
Aserbaidschan hat seinen Act für den Eurovision Song Contest auch in diesem Jahr wieder intern ausgewählt. Allerdings hat die Rundfunkanstalt Ictimai immer wieder Zwischenstände durchgegeben, so dass wir unter anderem berichten konnten, wer die besten 15 Bewerber*innen aus insgesamt 214 Interesssensbekundungen waren. Die sechs letzten verbliebenen Acts im Auswahlprozess durften dann sogar öffentlich Hinweise auf ihre potenziellen ESC-Beiträge geben. Am Ende wurde nicht die von vielen Fans favorisierte ehemalige ESC-Teilnehmerin Aisel von der internen Jury ausgewählt, sondern der Newcomer FAHREE.
FAHREE (bürgerlich Fakhri Ismayilov bzw. Fəxri İsmayılov) wurde 1995 in Baku geboren und wuchs in einer sehr künstlerisch geprägten Familie auf. Sein Vater war ein leidenschaftlicher Jazz-Schlagzeuger, während sein Großvater ein angesehener Schauspieler war. In seiner Studienzeit wollte FAHREE Anwalt werden und verbrachte sechs Jahre damit, sowohl einen Bachelor- als auch einen Master-Abschluss in Rechtswissenschaften zu machen. In der Corona-Krise entdeckte FAHREE dann seinen Kindheitstraum wieder und widmete sich und sein Leben der Musik. Er fasste den Mut, seine juristische Karriere aufzugeben und seiner wahren Leidenschaft zu folgen.
Beim ESC wird FAHREE von Ilkin Dovlatov (eigentlich İlkin Dövlətov) unterstützt, der ein bekannter aserbaidschanischer Mugham-Sänger. Dabei handelt es sich um eine traditionelle aserbaidschanische Musikform, die auch in verschiedenen anderen Ländern des Kaukasus und Zentralasiens verbreitet ist. Sie kombiniert Gesang, Instrumentalmusik und Tanz in improvisatorischer Weise. Durch modale Strukturen und Mikrotonalität entsteht eine reiche Klanglandschaft. Ilkin ist für seine außergewöhnliche Beherrschung dieser traditionellen Musikform bekannt, die er erstmals bei seine Teilnahme an „Səs Azərbaycan. Doğma Nəğmələr“ (The Voice of Azerbaijan: Heimatlieder) vor einem größeren Publikum zeigte. Der Sänger hat sich außerdem gemeinsam mit Mila und Etibar ebenfalls für die diesjährige aserbaidschanische ESC-Vorauswahl beworben.
Das Lied
FAHREE und Ilkin Dovlatov präsentieren beim Eurovision Song Contest 2024 das Lied „Özünlə Apar“, was übersetzt „Nimm mich mit“ heißt. Getextet wurde der Beitrag von FAHREE zusammen mit Mado Salikh; für die Komposition zeichnen FAHREE, Edgar Ravin, Hasan Haydar und Mila Miles verantwortlich.
Auf den ersten Blick ist „Özünlə Apar“ eine typische Liebesballade, zumindest textlich. Es geht darum, die eine Person gefunden zu haben, die einem Ruhe gibt, einen alle bösen Gedanken und Härten des Lebens vergessen lässt, die man nicht mehr loslassen und die man überall hin begleiten möchte – wenn sie einen denn mitnimmt.
Die Musik lässt sich aber nicht so leicht in eine Schublade pressen, denn FAHREE und Ilkin spielen mit ganz unterschiedlichen Stilen. „Özünlə Apar“ beginnt zunächst sehr ruhig mit einer dezenten elektronischen Instrumentierung. Später kommen dann klassische Balladen-Streicher hinzu; gerade FAHREEs Gesang gibt dem ganzen Lied aber durchgängig eher einen traditionellen, folkloristischen Touch. Dieser Eindruck wird im letzten Drittel noch durch den Mugham-Gesang von Ilkin verstärkt. Die Kombination dieser unterschiedlichen Elemente sorgt Überraschungsmomente, die dem ansonsten sehr getragene Lied Abwechslung verleihen. Das gilt auch für die Sprache, denn „Özünlə Apar“ wird sowohl auf Aserbaidschanisch als auch auf Englisch gesungen.
