ESC-kompakt-Jahresrückblick 2020 (7): Der Boom der Home Concerts

Die frühcorona-induzierten ESC-Streaming-Ersatzformate – von der EBU im Mai letzten Jahres „Home Concerts“ getauft – sind sicher nicht das Beste am ESC Ausnahme-Jahr 2020, aber mit Abstand das prägendste Element, denn die ESC Home Concerts standen am Beginn einer Phase, in der Online-Chats und -Shows das bevorzugte, häufig einzige Format sein sollten, in dem wir noch in größeren Gruppen zueinanderfinden und kommunizieren.

Ich will hier noch einmal an die Anfänge erinnern, als diese Digitalversammlungen noch einen größeren Reiz hatten, weil sie neu waren und innovativ wirkten. Irgendwann – das ging schon bei Lady Gagas Superstar-Aufgebot „One World: Together at Home“ los, als stundenlang Superstars am Betrachter und Zuhörer vorbeiödeten – war man des Formats überdrüssig, erst Recht dann, wenn man selbst auch persönlich fortlaufend in Zoom-, Google-Hangout- oder Microsoft-Teams-Konferenzen gefordert wurde.

Wir haben die Digitalevents von Anfang an mit Live-Blogs begleitet. Pioniere in der Bubble waren einmal mehr die spanischen Fans, die die geplante PreShow in Madrid bereits am 10. April 2020 kurzerhand auf Youtube & Co verlegten. Die PrePartyES at home ist unverändert sehenswert. Einen Monat später zogen die Wiwis mit dem ebenfalls sehr unterhaltsamen „The Wiwi Jam at home“ nach, aber vorgemacht haben es allen die OGAE-Fans aus Spanien.

Die ersten digitalen Veröffentlichungen einzelner Interpreten (v.a. bei Insta) dürften auch die EBU zu der siebenteiligen offiziellen „Home Concerts“ Serie inspiriert haben, wo ebenfalls sehr gute Online-Gigs zustande kamen. Und zwar zum einen, weil die EBU auch beliebte ESC-Künstler aus früheren Jahrgängen zur Teilnahme motiviert und zweitens, weil die von der EBU initiierten Home Concerts ein redaktionell sehr spannendes Element eingebaut hatten. Denn neben ihrem ESC-Songs offerierten die Home-Concerts-Künstler auch jeweils eine Auswahl von ESC-Klassikern, und die Fans konnten online abstimmen, welchen davon sie covern sollten. Zwar gewannen in der Regel immer die falschen Titel (nämlich die Gassenhauer, was zu einem Fairytale & Co. Overload führte), aber durch die Coversongs konnte man erstens beschwingt in der ESC-Geschichte schwelgen und lernte die Interpreten zweitens noch einmal von einer anderen Seite (vom ehemaligen Co-Blogger Oli gerne „Facette“ genannt) kennen.

Je früher die Online-Auftritte angefragt und produziert worden waren, desto unverstellter, authentischer und sehenswerter waren sie. Von Woche zu Woche wurden die Home-Concert-Inszenierungen professioneller und damit auch zwangsläufig standardisierter, glatter, weichgespültiger, wendiger kantig. Was zu Beginn den Reiz ausgemachte, waren in der Tat die „at home“ Innen(ein-)sichten in die Wohn- (oder auch Schlaf-)zimmer der Acts oder auch in ihre liebevoll dekorierten Hometonstudios. Wer hätte gedacht, dass es in Europa eine Invasion der Hydrokultur gibt? Zuweilen haben die in anorganischen Substraten hochgezogenen Grünpflanzen in zwei von drei HC-Videos den ansonsten sympathischen Clip verschandelt.

Toll war auch immer, wenn irgendetwas nicht funktioniert hat oder wenn die Wirkung der „Inszenierung“ auf den unvorbereiteten Zuschauer nicht vorab reflektiert oder überdacht worden war (Slavko ist inzwischen ein legendäres Beispiel – hier zu sehen ab 14:00 und 25:00). Und Kinder und Haustiere (ebenfalls beliebte „at home“ Stimmungsaufheller) gehen bekanntlich auch immer gut.

