Talking Tel Aviv (14): Wieder gewinnt ein minimalistischer Auftritt – ein neuer Trend?

Foto: Thomas Hanses

Vor dem Finale des ESC 2002 in Tallinn gab es für die Fans, für die Presse und für so ziemlich jedes Lebewesen im Universum fünf Favoriten auf den Sieg: Schweden, Deutschland, Großbritannien, Spanien und Frankreich. Am Finaltag wurden wir dann alle eines besseren belehrt: Lettland hatte ein Trickkleid mitgebracht! Ja, „I Wanna“ war eine fade Latino-Nummer, aber Marie N und ihre Verwandlung vom Don Juan zur heißen Flamencotänzerin ließen die Europäer zum Hörer greifen. Und dann war es geschehen, das Element „Show“ wurde zu einem Gewinnerfaktor.

Es folgten etliche Sieger, die allesamt ausgeklügelte Perfomances lieferten. Bis 2007 sollte kein Land ohne oder mit nur wenigen Show-Elementen gewinnen. Manche Länder wurden richtige Experten darin, aus höchstens mittelmäßigen Liedern das bestmögliche herauszuholen. Paradebeispiel dafür ist die Ukraine (2006, 2008, 2011, 2014….). Was aber zunächst mit Trommeln, Choreographien und kleinen Pyro-Effekte begann, mutierte mit den Jahren zu dynamischen Backdrops, On-Screen-Effekten und aufwendigen Requisiten und Bühnenaufbauten. In Lissabon verzichtete man auf eine LED-Wand, was dazu führte, dass viele Länder vermehrt auf Requisiten, Bühnenelemente und Videoeffekte zurückgriffen.

In Tel Aviv gab es dieses Jahr wieder LED-Wände, deshalb wurden die manchmal unfreiwillig komischen On-Screen -Effekte wieder seltener eingesetzt. Estland erinnerte als eines von wenigen Ländern noch daran, wie unglaublich daneben diese wirken können. Die Bühnenelemente blieben jedoch bestehen und erreichten sogar ein neues Level. Australien und Spanien schossen in dieser Hinsicht den Vogel ab. Island, Russland, Griechenland und Aserbaidschan setzten ebenfalls auf Show-Elemente. Von den Genannten konnte lediglich Russland die Top 3 erreichen. Die Schweiz folgte dem zypriotischen Rezept von 2018: Eine durchchoreografierte Nummer, ein bisschen Pyro und ein auffälliger Backdrop – mit Erfolg, denn die Eidgenossen landeten nach langer Zeit wieder in den Top 5.

Mit Sieger Duncan Laurence aus den Niederlanden gewannt nach 2017 zum zweiten Mal in kürzester Zeit ein eher minimalistisch gehaltener Auftritt. Ebenfalls schlicht war die Performance des Italieners Mahmood, der auf dem zweiten Platz landete. In den letzten Jahren konnten vermehrt unscheinbare Auftritte durch Song, Interpret und Stimme gute Ergebnisse einfahren. Schon lange hat kein Beitrag mehr ausschließlich durch Show-Elemente gewonnen. Ein neuer Trend?

Was wir in Tel Aviv jedoch gelernt haben ist, dass den Leuten die Ideen nicht ausgehen. Wer kommt darauf, Australierinnen aufzuspießen und über eine Weltkugel fliegen zu lassen? Wer stellt ein ganzes Haus auf und lässt Spanier darum herumtanzen? Und wer kommt darauf einen isländischen Fetischclub auf die Bühne zu zaubern? Na klar, die Kreativen, die rund um den ESC arbeiten.

Was meint ihr, in welche Richtung wird sich der ESC entwickeln? Ist weniger mehr oder ist mehr mehr? Diskutiert gerne unter diesem Beitrag.

Bereits erschienene Talking-Tel-Aviv-Folgen

(1) Duncan Laurence, der lachende Dritte
(2) Leider ein berechtigter vorletzter Platz für Deutschland
(3) Dynamisches, emotionales und farbenfrohes Opening des Finals
(4) Braucht’s wirklich vier Moderatoren?
(5) Mehr ist mehr – aber nicht beim Pausenact
(6) Nordmazedoniens erster ESC-Sieg – bei den Juroren
(7) Sind KEiiNO die wahren ESC-Sieger?
(8) Muss man den eigenen Beitrag unterstützen?
(9) Macht’s die neue Punktevergabe spannender – und gerechter?
(10) Peter Urban – die (bereits zu?) langjährige Stimme des ESC
(11) Dana International und die schwulste Kiss Cam der Welt
(12) Interne Auswahl oder Vorentscheidung – was brachte mehr Erfolg?
(13) Von wegen zeitgemäß! DJs haben beim ESC keine Chance



33 Kommentare

  1. Im Gegensatz zu Salvador war bei Duncan Mir die Performance, nicht aber das Lied minimalistisch. Ich glaube, da sollte man einen kleinen, aber feinen Unterschied machen.

