ESC-kompakt-Jahresrückblick 2020 (1): Das deutsche Finale live aus der Elbphilharmonie

Das ESC-Jahr 2020 hatte einige Höhen und ein Tief historischen Ausmaßes: die Absage des Eurovision Song Contest 2020 aufgrund der Corona-Pandemie. Zum Jahreswechsel werfen die Blogger*innen in den nächsten Tagen einen persönlichen Blick zurück auf ihr jeweiliges Highlight 2020. Denn es war beileibe nicht alles schlecht!

Dass der ESC abgesagt werden würde, zeichnete sich im März ab. Als die Entscheidung dann offiziell war, tat sich eine große Leere auf. Nicht nur für uns Fans und Zuschauer, sondern auch für uns auf dem Blog – und für die ARD, die sich ein neues Programm für die Halbfinal-Sendetermine und das Finale überlegen musste. Es dauert dann zwar ein bisschen (und Schweden und Österreich waren schneller), aber spätestens am 26. April stand fest: der NDR zieht ein deutsches ESC-Finale auf!

Natürlich konnte das nicht einfach so stattfinden, denn schließlich mussten 41 Beiträge verarztet werden. Also lernten wir Dennis und Benni Wolter vom World Wide Wohnzimmer kennen. Eine Woche vor dem eigentlichen ESC-Final-Termin führten sie uns auf ONE durch die Beiträge und teilten uns am Ende eines sehr langen Abends mit, welche zehn Songs es ins Finale geschafft hatten. Dabei hatten die Zuschauer*innen (vermutlich überwiegend Fans) eine sehr passable Auswahl für den ESC-Jahrgang getroffen.

Für den Abend des deutschen Finales hatte der ausrichtende NDR einiges in die Wege geleitet: die internationale ESC-Ersatzshow der EBU „Eurovision: Europe Shine A Light“ startete in Deutschland eine Stunde später. Außerdem hatte man die Elbphilharmonie angemietet und letztlich trotz Reisebeschränkungen vier ESC-Acts auf der Bühne: neben dem deutschen Vertreter Ben Dolic waren auch Daði Freyr für Island, Ben & Tan für Dänemark sowie die späteren Sieger The Roop aus Litauen vor Ort. Allein für diese Koordination und das dahinterstehende Engagement gebührt dem NDR Lob. Natürlich waren dann die ohnehin für den Abend geblockten Barbara Schöneberger als Moderatorin sowie Peter Urban und Michael Schulte als Kommentatoren in der letztlich doch sehr leeren Elphi anwesend.

In der Show lief Barbara Schöneberger zu Höchstform auf und auch das Kommentatoren-Duo machte seine Aufgabe gut. Die Live-Auftritte und diejenigen aus der Konserve wechselten sich gut ab. Das passte alles. Der erste große Schreckmoment kam mit dem Auftritt von Ben Dolic. Hier war viel versprochen worden; die Enttäuschung war bei vielen umso größer. Eine bisher für Rotterdam erhoffte Top-10-Platzierung schien plötzlich unerreichbar.

Ben Dolic – Violent Thing

Die nächste große Überraschung kam mit dem Auftritt von Daði Freyr Og Gagnamagnið. Die Gruppe präsentierte eine viel langsame Version ihres Songs „Think About Things“ und auch die Choreografie blieb im Wesentlichen auf der Strecke. Live-Blogger Benny unkte bereits da: „Verstehe ich nicht, sorry. Er wird aber nicht gewinnen, denke ich.“ Er sollte Recht behalten.

Ein weiterer Fragezeichen-Moment kam während der Votingphase. Erst wurde die Tagesschau, dann das Wort zum Sonntag zwischen die Sendung geschaltet (allerdings planmäßig). Dazwischen gab’s aber sehr viel Schnelldurchläufe. An einer Stelle folgte auf den Schnelldurchlauf gleich noch einmal der Schnelldurchlauf. Während viele hier eine technische Panne vermuteten, stellte Thomas Schreiber bei uns in den Kommentaren klar: „Warum haben wir auf Bitten von digame/Thomas Niedermeyer zweimal Schnelldurchläufe hintereinander gesetzt und damit mehr gemacht als geplant? Weil zwischenzeitlich zwischen den vorderen Plätzen, besonders 2 bis 4, nur sehr wenige Stimmen lagen, manchmal nur 6 oder 8, dh die Reihenfolge änderte sich ständig. Jetzt haben wir ein valides Ergebnis.“ Und das sah dann so aus:

Das Voting des deutschen Finales des Eurovision Song Contest 2020 

Neben Russland räumten alle drei Live-Acts die höchsten Punktwerte ab und am Ende siegten The Roop. Das war ein sehr versöhnlicher Ausgang der Show – und des ganzen abgesagten ESC. An dem Abend hatte der NDR dann noch die offizielle Ersatzshow „Eurovision: Europe Shine a Light“ und den ESC von 2010 mit dem Sieg von Lena programmiert. Auf ProSieben hatte ausgerechnet Stefan Raab mit dem #FreeESC und vielen bekannten Musikernamen ein starkes Gegenprogramm gesetzt. Der Privat-Sender hatte bei den jüngeren Zuschauern letztlich die Nase leicht vorn.

