ESC-Songcheck kompakt 2022 (7) – Schweiz: „Boys Do Cry“ von Marius Bear

Bild: Instagram @marius.bear

Auch dieses Jahr hat das Schweizer Fernsehen SRF die ESC-Zügel in der Hand. Da sich eine Auswahl hinter verschlossenen Türen in den vergangenen drei Jahren absolut bewährt hat, ist man auch 2022 diesem Konzept treu geblieben. Hierbei hat wieder ein 100-köpfiges Zuschauer-Panel, das bereits vor einem Jahr ausgewählt wurde, gemeinsam mit der internationalen Jury alle teilnehmenden Acts schrittweise bewertet. Am Ende haben sich die Mitglieder für Marius Bear und seine Ballade „Boys Do Cry“ entschieden. Teil der internationalen Jury waren unter anderem ehemalige ESC-Acts wie PAENDA aus Österreich, Ovi aus Rumänien oder auch Helga Möllers, die Island bei seinem Eurovision-Debüt 1986 vertreten durfte.

Nach Luca Hänni 2019 und Gjon’s Tears (2020 und 2021) haben sich die Eidgenossen mit Marius Bear erneut für einen Solo-Mann entschieden – wohl gemerkt der einzige (!) männliche Solo-Act im ersten ESC-Halbfinale am 10. Mai. Marius Bear heißt eigentlich Marius Hügli und kommt aus dem Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden. Der 28-Jährige ist nicht nur Singer-Songwriter, sondern auch gelernter Baumaschinenmechaniker. In den Schweizer Charts konnte der Sänger bereits zwei seiner Alben platzieren. Zudem hat er bereits im deutschen Fernsehen an der RTL-Show „I Can See Your Voice“ teilgenommen.

Der Song

Der ESC-Beitrag „Boys Do Cry“ wurde von Marius selbst gemeinsam mit Martin Gallop geschrieben, der vor allem auch durch seine Zusammenarbeit mit Annett Louisan bekannt ist. Der Song ist während der Corona-Pandemie entstanden, nachdem Marius mehrere Konzerte absagen musste und viel Zeit zuhause verbrachte. Laut eigenen Aussagen liebt Marius den ESC schon immer, den er letztes Jahr übrigens mit seiner Ex-Freundin am TV verfolgt hat.

Während Slowenien dieses Jahr auch im Jazz-Bereich angesiedelt ist, kommt Marius‘ jazzige Ballade dann doch deutlich ruhiger und entspannter daher und kann sich so von der slowenischen Schülerband-Diskonummer abgrenzen. Die bisherigen Kritiken zum Schweizer Song 2022 sorgen allerdings für berechtigte Zweifel eines erneuten Erfolges. Für eine Final-Qualifikation könnte der Beitrag nämlich zu unspektakulär, monoton und schläfrig sein. Als Pluspunkt kann jedoch die Thematik des Songs angesehen werden.

Textlich geht es im Schweizer ESC-Beitrag für Turin nämlich um Mut zur Emotionalität. Jeder Mensch sollte seine Gefühle zulassen, eben auch Jungs bzw. Männer. Ein sehr aktuelles Thema, das Selbstliebe und Akzeptanz vereint und sicher vielen Menschen aus der Seele spricht, die bereits Ausgrenzung erlebt haben und ihre wahren Gefühle nur ungern zulassen. Zudem handelt es sich um eine Thematik, die in ähnlicher Form bereits von erfolgreichen Künstler:innen wie Ed Sheeran oder Lady Gaga besungen wurde. Das könnte für eine erneute gute Jurywertung sorgen.

Im Video sieht man einen kleinen Jungen, der eine Art „Außenseiter-Rolle“ verkörpert und der sich nicht zugehörig fühlt. Er trägt eine Ritterrüstung, die dafür sorgt, dass man ihn emotional nicht verletzen kann. Laut Marius spiegelt dieses Kind ihn selbst wider, da er in seiner Kindheit oft das Gefühl hatte, eine Rüstung tragen zu müssen, um seine echten Gefühle nicht zu zeigen. Am Ende realisiert der Junge, dass es in Ordnung ist, auch mal zu weinen. In Turin kann sich Marius übrigens vorstellen, barfuß zu performen. Wie auf seinem Instagram-Account zu sehen ist, wird die schwedische Choreografin Sacha Jean-Baptiste erneut für die Schweizer ESC-Inszenierung zuständig sein.

