
In diesen Tagen nach dem 70. Eurovision Song Contest in Wien diskutieren wir alle viel über die PED (Post Eurovision Depression) und welche Rezepte dagegen helfen (neben unseren Tipps sind auch Vitamin B und D sind sehr empfehlenswert, btw). Nicht nur die Sommertemperaturen mit viel Sonnenschein helfen (heizen übrigens auch die körpereigene Produktion von Vitamin D an), sondern gegen die PED hilft auch das Eintauchen in die 70-jährige Geschichte des Eurovision Song Contest. 1.789 Originalsongs stehen zur Wahl, um genau zu sein. Und da sind die Coverversionen noch gar nicht mitgezählt.
Ein solcher perfekter Einstieg in die ESC-Geschichte ist das All Star Medley der Wiener ESC-Finalshow, welches die Veranstalter mit „Celebration! Eurovision at 70“ überschrieben. Medleys sind ein sehr beliebtestes Stilmittel in ESC-Shows. Auch in Basel gab es das im vergangenen Jahr schon, allen voran die „Switzerland’s Eurovision Legacy Show“ mit Paola, Luca Hänni, Gjon’s Tears und – last but not least – Peter, Sue & Marc. Und Luca Hänni war auch Teil des diesjährigen ESC-Medleys im deutschen Finale (mit „What´s Another Year“), gemeinsam mit Destiny („Euphoria“), Ruslana („Waterloo“) und Carla Lazzari („Ne partez pas sans moi“). Hier könnt Ihr die vier Mitglieder der internationalen Jury noch einmal sehen (2:47).
Drei (!) von vier Titeln aus dem diesjährigen deutschen Interval Act und eine Künstlerin (Ruslana) konnten wir auch im diesjährigen All Star Finalmedley im internationalen Wettbewerb wiedersehen. Außerdem waren dabei (in der Reihenfolge ihres Auftritts): Erika Vikman, Lordi, Max Mutzke, Alexander Rybak, Kristian Kostov, Verka Serduchka und Miriana Conte. Auch wenn in der Bubble oft gelästert wurde, dass sich doch ein großer Anteil der „üblichen Verdächtigen“ im LineUp befindet, so war die Produktion insgesamt so großartig inszeniert, dass das Wiener All Star Medley zu einem Bubble-Klassiker werden dürfte. Daher wollen wir die Inszenierung in unserer Viva-Vienna-Reihe noch einmal im Detail analysieren.
Erika Vikman, seit ihrem ikonischen „ICH KOMME“ (und ihrem legendären Käsefondue-Verzehr mit Hazel Brugger im Green Room) zur Partyheldin der Bubble geworden, durfte beginnen. Als sie die Bühne (noch) im Schatten betritt, erklingen zunächst die ersten Klaviertakte von „Merci Cherie“, eine sehr gelungene Hommage an den ersten ESC-Siegertitel aus Österreich von Udo Jürgens, der im dritten Anlauf damit 1966 gewann, nachdem er zuvor schon 1964 und 1965 sein Heimatland vertreten durfte.
Erika kommt aus dem Schatten und die Musik geht fließend über in das Intro von Danas „All kind of everything“, ebenfalls ein Siegertitel (Irland 1970). Nach der langsamen ersten Strophe gibt es den Chorus von „ICH KOMME“ als Bridge, passend dazu bekommt Erika Unterstützung von vier shirtless Jungs wie wir sie zuletzt bei Marie Reims „Naiv“ im deutschen Finale so camp erlebt haben.

Dem Uptempo-Part von AKOE folgend ertönt „Mi amore“ und Erika präsentiert auf dem Stage-Catwalk sehr energetisch die ikonisches vier Zeilen aus dem ironischen Vorjahreshit „Espresso Macchiato“, mit dem Tommy Cash Dritter in Basel wurde. Diese Reminiszenz an das italienische Kultgetränk fehlt allerdings in dem hier verlinkten Medley-Clip. Die Gründe dafür verlieren sich in den Nebeln von Norwegen. Angeblich hat die Youtube-Redaktion der EBU diese „editing choice“ getroffen, um die „seamless flow“ des Medleys zu erhöhen. Was ein Besserwisser-Schwachsinn ist. Im vollständigen Live-Show-Stream gibt es das Medley unverändert unverstümmelt (ab 2:38).
