Advent der liebsten Blogger-ESC-Momente (11): Aufregung nach einem Jahr ESC-Entzug

Wenn ich an besondere Momente des Eurovision Song Contestes denke, dann schießen mir unweigerlich auch Momente des diesjährigen Contest in den Kopf. Ich weiß nicht wie es Euch ging, aber als die Eurovisionfanfare „Te Deum“ vor dem ersten Halbfinale ertönte, dann im Vorfilm die in den Farben der Flaggen der teilnehmenden Länder virtuellen Streifen von Tinyhouse zu Tinyhouse durch die Landschaft der Niederlande flogen, um schließlich in der Ahoy Arena von Rotterdam einzukehren, da saß ich völlig aufgeregt und gebannt vor dem Fernseher.

Nachdem im Vorjahr der ESC bekanntermaßen pausieren musste, hatte sich soviel Vorfreude in mir aufgestaut, dass mir bei den Worten „Eurovision is back“ doch die ein oder andere Träne in die Augen wanderte. Im Hintergrund war das jubelnde Publikum zu hören, Bilder von Duncan Laurences Sieg wurden gezeigt und schon performte er einen Teil seines Liedes „Feel Something“ – eingehüllt von roten Lasern. Das sah schonmal fantastisch aus! Das Publikum dreht durch, die official Eurovision Dancecrew stürmte tanzend die Bühne, Feuerwerk, Lichtspektakel und die vier Hosts betraten unter lautem Jubel die Bühne. Der Contest war zurück – mit Livepublikum! Ich platzte für einen kurzen Moment fast vor Freude. 

Überhaupt muss ich an dieser Stelle mal ein riesiges Lob an alle Beteiligten der Show und an die ausrichtenden Rundfunkanstalten AVROTROS, NPO und NOS aussprechen. Trotz der ganzen Widrigkeiten konnten drei fantastische ESC-Shows über die Bildschirme flimmern. Und das Lob spreche ich gern aus, obwohl auch Dinge zu sehen waren, die ich normalerweise immer sehr kritisiere. Ich halte nämlich eigentlich überhaupt nichts davon, wenn im Fernsehen Videoeffekte eingeblendet werden, die live in der Halle nicht zu sehen sind. Ob das beispielsweise die Flammen bei Eleni Foureira sind, der Wirbelsturm bei Victor Crone, die Textzeilen bei Ermal Meta & Fabrizio Moro, der plötzlich fliegende Chingiz oder der kippende ‚Bildschirm‘ bei Sergey Lazarev – meist sehen die Effekte sogar recht mies aus. Gerade bei den diesjährigen Interval-Acts setzten die ausführenden Produzenten aber auf die Verschmelzung von Bühnenbildern und zuvor aufgenommenen Videosequenzen.

Schon im ersten Halbfinale funktionierte das meiner Meinung nach großartig, als die niederländische Sängerin Davina Michelle ihr Lied „The Power of Water“ aufführte. Während zu Beginn kleinere Wassereffekte eine Art Unterwasserwelt in der Arena kreierten, unterbrach eine zuvor aufgenommene intensive Videosequenz den Auftritt. Gänsehaut! Auch wenn der Auftritt bei ESC-Fans fast unterging, ging der Auftritt anschließend auf YouTube doch noch viral. 

Im Finale gaben die Produzenten technisch gesehen dann alles: Während der Votingphase wurde ein Musikvideo eingespielt, dass zu den Klängen des Liedes „Hero“ von Afrojack zwei verliebte Teenager nachts durch Rotterdam begleitete. Diese fuhren schließlich mit der Straßenbahn zur berühmten Erasmusbrücke auf der ein riesiges Orchester spielte, durch das der Musiker Wulf schritt und den nächsten Titel „Ten Feet Tall“ von Afrojack und Wrabel anstimmte. Das Lied gipfelte in einer EDM-Tanzorgie und mit einem lauten Knall wurde live in die Halle geblendet, in der Glennis Grace den Titel „Titanium“ von David Guetta anstimmte. Doch durch die Halle zog sich auch weiterhin die Struktur der Erasmusbrücke, so dass der Schnitt in die Halle für den ein oder anderen Zuschauer zuhause fast unbemerkt passierte. Glennis schraubte „Titanium“ in ungeahnte Höhen, was schließlich in einem Feuerwerk gipfelte. Erst dann verschwand die Struktur der Brücke. Klar, an dem Interval Act kann man sicher das ein oder andere kritisieren (zu lange Videosequenz, wieso das Lied „Titanium“ und weiteres), aber technisch war das grandios inszeniert!   