Der Check

Song: 2/5 Punkten

Stimme: 4/5 Punkten

Darbietung: 3/5 Punkten

Instant Appeal: 1/5 Punkten

Benny: Hier habe ich ein paar Hördurchgänge gebraucht, bis ich den Song ins Herz geschlossen habe. Allerdings fürchte ich nach wie vor, dass er für den ESC keine besonders gute Wahl ist, weil er insgesamt zu getragen ist und keinen richtigen Höhepunkt (oder ESC-Moment) hat. Das Video ist natürlich süß und ich bin gespannt, wie die Schweizer das auf die Bühne bringen werden. 8 Punkte.

Berenike: Für mich hört sich „Boys Do Cry“ immer wie ein Weihnachtslied an. Wie dafür gemacht, es am warmen Kamin zu hören, während draußen Schnee liegt. Ob das dann im Mai aber noch so passt? In den ersten 30 Sekunden mag ich den Song, da fällt mir Marius warme Stimme und die angenehme Ruhe, die „Boys Do Cry“ ausstrahlt, positiv auf. Danach jedoch beginnt sich der Song immer mehr und mehr und mehr zu ziehen… Es wird immer nur die gleiche Melodie wiederholt, es gibt keine Steigerung und in mir kommt der Drang auf, den Geschwindigkeitsregler nach oben zu drehen. Deshalb nur 4 Punkte.

Douze Points: Für mich bleibt’s auch nach mehrmaligem Hören des Schweizer Beitrags dabei: „Boys don’t cry“. Da bin ich ganz klar Team The Cure. Wirklich schöne Stimme, die mich durch die Instrumentierung an „What A Wonderful World“ denken lässt. Klar ist die Aussage gut und richtig. Aber ich finde, die Schweiz könnte nach Gjon’s Tears und jetzt Marius Bear nächstes Jahr ruhig wieder Luca Hänni ranlassen. 6 Punkte.

Flo: Ja, „Boys Do Cry“ hat eine emotionale und schöne Botschaft. Aber Punkte werden bekanntermaßen nicht allein für einen guten Songtext vergeben. Der Song baut sich für mich über die drei Minuten einfach zu langsam auf, es passiert viel zu wenig. Das ist schade, weil Marius Bear eine angenehme Stimmfarbe hat und definitiv das Potenzial gehabt hätte, an Gjon’s Tears Erfolg anzuknüpfen – so sehe ich zwar eine Finalqualifikation nicht ausgeschlossen, dann doch aber deutlich geringere Erfolgsaussichten als im letzten Jahr. 5 Punkte.

Manu: „Boys Do Cry“ und ich haben schon ein kleine Reise hinter uns beiden. Beim ersten Hören konnte ich überhaupt nichts mit Marius Bears Jazzballade anfangen und fand das Lied unglaublich schmalzig. Es wirkte auf mich viel zu gewollt – dabei aber trotzdem belanglos und unkreativ. Mittlerweile hab ich den Vibe und den Reiz des Liedes gefunden und höre es ganz gern mal. Ich bin sehr auf das Staging gespannt, da ich es mir im Grunde nur sehr reduziert vorstellen kann (und bitte, bitte keine Kinderbilder im Hintergrund): 6 Punkte.

Max: Hierfür bekomme ich wohl viel Hate, aber ich mag den Schweizer Beitrag sehr; sehr, sehr, sehr sogar. Und dabei bin ich nicht der Fan von Balladen oder eben ruhigeren Klängen. Ab und zu schaffen es manche Lieder dann doch in mein persönliches Ranking ganz weit nach vorne. Hier passen für mich einfach Melodie und Stimme perfekt zueinander. Der Text ist super und das Video ist auch sehr cool gemacht. Leider kommt es generell nicht so pralle an aber gut, Marius Bear hat mich als Fan. 10 Punkte.

Peter: Ich weiß, dass dieser Song polarisiert, aber für mich hat er einen starken überzeugenden „instant appeal“. Da sind zum einem die wunderschöne Melodie, die zurückhaltende magische Songdramaturgie und die berührende ungewöhnliche, leicht kantige Stimme von Marius. Zum anderen packt mich der sensible, defensiv-emotionale Text und das melancholische Video gefällt mir auch sehr gut. Ich wünsche mir einen Finalplatz für die Schweiz. 12 Punkte.

Rick: Ich mag die zeitgemäße Thematik des Songs sehr und auch die visuelle Umsetzung im Video gefällt mir. Die Schweizer könnten uns also dank einer tollen Inszenierung in Turin doch noch überraschen. Den Song an sich kann ich jedoch leider nicht besonders positiv bewerten, denn mir fehlt die Wiedererkennbarkeit und Eingängigkeit völlig, auch wenn Marius eine tolle Stimme hat. Jedenfalls glaube ich, dass die Schweiz mehr drauf hat. Das haben sie in den vergangenen Jahren ja auch bewiesen; umso größer die Enttäuschung über „Boys Do Cry“. Ich vergebe gut gemeinte 2 Punkte!