Der Check
Song: 3/5 Punkten
Stimme: 5/5 Punkten
Darbietung: 3,5/5 Punkten
Instant Appeal: 3/5 Punkten
Benny: Unglaublich langweilig und der englische Text ist wirklich Banane. Lässt mich für eine Ballade absolut kalt. Pluspunkte gibt es allerdings für die traditionellen musikalischen Elemente, für die vor allem Ilkin verantwortlich ist. 4 Punkte
Berenike: „Özünlə Apar“ hat einige sehr schöne Momente, ich mag die Bridge, in der auf Aserbaidschanisch gesungen wird und in der das Arrangement nur aus Streichern besteht, genauso wie die Streicher zum Ende hin und den arabisch angehauchten Gesang im Hintergrund. Zwischendrin ist mir das Arrangement aber zu eintönig, nur Schlagzeug und ein paar Soundeffekte, die auch noch viel zu dominant sind. Es wirkt auf mich so, als hätte man den Song noch zwanghaft etwas modernes Poppiges mitgegeben wollen. So entsteht für mich nicht das Gefühl einer gelungenen Mischung, sondern ein „nicht Fisch, nicht Fleisch“-Eindruck. 5 Punkte
Douze Points: Das dynamische Finale mit Elektrobeat und Streichern gefällt mir richtig gut. Auch der traditionelle Mugham-Gesang passt prima. Leider ist der Weg bis dahin etwas lang. Da dürften einge schon das Interesse verloren haben. 6 Punkte
Flo: Nach einigen Beiträgen, die nicht wirklich in Fahrt gekommen sind, sind FAHREE und Ilkin Dovlatov erfolgsversprechende Vertreter für Aserbaidschan. Rein auf dem Papier sind die Einflüsse der Landessprache und traditionellen Instrumente gepaart mit dem Elektro-Beat schon mal ein gutes Ergebnis. Für mich kommt der Song aber nicht so richtig in Fahrt und es gelingt mir nicht, in den Track einzusteigen. Bei einer stimmigen Performance, die die Vielschichtigkeit auch in die Inszenierung überträgt, dürfte ein Weiterkommen aber drin sein. 6 Punkte
Manu: Englisch als Störfaktor? So ging es mir anfangs zumindest. Moderne, relaxte Popmusik verbindet sich hier mit Ethno-Elementen. Für Eurovision ist das sicher nichts neues, funktioniert aber trotzdem gut. Je öfter ich das Lied höre, desto mehr bin ich an Bord. Der Mugham-Gesang von Ilkin Dovlatov fügt sich wunderbar ein und löst Gänsehaut bei mir aus. Mittlerweile gebe ich 8 Punkte – mit Tendenz nach oben.
Max: Ich denke, hiermit nähert sich Aserbaidschan endlich dem, was vielleicht auch den Musikgeschmack des Landes widerspiegelt. Dennoch schafft es das Land nicht ganz, die ESC-Brille abzusetzen und versucht hier einen Hybriden ins Rennen zu schicken, der alle zufriedenstellen soll. Tatsächlich kann ich hiermit viel mehr anfangen als mit dem, was Aserbaidschan sonst zum ESC sendet. Gerne mehr davon und gerne mutiger! 6 Punkte
Peter: Ich mag den intensiven Ethno-Mix, Mugham wurde mir erst durch FAHREE und Ilkin ein Begriff. Das, was ich vom Text verstehe und nachvollziehen kann, erzeugt bei mir auch eine schöne persönliche Nähe zu dem Song. Allein die Melodie und der Chorus wirken eher spröde und redundant, aber die Powerballade ist toll produziert und die Interpretation durch FAHREE ist elegant und eindringlich und auch glaubwürdig. 7 Punkte
Rick: Mir gefallen die moderne Produktion und der entspannte Beat in Kombination mit den landestypischen Elementen total. Das Ganze sorgt für ein klares Alleinstellungsmerkmal, von dem Aserbaidschan dieses Jahr profitieren kann. Sorgen mache ich mir eigentlich nur um FAHREEs Ausstrahlung. Im Musikvideo wirkt es, als habe er bisher sehr wenig Erfahrung vor der Kamera sammeln können, was dem Song echt schaden könnte. Im Großen und Ganzen ein solider Beitrag und endlich gibt’s Zeilen in aserbaidschanischer Sprache. 6 Punkte
Gesamtpunktzahl: 48/96 Punkten.
Beim ESC-kompakt-Index landet „Özünlə Apar“ auf Platz 26 von 37.
Wie schneidet der aserbaidschanische Beitrag "Özünlə Apar" von FAHREE feat. Ilkin Dovlatov ab?
- Bleibt im Halbfinale hängen (52%, 305 Votes)
- Platz 16-20 (19%, 111 Votes)
- Platz 21-26 (15%, 89 Votes)
- Platz 11-15 (8%, 47 Votes)
- Platz 6-10 (5%, 28 Votes)
- Top 5 (2%, 12 Votes)
Total Voters: 592
Bisher erschienene Songchecks:
Erstes Halbfinale
(1) Kroatien: „Rim Tim Tagi Dim“ von Baby Lasagna
(2) Zypern: „Liar“ von Silia Kapsis
(3) Irland: „Doomsday Blue“ von Bambie Thug
(4) Litauen: „Luktelk“ von Silvester Belt
(5) Polen: „The Tower“ von LUNA
(6) Serbien: „Ramonda“ von Teya Dora
(7) Ukraine: „Teresa & Maria“ von alyona alyona & Jerry Heil
(8) Australien: „One Milkali (One Blood)“ von Electric Fields
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MIST meine Punkte sind bereits vergeben. Das hatte ich gar nicht auf dem Schirm.
Super schöner Song, klasse gesungen. Die Oktava Version ohne die Beats finde ich noch viel besser. Die hätte ich mit den Streichern geschickt. Der Typ kann klasse singen.