Auch wenn Duncan Laurence aufgrund seiner Coronainfektion leider im Finale nicht live auftreten konnte und stattdessen sein zuvor aufgenommener Auftritt gezeigt wurden musste, war auch dieser sehr stimmungsvoll inszeniert. Gerade bei seinem zweiten und neuen Lied „Stars“ schien Duncan Laurence zeitweise durch einen Sternenhimmel zu schweben. Und selbst als verschiedene ehemalige Sieger*innen ihre Gewinnerbeiträge nochmal aufführten, wurden diese nicht einfach auf die großartige Bühne in Rotterdam gestellt. Stattdessen performten Måns Zelmerlöw, Lenny Kuhr, Teach-In, Sandra Kim, Helena Paparizou und Lordi ihre Lieder auf insgesamt drei verschiedenen Dächern auf Rotterdams Hochhäuser:

Bei all der Superlative ging da schon fast der tänzerisch hochklassige Interval Act des zweiten Halbfinales unter. In der speziell für den Song Contest entwickelten Performance tanzten der bekannte Tänzer Ahmad Joudeh mit dem BMX-Fahrer und Performer Dez Maarsen. Die beiden erzählten so eine Geschichte von Menschen mit Unterschiedlichkeiten, die sich einander öffnen und schließlich zusammenfinden. „Close Encouters of a Special Kind“ – nahe Begegnungen der besonderen Art.

Die Niederländer haben die Messlatte hochgehängt und ich freue mich schon jetzt auf hoffentlich noch viele weitere Song Conteste voller Spannung, tollen Beiträgen und großartigen Zwischenacts!

Bislang in unserem Adventskalender erschienen:

(1) Mein „erstes Mal“
(2) Die BRAVO und ein Kindheitstrauma
(3) Der ESC 2000 in Stockholm
(4) Ein Hoch auf Moya Doherty
(5) Null Punkte und das Comeback von Ann Sophie
(6) Abba 1979 live in Dortmund
(7) Der Euroclub in Kiew
(8) Jamala Sieg in Stockholm
(9) Hier geht es nicht um Oslo und Lena
(10) Deutscher Vorentscheid 2019 und Eurovision in Concept in Amsterdam

2020: Advent der besten DACH-ESC-Beiträge
2019: Advent der besten ESC–Momente


29 Kommentare

  1. Ich kann mich noch sehr gut meinen ersten ESC, damals noch Grand Prix Eurovision genannt, erinnern. Es war der 25. ESC aus Den Haag. Die Niederländer hatten die Ehre den „silbernen Song Contest“ auszurichten. Ich fragte mich warum das afrikanische Marokko teilnehmen durfte. Aber naja…In der Folgezeit wurde es mir klar.

    Die Niederländer haben 1970 den sogenannten „Touristenfilm“, also ein Film von Land und Leute gezeigt. Auch die sogenannten „Postkarten“ oder „Vorab-Clips“ ging auf damals zurück. Grund für die Filme bzw. Filmchen war der Boykott Schweden, Norwegen, Finnland, Österreich und Portugal, der die Teilnehmerzahl auf nur 12 geschrumpfen ließ. Um einen abendfüllenden ESC-Event auszurichten, griffen die niederländischen Organisatoren auf den genannten „Trick“ zurück. Beide Innovationen etablierten und hielten sich lange Zeit.

  2. Ich muss leider gestehen, dass ich mir vor lauter vorfreude auf einen möglichen schweizer sieg dermassen die kante gegeben habe, dass ich all die acts zwischendurch nur noch verschwommen wahrgenommen habe.

    • Auch ich hab die Intervallacts nicht so sehr mitbekommen. Neben meinen lauthals rumdiskutierenden Töchtern, die die intervallacts nun so überhaupt nicht interessieren, war ich voll mit dem Voting für die Schweiz und Schweden beschäftigt. Hab noch nie so viel angerufen wie 2021.

  3. Dem Lob und Dank an das Niederländische Fernsehen kann ich mich nur anschließen. Ich muss aber gestehen, dass ich mir den ESC 2021 nur einmal angeschaut habe, deshalb sind mir einige Details nicht mehr ganz so geläufig. Werde ich mir so bald wie möglich nochmals in Ruhe anschauen (am besten heute noch)🙂

    Den einzigen Kritikpunkt, den ich habe, betraf die Wertung, wobei dies ja von er EBU beeinflußt wurde. Aber ich halte es nicht gerade für fair und diskret, die Gesichter aller Interpret*innen abzulichten, auch bei einer „Niederlage“. Wenn man schon alle Punkte aufsteigend vorlesen muss, dann sollte man den Künstler*innen wenigstens diese Peinlichkeit ersparen, meiner Meinung nach. Ansonsten hat das was vom billigsten Privatfernsehen, sorry, aber das ist meine Meinung.

    • Nach einem Jahr Zwangspause war die Freude natürlich besonders groß, dass der ESC wieder stattfinden konnte. Waren natürlich erschwerte Bedingungen für die Niederländer, unter Corona-Bedingungen einen ESC zu organisieren. Das haben sie schon toll hinbekommen. Dafür gebührt ihnen Respekt.🙂

  4. Ich war auch so sehr mit Voten beschäftigt, das ich den Interval Act im Finale nicht so ganz mitbekommen habe. Aber es war sehr schön gemacht.

