ESC-Songcheck kompakt (13) – Norwegen: „Fallen Angel“ von TIX

Foto: Instagram @tixmusic

Norwegen folgte nicht wie viele andere Länder dem Trend, den letztjährigen Act auch für den ESC 2021 zu nominieren, sondern setzte auch in diesem Jahr auf einen umfangreichen Vorentscheid mit gleich sieben Sendungen, in dem TIX mit dem Lied „Fallen Angel“ als Sieger hervor ging.

Beim Norsk Melodi Grand Prix 2021 traten in fünf Halbfinals jeweils vier Beiträge an, von denen sich einer für das Finale qualifizierte, außerdem gab es eine Wildcard-Auswahl. Die Qualifikanten trafen auf sechs bereits gesetzte Acts. „Fallen Angel“ wurde als vorausgewählter Beitrag zuerst mit norwegischen Text als „Ut Av Mørket“ vorgestellt, im Finale dann aber auf Englisch gesungen. Dort gelangte der Beitrag zunächst ins Superfinale und schließlich ins Goldfinale, in dem sich TIX gegenüber den Bubble-Favoriten KEiiNO mit 57,49 % der Stimmen durchsetzte.

Hinter dem Namen TIX steht Andreas Haukeland (27) aus Bærum, einer der größten norwegischen Künstler. Er hat das Tourette-Syndrom und bekam deshalb schon während seiner Schulzeit den Spitznamen „Tics“ verpasst. Diesen Spitznamen übernahm Andreas schließlich leicht abgewandelt als „TIX“ für die von ihm verkörperte Kunstfigur mit Pelz, Sonnenbrille und Stirnband.

2015 hatte TIX seinen ersten großen Durchbruch mit dem Lied „Sjeiken (Der Scheich)“, das zum Party-Song des Jahres wurde. Trotz intensiver Debatten unter den Eltern und in der Musikindustrie stand sein erstes Album „Doomed and Famous“ über 70 Wochen auf der VG-Liste (nationale Hitparade). 2018 machte TIX seinen nächsten Schritt auf dem Weg, Norwegens größter Popstar zu werden, als er „Shotgun“ veröffentlichte. Gleichzeitig machte er als Songwriter im In- und Ausland mit dem Welthit „Sweet but Psycho“ für Ava Max auf sich aufmerksam, der zum meistgespielten Song des Jahres wurde. Seitdem hatte TIX sieben Songs als Nummer 1 bei Spotify in Norwegen und damit sowohl Großmütter als auch Kinder zu Fans gemacht. Während des Corona-Frühlings 2020 wurde das Lied „Karantene“ über Nacht zum Hit. Anfang Mai hatte er zeitweise elf Lieder in den Top 200 in Norwegen. TIX war sowohl als Teilnehmer beim TV-Format Paradise Hotel als auch als Juror bei Idol zu sehen.

Der Song

Geschrieben wurde „Fallen Angel“ von TIX selbst gemeinsam mit seinem Bruder Mathias Haukeland und der Singer-Songwriterin Emelie Hollow. Inhaltlich geht es in dem Song um eine unerreichbare Liebe und wie man sich in diesem Fall selbst in Frage stellt. TIX beschreibt sich selbst als gefallenen Engel, der gegen seine inneren Dämonen kämpft, und der engelsgleichen Angebeteten seiner Meinung nach nicht würdig ist. Die beschriebenen Dämonen hat TIX in der äußerst auffallenden Liveinszenierung dann auch gleich mit auf die Bühne geholt und dirigiert diese als weißgoldener Engel an Ketten.

„Fallen Angel“ ist eine Midtempo-Ballade, die trotz des eher depressiven Texts eine warme Grundstimmung verbreitet. Die Melodie wirkt relativ einfach gestrickt und althergebracht, verleiht dem Song aber genau deshalb eine starke Eingängigkeit. Das dominante Instrument im Arrangement ist das Schlagzeug, angereichert mit leichten elektronischen Sounds und Streichern. Eine Steigerung wird vor allem durch einen an fun. erinnernden Chor erreicht.