Das deutsche Finale des ESC 2020 war sicher kein Highlight der Fernsehgeschichte. Es hat mich aber mit der Absage des ESC versöhnt, die wie z.B. der JESC und Türkvizyon gezeigt haben, unnötig war. Besonders erfreut hat mich der Einsatz des NDR für die Show, den Sendeplatz und tatsächliche Live-Acts. Gerade unter den damals noch recht neuen Corona-Bedingungen ist die Sendung eine Ausnahme und ein Highlight in der deutschen ESC-Geschichte.

Meine persönlichen ESC-Highlights 2020

Lieblings-ESC-Song 2020: Ben Dolic – Violent Thing

Schönste ESC-News 2020: Zumindest konnten alle nationalen Vorentscheide durchgeführt werden, selbst wenn in Dänemark kein Publikum in der Halle war

Größte ESC-Überraschung 2020: Erika Vikman musste sich bei UMK 2020 Aksel Kankaanranta geschlagen geben

Größter ESC-Aufreger 2020: Die Bekanntgabe des deutschen Beitrags auf ONE (ja, der NDR hätte dafür keine Show machen müssen, aber das war nicht der in Aussicht gestellt „Bang“)

Größte ESC-Vorfreude auf 2021: Das phantastische Startfeld des Melodifestivalen 2021


28 Kommentare

  1. Das deutsche Finale war in der Tat ein kleiner Trost. Der Auftritt von Ben in Ordnung, aber dass man hier nicht die Choreo machen konnte, wie für Rotterdam geplant ist natürlich auch verständlich, aber man hatte doch große Erwartungen.

    Und deinem ESC-Aufreger Stimme ich zu. Die Show war vermutlich der größte Witz der deutschen ESC Geschichte. Total überflüssig und schlecht gemacht. Für nächstes Jahr wünsch ich mir eine abgespeckte Version, die nur online aussgestrahlt wird.

  2. Meine Zustimmung hinsichtlich

    – grösste (positive) Überraschung Aksel gewinnt vor Erika Vikmann
    – die Songpräsentation auf One war eine Zumutung, eine Pressekonferenz am Nachmittag wäre dann wohl angebrachter
    – Violent thing (fast) der beste ESC Song 2020 neben Repondez moi
    😏😏😏

  3. Ich stimme dem Artikel inhaltlich zu.

    Barbara erschien mir zu aufgekratzt und machte mir deutlich, dass ihre Moderation bezüglich ESC ihren Zenith erreicht hat.

    Bei der Bekanntgabe-Sendung war es mal wieder überflüssig, dass unser Vertreter unser Lied für den ESC nur mit Gitarrenbegleitung live zu hören war Das produzierte Video, welches sehr sehr gut ist, lasse ich mal außen vor.

    Auch nachfolgend in anderen Sendungen trat Ben Dolic immer nur in Gitarrenbegleitung auf, was zur Folge hatte, dass viele Zuschauer dachten, dass das die endgültige Version für das Finale sei.

    Diesen „Fehler“ hat man bei Jamie-Lee, Levina und Sisters auch gemacht. Was sich das Management, vielleicht auch der NDR, dabei gedacht hat das Lied so trocken darzustellen, wäre interessant zu wissen.
    Vielleicht wollen sie ja darstellen, dass die Künstler auch wirklich singen können, aber das ist doch die Voraussetzung.

    • Ich fände es auch gut, wenn die Moderation rund um den ESC mal jemand anderes übernehmen würde,
      wobei ich Barbara zumindest in der Elbphi gar nicht mal sooo schlimm fand. Aber ein frischer Wind tut mal ganz gut.🙂

      • Naja, bis auf die Reeperbahn, gab es das ja 2018 als Elton und Linda Zervakis den VE moderiert haben.

  4. Ich finde, der NDR hat das deutsche Finale aus der Elbphilharmonie gut hinbekommen.Okay, der Auftritt von Ben Dolic war suboptimal, nun muß man auch sagen, dass ja nicht viel Zeit für die Vorbereitung war. The Roop haben wirklich abgeliefert, ich bin mir sicher: Mit dem Auftritt hätten sie auch in Rotterdam abgeräumt. Das World Wide Wohnzimmer war mir persönlich ein bißchen too much, da es mir schwer fiel, mich auf 41 Songs zu konzentrieren.😉
    Aber trotzdem war es ein schöner Abend.

