Deutschland beim Eurovision Song Contest 2020: Rückblick und Abschied von Ben Dolic

Ben Dolic Deutschland ESC 2020 Eurovision Song Contest Violent Thing

Zwei Woche ist es nun her, dass der NDR hier auf ESC kompakt bekanntgegeben hat, dass Ben Dolic im kommenden Jahr nicht für Deutschland am Eurovision Song Contest teilnehmen wird (ja, es gibt noch eine kleine Chance, dass er das doch tut, dazu aber weiter unten mehr). Gleichzeitig gab es mit dem neuen alten Auswahlverfahren und der ersten deutschen Teilnahme am Junior Eurovision Song Contest zwei Themen, die diese Nachricht – auch hier bei uns – überlagert haben. Die Kolleg*innen vom ESC Greenroom haben diese geschickt konzertierte Nachrichtenabfolge in ihrere aktuellen Podcastfolge nachgezeichnet und wir nehmen das zum Anlass, noch einmal auf das Kapitel „Deutschland beim Eurovision Song Contest 2020“ zurückzublicken, es dann abzuschließen und in den kommenden Tagen und Woche das Kapitel „Deutschland beim Eurovision Song Contest 2021“ intensiver anzugehen.

Nach ein paar kommunikativen Startschwierigkeiten und der für viele Fans traurigen Nachricht, dass der NDR gemeinsam mit seinem Partner digame vorerst auf eine öffentliche Vorentscheidung verzichtet, fing die deutsche ESC-Saison sehr hoffnungsvoll an. Ben Dolic und sein ESC-Beitrag „Violent Thing“ kamen nach der Präsentation im Rahmen der Sendung „Unser Lied für Rotterdam“ national, aber vor allem auch international sehr gut an. Sowohl auf YouTube als auch auf Spotify erreichte „Violent Thing“ eine stattliche Anzahl an Aufrufen und der Song wurde vergleichsweise häufig im Radio gespielt. Außerdem schnitt Ben Dolic bei zahlreichen Fanvotings gut ab, die Wiwi Jury von wiwibloggs konnte er sogar gewinnen. Bei unseren Songchecks auf ESC kompakt landete der deutsche ESC-Beitrag 2020 auf Platz 3 ebenso bei unserem ESC-kompakt-Index.

Jeder Auswahlprozess hat seine Schwachstellen und die des aktuellen deutschen Auswahlprozesses ist sicherlich, dass es keinen Vorentscheidungsauftritt gibt, anhand dessen die beiden Jurys zumindest erahnen können, wie ihr favorisierter Künstler und Song auf der ESC-Bühne wirken werden. Dass Ben sehr gut singen kann, hatte er bereits bei „The Voice of Germany“ unter Beweis gestellt, wie er einen tanzbaren Uptempo-Song wie „Violent Thing“ präsentieren würde, bleib zunächst ein großes Fragezeichen. Das konnten weder die Juroren anhand des eher statischen Auswahlvideos richtig einschätzen, noch die ESC-Fans anhand der akustischen Performance bei „Unser Lied für Rotterdam“.

Dann kam die Absage des ESC 2020 wegen Corona und es war klar, dass wir nie herausfinden werden, ob „Violent Thing“ in Rotterdam tatsächlich so gut abgeschnitten hätte, wie es die Studioversion des Songs vermuten ließ und die Wettquoten es prognostiziert haben. Aber auch beim NDR gab es in dieser Hinsicht wohl Bedenken, denn statt sich nach der Absage relativ zügig zwischen dem Festhalten an Ben Dolic oder dem Festhalten am Auswahlverfahren zu entscheiden, wurde die Entscheidung – verglichen zum Beispiel mit der Schweiz, die das gleiche Auswahlverfahren anwendet wie Deutschland – ziemlich lange hinausgezögert. Ben Dolic selbst sagte schließlich in einem Interview, dass die Entscheidung, ob er auch 2021 beim ESC für Deutschland antreten dürfe, auch von seiner Performance beim deutschen Finale in der Elbphilharmonie in Hamburg abhängen würde.

Insofern war es nach den doch sehr durchwachsenen Kritiken im Nachgang zu diesem Auftritt sicherlich konsequent, dass Ben Dolic nicht per Freifahrtschein für den ESC im kommenden Jahr nominiert wurde. Allerdings war auch nicht hilfreich, dass die Erwartungen im Vorfeld so in die Höhe geschraubt wurden („so nah wie möglich an der Inszenierung, wie sie im ESC-Finale in Rotterdam hätte aussehen sollen“), dass sie – vor allem unter den damaligen Corona-Abstandsregeln – kaum erfüllbar waren.

