Deutschlands erstes ESC-Jahr unter Federführung des SWR – Die ultimative Bilanz (Viva Vienna 13)

Bild: Sarah Louise Bennett/EBU

2026 war eine Saison, die einen drastischen Einschnitt für die Teilnahme Deutschlands am Eurovision Song Contest bedeutete. Nach 30 Jahren Federführung und Verantwortlichkeit durch den Norddeutschen Rundfunk (NDR) übernahm in diesem Jahr der Südwestrundfunk (SWR) das Zepter. Dass das Ergebnis mit Platz 23 für „Fire“ von Sarah Engels kein Einstand nach Maß war, darüber herrscht sicherlich Einigkeit. Aber was lief gut im ersten SWR-Jahr, wo ist Luft nach oben und was gibt Anlass für Hoffnung? Wir ziehen Bilanz.

Vorab sollte zum Setting gesagt werden, dass der SWR zwar erstmals in ESC-Verantwortung stand, aber gleichzeitig nicht bei 0 starten musste. Sowohl in der Redaktion als auch auch im Presseteam gab es teilweise personelle Kontinuität, ebenso natürlich auf den höheren ARD-Entscheidungsebenen. Außerdem durfte der SWR beim ESC 2025 in Basel auch schon beim NDR hospitieren. Insofern war sicherlich von Anfang an zu erwarten, dass es eine Mischung aus Neuanfang und Kontinuität geben würde, was sich schließlich auch bewahrheitete.

Was gut war

Zweitverwertung der Vorentscheid- und ESC-Acts: Wavvyboi als deutscher Jurysprecher, Bela in der deutschen Jury, Abor & Tynna als Gaststars in der Vorentscheidung, Michael Schulte beim Public Viewing in Karlsruhe – der SWR hat es in seinem ersten Jahr sehr gut geschafft, Künstler*innen mit ESC-Bezug in seine Aktivitäten einzubinden und ihnen so erneut eine Bühne zu bieten. Besonders erwähnenswert ist dabei, dass nicht (nur) auf die üblichen Verdächtigen zurückgegriffen wurde, sondern vor allem auch auf Teilnehmer*innen des aktuellen Jahrgangs. Gern mehr davon! Und wer weiß, vielleicht versucht es dann ja einer dieser Acts auch ein zweites Mal beim deutschen Vorentscheid…

Public Viewing in Karlsruhe: Das führt mich direkt zu meinem nächsten Punkt: Dem Public Viewing in der Schwarzwaldhalle in Karlsruhe. Das war eine tolle Idee, mit der der SWR auch seine Kernkompetenzen und seine regionale Verankerung ausspielen konnte. Wer weiß, vielleicht ebnet dieses Event sogar den Weg zu einer großen Vorentscheidung in der Schwarzwaldhalle oder wahlweise einem Baden-Baden-Fest(ivalen) oder Festival di Baden-Baden? Einem Vorentscheidkonzept jedenfalls, das Kontinuität, regionale Verwurzelung und Fan-Nähe verbindet? Man wird ja wohl noch träumen dürfen…

Künstlerauswahl DDF: Ganz unabhängig von der Songauswahl (s. unten) ist den Verantwortlichen ein gutes Line-Up für den Vorentscheid Das deutsche Finale 2026 gelungen. Das zeigen neben Siegerin Sarah Engels zum Beispiel auch RAGAZZKI und Dreamboys The Band, denen mit „Dolce Vita Love“ bzw. „Lovers“ bemerkenswerte Folgesingles gelungen sind. Aber auch die meisten anderen der Teilnehmenden haben mittlerweile neues Material veröffentlicht und sind auf einem guten Karriereweg.

Inszenierung (mit Abstrichen): Je länger der ESC her ist, desto weniger glaube ich, dass aus „Fire“ von Sarah Engels inszenierungstechnisch wirklich das Beste rausgeholt wurde. Solide Inszenierung? Ja. Aber auch nur annähernd in einer Liga mit Beispielsweise Bulgarien, Rumänien, Australien oder Dänemark? Nein. Trotzdem sehe ich die Entwicklung auf der Haben-Seite. Der Sprung zwischen Vorentscheid und internationalem Finale war gigantisch und das Team hat sich sogar auf einen Revamp eingelassen. Das macht Mut für die Zukunft.

Mehr ESC im Ersten (mit Luft nach oben): Im ersten SWR-Jahr gab es nicht nur das große ESC-Finale um 20:15 Uhr im Ersten zu sehen, sondern auch eine große ESC-Dokumentation zum 70-jährigen Jubiläum des Wettbewerbs. Ein Zeichen dafür, dass SWR und ARD langsam das Potenzial des ESC erkennen, auch abseits des internationalen Finales und vielleicht noch der deutschen Vorentscheidung spektakuläre Einschaltquoten zu erzielen. Und es ist auch ein Zeichen, dass sich vielleicht doch noch der eine oder andere Slot zur Übertragung der ESC-Halbfinale abseits von Nischensendern wie ONE oder Phoenix finden lässt. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, ein WM-Spiel auf einem dieser Sender zu versenden, auch wenn es „nur“ Curaçao gegen Kap Verde ist. Die ESC-Halbfinals so herzuschenken, grenzt quotentechnisch schon an (bestenfalls) Fahrlässigkeit durch die ARD-Programmplanung. Vorschlag zur Güte: Versucht’s doch im nächsten Jahr einfach mal damit, das Halbfinale mit deutscher Beteiligung im Ersten zu zeigen – von mir aus auch erst ab Showstart um 21 Uhr, dann kann irgendjemand noch den 20:15-Uhr-Slot für das Übliche ARD-Abendprogramm nutzen.

