
Selten liegen Freude und Trauer für ESC-Fans so nah beieinander, wie in den Minuten kurz nach 23 Uhr am Dienstag und Donnerstag der ESC-Woche: dann werden die zehn Qualifikanten für das große Finale des Eurovision Song Contest bekannt gegeben. Noch wenige Minuten zuvor hatte man das Weiterkommen persönlicher Favoriten bejubelt – nur um kurz darauf realisieren zu müssen: diese Beiträge sind ausgeschieden.
In diesem Jahr gehörten für mich gleich mehrere meiner Favoriten zur Gruppe derjenigen, die es nicht ins Finale geschafft haben. Und an diese Beiträge möchte ich einfach noch einmal ganz viel Liebe senden. Statt Zahlen und Analysen gibt es heute also einen emotionalen und ganz persönlicher Artikel in unserer Serie Viva Vienna von mir.
Auf vier Beiträge möchte ich heute besonders eingehen. Und will vorweg nehmen, dass das meine ganz persönliche Sicht ist und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat oder aussagen soll, dass die anderen Beiträge verdient ausgeschieden sind. Jeder hat eine ganz andere Sicht auf den ESC. Vielleicht ist die Kommentarspalte aber ein guter Ort, an denen Ihr auch Eure ausgeschiedenen Favoriten „ehren“ könnt.
Atvara mit „Ēnā“ für Lettland
Am meisten getroffen hat mich das Ausscheiden von Lettland. Ich muss sogar zugeben, dass nach dem Ende der Show ein paar Tränen meine Wangen hinunter kullerten. „Ēnā“ war mein Favorit in diesem Jahr. So eine wunderschöne Ballade, die es schaffte, etwas in meinem Inneren zu berühren.
Die Wettquoten sahen hier von Anfang an nicht gut aus, aber da der Beitrag bei einigen Leser*innen und Blogger*innen sehr gut ankam, hatte ich trotzdem die Hoffnung, dass es ein Lied ist, welches am Ende doch genug Menschen berühren und überzeugen kann. Als jedoch immer mehr Länder als Qualifikanten genannt wurden, wurde irgendwann klar: das wird nichts. Nach Bekanntgabe der genauen Ergebnisse der Halbfinals stand sogar fest, dass „Ēnā“ nicht einmal in der Nähe einer Qualifikation war.
Und trotzdem möchte ich Dir folgendes sagen, liebe Atvara: Du hast toll gesungen. Du hattest den Mut in Landessprache zu singen. Du hattest einen Text mit Aussage anstatt langweiliges „Love, Love, Peace, Peace“. Du hast ein Thema besungen, dass dir ehrlich am Herzen lag und das habe zumindest ich gespürt. Ich bin dir sehr dankbar, dass „Ēnā“ jetzt Teil meines „Liederschatzes“ sein darf.
Bandidos do Cante mit „Rosa“ für Portugal
Bei Portugal war ich fest davon überzeugt, dass sie ins Finale einziehen würden. Das war für mich der Inbegriff von „Stark in der Nische“. Auch wenn das Lied für viele langweilig war, so schien es doch genau die Gruppe von Menschen anzusprechen, welche die ruhige und leisen Tönen mögen, diejenigen, die empfänglich sind für „Music is no fireworks“. Außerdem war „Rosa“ so ein Kontrast zu den vielen lauten, effekthascherischen, überladenen Inszenierungen in diesem Jahr, dass ich dachte, es findet seine Zielgruppe. Ich lag mit meiner Prognose falsch.
Letztendlich war die Zielgruppe für den portugiesischen Beitrag wohl doch zu klein. Aber alle, die wie ich dieser Zielgruppe angehören, stimmen mir sicherlich zu, dass „Rosa“ ein wunderschönes, herzerwärmendes Stück Musik und Balsam für Ohr und Seele ist. Und vielleicht pflichtet mir auch der ein oder andere bei, dass an der Inszenierung nichts aussetzen war. Das war meiner Ansicht nach absolut passend zum Song und sie haben auf ruhige Art und Weise eine schöne Dynamik erzeugt. Ich finde auch heute noch, dass kaum ein anderer Beitrag die Bühne mit ihrem Halbkreis und dem Steg so gut in die Performance eingebunden hat.