Im Celebration-Soloclip geht AKOE dann über in den Chorus von Käärjäs „Cha Cha Cha“, für den Erika plötzlich mit Lordi, Sieger des ESC 2006 in Athen, auf der Bühne steht. Ein toller Schnitt der Regie löst Begeisterung über diesen Überraschungseffekt aus. Es ist auch sehr witzig und eine sehr gute Idee, zwei finnische ESC-Acts mit einem ESC-Hit eines dritten finnischen ESC-Acts zu erleben.
„Cha Cha Cha“ geht quasi nahtlos über in Baby Lasagnas „Rim Tim Tagi Dim“ (Vize 2024) und die Chemie zwischen Erika und Lordis Leadsänger, die sich gegenüber stehen, zitiert sehr intelligent die Käärjä / Baby Lasagna Collab aus dem ESC-Finale in Basel, die ein Mash-Up ihrer ESC-Hits performen, was dann in ihren gemeinsam Titel #eurodab mündet:
Nach dem „Cha Cha Cha Rim Tim Tagi Dim“-Stunt folgt im All Star Medley der Höhepunkt des gesamten Songportfolios. Lordi interpretieren Luxemburgs „Papa Pingouin“ (von Sophie & Magaly, 9. Platz 1980) in der ihnen eigenen Schlagerrock-Art-und-Weise. Das ist auf so vielen Ebenen fantastisch, vor allem weil es eine Verbeugung ist vor dem ESC-Rückkehrerland Luxemburg (seit 2024), welches seine Teilnahme am ESC 2027 in Bulgarien bereits bekanntgegeben hat. Und es ist auch eine unterschwellige Hommage an Ralph Siegel, der „Papa Pingouin“ (gemeinsam mit dem im letzten Jahr verstorbenen Bernd Meinunger) geschrieben hat.
Hier ist ein Song in ein Eurovision-Medley integriert, der nicht zu den immer wieder zum Einsatz kommenden Gassenhauern gehört, sondern der gleichzeitig witzig, erinnerungswürdig und originell ist. „Papa Pingouin“ dürfte das allererste Mal in der 46-jährigen Geschichte des Songs mit gigantischen Pyro-Effekten inszeniert worden sein.

Es folgt ein starker Cut und über den wunderbar rot-orange beleuchtete Catwalk läuft uns Max Mutzke mit einer jazzigen Interpretation von Duncan Laurence „Arcade“ entgegen. Diese Big-Band-Version wird von Max in einem perfekten Smart-Casual-Outfit (mit Hut!) sympathisch, stimmlich stark (live gesungen) und souverän interpretiert. Nur das am Ende hinzugefügte und gebrüllte „Wien“ hätte es nicht unbedingt gebraucht.
Es vergeht wohl keine ESC-Saison, in der Alexander Rybak nicht irgendwo Geige spielt. Er folgt auf Max Mutze mit der Geigenversion des Intros von Celine Dions „Ne partez pas sans moi“ (Geh nicht ohne mich) und zu ihm tritt Kristian Kostov (Zweitplatzierter 2017 für Bulgarien), der den Schweizer Siegeltitel aus 1988 sehr klassisch und elegant interpretiert – im besten (s/w)-Outfit des gesamten Abends.

Unfreiwillig haben die ORF-Producer hier einen weiteren magischen Moment geschaffen. Kristian ist ein bulgarisch-russischer Sänger kasachischer Abstammung, der am 15. März 2000 in Moskau geboren wurde. Sein Vater kommt aus Bulgarien, seine Mutter ist Kasachin. Er erzielte 2017 mit „Beautiful Mess“ das bis zu seinem Auftritt beste bulgarische Ergebnis in der ESC-Geschichte des Landes. Eine gute Stunde nach seinem Auftritt hat sich das dann bekanntlich geändert.
