Advent der besten ESC-Momente (19): Platz 6 – …endlich wieder 12 Punkte!

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Wir haben Euch im letzten Monat nach Euren ESC-Lieblingsmomenten gefragt. Momente, die Euch berührt haben, Momente die euch ausflippen und zum ESC-Fan haben werden lassen. Einen lieben Dank an dieser Stelle an alle die dabei mitgemacht und so insgesamt 224 unterschiedliche ESC-Momente in die Auswahl gebracht haben. Diese haben wir mit Punkten im ESC-Schema versehen und ausgewertet – und präsentieren Euch nun Eure liebsten 20 Momente – jeden Tag einen neuen. Bis Heiligabend!

 

Platz 6: Michael Schulte „You let me walk alone“ (77 Punkte)

Bevor es ab morgen schon in die Top 5 Eurer liebsten Momente geht, suhlen wir uns heute noch einmal glücklich im Punktewahn:

Ach was war das schön im letzten Jahr. Was war das für eine Wohltat unserer geschundener Fan-Seele. Endlich mal wieder die bedeutenden Worte: „… and 12 points go to … GERMANY!“ zu hören. Und das sogar gleich viermal!

Ganze sieben Jahre lang gab es keine einzige Höchstwertung mehr für einen deutschen Beitrag. Die drei Jahre zuvor wurden jeweils nicht mal 12 Punkte insgesamt erreicht – und das, obwohl seit 2016 die doppelte Anzahl an Punkten vergeben wurde. Roman Lob war 2012 mit gleich fünf mal 10 Punkten knapp davor, die letzten vergebenen Höchstwertungen holte vor 2018 aber Lena bei ihrem Sieg 2010 in Oslo.

Das dürfte dem verantwortlichen NDR genauso gestunken haben wie den deutschen Eurovisionfans. Und so wurde der Vorentscheid sehr arbeitsintensiv verändert. Ein Musikact mit Ecken und Kanten sollte her – keine anbiedernde Radiomusik mehr, die so glatt und langweilig ist, dass selbst die Radiostationen sie meiden. Und die Fans sollten in den Auswahlprozess so gut wie möglich mit einbezogen und durch eine sogenannte Roadshow informiert werden. Ein 100-köpfiges Panel aus Interessierten wurde gesucht (hierfür konnten sich natürlich auch ESC-Fans bewerben), zeitgleich wurden aber auch Musiker, die teilweise nicht mal davon wussten, sich in diesem Prozess zu befinden, von Musikedakteuren ins Spiel gebracht – was ja tatsächlich auch ein relativ cleverer Schachzug ist.

Michael Schulte, der sich nach seiner „The Voice“-Teilnahme 2011 mühevoll eine immer größere (auch internationale) Fangemeinde erspielt hatte, aber im deutschen Musikbusiness noch nicht richtig Fuß fassen konnte, bewarb sich selbst beim NDR für eine Teilnahme am Eurovision Song Contest. In einem durchaus sehr aufwendigen und langwierigen Auswahlprozess, wurde er als eines der Musiktalente ausgewählt, das am Songwriting-Camp mit namhaften Songschreibern teilnehmen durfte.

William von wiwibloggs hört die Beiträge der deutschen Vorentscheidung und zeigt sich ab 2:48 beeindruckt und bewegt von Michael Schultes „You let me walk alone“

In diesem Camp wurde in Zusammenarbeit mit den Songschreibern Thomas Stengaard („Only Teardrops„) , Nisse Ingwersen und Nina Müller das intime „You let me walk alone“ fertiggestellt, in dem sich Michael Schulte mit dem Tod seines Vaters beschäftigt. Die emotionale Ballade war zwar bei weitem nicht das, was sich viele unter einem ungewöhnlichen Lied mit Ecken und Kanten vorstellten, sondern klang eher nach den schon oft gehörten und auswechselbaren „Ed Sheehan/Adele“-Balladen, war aber melodisch absolut eingängig, textlich emotional berührend (immer vorausgesetzt der Zuhörer ist dafür empfänglich) und auf den Punkt modern und einwandfrei produziert. Die perfekte Popballade für einen Eurovision Song Contest. Dies erkannte, neben vielen anderen internationalen Influencern und Bloggern, auch der bekannte William Lee Adams von wiwibloggs, als er die deutschen Vorentscheidungsbeiträge zum ersten Mal hörte. Später traute er dem sympathischen und bodenständigen Michael Schulte sogar zu, beim Contest vielleicht die ganz große Überraschung zu werden – teils auch zum Ärger seiner Bloggerkollegen.