    Das minimalistische Auftritte auch ganz schön in die Hose (Beziehungsweise in den Levina-Gedächtnis-Kartoffelsack) gehen können zeigen aber ebenfalls Beispiele Wie Deutschland 13-17+19

  2. Hat Herr Gonzalez gerade Ukraine 2014 als „höchstens mittelmäßig“ bezeichnet? 🙄 Also bitte… 😂
    „Tick Tock“ war ein klasse Song und mich hat der halbnackte Mann im Rad tatsächlich nicht halb so sehr interessiert, wie die beeindruckende Tatsache, dass Mariya sich akrobatisch auf das Rad hinauf drehen ließ und dabei perfekt sang! 😊

      • Ich bitte dich, man hat seine Hände gesehen! Vielleicht reicht dieses bisschen Haut schon, um ESCFan2009 komplett in Rage zu bringen.

      • 😂 Ups… Dabei habe ich das Bild des oberkörperfreien Mannes im Hamsterrad vor mir – aber woher? „Love love peace peace“ war es auch nicht. Ich hab es aber definitiv im ESC-Kontext abgespeichert, bevor ihr noch über meine Fantasien nachdenkt 😂😂

        Vielleicht bediene ich auch einfach nur ESC-Klischees – wie Petra sagte „gorgeous topless men“ ^^

        @Andi: Klar! Reicht völlig 😊

      • Wenigstens wissen wir jetzt, warum MAriya nicht gewonnen hat. Der Tänzer/Läufer war zu bekleidet. 😀

      • @porsteinn: Du wolltest wahrscheinlich schreiben, seine Assoziation (nackten Mann im Laufkäfig einsperren) würde für eine TOP-Platzierung beim Folsom street fair reichen. ^^

  3. Ich sehe keinen Trend, 2018 waren 2 sehr aufwendige Performances vorne. In diesem Jahr war es halt ein mimalistischer Auftritt der gewonnen hat. Daraus ist kein Trend zu erkennen. Im nächsten Jahr kann es dann wieder ganz anders laufen. So ist halt der ESC.

  4. Minimalistisch waren auch die S!sters mit dem bekannten Televotingergebnis. Ich sehe keinen Trend. Es kommt immer noch auf den Song an und wenn der nichts taugt, kannst du auf der Bühne machen was du willst.

    • @mellofanberlin, STIMMT! So einfach ist das. Es kommt immer noch auf den Song an. Aber es ist auch witzig wenn der Teilnehmer demnächst durch den Zuschauerraum fliegt und beim Hohen C in einer Zitrone landet.

      • NEIN , die Regie hat die Landung in der Zitrone gestrichen . Alles wird neu überarbeitet. Es handelt sich immerhin um den Deutschen Beitrag im Ziggo Dome , Amsterdam 2020.
        Herr Urban stimmt uns ein und dann :spot an: auf der Bühne steht eine 5 m Hohe Windmaschine , Trommelwirbel . Die Gewinnerin des deutschen Vorentscheid: DIE STIMME für Amsterdam, Jumpt vom Deckenboden und stopt nur Zentimeter vom Bühnenboden zwei Background Sängerinnen schalten beim ersten Ton die Windmaschine ein und DIE STIMME wird in den 18 m hohen Ziggo Dome Himmel gepustet. Zum ersten mal nach ewigen Jahren wird auf deutsch gesungen. Herr Schreibers Song: Bitte fang mich auf
        Unter tosenden Applaus landet DIE STIMME beim letzten Ton in einem Netz, dass von den beiden Background Sängerinnen und drei Halbnackten bodybuilder Typen aufgespannt gehalten wird. Die Abmoderation von Herrn Urban ist ein Jubel Schrei , auch Andi Knoll aus Austria ist in die Deutsche Moderationen Kabine gestürzt wir hören Ihn noch brüllen: mit dem Scheiß gewinnt Ihr !

      • Detuschland braucht keinen Vorentscheid für ESC2020 mehr. Künstler und Song sind bekannt. ‚die Stimme‘ performt ‚der Schubladensong‘

  5. Ach, das Thema wieder… Den großen Schlichtheits-Trend haben viele ESC-Traditionalisten schon beim Sobral prophezeit – und nur ein Jahr später musste ihr Heilsbringer den Pokal schmollend an Netta überreichen, die mit Winkekatzen, Effektpult, Hupfdohlen und Feuerwerk das Rennen gemacht hat. Der ESC bleibt immer ein Stück weit unberechenbar und das ist auch gut so.

  6. Wer den Eurovision Song Contest von früher kennt, weiß doch, dass es Siege in Phasen gibt. Auch schon in den 1970ern, 1980ern gewannen Songs aufgrund der Show drumrum. Dazwischen gewinnen dann auch mal minimalistische Auftritte. Bis es wieder einen Sieger mit Hammershow gibt. Das wechselt sich alles ab. Sonst wäre es ja auch langweilig wie in den 1990ern dieser kurze keltische Trend. „Australierinnen aufzuspießen“ – Die sind nicht aufgespießt worden.