Was besser werden muss

Transparenz: Der SWR agierte in weiten Teilen noch undurchsichtiger als bislang der NDR. Ein Zeichen dafür war das angeblich sehr ausgeklügelte Auswahlverfahren inklusive internationaler Marktforschung, dessen Ergebnis dann aber nur beratend in die Beitragsauswahl für den Vorentscheid Das deutsche Finale 2026 eingeflossen ist. Wer am Ende wie die Entscheidung für das Line-Up getroffen hat – unklar. Praktisch, weil so auch niemand Verantwortung übernehmen muss. Außerdem wurde – anders als in nahezu allen anderen Ländern – das Juryergebnis der Vorentscheidung nie veröffentlicht. Entsprechende Nachfragen wurden ebenso wie Anfragen für Interviews mit den Verantwortlichen stets abgeschmettert.

Songauswahl: Der SWR hat es geschafft, ein spannendes Künstler*innen-Portfolio für Das deutsche Finale zusammenzustellen (s. oben). Gleichzeitig waren nahezu alle Beiträge nicht wettbewerbsfähig. Wer auch immer wie auch immer (s. oben) diese Auswahl getroffen hat, sollte sich sowohl das internationale Finale als auch diverse internationale Vorentscheide nochmal ganz genau anschauen – und das deutsche Formatradio ausgeschaltet lassen. Hoffnung macht, dass hier bereits Änderungen angekündigt wurden. Vorschläge, wie das gelingen kann, hat Bloggerkollege Douze Points bereits hier aufgeschrieben. Der Vorentscheid ist kein Newcomer-Festival, sondern es geht um wettbewerbsfähige Kombinationen aus Act, Song und Inszenierung. Das wurde ich diesem Jahr noch nicht umgesetzt.

Regie und Setting des Vorentscheids: Altbacken ist das freundlichste Wort, das mir für das Showkonzept des Vorentscheids einfällt – Quotenerfolg hin oder her. Geprägt war die Show einmal mehr von einer Talkcouch mit lauter Gästen, für die nicht einmal mehr meine Oma den Fernseher einschaltet. Das ständige Gequatsche war so bemüht, dass selbst (die seit letztem Jahr erfreulich neu motivierte) Barbara Schöneberger und Hazel Brugger wenig retten konnten. Aber gut, wie soll man sonst drei Stunden mit neun Beiträgen füllen? Die Regie während der Auftritte war im Vergleich zu den letzten NDR-Jahren leicht verbessert, aber international immer noch weit unter dem Durchschnitt, so dass die ohnehin mittelmäßigen Inszenierungen oft nicht richtig zur Geltung kamen. Hier ist ganz viel Luft nach oben.

Und trotzdem gab es auch hier Lichtblicke: Neben den oben schon erwähnten Moderatorinnen Barbara und Hazel waren das vor allem die neue Bühne und die Stehplätze. Das war lange überfällig und eine tolle Neuerung des SWR. Bitte mehr davon!

Online-Auftritt: Wir vermissen eurovision.de! Der SWR hat die offizielle deutsche ESC-Webseite in seinem ersten Jahr extrem vernachlässigt und nicht mal mit den rudimentärsten Neuigkeiten bespielt. Bis weit in den Mai hinein wurde man noch hauptsächlich mit Informationen rund um den deutschen Vorentscheid versorgt. Die zugehörigen Social-Media-Kanäle wurden seltsamerweise erst nach dem ESC-Finale mit zumindest okayem Content bespielt. Da geht deutlich mehr oder es braucht zumindest ein schlüssiges Konzept, was mit diesen Kanälen zukünftig passieren soll.

Das ultimative Fazit

Alles in allem: Licht und Schatten im ersten ESC-Jahr des SWR. Hoffnung machen aber die guten Ansätze und positiven Entwicklungen, die es nun kontinuierlich auszubauen gilt. Beste Voraussetzungen dafür schafft die frühzeitige Festlegung auf Kontinuität im Auswahlverfahren. Außerdem wäre wichtig, die vergangene ESC-Saison ehrlich auszuwerten und dann aus den Fehlern zu lernen. Viel Erfolg dabei!

