Advent der besten ESC-Momente (17): Platz 8 – das serbische Gebet

Eurovision-Advent_Momente_Aufmacher_17_Bild

Wir haben Euch im letzten Monat nach Euren ESC-Lieblingsmomenten gefragt. Momente, die Euch berührt haben, Momente die euch ausflippen und zum ESC-Fan haben werden lassen. Einen lieben Dank an dieser Stelle an alle die dabei mitgemacht und so insgesamt 224 unterschiedliche ESC-Momente in die Auswahl gebracht haben. Diese haben wir mit Punkten im ESC-Schema versehen und ausgewertet – und präsentieren Euch nun Eure liebsten 20 Momente – jeden Tag einen neuen. Bis Heiligabend!

 

Platz 8: Marija Šerifović „Molitva“ (62 Punkte)

Bevor Serbien 2007 zum ersten Mal als eigenständiger Staat am Eurovision Song Contest teilnahm, hatte es schon eine bewegte Geschichte beim ESC vorzuweisen: Als Teil der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens war der damalige serbische Sender TV Beograd 1974 (Platz 12), 1982 (Platz 14), 1991 (Platz 21) und 1992 (Platz 13) mit mäßigem Erfolg für die jugoslawischen Beiträge verantwortlich. Von 1993 bis 2003 durfte die neu gebildete Bundesrepublik Jugoslawien nicht am Eurovision Song Contest teilnehmen – nach der Gründung von Serbien und Montenegro waren die beiden ehemaligen Teilrepubliken aber wieder dabei. Gleich mit dem ersten Beitrag, den der serbische Fernsehsender RTS stellte, gelang 2004 ein fulminanter Erfolg: „Lane Moje“ von Željko Joksimović konnte in der Türkei den zweiten Platz erreichen.

Doch schon zwei Jahre später war von der trauten Zweisamkeit Serbien und Montenegros nichts mehr zu spüren: Im gemeinsamen Vorentscheid „Evropesma-Europjesma“ wurde die Jury aus Montenegro beschuldigt den serbischen Favoriten zu boykottieren. Es gab keine Einigung über einen Repräsentanten und Serbien und Montenegro blieb dem Eurovision Song Contest in Griechenland fern. Der Staatenbund löste sich schließlich kurze Zeit später auf und Serbien und Montenegro fortan seit 2007 eigene Beiträge zum Song Contest.

Die Sängerin Marija Šerifović konnte gleich bei der ersten Teilnahme 2007 mit ihrer Ballade „Molitva“ (übersetzt: Gebet) recht souverän den heimischen Vorentscheid gewinnen. Schnell entschied sich Serbien dafür, „Molitva“ auf serbisch vortragen zu wollen. Und auch schnell begann leider bei vielen Fans eine Diskussion über das Aussehen der Sängerin und ihre mögliche sexuelle Orientierung. Die Wirkung des Liedes geriet dabei fast in den Hintergrund. Ob die Serben von der Optik der Sängerin ablenken oder bewusst mit einem gewissen „lesbischen Chic“ punkten wollten – jedenfalls stellte man Marija Šerifović fünf aufgebretzelte, föhngewellte Backgrundsängerinnen mit auf die Bühne.

Marija sang das von Vladimir Graić komponierte „Molitva“ zart und bestimmt, wanderte durch die ihr auferlegte Choreographie, um schließlich voller Inbrunst – als ginge es um ihr Leben – den Titel in ungeahnte Höhen zu treiben. Zum Abschluss formten sich Hände zu aufgemalten Herzen – ein großartiger kitschig-emotionaler ESC-Moment war geboren, der noch ein paar Jahre zuvor in der Form wahrscheinlich undenkbar war.

Als Marija Šerifović nach ihrem Sieg – vor der Favoritin Verka Serduchka aus der Ukraine – nach Hause zurückkehrte, wurde sie von mehr als 70.000 begeisterten Menschen in Belgrad begrüßt und gab kurze Zeit später vor 60.000 Besuchern ein umjubeltes Konzert. Die anfängliche Euphorie schwand jedoch, nachdem sie mit dem serbischen Fernsehsender RTS aufgrund mangelnder Unterstützung hart ins Gericht ging und sich auch medienwirksam von ihrem Manager trennte. Zwei weitere, aber nicht sonderlich erfolgreiche Alben sollten folgen, sowie eine überraschende Teilnahme an der Reality Show „Farma“, bis Marija 2013 in der Dokumentarserie „Confession“ nicht nur über ihre schwierige Kindheit sprach, sondern sich auch als lesbisch outete. Bis 2015 wurde es dann etwas ruhiger um die zeitweise in Dänemark und Schweden lebende Sängerin, schließlich aber begann sie wieder verschiedene Singles zu veröffentlichen und in TV-Shows aufzutreten. Heute ist sie eine der führenden serbischen Künstlerinnen, die es bei ihren Konzerttouren schafft, die größten Hallen Serbiens zu füllen (siehe Konzertmitschnitt oben).