Die Bekanntgabe der Nicht-Nominierung – auch hier auf der Seite mehr oder weniger als Randnotiz ohne besondere Würdigung – war der Sache allerdings nicht angemessen und auf der persönlichen Ebene ist es auf jeden Fall schade, dass Ben Dolic nun nicht – wie knapp die Hälfte der anderen ESC-2020-Künstler – die Möglichkeit bekommt, im kommenden Jahr doch noch auf der ESC-Bühne zu stehen. Wir wollen deshalb an dieser Stelle auch die Gelegenheit nutzen, Ben für seinen Einsatz zu danken, denn er hat sich sowohl bei zahlreichen Promotionterminen in Deutschland als auch in der Pre- bzw. Corona-Ersatz-Saison mit den Eurovision Home Concerts, der PrePartyES at home und dem Wiwi Jam at home als würdiger und engagierter Vertreter Deutschlands gezeigt. Es wäre schön, wenn er bald auch wieder neue Musik veröffentlicht, seine Karriere weiter an Fahrt aufnimmt und wir ihn – vielleicht ja als Pausenact bei „Unser Lied für Rotterdam 2“ oder beim Countdown zum Eurovision Song Contest 2021 – im ESC-Kontext wiedersehen. Wir werden Bens Werdegang hier auf ESC kompakt auf jeden Fall weiter intensiv verfolgen – er gehört jetzt genauso zur ESC-Familie wie alle anderen ESC-Teilnehmer.

Der NDR hat die Tür für Ben offen gelassen und angekündigt, dass der Sänger sich gemeinsam mit dem Komponisten Boris Milanov in der kommenden Saison wieder um die Teilnahme am ESC bewerben möchte. Da Ben Dolic sich in dieser Hinsicht noch bedeckt hält, müssen wir abwarten, ob das wirklich der Fall sein wird. Allerdings dürfte dann trotzdem fraglich sein, ob die Eurovisions-Jury, die sicher auch die Entwicklungen nach der Absage des ESC 2020 verfolgt hat, Ben ein zweites Mal nominieren würde. Aber wenn nicht gleich im kommenden Jahr, vielleicht ja ein anderes Mal…? Oder vielleicht, wenn Ben diesmal eine Ballade einreicht…? Lassen wir uns überraschen!

Der NDR und digame haben jedenfalls bereits mit der Suche nach dem deutschen Act und dem deutschen Beitrag für den Eurovision Song Contest 2021 begonnen. Mehr dazu dann in Kürze hier auf ESC kompakt.

Über dieses Thema haben wir auch schon in unserem Livestream und unserem Podcast gesprochen.


25 Kommentare

  1. Ein sehr guter Artikel, vielen Dank🙂.
    Ich bin ja immer noch der Überzeugung, dass „Violent Thing“ nicht der richtige Song für Ben war. Klar, war der Auftritt in der Elbphilharmonie noch nicht wirklich ausgereift, wirkte auf jeden Fall so auf mich. Deshalb wäre es wohl auch unfair, ihm wegen diesem einen Auftritt fehlende Bühnenpräsenz zu attestieren. Aber ich glaube, Ben würde sich mit einer schönen Ballade wohler fühlen. Ich hoffe auch, dass der NDR ihn nicht einfach fallenläßt. Das wäre, sorry den Ausdruck, schäbig.

    • Ich bin absolut deiner Meinung. Jemandem aufgrund von unverschuldeten Umständen die wohl größte berufliche Chance zu nehmen, die er sich zuvor verdient hat, geht menschlich einfach gar nicht.

  2. Toller Artikel, eine super Zusammenfassung des Ganzen. Das „Versenken“ von Bens Nichtnominierung in den anderen Nachrichten ist aus Sicht des NDR tatsächlich geschickt, hatte ich so noch gar nicht drüber nachgedacht.

  3. LOL … 29x Linktext im Artikel: Die ESC-Kompakt Schnitzeljagd hat begonnen! 😉

    Um komplett die Battles gegen Onlinemedien und Verlagshäuser zu gewinnen, noch die Überschrift in Frageform oder als offenen Satz gestalten („Hier alle Hintergründe über Ben Dolic und warum wir ausgerechnet jetzt Tschüss sagen müssen!“)

  4. Zum Thema: Es ist ja nicht so, dass Ben explizit 2021 antreten müsste. Auch 2022ff. könnte er die Umstände für sich nutzen und ein gewisses Wohlverhalten einfordern – mit dem Vorteil, dass die Leute (Jurys) nicht mit Kopfschere seine Beiträge vergleichen. Ob das passt oder die Situation mit der Absage ohne Zweitbewerbung evtl. sogar förderlich sein könnte, müssen er & Boris Milanov ausknobeln.