  5. Österreichische Internetportale berichten: Laura Pausini wird den ESC 2022 moderieren.

    Stimmt das? Kann das jemand bestätigen?

    • Das wäre ein Knaller. Ich kann mich noch gut an den Auftritt von Laura Pausini beim Sanremo Festival erinnern. Eine Oscarreife Darbietung den sie ja leider nicht bekam. Das würde mich auf jeden Fall freuen wenn sie moderiert

    • Es ist lediglich eine Vermutung, denn es sind mit Sicherheit auch noch andere Namen im Gespräch. Die Namen der ESC-Moderatoren werden erst nach dem Sanremo-Festival von der RAI verkündet!

  6. Ich muss mir den ESC 2021 auch noch mal in kompletter Länge anschauen, weil auch ich von den Pausennummern nichts mitbekommen habe. Die werden bei uns genutzt, um auf die Toilette zu gehen (ist während der Auftritte streng verboten), auf der Gartenterrasse eine Zigarette zu rauchen, Getränke und Snacks bereitzustellen oder hochemotional zu diskutieren. Wie dem auch sei, es war tatsächlich fantastisch, dieses Jahr wieder einen halbwegs normalen ESC zu sehen. Allerdings finde ich es sehr schade, dass die Livedimension der Auftritte immer weiter beschnitten wird. Neben den von Manu skizzierten technisch-visuellen Aufhübschungseffekten stört mich vor allem der Chorgesang vom Band.

      • Muss noch ergänzen: Für dieses Jahr habe ich es ja noch verstanden, auch wenn’s wehtut.
        Einfach, damit die Abstände eingehalten können, und wegen der Aerosolen beim Gesang.

    • Was für eine riesige Überraschung, dass der Chorgesang vom Band keine provisorische Corona-Maßnahme war, sondern Corona lediglich das Mittel zur rechten Zeit, um es durchzusetzen. 😉
      Wir hatten ja das Thema schon einmal hier, wenn ich mich recht erinnere, aber drei skandinavische EBU-Chefs hintereinander sind einfach zu viele. Und den Chorgesang vom Band empfinde ich als viel schlimmer als die ein oder andere Bildschirmeinblendung.

  7. Sorry, Off-Topic, wollte nur neue Infos zum deutschen Vorentscheid zum ESC 2022 liefern. Es gibt neue Bewerbungen, diesmal aus der Richtung „Wissenschaft trifft ESC!“:

    https://www.bild.de/regional/duesseldorf/duesseldorf-aktuell/duesseldorf-schoenheitschirurg-bewirbt-sich-beim-esc-78422964.bild.html

    https://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/ruhrgebiet-aktuell/borken-singen-statt-spritzen-chefarzt-doc-brock-will-zum-esc-78476412.bild.html

  8. Die Pausenfüller, auch Intervall-Acts, haben im Grunde keine große Bedeutung (mehr). Nach der Präsentation der Beiträge noch mehr Musik und Tänze, überfordert den TV-Zuschauer. Heutzutage sind die Zuschauer mit dem Smartphone und dem Voten beschäftigt.
    Wer kann sich überhaupt an die Pausenaktionen erinnern? Nur ein einziges Mal in der über 65 Jahren ESC-History war der Intervall-Act besser als die Beiträge: 1994 mit „Riverdance“.

    • Das stimmt, ich kann mich auch nur nachhaltig an die Intervall-Acts 1994, 2010 und 2016 (und da auch nur an „Love, Love, Peace, Peace“) erinnern.
      Na ja, sie brauchen aber die Zeit fürs Voting und für die Auszählung der Stimmen, (und irgendwann muss man ja auch mal zur Toilette😉)
      Mich stören sie nicht weiter, finde die vielen Schnelldurchläufe nerviger, wenn sie wenigstens in umgekehrter Reihenfolge wären, so dass der Nachteil einer früheren Startnummer ein bißchen ausgeglichen wäre… aber das ist ein anderes Thema.

      • Ja, das war auch ganz schön.🙂

        Welchen Intervall-Act ich auch ganz schön fand, das war 2019 beim 2. Semi-Finale. Habe jetzt zwar nicht mehr die Einzelheiten im Kopf, aber dort spielte eine Gruppe mit verschiedenen Behinderungen aus Israel. Das hat mir wirklich gut gefallen. Muss ich mir auch noch mal anschauen.

      • Andererseits war unser Pausenact 2011 so interessant wie eine deutsche Amtsstube …

      • Grauenhaft, mochte Delay schon vorher nicht – aber das NDR-Motto ist halt „Hauptsache Hamburg“.

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