Michaels Auftritt im deutschen Vorentscheid

Michael Schulte gewann in der deutschen Vorentscheidung nicht nur das Televoting, sondern auch die Wertungen der internationalen Jury und des Eurovision-Panels und löste so klar das begehrte Ticket nach Lissabon vor Xavier Darcy, Ryk, Ivy Quainoo, Voxxclub und der amtierenden „The Voice“-Siegerin Natia Todua.

Sein Auftritt wurde für die große Bühne in Lissabon anschließend noch weiter optimiert. So fand sich schließlich kein aufgeklappter Laptop mehr im Hintergrund. Dieser wurde eindrucksvoll durch eine riesige, aufblasbare Projektionswand ersetzt. Auch wurde alles sehr viel dunkler und in schwarz/weiß gehalten, bis sich zum Ende des Liedes Michaels Umrisse auf der Wand vervielfältigten, in einen Strudel gerieten und die Bühne und Halle in gleißendem Rot geradezu explodierte. Ein beeindruckender Moment, der viele Fans und Akkreditierte zu Tränen rührte.

Spannend wurde es dann bei der Punktevergabe. Würden die jeweiligen Jurys Michaels intimen Auftritt belohnen? Würde das Publikum sich für eine solche Ballade erwärmen lassen? In den Quoten vor dem Contest verbesserte sich der deutsche Beitrag von Tag zu Tag und wurde direkt vor dem Finale mit Platz 3 sogar zu einem Mitfavoriten.

Die vierte Jurywertung mit 10 Punkten aus San Marino ließ bereits hoffen – doch schon bei der fünften Wertung aus den Niederlanden war die lange 12-Punkte-Pleite endlich Geschichte: die Jurysprecherinnen OG3NE erlösten die angespannten deutschen Fans und die deutsche Delegation und vergaben die ersten 12 Punkte nach sieben Jahren an Deutschland. Weitere Höchstwertungen aus der Schweiz, Dänemark und Norwegen sollten folgen. Insgesamt gaben 30 von 42 Jurys Punkte an den Beitrag von Michael Schulte und setzten ihn damit auf den vierten Platz.

Im Televoting gab es immerhin zweimal die begehrten 12 Punkte (aus den Niederlanden und aus Dänemark). Mit insgesamt 29 von 42 Punktewertungen landete der deutsche Beitrag auf den sechsten Platz und konnte damit, nur zwei Punkte hinter den überraschend stark bewerteten Beitrag aus Österreich, den insgesamt vierten Platz feiern.

Diese Punkte aus ganz Europa wirkten wie Balsam für die deutsche ESC-Fan-Seele. Die Medien feierten Michael Schulte, TV-Shows luden den sympathischen Musiker ein. Die Single „You let me walk alone“ wurde ein Radiohit und stieg bis auf Platz 3 in den deutschen Charts.

„Back to the Start“ wurde in diesem Jahr zum Radiohit und konnte sich
zudem 13 Wochen in den deutschen Charts halten

Seit seinem ESC-Erfolg wird nun auch endlich die Musik von Michael Schulte beachtet und gespielt, seine Konzerte umjubelt. Auch andere seiner Lieder gelangten in die Charts. Für ihn hat sich das „Wagnis“ Eurovision Song Contest gelohnt und ausgezahlt.

 

Die bisherigen Adventstürchen findet Ihr übrigens hier:
Teil 1 – Die frühen Jahre (1956 bis 1999)
Teil 2 – Alles Neu? Die Jahre 2000 bis 2019
Teil 3 – Das große Drumrum (Openings & Interval-Acts)
Teil 4 – Und bei uns so? Deutsche Beiträge
Platz 20: Johnny Logan „Hold me now“ (33 Punkte)
Platz 19: Dana International „Diva“ (34 Punkte)
Platz 18: Interval-Act „Switch Song“ (36 Punkte)
Platz 17: Opening 2013 „We write the story“ (37 Punkte)
Platz 16: KEiiNO „Spirit in the sky“ (39 Punkte)
Platz 15: Loreen „Euphoria“ (40 Punkte)
Platz 14: Sertab Erener „Everyway that i can“ (41 Punkte)
Platz 13: Alexander Rybak „Fairytale“ (42 Punkte)
Platz 12: Lill Lindfors – Moderation 1985 (44 Punkte)
Platz 11: Interval-Act „Riverdance“ (47 Punkte)
Platz 10: Guildo Horn „Guildo hat euch lieb“ (54 Punkte)
Platz 9: Nicole „Ein bisschen Frieden“ (55 Punkte)
Platz 8: Marija Šerifović „Molitva“ (62 Punkte)
Platz 7: Intervall-Act Madcon „Glow“ (74 Punkte)