  5. Ob es dieses mal wieder so eine versteckte Internetseite für die Künstler- bzw. Song-Bewerbungen gibt wie letztes Jahr? Die vom letzten Jahr (https://mein-esc-lied.de/) funktioniert, zumindest aktuell, schon mal nicht!

    Was ich nach wie vor nicht verstehe ist warum so viele an der Vorentscheidung festhalten wollen?

  6. Schön, dass Ben Dolic für seine nicht vollendete ESC- Berwerbung mit diesem Artikel seine Würdigung erhält.
    Er wird als eine Art tragischer Held ins Kabinett der Vergeblichen neben Tony Marschalls Star,Leons Planeten, Corinna Mays Zuhör-Kindern und der Kümmert- Figur aufgenommen werden. Das ist immerhin auch etwas für die Ewigkeit.
    Für die Zukunft kann man ihm weiterhin musikalischen Erfolg und vielleicht eine weitere Nominierung im gereiften Alter wünschen.

    • Lasst uns den Club der Pechvögel gründen:
      Tony Marshall 1976
      Leon 1996
      Corinna May 1999
      Ben Dolic 2020

      Im weitesten Sinne konnte man Margot Eskens 1963 auch hinzunehmen. Erst wurde die Direktnominierte Heidi Brühl krank, Margot Eskens sprang ein. Vor dem Finale erkrankte Frau Eskens, so sprach Frau Brühl ein.

      • Die Erkrankung von Frau Eskens würde ich definitiv in Anführungszeichen setzen. Frau Brühl war wieder verfügbar, so dass man Frau Eskens nicht mehr brauchte.

        Aber immerhin kam Frau Eskens in einem anderen Jahr noch zum ESC.

      • Wo ihr hier grad über meine Margot sprecht:
        die ist nicht erkrankt. Wie Porsteinn schon richtig schrieb: sie verhielt sich tadellos, sprang ein, als Frau Brühl rumzickte, sang alle Songs ein und als Frau Brühl dann plötzlich doch wollte, zickte sie nicht rum, als der Hessische Rundfunk sie wieder eiskalt abservierte.

        Frau Eskens hatte dann letztlich das deutlich schönere ESC-Lied, ein wenig später.

  7. Herzlichen Glückwunsch, Benny, für deinen hervorragenden Artikel.

    Ben bekommt seine faire „zweite“ Chance. Er wird sie bestimmt nutzen. Toi toi toi

    Auch wenn ich mich wiederhole:

    Nach dem ESC ist vor dem ESC!

  8. Dieses Forum erscheint mehr und mehr der verlängerte Arm der ESC-Berichterstattung des NDR zu sein, inkl. applausklatschender Zaungäste.

    Was vom ESC 2020 bleibt:
    – eine die Fans ignorierende TV-Anstalt
    – ein Lied, welches keiner wirklich ausserhalb des Wettbewerbumfeldes hören wollte
    – ein Auftritt, der, als Hype gestartet, als Nichtinszenierung im Gedächtnis blieb
    – sowie viel „im nächsten Jahr wird alles besser-Geschwätz

    Warten wir‘s ab.

  9. Solange die Zusammenarbeit zwischen Ben und Boris Milanov weiter besteht, wird er früher oder später beim ESC antreten. Wenn nicht für Deutschland, dann für ein anderes Land.

  10. Ach man, wenn Ben gewonnen hätte(🤓🤓🤓 ) hätten wir Lesergame Deutschland machen können, habe gerade die deutsche Beitragsliste auf Wiki mal durchgeguckt (kann sie noch immer nicht auswendig) und fände das mal dringend notwendig.

  11. Im Grunde können wir doch froh sein, dass der NDR diesmal nicht seine Suche ändert, Kontinuität kann doch auch was Gutes sein.
    Ich fand das Lied von Ben nicht wirklich gut, dagegen war er selbst doch sehr sympathisch. Und wie letztlich sein Auftrit gewesen wäre weiß keiner.

