
Ach herrje, so Künstler*innen beim Eurovision Song Contest haben es schon nicht leicht. Monatelang kämpft man sich durch Pressetermine, Pre-Partys und Proben. Manche Acts schaffen dabei aus dem Nichts den Sprung in den Kreis der Favoriten und Top 10, andere sitzen wochenlang komfortabel in Favoritenpositionen, reden sich und den Medien ein, dass das eine große Ehre ist, man sich natürlich keinen Druck mache und dann: Ernüchterung.
Den ESC 2026 hat DARA aus Bulgarien gewonnen. Ihr Beitrag „Bangaranga“ war zwar nie in der Bottom 10 einsortiert worden, aber bei den Siegern waren zuvor ganz andere vorhergesagt worden, nicht zuletzt Linda Lampenius & Pete Parkkonen aus Finnland, die lange, lange als Sieger des ESC in Wien galten.
Aber warum hatten es die Favoriten in diesem Jahr so schwer? Der Versuch einer Analyse. Ich sage hier bewusst „Versuch“, denn sicherlich haben alle Zuschauenden ganz eigene Analysen, warum das eine oder andere eingetreten ist oder eben nicht.
Die Analyse muss natürlich mit dem finnischen „Downfall“ beginnen. Wenn man das als deutscher ESC-Fan (wuhu, Platz 23) überhaupt so nennen darf.
Finnland war der unangefochtene Favorit vor dem Finale. Die 56-jährige Violinistin Linda Lampenius und der 36-jährige Sänger Pete Parkkonen traten mit „Liekinheitin“ komplett auf Finnisch an. Der dramatische Pop-Song mit Geigenpart führte monatelang die Wettquoten an. Dennoch landete Finnland nur auf Platz sechs mit 279 Punkten. Finnland belegte zwar Platz vier in der Jury-Wertung und Platz sechs im Televoting. Das ist gut, aber reicht natürlich absolut nicht für einen ESC-Sieg. In ihrem Halbfinale schafften sie es sogar nur auf Platz drei ins Finale, noch hinter ALICJA aus Polen mit „Pray“ (Dark Horse!). Hat man in Finnland etwa nicht genug gebetet?
Warum hat Finnland aber nicht überzeugen können? Landessprache ist in den letzten Jahren ein Plus beim ESC geworden, das wissen wir. Aber auch in vielen ESC-Kompakt-Lives haben wir immer wieder darüber gesprochen, dass die finnische Performance und der Beitrag uns Fragezeichen ins Gehirn zaubern: Was wollen uns die Künstler*innen damit nur sagen? Ein Beichtstuhl? Ein Orchester? Viel Leiden und Feuer? Und dann: Finnisch. Damit konnte man sich nicht einmal über den Text Zugang verschaffen. Zwar überzeugt das Duo mit einem spektakulär inszenierten Auftritt rund um den Flammenwerfer-Song, aber diese technische Inszenierung reichte nicht aus, um eine breite emotionale Verbindung zum Publikum herzustellen. Und vielleicht: Die ESC-Fan-Bubble liebte den finnischen Auftritt. ESC-Fans lieben ja bekanntlich Drama. Vielleicht war es für das TV-Publikum am Finalabend aber dann einfach zu viel Drama und zu wenig Bangaranga.
Griechenland galt als heißer Herausforderer. Griechische Städte verkündeten bereits im Vorfeld des Finales, dass sie bereit wären, den ESC 2027 zu hosten. Das ist mutig! Der griechische Künstler Akylas trat mit „Ferto“ (und ikonischer Mütze) an und hatte sieben Prozent Siegchance. Dennoch landete Griechenland nur auf Platz zehn mit 220 Punkten. Der griechische Tik-Tok-Star konnte zwar treue Bubble-Fans, aber nicht das breite Publikum im Televoting überzeugen, und auch die Jury vergab nur 73 Punkte. Der Beitrag wurde immer als Gen-Z- oder sogar Gen-Alpha-Beitrag bezeichnet (diffamiert ja sogar). TikTok-Geschwindigkeit eben. Vielleicht hat genau diese Reizüberflutung den Sieg gekostet. „Ferto“ war ein moderner TikTok-Pop-Song, der in der Online-Nische gut ankam. Aber: Das reicht nicht.
Frankreichs Monroe mit „Regarde !“ zeigte den extremsten Split zwischen Jury und Publikum. Die Jury vergab die viertbeste Wertung, doch im Televoting landete Frankreich auf Platz 18 mit nur 14 Punkten. Das Ergebnis war Platz elf mit 158 Punkten. Dies ist ein klassisches Beispiel dafür, wie Jury und Publikum völlig unterschiedliche Acts favorisieren können. Und wir sprachen ja in der Wien-Nachlese bereits darüber: Der Song war durchkalkuliert bis zum Anschlag. Das bestraft das Publikum. Es wollte sich nicht mehr auf Oper beim ESC einlassen.