18 Kommentare

  1. Es war ein unvergesslicher Abend und die deutsche Presse, die den Beitrag von Michael auf fem letzten Platz sahen, wurden nach dem Erfolg in Lissabon dafür abgewatscht.

    Michael hat einen tollen Auftritt hingelegt und wenn ich mir den Song anhöre, muß ich auch an meinen Vater denken, der 1990 verstarb. Es war der Tag, an dem Deutschland in Rom Fußballweltmeister wurde.

  2. Michael Schulte ist in der Tat ein sehr sympathischer Mensch. Aber nach der VE hätte ich nicht wirklich mit einem derartigen Erfolg gerechnet. Allein die Inszenierung am Finalabend in Lissabon hat’s rausgerissen, meiner Meinung nach. Die war in der Tat sehr sehr schön und ergreifend. Ich behaupte mal, das war Michaels Verdienst allein, nicht des NDR. Michael Schulte hatte eine genaue Vision, wie der Auftritt aussehen sollte, das imponiert mir noch heute.
    Seine neueren Songs gefallen mir übrigens ausgesprochen, besser als „You let me walk allone“.

    P. S. Kleine Korrektur: Roman Lob trat 2012 auf, nicht 2013. Sorry, Klugsch…-Modus off.

    • Klar, hab mich bei Roman Lob vertippt. Danke für den Hinweis.

      (PS: Klar, die Inszenierung hat den Beitrag bestmöglich dargestellt, aber ich glaube schon, dass der Erfolg ebenfalls dem Lied zuzuschreiben ist. Es hat einfach viele emotional gepackt, schon im Vorfeld)

  3. Das Lied zwar schön aber auch nicht so der Umhauer, ich denke er hat als Sänger und besonders als Typ gepunktet.Was unseren Mädels allen irgendwie fehlte.

  4. Zur richtigen zeit die richtigen knöpfe gedrückt und aus einer mittelmässigen ballade das optimum herausgeholt. Wie wir heute wissen, nicht nachhaltig.

  5. Ich fand im VE Ryk besser, doch im Finale kam Michael einfach authentisch rüber und hat mich wirklich berührt. Ich habe sogar aus dem Ausland für ihn angerufen. 😁

  6. „Sein Auftritt wurde für die große Bühne in Amsterdam..“
    muss natürlich Lissabon heißen.

    Fand den Song von Michael damals während und nach dem Vorentscheid überhaupt nicht gut.
    Kann nur zustimmen, dass seine Umsetzung beim ESC dann aber das bestmögliche rausgeholt hat.
    Seinen Song „Back to the start“ hingegen finde ich wirklich gelungen.
    Dadurch hat er sich seinen 4. Platz dann doch irgendwie gerechtfertigt 🙂

  7. Ach herrje, den Herrn Schulte hatte ich ja vollommen vergessen (verdrängt). Da alle hier wissen, was ich von Lied und Auftritt mit LEDs halte, werde ich dem Grundsatz „reden ist Silber, schweigen ist Gold“ folgen

    *Nörgelmodus aus*

    Poitiv kann ich sagen, dass Michael S. im Gegensatz zu all den Damen, die wir seit 2015 zum ESC geschickt haben, authentisch rüberkam. Eben wie der junge Mann von nebenan, der den älteren Damen aus der Nachbarschaft die Einkäufe nach oben trägt.

    • Ich habe erst kürzlich Deine Kommentare zum ESC 2018 in Deinem Profil gelesen und recht viel Übereinstimmung entdeckt (mehr als 2019), auch bei „You let me walk alone“, wobei ich da vielleicht ein bisschen weniger streng wäre. Ich sehe es wie einige hier, dass sein Auftritt gut war, aber Ed-Sheeran-Musik ist halt einfach gar nicht mein Fall.