Über die deutsche ESC-Bilanz 2026 haben wir auch in zwei Aufgaben unseres YouTube-Formats ESC kompakt LIVE gesprochen:

Wie bewertest Du die oben genannten Punkte? Was ist Dir noch aufgefallen? Und wie fällt Deine Gesamtbilanz der deutschen ESC-Saison aus? Schreib uns Deine Meinung gerne in die Kommentare.

In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:

Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:



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8 Comments
Matty
Matty
2 Stunden zuvor

Danke für die Zusammensetzung! Was die Couch betrifft: ohne sie kein Vorentscheid! Deshalb auch im nächsten Jahr wieder mit in die Show!

Last edited 2 Stunden zuvor by Matty
Jared
Jared
1 Stunde zuvor

Was ich mir persönlich wünsche ist mehr Mut und Kreativität. Haben wir in Deutschland keine Acts a la LELEK ( 🇭🇷 ), Monroe (damit meine ich vor allem stimmlich) ( 🇫🇷 ) oder LAVINA ( 🇷🇸 )? Acts die rausstechen? Und damit meine ich nicht, das wir jetzt schlicht das Pendant zu diesen schicken sollten, die generelle Auswahl der Acts darf aber einfach schriller, auffälliger werden – und bitte dabei nicht in die Jendrik/Look Mum No Computer-Fallen tappen, und nur einen Act wählen der auf Krampf irgendwie anders ist, schwache Songs wie Fire sollten schon im Vorfeld aussortiert werden, stattdessen könnte man sich mehr an modernen, gern deutschsprachigen Songs orientieren. „Gut genug“ von Blumengarten geht gerade international viral, immer diese Angst vor deutscher Sprache beim ESC ist ungerechtfertigt. (Und mir braucht jetzt wirklich keiner mit Tanzschein kommen)

Last edited 1 Stunde zuvor by Jared
Matty
Matty
1 Stunde zuvor
Reply to  Jared

Was ein Act wie Lavina betrifft, wäre das die Gruppe Enemy Inside:

https://escspot.pl/2026/06/17/enemy-inside-eurowizja-2027/

Die würde sich dem Vorentscheid stellen als auch intern auswählen lassen.

4porcelli - Der 🦦 schwimmt weiter
4porcelli - Der 🦦 schwimmt weiter
57 Minuten zuvor

Sehr schön, mal wieder ein analytischerer Beitrag in der Rückblickserie. Die sind mir persönlich immer am liebsten, danke dafür!
Bei der Künstlerauswahl kann ich leider nicht ganz zustimmen. Singen können (und selbst das war nicht bei allen gegeben) ist eine gute Basis aber man braucht auch Erfahrung und Charisma. Das hat bei vielen gefehlt, mit dem Ergebnis, dass manche Auftritte wie Schülertheater wirkten. Hier sollte man in Zukunft mehr drauf achten.
Das Thema Transparenz hängt für mich stark mit dem Thema Kommunikation zusammen, hier war ja die ganze Saison Luft nach oben. Wenn Sikorski keine Lust hat, kann ja sicher jemand anderes das Gesicht des Projektes werden. Das hat bei Raab ja zB immer super geklappt.

Matty
Matty
11 Minuten zuvor
benegigs
benegigs
36 Minuten zuvor

Ich fand es auch eine schöne Geste des SWR, dass einige Michael Schulte, wavvyboi und Bela in die verschiedensten Bereiche eingebunden worden sind. Lediglich das Einbeziehen von Abor & Tynna beim deutschen Finale fand ich ein wenig respektlos. Den beiden wurden nur wenige Sekunden eingeräumt. Bei einer Show über 3 Stunden sollte es kein Problem sein, einen Slot für den letztjährigen Act freizuschaufeln, damit dieser seinen kompletten (!) Song noch einmal vortragen kann.

Beim „Baden-Baden-Fest(ivalen“ hattest du micht ja, lieber Benni 😀

Danke für das Erwähnen der Single von Ragazzki. Das ist komplett an mir vorbei gegangen. Laura Nahr hat am vergangenen Freitag ihre erste deutsche Single veröffentlicht. Vom Sound her klingt das ein wenig wie ein weiblicher Bela 😀 https://www.youtube.com/shorts/pgAZYPLPL1k

Den Punkt zur Transparenz unterstreiche ich doppelt und dreifach. Optimal wäre es, wenn der SWR nun klare Ansagen macht und offen nach außen kommuniziert, wie der Weg zum deutschen Finale 2027 aussieht. Aber davon können wir wohl nur träumen.

J-129
J-129
33 Minuten zuvor

Vielen Dank für die vielen klugen Gedanken!

Der Aussage, es gehe „um wettbewerbsfähige Kombinationen aus Act, Song und Inszenierung“ möchte ich (wie vermutlich alle) zustimmen. Allerdings würde ich ein Fragezeichen setzen bei „Das wurde ich diesem Jahr noch nicht umgesetzt.“. Vielleicht waren die Acts im Vorentscheid eben genau das – die besten Kombis aus Act, Song und Inszenierung. Man kann bei einem noch so ausgefeilten Vorentscheidkonzept eben nur etwas aus dem machen, das angeboten bzw. beworben wird.