadt, und machte die ESC-Challenge in der Ivie-App. Zwar fehlten am Ende noch 10 Punkte, um einen Fächer zu gewinnen, aber das war mir egal. Im Museumscafé (dem Eurofan-Café von Lettland und Kroatien) setzte ich mich gemütlich hin, trank eine heiße Schokolade mit Schlagobers und aß eine Sachertorte ohne Schlagobers. Dann ging es weiter Richtung Süden zum Naschmarkt. Auch dort gab es ESC-Stimmung mit einem DJ, der ESC-Songs abspielte, und Spezialitäten aus einigen Teilnehmerländern. Ich probierte eine Scheibe Wurst aus Rumänien und machte bei einem Glücksrad von „Wien fährt Rad“ mit, wo ich eine Sonnencreme gewann, und beim Glücksrad vom „Wiener Marktamt“, wo ich einen Apfel gewann.

Schließlich ging ich erneut in das Eurovision Village, diesmal tagsüber. Ich kaufte mir ein T-Shirt vom diesjährigen Eurovision Song Contest und einen Becher mit stillem Wasser. Doch lang blieb ich nicht und ging wieder in mein Hotel zurück, um mich auf die Nacht der Nächte vorzubereiten.

Mit dem T-Shirt „Eurovision Song Contest Vienna 2026“ ging es zur Halle. Am Anfang musste ich sie suchen, bis mir die U-Bahn-Station einfiel, wo fast alles beschildert war. Ich ging hin und musste erst mal die ID-Kontrolle passieren. Es klappte. Dann stand ich lange in einer Schlange. Ich las die ganze Zeit bei der Halle „Süd“ und dachte, dass ich falsch wäre, und hatte etwas Angst, doch ich blieb stehen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Bei der Kontrolle gab es bei mir auch nichts auszusetzen und ich hatte nur Handy, Geldbeutel, Haustürschlüssel und anderen Papierkram in meinen Hosen- und Jackentaschen. In der Halle war mein Abendessen ein Schnitzelbrötchen und ein Becher mit stillem Wasser, um wirklich keinen Durst zu bekommen. Dann ging es hoch in die eigentliche Halle. Bei der Garderobe gab ich meine Jacke ab und bekam einen Zettel mit der Nummer. Mein Platz war schräg hinter der Bühne, im toten Winkel. Ich konnte die Leinwand nicht sehen, dafür den LED-Boden, und zusehen, wie die Mitarbeiter*innen in Sekundenschnelle auf- und abbauten. Ich machte vorher noch Fotos. Zurück auf dem Platz der Schreck: Die Karte für die Garderobe war weg! Ich dachte, ich hätte sie bei den Fotoaufnahmen verloren, und suchte dort. Schließlich hing sie an meiner Hosentasche und sie kam sicher in meinen Geldbeutel.

Stadthalle Wien beim ESC 2026: Blick auf die Bühne vom toten Winkel – Foto: privat

Beim Warm-up und auch während der Show machte ich mit und knipste einige Fotos. So nah war ich noch nie einem ESC-Star gekommen, und es war komplett anders als vor dem Fernseher. Veronica Fusaro hat mich durch ihre Performance beeindruckt. Und dann kam bei Startplatz Nummer 9: Atvara (Lettland) 😍 Viele holten ihre Handys hervor, um ein Lichtermeer zu erzeugen. Ich sträubte mich anfangs dagegen, um es in Ruhe zu genießen, doch dann machte ich mit und es war wunderschön. Ich merkte, wie bei Australien alles saß, und glaubte an einen Gewinn. Bei Aidan (Malta) gab es nur vereinzelte Personen, die ihre Handytaschenlampen hochhielten. JJ war als Intervall-Act mit seiner Performance auch beeindruckend. Nach mehr als drei Stunden war der schöne Abend vorbei. Ich kam erst nach Mitternacht in meinem Hotel an.

Da es am Donnerstagabend regnen sollte und kalt war, kam für mich das Public Viewing im Eurovision Village überhaupt nicht in Frage. Ich informierte mich und entdeckte schließlich ein Public Viewing in meiner Nähe in einem Hotel. Ich ging hin und fragte nach, ob es kostenlos und frei zugänglich sei. Ja, war es. Dann ging es für mich ins Eurofan-House, wo ich das Meet and Greet von LELEK verfolgte – leider auf einem Bildschirm im Foyer vor dem Veranstaltungsraum, wo ich durch das Stimmengewirr fast nichts verstand. Als es vorbei war, ging es für mich wieder weiter durch die Innenstadt, wo ich ein original Wiener Schnitzel vom Kalb mit Petersilienkartoffeln (so stand es wirklich auf der Speisekarte) aß und ein Bier trank. In der Peterskirche betete ich für einen Finaleinzug von Lettland.