Daher lohnen die frühen Home-Concert-Shows unbedingt ein Wiedersehen und Ihr könnt parallel unsere jeweiligen Live-Blogs noch einmal verfolgen. Es würde hier den Rahmen sprengen, alles das, was es an Highlights gab, aufzuzählen, aber ich mag – ist dieses doch ein persönlicher Rückblick – meine drei Highlights nennen.

1.  Ana Soklic bei der PrePartyES at Home

Als Ana den slovenischen VE mit „Voda“ für sich entscheiden konnte, war ich freudig gestimmt, aber nicht euphorisiert. Komplett geflasht hat mich jedoch ihr Cover von „I put a spell on you“ in der digitalen spanischen PreShow, wo ihr großartiges Talent für eine brilliante Breitbreite von Jazz, Big Band, R&B, Soul bis hin zum klassischen Blues spürbar wird. Mehr darüber habe ich hier aufgeschrieben.

Ana Soklic bei der PreParty At Home des spanischen Fanclubs: „Voda“ und – vor allem sehens- und hörenswert wert (ab 3:55) „I put a spell on you“

2. Samanta Tina präsentiert „Euphoria“ im Dunkeln

Gäbe es das Wort „hochmotiviert“ noch nicht, es würde für Samanta erfunden werden. Wenn es einen Clip gibt, der zeigt, wie originell und einzigartig das „at home“-Konzept sein kann, dann ist es der Blick in Samantas Wohnzimmer, in dem sie alles gibt. Die Kombi aus raumerdrückender brauner Pressholzwand (mit mysteriösen Türen) zur kissengefluteten Couchgarnitur in weißem Kunstleder, garniert mit einem opulenten fünfarmingen Kronleuchter und einem psychoaktiv gemusterten Teppich macht auch ohne Halluziogene besoffen, zumal Samanta dieses Neo-Barock-Ensemble in einem schwarzen Hosenanzug mit ganz ganz vielen Fransen zusätzlich belebt. Völlig gaga wird es, wenn Samanta den Raum zu „Euphoria“ abdunkelt.

Legendär: Samanta Tina, die sich schon bei „Still Breathing“ vorausgabt hat, macht bei „Euphoria“ im heimischen Wohnzimmer das Licht aus (ab 5:40).

3. Die Hamburger Goldkehlchen singen Moin Moin Hamburger – jeder für sich alleine zuhause und doch miteinander

Was soll ich sagen? Als Blogfotograf Volli und ich eine Probe der Hamburger Goldkehlchen (die bekanntlich für Deutschland zum ESC wollten und wollen) besucht haben, war die Welt noch eine andere. So viele Menschen auf einen Fleck (und dann auch noch alle indoor) sind heute unvorstellbar. Diese Erinnerung macht melancholisch und wenn ich das sehr professionell, originell und liebevoll produzierte #stayhome DHG Video sehe, kommen mir beinahe die Tränen, wie lange es wohl noch dauern wird, bis man nicht mehr in der virtuellen Welt eingefangen ist, sondern im Euroclub mal wieder ohne Abstandsregeln auf „Jag Vill Om Du Vågar“ abtanzen kann.

Gefühle bis zum Anschlag: DHG singen „Moin Moin Hamburg“ at home

Meine persönlichen ESC-Highlights 2020

Lieblings-ESC-Song 2020: 2010 war das Jahr, in dem ich TikTok für mich entdeckt habe, zugebenermaßen weit später als die App noch cool war. Jedenfalls habe ich mit/auf TikTok im abgelaufenen Jahr mehr Zeit verbracht, als bei Twitter, onlyfans und Twitch zusammen. So war meine Playlist im abgelaufenen Jahr sehr TikTok-beeinflusst, geprägt von Jason Derulo („Savage Love“), Taylor Swift („Love Story“), Ava Max („Kings and Queens“), oder auch reaktiviertem wie Andy Grammars „You gotta keep your head up“ bis hin zu exotischem wie „Rasputin“ (Boney M) und „Cinderella“ (Pietro Lombardi). Aus dem (sehr guten) Jahrgang ESC 2020 ist mein Hit des Jahres Diodatos „Fai rumore“. Nicht nur, weil der San Remo Gewinner ein grandios geschrieben und vorgetragene Ballade ist, sondern vor allem, weil der Song im ersten Lockdown ein ganzes Land auf Balkonen und an Fenstern zusammengeschmiedet hat.