    Fazit: Natürlich war es traurig, dass der ESC ausgefallen ist, aber der NDR hat versucht, dass Beste aus der Situation zu machen. Finde, es ist ihnen gelungen.
    Ein wenig enttäusch war ich von „Europe Shine a Light“. Man hat den aktuellen Künstlern, meiner Meinung nach, zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sondern eher wieder eine Retroshow veranstaltet mit Jonny Logan und Co. War ein wenig schade.

    Ach ja, die Präsentation des deutschen Beitrages aus diesem Kino fand ich jetzt nicht so gelungen, mal davon abgesehen, dass sie auf ONE lief, habe ich mich eher gelangweilt.

  5. Da hat sich der NDR wirklich bemüht, das muss man würdigen. Ich fand die Show dann aber doch etwas langweilig. Wenn man nicht mehr als ein bisschen Prestige gewinnen kann, ist das Voting auch eher nicht so spannend, vor allem für Leute, die jetzt nicht die größten ESC-Fans sind. Der Auftritt von Ben Dolic war wohl auch ausschlaggebend für die spätere Entscheidung des NDR, ihn nicht direkt für 2021 zu nominieren. Die Bühnenpräsenz fehlt ihm leider total. Dabei gibt es oft schüchterne Künstler, die auf der Bühne richtig die Sau raus lassen können.

  6. Bin ich der einzige, den Schulte und Urban zusammen genervt hat? Schulte kanns irgendwie nicht, also kommentieren. Schuster bleib bei deinen Leisten.

    • Ich muss zugeben, dass bei dem Kommentatoren-Gespann mir deutlich auffiel:
      der Meister war P. Urban,
      der Lehrling M. Schulte.

      Der NDR versucht mit Michael Schulte eine Art Allrounder zu initieren, der für alles seinen Kopf hinhalten muss. Aber er lässt es auch mit sich machen!

    • Da bin ich anderer Meinung. Ich finde Michael Schulte hat es sehr gut gemacht. Es wäre sowieso mal an der Zeit, dass auch Peter Urban mal abgelöst wird. Bei allem Respekt, und so sehr ich ihn auch schätze, aber ich denke, auch hier sollte ein frischer Wind her.

  7. Schön, dass der NDR eine solche Show auf die Beine gestellt hat. Meine Highlights: The Roop, Fai rumore, Viktoria. Die Lowlights: Barbara Schöneberger, die wie so oft Lautstärke mit Lustigkeit verwechselt – sowie der dänische Song, bei dem es mir nach wie vor ein Rätsel ist, wie er tatsächlich in dieses Finale kommen konnte. Die Version von „Think about things“ hat mich auch nicht so gepackt, aber irgendwie fand ich es auch schon wieder cool, dass Dadi Freyr anscheinend auf den Sieg einfach gepfiffen hat. 🙂

    • Deine Beschreibung mit „…Lautstärke mit Lustigkeit…“ könnte auch auf Edsilia (Moderatorin 2020 & 2021) zu treffen. Hauptsache herumbrüllen, wenn der Saal bzw. Halle mit Menschen gefüllt ist. Es gibt zahlreiche Beispiele auf youTube zu sehen.

  8. Bin dankbar, dass hier an die Geschichte mit den ewigen Schnelldurchläufen auf Geheiß von digame erinnert wurde. Sowas geht gar nicht! Ergebnis ist Ergebnis – egal wie knapp…

  9. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal gelesen habe (auf ESC-kompakt auch noch), dass der ESC abgesagt wurde. Das war für mich ein richtig trauriger Tag. An jenem Abend habe ich mir über die Playlist auf dem ESC-YouTube-Channel jene 41 Beiträge, die nun nicht nach Rotterdam fahren durften und denen eine ungewisse Zukunft bevorstand, alle angehört. Als ich das Video zu „Violent Thing“ gesehen habe, musste ich darüber nachdenken, dass ich noch nie in einer Diskothek war – und allein aufgrund der jetzigen Lage wird sich das auch nicht ändern.

    Das Finale aus der „Elphi“ habe ich nicht live geschaut, stattdessen lieber den #FreeESC, hinterher aber auch ein paar Szenen aus dem „Elphi-Finale“. Und ich muss sagen: Das mit „Think About Things“ hätte sich Daði Freyr vielleicht besser überlegen sollen (obwohl der Kommentar von @schorschiborsch irgendwie auch plausibel klingt).