Das Lied „Molitva“ wiederum hat es geschafft zu einem der beliebtesten Lieder des Balkans zu werden. Es vergeht kaum eine Castingshow in der nicht mindestens einmal „Molitva“ gesungen wird: So sang zum Beispiel schon Sevak Khanagyan (Armenien 2018) im Jahre 2016 den Titel bei „X-Faktor Ukraine“, welches er schließlich auch gewann. Auch Jacques Houdek (Kroatien 2017) sang vor einem Jahr „Molitva“ als Jurymitglied in der kroatischen Castingshow „Zvijezde 2018“ mit der späteren Gewinnerin Ilma Karahmet (zweiter wurde hier übrigens Roko Blažević, der in diesem Jahr für den wohl schwulsten ESC-Auftritt seit langem sorgte). Ebenso lässt auch Tamara Todevska (Nordmazedonien 2019) kaum eine Gelegenheit aus, das serbische Gebet vorzutragen, wie hier auf einem dänischem Eurovision-Fantreffen (und auch beim diejährigen Fanclubtreffen des ECG in Köln).

 

Die bisherigen Adventstürchen findet Ihr übrigens hier:
Teil 1 – Die frühen Jahre (1956 bis 1999)
Teil 2 – Alles Neu? Die Jahre 2000 bis 2019
Teil 3 – Das große Drumrum (Openings & Interval-Acts)
Teil 4 – Und bei uns so? Deutsche Beiträge
Platz 20: Johnny Logan „Hold me now“ (33 Punkte)
Platz 19: Dana International „Diva“ (34 Punkte)
Platz 18: Interval-Act „Switch Song“ (36 Punkte)
Platz 17: Opening 2013 „We write the story“ (37 Punkte)
Platz 16: KEiiNO „Spirit in the sky“ (39 Punkte)
Platz 15: Loreen „Euphoria“ (40 Punkte)
Platz 14: Sertab Erener „Everyway that i can“ (41 Punkte)
Platz 13: Alexander Rybak „Fairytale“ (42 Punkte)
Platz 12: Lill Lindfors – Moderation 1985 (44 Punkte)
Platz 11: Interval-Act „Riverdance“ (47 Punkte)
Platz 10: Guildo Horn „Guildo hat euch lieb“ (54 Punkte)
Platz 9: Nicole „Ein bisschen Frieden“ (55 Punkte)


40 Kommentare

  1. Mir hat molitva ganz gut gefallen, meine favoriten waren aber „Dancing Lasha Tumbai“ und „Drama Queen“. Es war das erste mal, dass ich mich grausam über nachbarschafts und diasporavoting genervt habe und es sollte nicht das letzte mal bleiben.
    Unvergessen natürlich auch das schmähliche ausscheiden von superstar d.j. bobo

  2. Ich freue mich aucg riesig, dass es „Molitva“ hier in die Top 10 geschafft hat.
    Serbiens Gewinnerlied ist mein liebstes der „00“ Jahre.
    2007 waren Serbien, Ukraine und Ungarn meine Favoriten,
    den Rest konnte man mMn in die Tonne werfen.

  3. Molitva war schon ein verdienter Sieger und echt schön.
    Aber mein 2007er Gewinner ist – und jetzt werde ich geschlagen lol – Russland! Ich liebe Serebro, die waren so herrlich rockig-rotzig. „Oh, don’t call me funny bunny! … I’ve got my b**ches standing up next to me“ 😀 Da sieht man, ich stehe zwar auf die sanften Töne, aber wenn es passt, dann gehe ich da auch voll ab 😀

  4. Mein Lieblings-ESC-Lied ever!
    Für den Moment, in dem Marija und ihre Tänzerinnen / Backies die aufgemalten Herzen zeigen gab es auch niedrigere Punkte von mir!

  5. Ach ja, falls in den letzten Wochen der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich an deutschen Beiträgen nur rummäkeln kann: Ich habe Roger Cicero knapp vor Ungarn auf dem 2. Platz. 🙂

    Danach folgen BIH, BGR, ISR (!!!), GEO, RUS, ARM und UKR, womit sich der Kreis zu Verka wieder schließt.

  6. Zu ergänzen wäre noch, dass der ESC-Auftritt dieses Hammer-Songs Anleihen bei Madonnas Material girl Video macht.

      • Die Antwort ergibt sich aus Euren jeweiligen Kommentaren, oder ;-)?