Tamara Živković mit „Nova zora“ für Montenegro
Im Voraus gehörte Montenegro mit zu meinem Favoritenkreis. Auch wenn ich eigentlich nicht Zielgruppe von Tanzchoreografiebeiträgen bin, hatte mich die Power des Songs absolut überzeugt. Ich habe also in der Presaison sehr auf ein Weiterkommen gehofft.
Ganz unabhängig von meiner persönlichen Meinung zum Song war Montenegro außerdem meiner Ansicht nach seit zehn Jahren wohl noch nie so nah an einer Qualifikation wie diesmal und ich hätte es dem Land so sehr gegönnt, es endlich mal wieder ins Finale zu schaffen.
Als wir dann die ersten Livebilder sehen durften, kam aber schnell das böse Erwachen: das war nicht gut inszeniert. Eine beliebige, nicht sehr innovative Tanzchoreographie, seltsame Kostüme (Stichwort Kraken), eine Künstlerin die unnahbar-aggressiv wirkte. Und dann hat Tamara auch noch den langen Ton, der im Schnelldurchlauf des Juryfinales gezeigt wurde, verhauen. Von daher war das Ausscheiden aus meiner Sicht nachvollziehbar. Und fühlt sich trotzdem so falsch an, weil „Nova Zora“ als Lied das Potenzial hatte, ins Finale einzuziehen.
Deshalb stellt sich die Frage: Was ist da falsch gelaufen? Vielleicht lag es einfach an einer unglücklichen Wahl der Kostüme und des Stage Directors. Vielleicht aber auch an fehlenden finanziellen Mitteln. Ein Land wie Montenegro kann sich einfach nicht so eine technisch aufwendige Inszenierung wie beispielsweise Schweden leisten oder sich die besten Stage Direktoren einkaufen. Und auch wenn ausreichend Budget kein automatischer Garant für tolle Inszenierungen ist (man schaue nur auf die deutschen und britischen Beiträge in vielen Jahren), und es auch mit wenigen Mitteln gelingen kann, etwas Kreatives und Einzigartiges auf die Bühne zu stellen (wie der diesjährige ESC-Sieger Bulgarien bewiesen hat), ist es natürlich trotzdem unbestreitbar viel einfacher mit großem Budget etwas Tolles auf die Beine zu stellen.
Veronica Fusaro mit „Alice“ für die Schweiz
Und auch die Schweiz möchte ich nicht unerwähnt lassen. Hier soll es jetzt aber nicht um meine Meinung zum Song und zur Inszenierung gehen, die Schweiz hat es aus einem ganz anderen Grund in meine Liste geschafft: Veronica Fusaro ist nämlich „Opfer“ eines absurden Effekts beim Zusammenrechnen der Punkte geworden.
Sowohl mit reinem Televoting als auch mit reinem Juryvoting hätten wir „Alice“ im Finale wiedergesehen. Nicht nur beim Publikum sondern auch bei den Musikexperten erreichte Veronica Fusaro Platz 9. Nach dem Addieren beider Wertungen reichte es dann aber nur für Platz 11 mit 108 Punkten. Damit hatte Veronica auch deutlich mehr Punkte als Platz 11 im ersten Halbfinale erhalten. Vanilla Ninja erreichten dort „nur “ 79 Punkte.
Am Ende sind die Zahlen, wie sie sind, und das soll jetzt keine Kritik am System generell sein. Nichtsdestotrotz fühlt es sich schon irgendwie „falsch“ an, wenn ein Beitrag, den beiden Votinginstanzen im Finale gesehen haben, sich am Ende nicht dort wiederfindet.
Andere mögen jetzt ganz andere Songs nennen, als die vier, auf die ich in diesem Artikel eingegangen bin. Aber bei einem sind wir uns wohl alle einig: ganz unabhängig von der Meinung des breiten Publikum und der Bewertung durch die Juroren, haben alle unsere Favoriten, die es nicht ins Finale geschafft haben, einen Platz in unserem Herzen gefunden und werden dort auch immer bleiben.
So wie für mich das wundervolle „När Jag Blundar“ von Pernilla Karlsson aus Finnland, das auch nach 13 Jahren noch in meiner Alltime-ESC-Top ist.
Oder einer meiner liebsten Euroclub-Titel: „Quero Ser Tua“ von Suzy aus Portugal.
Bei welchen Beiträgen hast Du in diesen Jahr über das Ausscheiden im Finale getrauert? Welche Nicht-Qualifikanten gehören zu Deinen ESC-Alltime-Favoriten?