Australien mit Delta Goodrem hatte 15 Prozent Siegchance und landete auf Platz vier mit 287 Punkten. Die große Sängerin (Superstar-Alarm) hatte eine starke Jury-Wertung, aber das Televoting fiel schwächer aus als erwartet (wenn auch weiterhin sehr gut). Aber man sprach bereits am Finalvorabend, was passieren würde, falls Australien den ESC gewinnt. Soweit waren wir ja schon und so kam es dann nicht. Meine ganz persönliche Analyse (sorry Benny, ich bin auch Fan, aber das muss jetzt gesagt werden): Delta ist zu perfekt für den ESC. Ecken und Kanten gab es kaum. Das meine ich total positiv, aber vielleicht zückt man dann doch nicht den Hörer und ruft für Delta Goodrem (oder auch Godrem) an.
Auch über Dänemark möchte ich hier sprechen. Nachdem Sissal im vergangenen Jahr trotz eher schlechter Platzierung (aber hej, immerhin ein Finaleinzug) Dänemark wieder auf die ESC-Landkarte gerückt hat, konnte sich in diesem Jahr Søren Torpegaard Lund im nationalen Vorentscheid DMGP durchsetzen. Mit „Før vi går hjem“ holte er auf Startplatz 1 am Ende 243 Punkte und damit einen starken siebten Platz für Dänemark. Zwar war er in den Wettquoten nie ganz oben zu finden, aber durchaus unter Fans beliebt. Entsprechend wurde auch spekuliert, ob Dänemark nicht sogar gewinnen könnte. Søren ist definitiv ein Charakter, hat Charisma, eine Story (Musicaldarsteller …) und ein kreatives Staging. Auch der Song geht nach vorne, wenn auch eher spät, und zunächst wirkt er vielleicht etwas sperrig. Für das normale ESC-Publikum war der Beitrag am Ende vielleicht zu experimentell.
Schweden fällt besonders auf: Das traditionelle ESC-Machtland landete mit Felicia und „My System“ auf dem (für Schweden) katastrophalen 20. Platz mit nur 51 Punkten. Der EDM-Song mit Mundschmuck hatte keinen Memorability-Faktor, blieb im Gedächtnis nicht haften und begeisterte weder Jurys noch Publikum. Die Laser waren zwar sehr schön (fand auch Max in den ESC kompakt Reactions), aber das trägt auch noch keinen mittelmäßigen Song. Dazu muss man sagen: EDM hat es schwer beim ESC (man will nicht so richtig raven, das weiß auch Kaleen). UND: Felicia hat mit ihrer Persönlichkeit nicht überzeugen können. Was ist überhaupt die Persönlichkeit? Für uns war sie jedenfalls verborgen hinter einer Maske.
Bulgarien gewann schließlich erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs. Sängerin DARA gewann sowohl Jury- als auch Televoting – ein seltener Doppelsieg. Mit 516 Punkten lag Bulgarien deutlich vor Israel (343 Punkte) und Rumänien (296 Punkte). „Bangaranga“ ist ein englischsprachiger, energiegeladener Partysong mit hohem Unterhaltungswert und sprühte nur so vor Kreativität. Jan Böhmermann hat dazu in seiner Kommentierung des ESC-Finales für FM4 richtig angemerkt: Die Leute wollen gute Laune und etwas Positives.
Um einmal weg von den einzelnen Beiträgen zu kommen: Es gab bei diesem ESC auch veränderte Rahmenbedingungen. Neue Regeln erschwerten es Favoriten 2026 zusätzlich. Das Publikum darf nur noch zehn Stimmen pro Person abgeben, früher waren es 20. Dies verhindert extreme Abstimmungsspitzen, die Favoriten sonst oft halfen. Jurys geben nun auch in den Halbfinals Stimmen ab, was die Filterwirkung erhöht und Favoriten früher aussortieren kann.
Das war nun der Versuch einer Analyse, die natürlich weder belegt noch widerlegt werden kann. Ich stelle hier erst einmal Hypothesen auf. Vielleicht hat dieses ESC-Ergebnis aber auch etwas Gutes. Ich persönlich finde es ganz wunderbar, dass der ESC eben nicht vorhersehbar ist. Das macht so eine Saison doch gleich viel spannender.
Wie schätzt Du diese (überraschenden) Ergebnisse für die Favoriten ein? Kommst Du zu ähnlichen Analyse-Ergebnissen? Lass uns Deine Einschätzungen und Analysen in den Kommentaren wissen!
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Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:
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- Leaving Liverpool: Unser Rückblick auf den ESC 2023
- Torniamo a Torino: Unser Rückblick auf den ESC 2022
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