Im Eurovision Village genoss ich noch viel Zeit. Ich machte bei einem Gewinnspiel mit, bei dem man auf blinkende Lichter schnell reagieren musste (ich gewann einen Fischerhut), bekam bei XXXLutz random ein T-Shirt, nahm am „Tanzschein Tanz“-Kurs teil und machte passiv bei einem Quiz mit. Zurück im Hotel zog ich frisch geduscht das andere ESC-T-Shirt an und ging in das Hotel Schani, wo ich vor dem Public Viewing ein „Merci Chéri“ (Cocktail mit Grand Marnier, Heering Cherry Liqueur und Almdudler Sugarfree) trank. Dann ging es los. Mit anderen ESC-Fans schaute ich das zweite Halbfinale. Ich fand es auch als Deutscher interessant zu sehen, wie es ist, wenn während der Show Werbung läuft, da bei allen Public Viewings die Shows auf ORF 1 gezeigt wurden.

Leider nahm der Abend ein unschönes Ende. Meine Nummer eins, Lettland, schied aus. Aber zum Glück kam meine Nummer zwei, Rumänien, weiter. Enttäuscht, aber das Ergebnis erahnend, ging es in mein Hotel, wobei ich mich, wie schon am Dienstag oder Mittwoch, kurz verlief.

Am nächsten Morgen – es war Freitag – war Abreisetag. Nach dem Auschecken gab es die Mission: Briefkasten. Ich suchte gemeinsam mit Google Maps einen Briefkasten in meiner Nähe, um Postkarten zu versenden. Erst nach einigen Minuten hatte ich ihn gefunden. Dann ging es zum Hauptbahnhof und von dort nach Würzburg und dann nach Osterburken. Kurz vor Osterburken sorgte der Regionalexpress für einen Actionfilm: Schaffe ich noch die S-Bahn, ja oder nein? Ja, ich schaffte es, und die S-Bahn reihte sich in den Actionfilm ein mit der Frage: Schaffe ich den Bus? Ich erwischte den Bus noch und kam erschöpft und glücklich zu Hause in Mosbach-Neckarelz an.

Am Samstag war der große Tag: Das Finale vom Eurovision Song Contest 2026. Am Abend war es so weit. Mit einer Cola und Salzstangen saß ich vor dem Fernseher und verfolgte erstmals die Pre-Show mit Barbara Schöneberger. Dann das Finale. Die Punktevergabe der Jury war spannend. Aus irgendeinem Grund gab es bei den 12 Punkten für Malta bei mir einen WTF-Moment. Die vielen Punkte, die auf unterschiedliche Länder verteilt wurden, überraschten mich, und ich fragte mich scherzhaft, ob die Jurys sich für den 70. ESC was ausgedacht haben. Nach dem Jury-Voting war mir klar, dass Bulgarien gewinnt. Und so sollte es kommen. Ich freute mich über den ersten Sieg von Bulgarien und über den dritten Platz von Rumänien, meine Nummer 2.

Eigentlich wollte ich in der Woche noch einiges sehen: Das Schloss Schönbrunn, die Kaisergruft und was weiß ich nicht alles. Aber ich war so im ESC vertieft, dass ich eigentlich nur noch durch die verwinkelte Innenstadt lief und dann in das Eurovision Village ging. Ich muss wieder nach Wien fahren, wenn kein ESC stattfindet, weil ich mich dann voll und ganz auf die Museen konzentrieren, das Schloss Schönbrunn besuchen und im Prater drei Geisterbahnen fahren kann.

Am Ende möchte ich noch Danke sagen: Danke an meine Familie, die mich bei dieser großartigen Reise unterstützt und mich dazu ermutigt hat, den Schritt zu wagen. Ein Dank gilt meinem Arbeitgeber, dass ich mir für diese Woche Urlaub nehmen konnte. An die ESC kompakt Community und die Blogger*innen: Wir haben uns zwar nicht getroffen oder gesehen, aber trotzdem habe ich den ESC-Spirit mit anderen Fans gespürt. Auch danke für eure Unterstützung. Und natürlich muss ich mich noch bei der Stadt Wien, der European Broadcasting Union und dem Österreichischen Rundfunk bedanken für die tolle Organisation. Ich habe mich in Wien sehr wohlgefühlt.

Bulgarien erscheint mir weit weg, aber trotzdem kann ich mir vorstellen, erneut bei einem ESC in meiner Nähe vor Ort zu sein. Diesmal am besten von Sonntag bis Sonntag, um wirklich auch bis zum Finale hautnah dabei gewesen zu sein. Es war eine sehr schöne Woche.

In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:

Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:



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