Der Check

Song: 3/5 Punkte
Stimme: 2/5 Punkte
Instant-Appeal: 4/5 Punkte
Optik: 4/5 Punkte

Benny: „Fallen Angel“ hat für mich zwei Gesichter: Im Zusammenspiel mit dem Auftritt/Video, dem Aufzug von TIX und der Inszenierung finde ich es ganz schlimm. Wenn ich nur das Audio höre, gefällt mir der Song immer besser und mittlerweile sogar schon ganz gut. „Fallen Angel“ könnte auch von einer 90er-Jahre-Boyband stammen und hat dadurch einen schönen Retro-Charme. 7 Punkte.

Berenike: Auch wenn „Fallen Angel“ die englische Übersetzung nicht schlecht steht, bedauere ich immer noch, dass wir nicht „Ut Av Mørket“ beim ESC zu hören bekommen. So nah wie in diesem Jahr waren wir einem Beitrag auf Norwegisch schon lange nicht mehr und werden es wohl auch lange nicht wieder sein. Mir gefällt die boybandartige Eingängigkeit, der an fun. erinnernde Stil und das warme Gefühl, welches der Song ausstrahlt, sehr gut. Gerade wenn ich mich sehr genervt fühle, wirkt „Fallen Angel“ wunderbar besänftigend. Nach einer Weile plätschert der Track dann zwar etwas dahin, live verliert man aber dank der Performance, die die Faszination eines Autounfalls ausübt, trotzdem nicht die Aufmerksamkeit. 8 Punkte.

Douze Points: Bei „Fallen Angel“ bin ich immer hin- und hergerissen. Die Kunstfigur TIX und den Engel-Teufel-Auftritt finde ich eher 3 minus. Der Song als solcher hat aber sehr schöne Harmonien, die mir seltsam bekannt vorkommen. So bleibe ich gern auch dran, wenn der Titel in meiner Playlist kommt. Denn an der Stimme von TIX liegt das ganz sicher nicht. Daher 7 Punkte.

Florian: Wie so ziemlich die ganze ESC-Community war auch ich überrascht, als TIX im Februar die norwegische Vorentscheidung für sich entscheiden konnte. Grundsätzlich ist „Fallen Angel“ gar nicht mal schlecht, auch wenn die norwegische Version eindeutig mehr bot. So ist der Song eine recht durchschnittliche Pop-Nummer, die in Norwegen gemessen an den Spotify-Zahlen hervorragend anzukommen scheint und wohl deshalb gewonnen hat. Fraglich natürlich, ob Europa das im Halbfinale ebenso sehen wird. Was dem Song ein wenig mehr Originalität verleiht, ist das Bühnenbild, welches sich im Melodi Grand Prix durchaus vom Rest abhob. Ansonsten bleibt bei mir jedoch nicht viel hängen. 5 Punkte. 

Manu: Das kommt also dabei raus, wenn Norwegen einen musikalisch guten Vorentscheid veranstaltet, am Ende aber nicht das Lied, sondern der Interpret gewinnt. Optisch an Marius Müller-Westernhagen erinnernd fehlt mir grad die Fantasie, wie „Fallen Angel“ in Rotterdam funktionieren soll – das Lied ist zwar gefällig und ich muss es nicht ausstellen, wenn ich es höre, aber es weckt in keiner Sekunde meine direkte Aufmerksamkeit. „Fallen Angel“ klingt für mich wie ein Engelsflügel-Tattoo ausschaut – ich schüttle den Kopf und wende mich etwas anderem zu. In Norwegisch hätte es noch einen Punkt mehr gegeben – 2 Punkte.

Max: Es ist vielleicht nicht einer meiner Top-Favoriten, aber dennoch finde ich das Lied cool und höre es auch gerne im Auto – wird also nicht geskippt! Ich sehe es klar im Finale, obwohl die Show natürlich an Kitsch fast nicht zu überbieten ist, aber wir sind ja beim ESC… Der ganz große Wurf ist es für mich dann doch nicht. 7 Punkte gibt es dennoch von mir.