Gesamtpunktzahl: 53/96 Punkten.

Beim ESC-kompakt-Index landet „Titel“ auf Platz 31 von 40.

Wie schneidet der schweizer Beitrag "Boys do cry" von Marius Bear ab?

  • Bleibt im Halbfinale hängen (61%, 383 Votes)
  • Platz 16-20 (13%, 82 Votes)
  • Platz 21-25 (11%, 67 Votes)
  • Platz 11-15 (7%, 41 Votes)
  • Platz 6-10 (5%, 30 Votes)
  • Top 5 (3%, 21 Votes)

Total Voters: 624

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Bisher erschienene Songchecks:

(1) Albanien: „Sekret“ von Ronela Hajati
(2) Bulgarien: „Intention“ von Intelligent Music Project
(3) Lettland: „Eat Your Salad“ von Citi Zēni
(4) Litauen: „Sentimentai“ von Monika Liu
(5) Moldau: „Trenuleţul“ von Zdob şi Zdub & Fraţii Advahov
(6) Niederlande: „De Diepte“ von S10


77 Kommentare

  1. Bis jetzt sieht es so aus, als ob die Schweiz es ins Finale schaffen wird. Platz 14 in den Odds heisst, dass man es relativ sicher ins Finale schafft.Es müsste aber mal einer nen Screenshot haben von den Odds des gleichen Zeitpunktes des Vorjahres. Von mir wird der Song keinen Vote bekommen. Ein HF Exit würde ich nicht beweinen.

  2. Habe gestern im Fernsehen Werbung für sein neues Album gesehen. Hat er irgendeinen Gönner oder eine große Plattenfirma im Rücken, dass man da eine Chance sieht, das Geld auch wieder reinzuholen?

    Ich bin jetzt bislang eigentlich davon ausgegangen, dass er in Deutschland so absolut niemandem bekannt ist. Habe ich da irgendwas verpasst?

  3. Wie ein liegen gebliebener Weihnachtssong von John Legend, etwas klebriger Kuschel-Jazz, aber durchaus sympathisch. Die Juries werden den Jungbären wohl ins Finale retten, aber dort geht es dann beim Televoting in den Keller.

  4. “Het jitt nix zu kriesche” (deutsch: Es besteht kein Anlass für die Produktion von Tränenflüssigkeit) meinte unser rheinischer Fixstern Konrad Adenauer noch auf dem Sterbebett. Da hätte sich die Schweiz mal dran orientieren sollen

    Ich verstehe schon , dass die (L)eidgenossenschaft dieses große Problem musikalisch darstellen will, nämlich das Elend von Kindern, insbesondere Jungen, unter der Erziehung reicher, links-grün versiffter Eltern: Man bekommt nur noch recyclebare Ritterrüstungen, ein Konserven-Handy muss es wegen der umweltschädlichen Lithium-Batterien auch tun, man darf die Frösche im schloßeigenen Teich nicht mehr quälen, das Licht ist furchtbar energiesparend heruntergedämmt und Panzer- oder Superman-Poster darf man wegen des Pazifismus auf keinen Fall an die denkmalgeschützten Wände hängen. Weil das Taschengeld knapp ausfällt, damit “man die Situation afrikanischer Kinder nachspüre”, kann man seiner Liebsten natürlich kein Superfood-Gojibeeren-Zedernkerncrush-Schmankerl schenken, sondern nur fiese Zuckerwatte aus dem Dörfli für 10 Räppli: mit den bekannten Folgen !!

    Und schließlich, da man überall zu Fuß hingehen soll statt im Ferrari gefahren zu werden, wie die Kinder aus nicht ökoversifften Haushalten, muss man abends totmüde von der verschwiemelten Gouvernante “Tante Bear” zu Bett getragen werden, die aus Gründen der Gendergerechtigkeit auch noch männlich ist, so dass man ihr dabei nicht mal in die Titten kneifen kann, was ein jeder Junge bekanntlich gerne mag. Bei solchem Jungen-Schicksal heule ich auch !

    Der Schweizer Beitrag besteht tatsächlich wie von Thomas G: Churchill gefordert aus Theaterblut, abgestandenem Schweiß und Krokodilstränen , dazu wird die Melange noch mit Kirmes-Zuckerwatte garniert und ich zeige der Tante Bear deshalb dieselbe kalte Schulter wie das kluge Mädel im Video

    2/8 und hoffentlich kein Finale

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