Absturz beim ESC 2026: Was ist mit Schweden passiert? Und wie geht es weiter? (Viva Vienna 14)

FELICIA – Foto: Sarah Louise Bennet / EBU

Der Eurovision Song Contest in Wien 2026 sollte für Schweden eigentlich ein weiteres Kapitel in seiner Erfolgsgeschichte werden. Nach dem großen Erfolg von KAJ im Vorjahr reiste FELICIA mit „My System“ an – einem Track, der in Schweden alles abgeräumt hatte: Mello-Sieg mit Zustimmung von Jury und Publikum, wochenlang Platz eins der Charts. Und doch war von Anfang an etwas anders. Die Wettquoten zeigten sich skeptischer als in den Vorjahren. Eine Vorahnung, die sich bewahrheiten sollte – und zwar deutlicher, als selbst die meisten Skeptiker erwartet hatten.

Denn am Ende reichte es für FELICIA im Finale nur zu Platz 20 mit 51 Punkten – Schwedens schlechtestes ESC-Ergebnis seit der Nicht-Qualifikation von Anna Bergendahl 2010. Doch die eigentliche Bombe platzte erst kurze Zeit später, als die Splitresultate des Halbfinals veröffentlicht wurden. FELICIA hatte beim Televoting gerade einmal 17 Punkte geholt – Rang 13 von 15 Ländern, hinter Estland, Montenegro, Portugal und San Marino. Nur die Jurys, die 2026 erstmals wieder in den Halbfinals mitvoteten, retteten Schweden mit 79 Punkten ins Finale. Ohne sie wäre der ESC-Rekordsieger bereits am Donnerstag ausgeschieden.

Für dieses vergleichsweise schwache Abschneiden lassen sich mehrere Erklärungen finden. Die vielleicht offensichtlichste: Elektronische Tanzmusik funktioniert beim ESC traditionell nur selten. Das Publikum will beim Wettbewerb nicht raven, sondern emotional abgeholt werden. Kaleen versuchte 2024 für Österreich mit einem ähnlichen Ansatz ihr Glück – und scheiterte trotz Heimvorteil. Belgien schickte 2025 mit Red Sebastian ebenfalls einen Act mit starkem Club-Appeal ins Rennen und blieb im Halbfinale hängen. Auch DJ-orientierte Performances tun sich beim ESC schwer, so sehr die Songs im EuroClub auch gefeiert werden. Wenn selbst Schweden mit einem solchen Beitrag scheitert, dürfte das anderen Ländern kaum Mut machen.

Zum Song kam ein Imageproblem. FELICIA gab sich in Wien wie immer: selbstbewusst, direkt und leicht arrogant. Die Maske vor dem Mund gehört für die Künstlerin zum Konzept und sorgt in Schweden kaum für Irritationen. Auf internationalem Parkett wirkte sie jedoch distanziert und unnahbar. Wer FELICIA zuvor nicht kannte, fand nur schwer einen Zugang zu ihr. Auch darüber hinaus machte sie sich mit ihrem Auftreten nicht unbedingt neue Freunde. So blieb erst die ESC-Bubble auffallend reserviert, später folgten Televoter und Jurys. Selbst die Stimmprobleme nach dem Halbfinale und der Schwächeanfall nach der Generalprobe änderten daran wenig.

Interessanterweise fällt das Urteil über das Staging differenzierter aus. Die Inszenierung war modern, hochwertig und abwechslungsreich. Gleichzeitig wirkte sie kühl, berechnend und exakt durchgetaktet – genau wie der typisch schwedische Perfektionismus, der seit Jahren immer wieder kritisiert wird. Laser, Tänzer, präzise Kamerafahrten: handwerklich war daran wenig auszusetzen. Doch die Show ließ kaum Raum für Spontaneität oder Emotionen. Und genau diese emotionale Verbindung ist beim ESC oft noch entscheidender als die reine technische Perfektion.

Zum Final-Misserfolg gesellte sich deshalb auch eine gewisse Schadenfreude. Endlich einmal kein Spitzenplatz für die Schweden, die aus Sicht vieler Fans sonst immer alles richtig machen und dabei selbst gern der Maßstab für andere sein wollen. Das Melodifestivalen hat daher in Teilen der internationalen Fangemeinde in den vergangenen Jahren an Sympathie verloren. Nun fühlten sich viele Kritiker in ihrer Einschätzung bestätigt.

Tatsächlich muss sich SVT einige unangenehme Fragen stellen. War es wirklich klug, dass ein vierköpfiger Inner Circle erstmals allein darüber entschied, welche 30 Acts überhaupt am Vorentscheid teilnehmen dürfen? Früher gab es zumindest zusätzliche Kontrollmechanismen wie die interne Publikumsjury. Die Auswirkungen des diesjährigen Jahrgangs auf die schwedische Musiklandschaft scheinen jedenfalls geringer auszufallen als in früheren Jahren. Dazu kommt das schwache Abschneiden in Wien.