Peter: Klar, wie so viele hätte ich einen anderen Beitrag aus dem norwegischen Vorentscheid ausgewählt, aber ich mag TIX inzwischen TOTAL. Erstens sympathisiere ich stark mit dem souverän-gelassenen Widerstand, mit dem er der klischeetriefenden Kritik an seiner Person und Bühnenfigur in der norwegischen Boulevardpresse begegnet. Zweitens finde ich das Staging und die Inszenierung seines Songs hammerstark. Wenn dieser nur ein wenig stärker wäre – er ist gut, aber nicht überragend. Und leider nun doch nicht in Landessprache, dadurch verliert das Gesamtpaket an Individualität. Anyway, 10 Punkte vor allem wegen des Rückgrats von TIX.

Gesamtpunktzahl: 46/84 Punkten

Beim ESC-kompakt-Index landet „Fallen Angel“ auf Platz 26 von 39.

Wie schneidet der norwegische Beitrag "Fallen Angel" von TIX ab?

View Results

Loading ... Loading ...

Bisher erschienene Songchecks:

Erste Hälfte des ersten Semis

(1) Australien: „Technicolour“ von Montaigne
(2) Irland: „Maps“ von Lesley Roy
(3) Litauen: „Discoteque“ von THE ROOP
(4) Nordmazedonien: „Here I Stand“ von Vasil
(5) Russland: „Russian Woman“ von Manizha
(6) Schweden: „Voices“ von Tusse
(7) Slowenien: „Amen“ von Ana Soklič

Zweite Hälfte des ersten Semis

(8) Aserbaidschan: „Mata Hari“ von Efendi
(9) Belgien: „The Wrong Place“ von Hooverphonic
(10) Israel: „Set Me Free“ von Eden Alene
(11) Kroatien: „Tick-Tock“ von Albina
(12) Malta: „Je Me Casse“ von Destiny


82 Kommentare

  1. Bei Norwegen war ich recht schnell über die Niederlage von Keiino hinweg, „Fallen Angel“ gefällt mir von Mal zu Mal hören besser, wird auch eine gute Platzierung in Rotterdam einfahren.

  2. Ich stimme Benny zu, die Bühnenperformance ist grauenhaft, doch das tut dem Song keinen Abbruch. Ein Lied mit einer Melodie, die man so schon 1000× im Radio gehört hat. Im Gegensatz zu vielen anderen hier, finde ich „Fallen Angel“ besser als „Monument“. Kommt sicher ins Finale, 7 Punkte von mir.

  3. Wird wohl ins Finale kommen, ich persönlich kann damit nichts anfangen. Und nein, ich bin überhaupt kein Fan von Keiino!!

  4. Für mich persönlich der unumstritten beste Titel dieses Jahr, und ich bin auch der Meinung dass TIX in Rotterdam damit sehr gut abschneiden wird. Warum? Weil das Lied Ohrwurmcharakter hat, und mit der Inszenierung auffällt. Ja, die Inszenierung mag dick aufgetragen sein, aber sie passt zum Inhalt des Songs und wo, wenn nicht beim ESC darf man mal etwas übertreiben bei der Inszenierung? 😉

    Außerdem glaube ich, dass den Großteil der ESC-Zuschauer ebenso wenig interessieren wird gegen wen TIX im nationalen Vorentscheid gewonnen hat, wie die Frage ob das Lied auf Norwegisch schöner oder authentischer klingen würde. Sie werden das Lied auf Englisch hören, die Inszenierung verstehen und viele Zuschauer werden dafür anrufen. Ich mache mir wenn, dann eher um den Zuspruch der Jurys Sorgen.

  5. Akustisch finde ich das sogar ganz okay, der optische Eindruck aber … uff. Ich kann das so gar nicht einschätzen. Wenn Leute ihre ganzen Marotten mit auf die Bühne bringen, geht das oft nicht so richtig gut aus, gell Maraaya / Marta Jandova / Jamie-Lee?

    Übrigens, den Keiino-Song hab ich mir auch inzwischen mal angehört – leider viel zu gewollt. Hätte in Rotterdam keine Chance gehabt, da das Spielerisch-Leichte von Spirit in the Sky da völlig fehlte. So gesehen kann man die Entscheidung in Norwegen durchaus nachvollziehen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.