Nur ein Land hat gleich zwei Künstler im Medley – und das ist die Ukraine. Verka Serducha präsentiert im Anschluss an Kristian „Puppet On A String“ in einer Art Oktoberfest-Blasmusik-Version, eine charmante Idee, die Sandie Shaws UK-Siegertitel aus 1967 einen neuen Glanz gibt. Das ist nicht so stark wie die Big-Band-„Arcade“-Version, aber dafür optisch mit der marschierenden Bläsertruppe in kurzen Leserhosen sehr originell.
Ab sofort kein Medley ohne Hüpfbälle, bitte! Ralph Siegel wird eine Flasche Champagner aufgemacht haben, denn im Mittelteil-Auftakt des All Star Medleys zeigt Miriana Conte aus Malta, was für eine großartige Entertainerin sie ist und macht „Dschinghis Khan“ zu ihrer eigenen Hymne. Die Gema-Erträge des Songwriters aus München dürften im Mai stark steigen.
Ganz in Glitzergold im knappen sexy Minikleid begibt sich Miriana auf einen ihrer legendären Hüpfbälle, um – und das ist cool und dramatisch geschickt zugleich – ihren Bubble-Favoriten „Serving Kant“ an Ralph Siegels Klassiker andocken.

Daran anschließend gibt es „Save All Your Kisses For Me“ in der Lordi-Version, was dem Medley nicht wirklich neue Impulse gibt. Viel orginieller ist da schon, dass Ruslana schon nach etwa 20 Sekunden des Brotherhood-Of-Man-Siegertitels aus 1976 einen schönen Tempowechsel mit Slimanes „Mon amour“ (Frankreich 2024) hinlegen darf. Zum Refrain wird daraus ein Duett mit Miriana. Es ist ein mitreissend schönes Bild, wie die beiden connecten.
Die Bläser, die anschließend das Intro von Ruslanas „Euphoria“ Adaption einläuten, erinnern mich auch an irgendwas. Kann einer von Euch helfen? Wie im deutschen Finale gibt’s hier also „Euphoria“, nur von Ruslana statt von Destiny. Das hätte ich jetzt nicht gebraucht, aber für ein weniger ESC-affines Publikum, das nur einmal im Jahr einschaltet, passt das logischerweise.
Alexander Ryback kehrt auf die Bühne zurück, und diesmal darf er nicht nur Geige spielen, sondern auch singen. Beneidenswerterweise sieht er übrigens kaum einen Tag älter aus als 2009, als er den ESC nach Norwegen holte, wo unsere Lena den zweiten ESC-Erfolg für Deutschland realisierte. Alexander führt uns mit Cliff Richards „Congratulations“ nochmal zurück in die gut im Medley vertretenen 60er Jahre. Seine Gestik ist geigen-induziert nur eine leichte Variation von seinem „Fairytale“ Erfolgstitel.
Mit dem unvermeidlichen, überstrapazierten „Waterloo“, welches 1974 in Brighton die Weltkarriere von ABBA initiierte, lässt der Soloclip das Wiener All Star Medley enden. Singen darf es diesmal nicht Ruslana wie beim deutschen Finale in Berlin, sondern Erika darf nochmal ran. Sie hat damit eine Art „goalgetter“-Funktion im „Celebration! Eurovision at 70“ Gig. Alle Künstler dürfen nochmal auf die Bühne, und zum Ende versagt leider die Bildregie, nur Max Mutzke bekommt noch einmal ein CloseUp. Hier hätten kurze Schnitte mit CloseUps auf alle Teilnehmer*innen hintereinander und gleichberechtigt einen schönen emotionalen Abschluss bilden können.
In der ESC-Liveshow darf Verka Serduchka nochmal ran mit einer Singalong-Version des ESC-Klassikers „Volare (Nel Blu Dipinto Di Blu)“ aus 1958 (Domenico Modugno für Italien auf Platz 3), was aber dem Livestream-Nochmal-Sehern vorbehalten ist (ab 2:37). Verka singt den Chorus am Ende mit dem Publikum a cappella mit sehr emotionalen Shots ins Publikum auf die euphorischen Jungs (vereinzelt auch Mädels). Wieso dieses schöne Really-United-By-Music-Outro im Medley-Video auf dem offiziellen Eurovision-Kanal fehlt (dort ist nach „Waterloo“ Schluss), in unbegreiflich. Copyright-Restriktionen können es nicht sein, da die „uncensored version“ ja weiter verfügbar ist.