    Und was Ben Dolic angeht: Das war halt das Risiko. Da wettete der NDR sein Leben auf eine Top-10-Platzierung – und dann diese Ernüchterung. Es gab doch schon öfters beim ESC diese Fan-Lieblinge, die dann doch auf die Nase fielen. Beispiel: Sieneke. Sie stand ja bei den Fans auch hoch im Kurs, während ich so mutig war zu sagen: Sie schafft es nicht ins Finale. Ich behielt recht. (Dafür war ich mir genauso sicher, dass Schweden weiterkommen würde, woraus bekanntermaßen auch nichts wurde.)

    Fazit: Das mit dem Super-Ergebnis beim ESC ist kein Selbstläufer. Nur, weil alle Fans einen Song lieben, heißt das noch lange nicht, dass es auch wirklich etwas wird. Entscheidend ist halt immer noch auf dem Platz.

    Apropos: Dass die Absage unnötig war, dem stimme ich zu. Dieses Jahr wurde der ESC mit der Begründung abgesagt, dass alles live vor Ort stattfinden sollte. Und nächstes Jahr gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach einen ESC ohne viel Publikum und mit aufgezeichneten Auftritten. Genau das, was man im März dieses Jahres nicht wollte.

    Dass viele Interpret:innen jetzt eine zweite Chance bekommen, ist in meinen Augen ein zweischneidiges Schwert: Einerseits nimmt man damit Anderen die Möglichkeit, einmal dort auftreten zu dürfen. Andererseits würde man sie auch denen nehmen, die dieses Jahr nicht in Rotterdam antreten durften, wenn man jemand Anderen nominieren würde. Zumindest bei einigen, die diese zweite Chance bekommen, bin ich froh, dass sie noch einmal antreten dürfen. Allerdings werden sie sich zwangsläufig mit ihren 2020er-Beiträgen messen lassen müssen.

    Ben Dolic muss das jetzt nicht mehr. Ich hoffe aber trotzdem, dass man noch etwas von ihm hören wird…

  10. Eine sehr schöne Reihe zum Jahreswechsel 🙂

    Ich bin ja ein großer Barbara Schöneberger-Fan und halte sie fast für unauswechselbar bei der Moderation eines ESC-Events. Den Einzigen, denen ich spontan das nötige „Samstagabendshow-Feeling“ zuschreiben würde, sind Steven Gätjen, Matthias Opdenhövel und Palina Rojinski 😀 (Merke: Pro7 muss in die EBU!!einself ^^). Oder Anke natürlich! Übrigens hat Sabine Heinrich (USFO 2010 mit Opdi) ja mittlerweile hellblonde Haare. Ich hab die neulich kaum erkannt 😀 Steht ihr aber gut! Sie kann das eigentlich auch gerne wieder machen. Anyways…

  11. @SanomiKedvesem – die Absage des ESC 2020 war ziemlich sicher dem schnöden Mamon geschuldet (die Versicherung, welche für den Fall eines Ausfalles des ESC-Events gegriffen hat, lies keinen irgendwie gleichgearteten Wettbewerb mit Voting zu und beim ESC gehts schliesslich um etliche zig Millionen Euro).

    Die Absage des ESC erfolgte, wenn ich es richtig in Erinnerung habe Ende März/Anfang April 2020; technisch und organisatorisch wäre es gerade im jetztigen digitalen Zeitalter sicherlich machbar gewesen, einen ESC ohne Live-Präsenz vor Ort zu einigermassen gleichwertigen Bedingungen durch zu führen. Dies ist ja nun auch eine der Alternativ-Optionen für den ESC 2021, von welcher wir wohl auch ausgehen müssen. Machbar wäre das aber sicherlich auch schon 2020 gewesen.

  12. Ich habe mir den Auftritt von Ben Dolic in der Elbphilharmonie einen Tag nach dem Free-ESC angeschaut und war über die Inszenierung von „Violent Thing“ entsetzt! Natürlich mußte man alles coronaconform auf der Bühne umgesetzt werden, aber es offenbarte sich leider mal wieder die Rückständigkeit Deutschlands! Länder wie Schweden, Norwegen und Rußland geben sich viel Mühe, ihre Wettbewerbstitel wirksam auf der Bühne umzusetzen und das gelingt auch.

    Deutschland zeigte sich aber in diesem Jahr sowohl in der Elbphilharmonie als auch beim JESC einfallslos (Ausnahme ist Michael Schulte 2018 in Lissabon). Es ist kein Wunder, daß Deutschland in Europa als „Copycat“ (Nachahmer) verschrien ist, hat man sich doch bei der Inszenierung schamlos bei Irland 2019 (Sarah McTernan) bedient (Susans Auftritt erinnerte an Jamie-Lee Kriewitz 2016 in Stockholm und wir wissen ja, wohin das geführt hat)!

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