Anders als beim oft kritisierten und wenig transparenten Auswahlprozess des SWR lassen sich die Verantwortlichen beim Melodifestivalen klar benennen. Und genau diese Personen haben nun bis 2027 eine Reihe von Hausaufgaben zu erledigen. Die wichtigste Frage lautet dabei nicht, wer die nächste schwedische Vertreterin oder der nächste Vertreter wird. Die wichtigere Frage ist, ob das Format selbst noch richtig funktioniert.

Wie siehst Du das? Hat Schweden beim Melodifestivalen den Bezug zum europäischen Publikum verloren – oder war Wien einfach ein Ausreißer? Traust Du SVT zu, die richtigen Schlüsse aus diesem Ergebnis zu ziehen? Wird Schweden 2027 wieder ganz vorne angreifen? Lass uns Deine Meinung in den Kommentaren da.



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14 Comments
Geri
Geri
2 Stunden zuvor

Also die Maske war sicher nicht förderlich.
Bei dieser Art eines Beitrags sollte auch sie sich gut bewegen können.
Finde den song gar nicht schlecht aber schon Kaleen ist mit diesem Genre eingefahren.

Horst T
Horst T
1 Stunde zuvor

Dieses Jahr waren kaum Songs von Joy&Linnea Deb sowie Jimmy Joker Thörnfeld vertreten. Das hat die Qualität im Melodifestivalen deutlich nach unten gezogen

4porcelli - Der 🦦 schwimmt weiter
4porcelli - Der 🦦 schwimmt weiter
1 Stunde zuvor

Es klingt absurd, aber Schweden hat in gewisser Weise ähnliche – wenn auch sich anders Manifestierende – Probleme wie Deutschland. Zum einen eine schwache, wenig diverse Songauswahl. Die schwedischen Songs sind meistens (hust, Copacabanaboy) vielleicht qualitativ besser aber extrem vorhersehbar und dadurch uninteressant.
Dazu kommen bei beiden Stagingprobleme. Bei uns findet es meist überhaupt nicht statt, bei Schweden ist es wie DP auch schrieb, zunehmend unterkühlt und technisch – siehe auch Ingrosso und M&M. Das wirkt auf viele zu kalt und durchgetaktet und dadurch unsympathisch. Diese Distanz wurde dieses Jahr durch die an COVID erinnernde Maske noch verstärkt, keine Ahnung, was die sich dabei gedacht haben. Solche Flashbacks braucht echt kein Mensch.

Last edited 1 Stunde zuvor by 4porcelli - Der 🦦 schwimmt weiter
ÖcherJung82
ÖcherJung82
1 Stunde zuvor

Schweden ist selten in meinen Top 10 vertreten.

Aber dieses Jahr fand ich den Auftritt wirklich unterirdisch. Dünne Stimme, bescheidenes Lied, Auftritt durch kalkuliert. Das „Tanzen“ wirkte mir zu steif.

Oben drauf noch das verdeckte Gesicht mit Brille oder Maske. Mich hat diese schlechte Platzierung ehrlich gesagt gefreut.

Die Schweden sind sich zu oft zu sicher bei den Beiträgen, die sie abliefern.

Nächstes Jahr, neues Glück. Ich kann mir vorstellen, dass die Schweden das schlechte Abschneiden nicht auf sich sitzen lassen und nächstes Jahr nen Knaller nach Sofia schicken und gewinnen werden.

Matty
Matty
1 Stunde zuvor

Im Artikel ist ein Fehler: es ist Schwedens schlechtestes Abschneiden seit Platz 21 für Malena Ernman im Finale des ESC im Jahre 2009. Das Aus im Halbfinale 2010 zählt nicht dazu.

Matty
Matty
1 Stunde zuvor

Um einmal im hohen Norden zu bleiben: es gibt Neuigkeiten aus Island! Nachdem der Inselstaat auf seine Teilnahme am ESC verzichtet und die Shows aus Wien auf dem Sender RÚV 2 ausstrahlte, sind die Einschaltquoten massiv gesunken:

https://en.euromix.co.il/2026/06/23/eurovision-2026-iceland-suffers-historic-ratings-crash-following-boycott

Das Institut Maskina hat dazu auch eine Umfrage durchgeführt und die Ergebnisse nun veröffentlicht.