  12. Tja, was wohl aus Ben Dolic geworden wäre, wenn er beim ESC in Rotterdam hätte auftreten dürfen? Ihr würdet jetzt sagen: Das verliert sich in den Nebeln von Norwegen… Zuletzt war es ja auch stiller um ihn, eines der wenigen Lebenszeichen war ein Interview mit der FAZ. In Sachen ESC wurde man daraus zwar nicht schlauer, dafür wissen wir jetzt, dass er auf Veganismus pfeift: https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/ben-dolic-fleisch-fehlt-nie-in-meinem-kuehlschrank-16762921.html

    Sollte er aber nun tatsächlich keine zweite Chance bekommen, ist die Chance nicht gerade gering, dass er von der Bildfläche verschwindet, so wie manch andere deutschen ESC-Teilnehmer der letzten Jahre. Um Levina etwa ist es sehr still geworden, auf ihrer Facebook-Seite sind fast alle Posts gelöscht, die letzte „Veranstaltung“ liegt mehr als zwei Jahre zurück. Und wenn Carlotta und Laurita (die „S!sters“) hauptsächlich in Möbelhäusern oder auf Modenschauen singen, dann sagt das auch einiges aus. Um die ist es so still geworden, da hört man sogar von der GNTM-Siegerin noch mehr! (Fun Fact: DIe GNTM-Siegerin von 2018 spielte im Musikvideo von „Like I Love You“ von Nico Santos mit, dem Siegersong des #FreeESC)

    Dafür erinnere ich mich noch gut an die „verschlafene“ Deadline (vielleicht ein Trick des NDR, um Aufmerksamkeit zu erhaschen) und euren Kommentar, der ja sehr zeitig kam (ich habe ihn schon am 1. Februar um kurz nach Mitternacht gelesen).

    Dass es „Violent Thing“ nicht in die Charts geschafft hat, hat natürlich auch mehrere Gründe: Erst einmal die „versteckte“ Show im Spartenfernsehen. Und dann die Absage, die zog dem Song die Grundlage der Promotion unter den Füßen weg. Bei manchen Sendern verschwand der Song deswegen aus der Rotation. Und auch die Ersatzshow gab keinen Auftrieb, zu wenig Zuschauer, zu mäßige Performence.

    Ja, schon letztes Jahr schaffte es unser Beitrag nicht in die Hitparade, aber aus anderen Gründen. Davor war das letzte Mal, dass unser Beitrag nicht in den Single Top 100 stand, wenn ich nicht irre, im Jahr 2003 – wenn sich noch jemand an „Let’s get happy“ erinnern möchte. Wurde damals Elfter. Kam aber nicht in die Charts. Dafür (sogar) „Miss Kiss Kiss Bang“!

    Nun denn, wünschen wir Ben UND Levina UND Carlotta UND Laurita alles Gute auf ihren weiteren Wegen.

    PS: Bei der Frage, ob man Ben tatsächlich wieder nominieren oder jemand anderem die Chance gönnen sollte, da halte ich mich raus. Et kütt wie et kütt, sagt der Rheinländer…

  13. Ich meine, dass es durch die Änderungen in den deutschen Charts der letzten Jahre (u.a. Streaming, Dominanz von Rap-Musik) für ESC-Titel wieder schwieriger geworden ist. Vielleicht erinnere ich mich ja falsch, aber ich bilde mir ein, dass 2019 auch für die internationalen ESC-Titel die Chartausbeute in der deutschen Hitparade schwächer war als in den Jahren zuvor. Wobei das immer noch deutlich mehr ist als in den Jahren, in denen ich ESC-sozialisiert worden bin: Da war es eine Sensation, wenn es neben dem Siegertitel und dem deutschen Beitrag, falls sie denn reinkamen, noch ein weiterer ESC-Titel in die Charts schaffte. Nach 1983 (Grand Prix in München, einige Titel kamen in die Top 75) war das recht lange so, mein erster Grand Prix war übrigens 1984.

  14. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wen ich mir für Deutschland beim ESC im nächsten Jahr wünsche, wenn es nicht Ben Dolic sein sollte, dann wäre das SEEED. Wäre doch mal ein schönes Experiment, weil die ja kein klassischen sehr rhytmischen und eingängigen Hip Hop machen. Siehe nur ihr aktuellstes Lied „Geld“. Aber so innovativ und modern denkt der NDR nicht und ich glaube auch nicht das Seeed beim ESC mit machen wollen. Aber Wünschen kann man es sich ja.

  15. Weiss jemand, ob und wann es eine neue Single von Ben geben wird? Er hatte dies doch mal glaube beim Fernsehgarten angekündigt für Anfang Juni. Bisher ist nichts passiert. Hoffe er wird nicht in der Versenkung verschwinden. Vielleicht singt er eines Tages beim ESC für Slowenien:-)

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