Aber alles in allem ist das Jubiläumsmedley eines der besten der vielfältigen ESC-Geschichte. Man hätte sich noch mehr originelle und sympathische Einfälle wie „Papa Pingouin“ oder „Mon amour“ gewünscht, und es fehlte irgendwie auch ein Act aus Österreichs ESC-Geschichte sowie neben Verka ein weiterer Act über 50, aber in Sachen Repräsentativität, Kreativität, Inspiration und Modernität war das eine 11 von 12.
Nun seid Ihr dran. Hat Euch das All Star Medley zum 70. ESC-Geburtstag gefallen? Ist Euch noch etwas aufgefallen, was wir nicht beschrieben haben? Habt Ihr ESC-Medleys aus früheren Jahren, die Euch besonders in Erinnerung geblieben sind und die Ihr Euch immer wieder anschaut?
In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:
- (1) Die schönsten Wien-Bilder der Blogger*innen
- (2) Mein erster Eurovision Song Contest vor Ort
- (3) Wie war Wien als Gastgeberstadt 2026?
Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:
- Bye Bye Basel: Unser Rückblick auf den ESC 2025
- Malmö Memories: Unser Rückblick auf den ESC 2024
- Leaving Liverpool: Unser Rückblick auf den ESC 2023
- Torniamo a Torino: Unser Rückblick auf den ESC 2022
- Replay Rotterdam: Unser Rückblick auf den ESC 2021
- Talking Tel Aviv: Unser Rückblick auf den ESC 2019
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Hat richtig Spaß gemacht!
Das hat mir richtig gut gefallen.👍
Eins der stärksten und besten Medleys aller ESC Zeiten. Vor allem Lordi hat mich überrascht, von Max Mutzke hätte ich mir mehr als ein Song gewünscht.
Wozu war Max eigentlich da? Er hat nur gefühlt fünf Sekunden gesungen. Alle anderen hatten mehr als ein Lied.
Nicht nur die Ukraine hatte zwei Künstler, sondern auch Finnland! Das wurde allgemein von vielen als Finnland-Bevorzugung interpretiert und war für viele ein klares Zeichen, dass sie gewinnen werden. Dara, die eine gute Freundin von Kristian ist, hatte bekanntlich andere Pläne.
Alexander war ein paar Tage zuvor 40 geworden! Das sieht man ihm aber überhaupt nicht an.
Nein, nein, nein und noch einmal nein.
Es war langweilig, nichtssagend, überflüssig und vorgetragen von den mehr oder weniger immerselben Künstlern. Ganz zu schweigen, daß man es bei 1789 Beiträgen noch nicht einmal schafft, andere Lieder als die üblichen Verdächtigen auszuwählen.
Warum um alles in der Welt der Gastgeber es nicht schaffte, aus der Vielzahl der österreichischen Beiträge die Perlen auszuwählen, bleibt ein Geheimnis. Eine geeignete Auswahl hätte es durchaus gegeben.
Ich fand den Medley klasse. 😀 Neben Erika (natürlich!) hat mir Lordis Version von „Save All Your Kisses For Me“ mit am besten gefallen. Fand ich sehr unterhaltsam.
Kristian hat mich kurzzeitig mit der Frisur an Søren erinnert 😀
Ein absolutes Highlight der ansonsten eher uninspirierten ESC Shows 2026. Schade kam Max nicht so zur Geltung.
Es war ein großartiges Medley! Generell finde ich solche Rückblicke immer mäßig bereichernd. Aber diese Wiener Ausgabe fand ich sehr kurzweilig und unterhaltsam.
„Ab sofort kein Medley ohne Hüpfbälle, bitte!“
Peter, wir verstehen uns! 🔴🔴🔴