  7. Marie N profitierte neben der tollen Performance, auch dass ihr Song ein wenig nach Ricky Martin „She Bangs“ klang. Der Song war in Ost- und Südeuropa ein moderater Radiohit und wurde dort vorallem 2000-2003 in fast allen Clubs gespielt. Das hat geholfen. Und die Performance natürlich auch.

  8. Ich finde, dass man „minimalistisch“ auch ganz unterschiedlich auslegen kann. Wenn man bedenkt wie aufgeregt Ilse DeLange war, weil in der ersten Probe von Duncan so gut wie nichts gepasst hat, dann war der Auftritt zwar reduziert, aber nicht weniger durchchoreografiert als Schweizer. De facto hatte Luca zwar mehr Menschen, aber weniger Props auf der Bühne. Mahmood würde ich mit drei Tänzern auch nicht als minimalistisch bezeichnen.

    Eindeutig minimalistisch waren aber die S!sters. Und wozu hat es geführt?

  9. BREAKING NEWS!

    Der ehemalige deutsche Schlagersänger und gebürtige Grieche Costa Cordalis, der 1980 am deutschen Vorentscheid mit dem Titel „Pan“ den zweiten Platz belegte, ist im Alter von 75 Jahren völlig unerwartet verstorben:

    https://www.welt.de/vermischtes/article196317713/Costa-Cordalis-Schlagerikone-im-Alter-von-75-Jahren-gestorben.html

    Drei Jahre später nahm er mit dem Titel „Ich mag Dich“ erneut am Vorentscheid teil und belegte damit den vierten Platz.

  10. Minimalistisch oder voll auf Show ausgelegt, die Abwechslung macht es möglich. Hätten alle Künstler in 2019 ähnlich wie Duncan ihren Song gebracht, wurde alle Fans, Zuschauer und Jurys sich beklagen über einem langweiligen Show. Und andersherum: wenn alle auf Bühne-Effekten setzen, gibt es ‚Reizüberflutung‘ als Beschwerde. Am Ende gewinnt das Lied, das am Besten ankommt.

    Ich sehe nur einen Trend. Authentizität. Wenn ich die Gewinner von den letzten Jahren betrachte, hat immer einen Song gewonnen, den der Künstler verinnerlicht und vom Herzen gesungen oder aufgeführt hat.

    @DouzePoints – Ilse de Lange ist alles zugleich. Flummi, Draufgänger, durchsätzungsfähig, heiter. Ich muss immer lachen wenn ich sie reden höre und sehe. Egal wo, egal wann, egal welche Sprache, Frau De Lange redet Twents. Das ist die Sprache von Almelo, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Dabei hat sie immer einen starken, offenen Gesichtsausdruck.

    Und wo jetzt Ilse und Duncan erwähnt wurden. Am 7. September gibt es in Enschede ‚Truckerville‘. Ilse organisiert, tritt auf und Duncan wird auch auftreten. Von Deutschland aus nur 10 km über der Grenze.

  11. Auch „wenig“ kann stark inszeniert werden. Ich empfand den Hintergrund bei Salvador oder das herabschwebende Licht bei Duncan durchaus inszeniert, nahezu kitschig.
    Trends können sicherlich helfen (s. Love² Peace²), aber am Ende gewinnt doch eher derjenige, der sich mit der Song-Performance-Kombi am meisten vom Feld abhebt und/oder Begeisterung zu vermitteln vermag. So simpel und doch so kompliziert.

  12. Es hat zum Glück in den letzten zehn Jahren eine Synthese stattgefunden zwischen einerseits auf der Bühne stehend nichts tun und andererseits den Auftritt mit allem, was einem so einfällt, vollzustopfen. Dabei haben sich die Effekte immer mehr auf Kameraarbeit, Licht und Bespielung der LED-Flächen verlagert, während Inszenierungen, die stark auf physische Requisiten setzen wie Spanien in diesem Jahr, inzwischen fast wie Fremdkörper wirken. Der Trend ging weg von plakativen Effekten, die nur um ihrer selbst willen da sind, hin zu einem oft dezenteren, stimmigen Gesamtbild, was aber manchmal scheitert.
    Die Frage stellt sich aber auch, ob man einem Auftritt, bei dem außer einigen ausdrucksstarken Gesten des Interpreten und ein paar dezenter Lichtwechsel nichts passiert, überhaupt „minimalistisch“ nennen kann, wenn ihnen eventuell ein ausgefeiltes Storyboard zugrunde liegt, um diese Akzente perfekt zu setzten und damit ein Vielfaches mehr an (unsichtbarer) Arbeit dahinter steckt als bei Svetlana Loboda oder Sophia Nizharadze. Meint „Minimalismus“ also „planerischen“ oder „sichtbaren“ Minimalismus?

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