In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:
- (1) Die schönsten Wien-Bilder der Blogger*innen
- (2) Mein erster Eurovision Song Contest vor Ort
- (3) Wie war Wien als Gastgeberstadt 2026?
- (4) Das „Eurovision at 70“-All-Star-Medley beim ESC 2026 in Wien – ein neuer Klassiker
- (5) ESC 2026 in Wien: All My Life for a Night Like
- (6) Tagebuch ESC 2026: Mini-Storys aus meiner Zeit in Wien
- (7) Bevor wir heimgehen … Sechs Nächte im Euroclub
- (8) Zero points – Wie nah dran Sarah Engels, Essyla und UK an Televotingpunkten waren
- (9) Machen die neuen Jury-Regeln das ESC-Endergebnis unvorhersehbar?
- (10) Zu viel Drama, zu wenig Bangaranga? Warum die Favoriten 2026 scheiterten
- (11) So haben sich Juryvoting und Televoting beim ESC 2026 unterschieden
- (12) Eigentlich nur ESC – Ein Reisebericht zu meinem ersten ESC vor Ort
- (13) Deutschlands erstes ESC-Jahr unter Federführung des SWR – Die ultimative Bilanz
- (14) Absturz beim ESC 2026: Was ist mit Schweden passiert? Und wie geht es weiter?
Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:
- Bye Bye Basel: Unser Rückblick auf den ESC 2025
- Malmö Memories: Unser Rückblick auf den ESC 2024
- Leaving Liverpool: Unser Rückblick auf den ESC 2023
- Torniamo a Torino: Unser Rückblick auf den ESC 2022
- Replay Rotterdam: Unser Rückblick auf den ESC 2021
- Talking Tel Aviv: Unser Rückblick auf den ESC 2019
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Alle vier im Artikel Genannten hätte ich auch sehr gerne im Finale gesehen! Die Bandidos do Cante sind mir dabei ganz besonders ans Herz gewachsen! Deren Song „Rosa“ berührt mich nach wie vor und letzten Sonntag mußte ich an meinen Vater denken, der 98 Jahre dieses Jahr geworden wäre. Ich werde bei „Rosa“ immer sehr emotional und es kommen mir dabei auch ein paar Tränen, weil er von den Bandidos so emotional vorgetragen wird.
4 wunderbare Lieder. Bei mir kommen noch Simon und Jiva. 😎
Unüberraschenderweise sind wir uns bei den beiden und den Bandidos einig. Ist ziemlich selten, dass ich gleich 3 Songs im Semi verlier. In gewisser Weise sogar 4, weil Zypern sich mit dem „Gesang“ rauskegelte, war vor dem Live meine 5 oder 6.
Japp ist bei mir auch so. Sonst kommen von meinen Top 10 immer 8 oder 9 ins Finale diesmal waren es nur 6 oder 7. 🙃
Was lief denn deiner Meinung nach bei Armenien schief??
Was ist los? Du bist tatsächlich mal on topic!
Als ob du immer on topic wärst. 😉
Mache mir und meiner Mutter einen Cosmopolitan heute.
Gute Wahl! Wobei ich mit der Hitze gerade tatsächlich null Bock auf Alkohol oder sonst was habe. Ich glaub, ich geh noch mal zum
Supermarkt und hol mir Zeugs zum Gazpacho machen, ist das beste bei dem Wetter.
Ich trinke täglich momentan 3 Flaschen Wasser (1 l) , da werde ich mir am Abend einen Drink gönnen können.
Gazpacho gab es auch im Hotel auf Gran Canaria, habe ich aber (obwohl ich es mir immer vorgenommen hatte) nicht probiert. Bei uns gibt es Lachs mit Gemüsecouscous, also auch eine eher leicht bekömmliche Küche bei uns. 🙂
Gazpacho
🤤 🤤 🤤
Liebe ich! Und super einfach zu machen.
Gute Frage. Eigentlich fand ich den Auftritt gut. Armenien ist ja seit 2022 bei mir immer in meinen Top 10 vertreten.