Schorschiborsch
Schorschiborsch
58 Minuten zuvor

Wenn ich mich nicht täusche, haben die schwedischen Beiträge (mit Ausnahme von Loreen und Cornelia) spätestens seit Benjamin Ingrosso ziemliche Probleme beim Televoting. Und selbst Loreen hat das Televoting ja nicht gewonnen. Im Gegenzug waren die Juries in ebendiesen Jahren schon oft gelinde gesagt sehr, sehr, sehr großzügig mit ihren Punkten in Richtung Schweden. Aber jede Erfolgsserie reißt mal. Insofern war es auch einfach nur eine Frage der Zeit, dass ein schwedischer Beitrag auch mal wieder (für schwedische Verhältnisse) abschmiert. So richtig toll waren Song und Sängerin eben auch nicht.

Um das Mello mache ich mir aber keine Sorgen, auch wenn ich kein Riesenfan bin. In den Nuller-Jahren gab es auch einige magere Platzierungen bis hin zum Semi-Aus, die nur dazu geführt haben, dass man sich umso mehr angestrengt hat – mit einer beispiellosen Serie ab 2011.
Also selbst wenn Schweden noch zwei, drei magere Platzierungen einfährt: die werden sich schon erfolgreich runderneuern. 🙂

By the way:
Warum hatte Kaleen lt. Artikel 2024 einen Heimvorteil? Versteh‘ ich nicht ganz.

4porcelli - Der 🦦 schwimmt weiter
4porcelli - Der 🦦 schwimmt weiter
43 Minuten zuvor

Drollig fand ich, dass Schwedens erste Punkte von unserer Jury kamen.

Tobiz
Mitglied
Tobiz
19 Minuten zuvor

Auf Deutschland kann sich Schweden immer verlassen.

Festivalknüller
Festivalknüller
40 Minuten zuvor

Felicia war ganz klar der heimischen Publikumsliebling, nicht der internationale.
Man sollte sich beim SVT schon überlegen, ob ein Showumfeld mit Sketchen und Musikeinlagen auf Gisela Schlüters Zwischenmahlzeit – Niveau, Kindervoting und Jahrmarktsathmosphäre geeignet ist, weiterhin einen international konkurrenzfähigen Beitrag zu finden. Die Auswahl der dafür geeigneten Songs im Wettbewerb wird von Jahr zu Jahr geringer.

Tobiz
Mitglied
Tobiz
16 Minuten zuvor

Immer, wenn mir Schweden gefällt, landet es hinten. Das war auch bei Tusse so. Dafür fand ich die Ära 2015-2018 schrecklich.

Tim S.
Tim S.
6 Minuten zuvor

Ja, sie will sich durch ihre Maske vor Hasskommentaren im Internet schützen. Ok, aber das hat sie gleichzeitig, irgendwie unnahbar gemacht. Auch wie oben schon angesprochen, die Inszenierung war zu durchgeplant und die Bewegungen wirkten gespielt und steif. Alles in einem ist es keine Überraschung, dass Schweden um ein Haar in den Bottom-5 gelandet wäre…

Gwendolyn
Gwendolyn
5 Minuten zuvor

Ich war in Wien im Finale dabei , live wirkte der Auftritt richtig öde, man konnte sehen ,wie wenig und hölzern Felicia sich bewegte , was im TV durch sehr geschickte Kameraführung nicht auffiel . Es wurde auch ständig von ihrer „angeborenen Sozialphobie“ berichtet , dafür kam sie aber in allen Interviews sehr überheblich und selbstherrlich rüber, trotz Dauermaske , ob das echt oder aufgesetzt war kann ich nicht beurteilen, aber diesen Eindruck hatten wohl noch mehr Leute . Sie hatte jedenfalls abgesehen von ihrer mehr als schwachen Stimme die Ausstrahlung einer Tiefkühltruhe , und die Masken bringen für mich die Botschaft : ich zeig euch nichts von mir , was ich gerade fühle und ausdrücke geht euch nichts an… Theoretisch hätte ihr Gesang auch komplett vom Band kommen können, stellenweise klang es auch tatsächlich so. Und in Schweden selbst nervt es, dass immer schon vor der Bekanntgabe der Songs der Sieger fast immer feststeht , Cornelia , Loreen , die Zwillinge ,etc und der gute Måns wäre es ja fast auch geworden . Das Konzept dort ist gut, sie hatten dieses Jahr halt eine langweilige Auswahl , ich wüsste auch nicht, wer statt Felicia besser abgeschnitten hätte , Grezula vielleicht, oder die Feuerwehrmänner. Und ja, weshalb hatte Kaleen in Malmö Heimvorteil ? Ist sie gebürtige Schwedin oder wohnt da?

Funi_Cula
Mitglied
Funi_Cula
4 Minuten zuvor

Felicia hat nicht gut gesungen und sich während des Songs kaum bewegt. Das waren einfach schwache Auftritte von ihr, über die die Laser, Tänzer und Kamerafahrten kaum hinwegtäuschen konnten.