Schönste ESC-News 2020: Ana „The best voice of 2020“ Soklic darf 2021 wieder ran.

Größte ESC-Überraschung 2020: Will Ferrell gehört jetzt nicht unbedingt zu den Hollywood Kreativen, für die man proaktiv alle Geschmacks-Ampeln auf grün stellen würde, aber sein Eurovisions-Spielfilm „The Story of Fire Saga“ fiel weit besser als erwartet aus und hatte durchaus ikonische Momente, vor allem aber hat der Film Molly Sanden von der „War auch beim Melodifestivalen“ Ex-Freundin von Eric und Danny zur stimmstarken fantastischen eurovisionären Königin gemacht. Molly Forever!

Größter ESC-Aufreger 2020: Ich will´s nicht überhöhen, aber ich empfand die Kommunikationspolitik des NDR in 2020 als „suboptimal“ – schon weit, bevor sich Covid-19-bedingt alles änderte. Dieses ständige mysteriöse Vertändeln von selbst gesetzten Terminen war eher anstrengend und für nix gut. Ich habe auch nie verstanden, warum es zusätzlich zur etablierten Delegationsstruktur noch eines „ARD ESC Teamschefs“ bedurfte, der im ersten Nicht-ESC-Jahr der Song-Contest-Geschichte von seiner ESC-Tätigkeit so gefordert wurde, dass er nicht mal bereit oder in der Lage war, ESC kompakt ein persönliches Interview zu geben. (Das klingt jetzt beleidigt, ist aber so gar nicht gemeint – ganz im Gegenteil.) Aber Schwamm drüber – Christian Blenker (optisch durchaus Boyband-tauglich) ist ja inzwischen ARD-Korrespondent in Stockholm und kann aus Schweden Richtung Hamburg funken, wie grandios SVT das Melodifestivalen inszeniert – auch in 2021. Alles ist für was gut.

Größte ESC-Vorfreude auf 2021: 2021 wird für mich ein Jahr des Übergangs sein. Ich will aus verschiedenen persönlichen Gründen im April/Mai nirgendwo bei ESC Events vor Ort sein, denn egal was geht oder nicht geht, da bin ich risikoarm pragmatisch. Aber ich hoffe, dass der traditionelle „Swedish Show Autumn“ in November nächsten Jahres mit den Freuden Douze Points und Norman wieder möglich sein wird,  darauf setze ich und freue mich – entsprechenden dynamisch steigenden Produktionsoutput von Biontech vorausgesetzt.

Bisher erschienene Folgen unseres ESC-kompakt-Jahresrückblicks 2020:


4 Kommentare

  1. Man muß sagen, dass diese schwierige Situation auch viel Kreativität freigesetzt hat, die vorher kaum vorstellbar war. Das kann natürlich persönliche Kontakte und Livekonzerte in keinster Weise ersetzen, schon klar, aber man kann schon froh sein, dass es in der jetzigen Zeit die digitalen Kanäle gibt.
    Ich habe mich von den Homekonzerten gut unterhalten gefühlt, nicht zuletzt, weil man, wie schon geschrieben, in die Wohnzimmer der Künstler*innen schauen konnte.😀
    Aber klar, meine Hoffnung ist auch, dass sich die Situation dieses Jahr endlich soweit entspannen wird, dass zumindest Konzerte mit Hygienekonzept und in kleineren Rahmen möglich sein werden. Denn eins ist auch klar: Mit Heimkonzerten verdient man ja kein Geld. Viele Künstler*innen gehen ja finanziell echt auf dem Zahnfleisch, außerdem glaube ich, dass ihnen der direkte Kontakt zum Publikum fehlt.

  2. Die Home Konzerte waren schon ein gutes Ersatzprogramm, wenigstens etwas, sicherlich auch eine zukunftsweisende Idee. Ich bin seit März auf jeden Fall keinmal mehr erkältet gewesen, so hat Homeofffice, Abstandhalten etc. doch auch etwas Gutes.
    Hoffe Ana hat 2021 wieder so einen tollen Song wie Voda.

  3. Mein Lieblings EHC Cover war Ryan O’Shaugnessy mit Think About Things, die Kreativität hätten gerne noch mehr an den Tag legen dürfen

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