P. s. neuer Spong von Peter Maffay und Johannes Oerding
http://www.youtube.com/watch?v=Lb127ogiFjA
Meine Meinung zu den vier Songs:
Lettland – Ich persönlich habe ja von Anfang an zu den Skeptikern gehört was das Lied angeht und war daher nicht überrascht. Die Inszenierung war einfach viel zu dunkel wodurch man Atvara kaum gesehen hat und die Animation mit den zerspringenden Glas war wohl auch too much und ablenkend. Und generell war sie beim Singen halt komplett in ihrer eigenen Welt, hat kaum Blickkontakt zum Publikum aufgebaut. Viele Zuschauer dachten sich wohl:“Ok, ich sehe du leidest. Aber lass uns doch bitte mitleiden!!“ Glaube auch dass viele Zuschauer an dem Abend auch einfach keine Lust auf so einem schwermütigen Song mit dieser doch sehr ernsten Thematik hatte. Generell habe ich auch das Gefühl dass seit Corona es Songs mit so ernsten Themen beim Publikum doch schwerer haben. Das gepaart mit der generell schwer zugänglichen Melodie und der großen Konkurrenz im Semi (viele Jurypleaser) haben halt dazu geführt dass für sie und ihren Beitrag nicht mehr viel übrig blieb.
Portugal – Um den Song fand ich es auch schade, war eine Insel der Ruhe im Semi. Ich vermute aber dass das vielleicht auch der Kern des Problems war, also dass der Bruch zwischen den Songs davor und danach zu groß war und es viele Leute eher rausgerissen hat. So haben wohl einige in der Zeit lieber Getränke aus dem Keller geholt bzw. neue Snacks geholt als zugehört.
Montenegro: Die wohlwollenden Kommentare in Teilen der Bubble habe ich nie verstanden, mir war das musikalisch einfach zu aggro und Tamara wirkte auf der Bühne auch eher unsympathisch auf mich. Das Land kann froh sein dass Serbien und Kroatien im gleichen Semi waren. Hoffe dennoch dass sie auch nächstes Jahr dabei sind.
Schweiz – Ich war tatsächlich sehr überrascht dass es die Schweiz sowohl bei Jurys als auch Zuschauern ins Finale geschafft hätte, habe das im Televoting eigentlich davor als heißen Kandidat für 0 Punkte gesehen. Scheinbar war jedoch seltsame und überhaupt nicht zum Song passende Inszenierung für einige so bekloppt dass man dafür angerufen hat. Na ja, für Veronia tut es mir leid (fand sie als Mensch sehr sympathisch), aber das Lied selber finde ich immer noch öde und habe es im Finale auch nicht vermisst.
Traurig bin ich rückblickend dieses Jahr doch über Montenegro obwohl ich nicht von Anfang an so Feuer und Flamme war aber je öfter ich es gehört habe desto mehr wusste ich den Song zu schätzen auch dank der lieben Momo die sofort ein großer Fan war ☺️
Und auch wenn es vielleicht nicht meine ganz großen Favoriten sind aber ich muss da an ganz ganz viele tolle Songs aus den Jahren 2022 und 23 denken
Vor allem im Kopf habe ich
Mia Dimsic ( 🇭🇷 2022), Brooke ( 🇮🇪 2022), LPS (🇸🇮 2022), Andromache (🇨🇾 2022), Achille Lauro (🇸🇲 2022), Emma Muscat (🇲🇹 2022) sie hätte ihren alten Song behalten sollen wirklich eine Verschwendung
Aus 2023 mag ich Iru (🇬🇪) und Theodor Andrei (🇷🇴) die Performance war zwar nix aber ich finde den Song wirklich fantastisch 🤩
Oh ja,
När jag blundar ist mein all-time-favourite!!!
Wie war ich entsetzt, dass es nicht für das Finale gereicht hat… 🫣
Bei Blackbird von Norma John und Aija von Sudden Lights fand ich das HF-Aus auch entsetzlich.
Die 4 hätte ich auch gerne im Finale gesehen und gehört.
Woran hat es bei den Songs deiner Meinung nach gelegen??
Am sachlechten Geschmack von Juroren und Televotern natürlich! 😉
Was für ein schöner und wertschätzender Artikel!
Portugal und Lettland waren in meiner persönlichen Top 5 Liste.
Neben Pernilla, die ich sehr mag, hat es mir ein weiterer finnischer Beitrag angetan, um den ich heute noch „weine.“
Blackbird von Norma John – einer meiner liebsten ESC Beiträge, der im Semi hängengeblieben ist. Für mich so unverständlich!