      Wie ich bereits kürzlich schrieb, habe ich mit dem Konzept des „authentisch Rüberkommens“ so meine Probleme. Auf jeden Fall finde ich Michael Schulte ganz sympathisch, und dasselbe gilt für junge Männer von nebenan, die älteren Damen aus der Nachbarschaft die Einkäufe nach oben tragen 🙂

      • Das „Authentische“ ist in meiner Definition keine ontologische, sondern eine performative Kategorie, die an den jeweiligen soziokulturellen Kontext gebunden ist. Es bezeichnet ein Bündel aus Verfahren und Verhaltensweisen, das in solch einem spezifischen Kontext als „authentisch“ empfunden wird. Was z. B. isolierten indigenen Kulturen am Amazonas als „authentisch“ erscheinen mag, wird auf uns wahrscheinlich „exotisch“ wirken. Und andersherum …

      • Danke! Ich kann schon nachvollziehen, dass du eine performative Kategorie meinst. Allerdings habe ich mit dem „empfunden wird“ so meine Probleme, d.h. damit, bei den Auftritten (also dem Bündel aus Verfahren und Verhaltensweisen) im Rahmen des ESC (in einem spezifischen Kontext), bei dem ja alles inszeniert ist, die „echten“ und „glaubwürdigen“ (denn das heißt „authentisch“ doch?) von den „unechten“ und „unglaubwürdigen“ zu unterscheiden.

      • Vielleicht reden wir auch aneinander vorbei. „Authentisch“ ist bei mir zunächst einmal nicht positiv besetzt, sondern eine neutrale Kategorie wie jede andere. Es ist lediglich eine von vielen unterschiedlichen Spielarten im ästhetisch-epistemologischen Raum. Mithin ist das „Authentische“ ein Effekt (einer von vielen neben dem „Ernsthaften“, dem „Überdrehten“, dem „Campen“, dem „Engagierten“ z. B.), der sich aufgrund bestimmter Reize und Signale nicht im Kunstwerk selbst, sondern im Rezipienten manifestiert. Ob mir etwas gefällt, steht auf einem vollkommen anderen Blatt Papier: mal spricht mich die authentische Inszenierung an (Roman Lob), mal die überdrehte (Verka), mal die melodramatische (Evridiki 94) usw.

      • Merke gerade beim Durchlesen, dass dieses kurze „Danke“ mit dem Ausrufezeichen in Kombination mit dem „schon“ im Satz danach wie ein patzig-ironisches „Danke“ gelesen werden könnte (im Sinne von „Hab ich doch eh alles schon gewusst“). Aber so war es ganz bestimmt nicht gemeint, ich bin Dir für die Erklärung wirklich dankbar.

        Vielleicht sollte ich jetzt mal eine kleine Computerpause einlegen … 🙂

      • Oh, man sollte halt doch nochmal aktualisieren, bevor man etwas schreibt. Danke auch für diese spannende Erläuterung. Es freut mich, dass Du „authentisch“ als einen neutralen Begriff siehst, manche sehen „nicht authentisch“ ja als vernichtendes Urteil.

        Aber jetzt mach‘ ich wirklich eine Pause 🙂

    • @Tamara

      Na na, dagegen gibt es doch sicher was von Ratiopharm. 😉

      Ich war im Gegensatz zu vielen anderen von Anfang an überzeugt dass es ein gutes Ergebnis geben würde, und der Auftritt war einfach toll und berührend, aber mich kriegt man mit Balladen ja generell.

      Habe mich auch deswegen so für Michael gefreut weil dieses Ergebnis ein ganz großes „F*CK YOU“ an all die notorischen Lästerschwestern war die sich im Voraus lustig gemacht hatten, kann mich z.B. daran erinnern dass die Moderatoren in der Morgenshow von Bayern 3 am Montag danach ziemlich kleinlaut waren, nachdem sie dass Lied direkt nach dem Vorentscheid ziemlich ins Lächerliche gezogen hatten. Da empfanf ich auch sowas wie Genugtuung!!

      • Genau dieses Gefühl hätte ich mir so sehr für „Sister“ gewünscht, stattdessen überall dieses hämische „Sorry zero points“ (dabei waren’s 24, aber das habe ich hier glaube ich schon mal erwähnt …) 🙁

  8. @Thomas M.

    Sorry, aber den Beitrag dieses Jahr konnte ich von Anfang an nicht leiden und ich muss auch gestehen dass ich ein bisschen schadenfroh war als es die 0 vom Publikum gab.

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