      • Eine ganze Menge sogar. Allerdings u.a. dieses Lied nicht. Als Siegerlied für mich eines der schwächeren in diesem Jahrhundert. Dazu gehören übrigens auch Sertab Erener, Dima Bilan, und besonders schlimm, Helena Paparizou. Ein unsägliches Geheule.

        Die Siegerlieder der 00er-Jahre waren musikalisch betrachtet nicht besonders gut, mit der großartigen Ausnahme der Olsen Brothers zu Beginn und Alexander Rybak am Ende des Jahrzehnts. Die Jahre 2003 bis 2008 waren siegerseitig wirklich übel.

        Mir schwant aber, dass man in diesem Forum immer mitklatschen muss, soll oder wird – je nachdem, wo sich jemand verortet.

        Und jetzt: 21, 22, 23, und draufhauen.

      • Cool danke – ich hatte nur noch nie was positives von Dir gelesen. Bei Alex Rybak und horror-Bilan sind wir uns einig; die Olsen Brothers sehe ich allerdings als einen der schlimmsten Sieger-Titel überhaupt.
        1 und 2 werden sowieso Laserboy 2016 und 2019.

    • Keine Sorge, er hat Cars10 gemeint. Sonst wäre seine Antwort bestimmt nach rechts eingerückt unter Deiner erschienen.

      Aber es wäre generell nicht schlecht, wenn die Einrückungen etwas deutlicher wären. Dadurch, dass zusätzlich noch die erste Zeile eines Textes nach rechts eingerückt ist (was den falschen Eindruck ergibt, dass der ganze Kommentar nach rechts eingerückt ist), wird es noch etwas schwieriger zu erkennen, was sich worauf bezieht. Und dann gibt’s ja auch noch Leute wie mich, die öfters mal auf den falschen Antwortknopf drücken und die Antwort kommt irgendwo ganz anders raus (aber ich glaube, 4porcelli ist das gerade eben auch passiert, sein 19:43 Kommentar weiter oben hätte wohl genau an dieser Stelle stehen sollen) 🙂

      • Ich meinte in meinem ersten Absatz natürlich: „Sonst wäre seine FRAGE bestimmt rechts eingerückt unter Deinem Kommentar zu Cars10 erschienen“ (und seine Antwort auf Deine Frage wäre rechts eingerückt unter Deiner Frage erschienen, wenn er den richtigen Knopf gedrückt hätte). So, jetzt habe ich glaube ich genug Verwirrung gestiftet für heute …

        Immerhin sollten an Deinem Kommentar und meinen beiden Antworten schön alle drei Einrückungsstufen sichtbar werden!

      • Nachdem ich Deine Einrückungsstufenkommentare gelesen habe, ist mir jetzt ganz schwummrig … Ich muss mich erst mal setzen. 😉

      • Lach ja, die ironischerweise falsche Positionierung meines Kommentars zur Positionierungsfrage fiel mir auch gleich auf ;-).

      • Na, dann habe ich mein Tagesziel für gestern ja erreicht: Kräftig Verwirrung gestiftet und Mitleser zum Lachen bzw. zum Setzen gebracht 🙂

  7. Wie man auf die Idee kommt, dieser Moment sei während der „Diktatur“ von Milosevic (der Mann war kein Engel, aber er war der demokratisch gewählte Präsident) undenkbar gewesen, das sei mal dahin gestellt. Molitva ist ein verdienter Sieger und einer der besten Songs der letzten 20 Jahre.

    • Einstimmung. Bist du auch über diesen Satz gestolpert: > der noch ein paar Jahre zuvor, während des Regimes von Diktator Slobodan Milošević, undenkbar war << ?
      Slobodan Milošević war Präsident, Kriegsverbrecher und ist in 2006 verstorben – entweder Freitod oder ermordet, beides ist nicht nachzuweisen. Jedenfalls war er schon entmachtet als Serbien wieder am ESC teilnehmen dürfte.

      • Ich gebe Euch recht. Mit Slobodan Milošević als Person selbst, hat mein Gedanke, dass ein solcher Auftritt einige Jahre zuvor wahrscheinlich undenkbar war, nicht direkt zu tun. Das war missverständlich und ich habe diese Passage nun im Text gelöscht. Danke für euren Hinweis.

  8. Es kann schon sein, dass Verka den unterhaltsameren Titel hatte, und „Dancing Lasha Tumbai“ ist ja auch toll – aber nach Ruslana, Helena und Lordi war es schon ganz gut, dass auch mal wieder eine Ballade die Oberhand hatte. Irgendwie war mir der ESC in den Jahren nach Einführung des Semis zu over the top, und da tat „Molitva“ mal richtig gut 🙂

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.