Replay Rotterdam (22): Das waren die Aufreger, die dann verpufften

Foto: EBU / Thomas Hanses

Was wäre der ESC ohne Drama und Aufregung? Auch in diesem Jahr gab es einige Themen vor und während des Song Contests, die Fans und Journalisten gleichermaßen beschäftigt haben – und am Ende doch irgendwie in Vergessenheit gerieten. Wir haben einige der größten Aufreger für euch rausgesucht und gehen hier nochmals darauf ein.

Wohl mit Ankündigung kam die diesjährige Disqualifizierung für Belarus. Nachdem der Beitrag der Band Galasy ZMesta von der EBU aufgrund des bedenklichen Songtextes disqualifiziert worden war und der belarussische Fernsehsender keinen wettbewerbskonformen Beitrag einreichte, sah sich die EBU dazu gezwungen, das Land vom Wettbewerb auszuschließen. Inzwischen hat der Sender BTRC auch seine Mitgliedsrechte in der EBU verloren und somit kann Belarus aktuell nicht am ESC teilnehmen. Über die Disqualifikation Belarus berichteten auch viele Medienanstalten in Deutschland. Viele der ehemaligen belarussischen ESC-Teilnehmer hatten indessen ihre Sympathie für die oppositionellen Demonstranten gegen die Regierung Lukaschenkos ausgedrückt und waren damit schon vorab vom Sender für eine Teilnahme ausgeschlossen worden. Da Belarus aber bereits beim ESC im Mai keine Rolle mehr spielte, war das bei all dem Trubel in Rotterdam auch schon schnell wieder vergessen und rückte in den Hintergrund.

Viel diskutiert wurde auch die erste Probe von Maltas Destiny in Rotterdam, die am zweiten Probentag zum ersten Mal mit „Je Me Casse“ auf der Bühne stand. Es war vor allem ihr Outfit, welches für heiße Diskussionen sorgte und die Fans spaltete. Darauf reagierten auch die Buchmacher, Malta verlor infolge dessen an Boden bei den Wettquoten. Bereits bei der zweiten Probe war Destiny dann in anderem Gewand zu sehen. Trotz aller Kritik gab es aber auch viel Solidarität und Unterstützung für Destiny, etwa von der ehemaligen ESC-Teilnehmerin und Destinys langjähriger Mentorin Ira Losco. Und schlussendlich stand bei aller Kritik eine tolle Top-10-Platzierung zu Buche. Viel mehr in Erinnerung bleiben wird wohl Destiny Blick bei der Punktevergabe, der eher den Eindruck erweckte, als würde sie gerade den letzten Platz machen.

Hoch gehandelt und ebenso kritisiert für seine Bühnenperformance war Gjon’s Tears für die Schweiz. Keine Frage, sein dritter Platz ist ein hervorragendes Ergebnis für die Schweiz. Doch viele hatten „Tout l’univers“ (mitunter auch die Wettquoten im März) den Gesamtsieg zugetraut. Umso größer war bei vielen die Enttäuschung über die von Sacha Jean-Baptiste entworfene Performance, die einigen als zu chaotisch und zum Song unpassend aufstieß. Doch auch hier scheint die Aufregung verpufft zu sein (die Schweiz wurde schließlich bei den Wettquoten teilweise nur noch auf Platz 6 oder 7 gehandelt) und Gjon konnte mit einem tollen Ergebnis nach Hause fahren.

Für kurzfristigen Wirbel sorgten auch einige Corona-Infektionen beziehungsweise angeordnete Isolationen für einige Delegationen und damit auch ESC-Acts. Am unmittelbarsten betroffen waren sicherlich sowohl der niederländische ESC-Gewinner Duncan Laurence, der nicht mehr im Finale live auftreten konnte, als auch die isländische Band Daði og Gagnamagnið, die mit einer Aufnahme der zweiten Probe am ESC teilnehmen musste. Immerhin: Duncan konnte trotzdem per Vorabaufnahme auftreten und auch die Isländer konnten mit einem tollen Resultat in die Heimat zurückkehren.

Wenig überraschend aber dennoch historisch war die Nichtqualifikation Australiens im ersten Halbfinale. Nach dem Debüt im Jahr 2015 mit Guy Sebastian, als Australien direkt für das Finale gesetzt war, schaffte es das Land immer ins Finale. Montaigne konnte daran mit ihrem Song „Technicolour“ nicht anknüpfen, womöglich auch, weil sie nicht in Rotterdam vor Ort dabei war und so nicht auf der Bühne auftreten konnte.

Für Schlagzeilen sorgte auch ein angeblicher Kokain-Verdacht bei den italienischen ESC-Gewinnern Måneskin. Bereits am Folgetag stellte die EBU klar, dass kein Drogenkonsum im Greenroom stattgefunden hatte. Doch auch diese Nachricht sorgte außerhalb der Bubble medial für ein großes Echo – verpuffte dann aber mit der Klarstellung der EBU und vor allem dem musikalischen Durchbruch der Gruppe sehr zügig.

Beim diesjährigen FreeESC bei ProSieben konnten es sich die Moderatoren Conchita Wurst und Steven Gätjen nicht verkneifen, einige Seitenhiebe an den NDR auszuteilen. So wurde unter anderen angesprochen, dass der dort für Slowenien antretende Ben Dolic vom NDR nicht mehr in die Pre-Show mit Barbara Schöneberger eingeladen wurde, was Ben Dolic auch über seine Social Media-Kanäle äußerte.

Welche dieser Momente ist Euch am meisten im Gedächtnis geblieben? Was war Euer „Aufreger“ der ESC-Saison 2021? Habt Ihr weitere Momente, die Euch in Erinnerung geblieben sind? 

Bereits in der Serie „Replay Rotterdam“ erschienen:

Unser Rückblick auf den ESC 2021
(1) Das waren die Fan Favourite Fails und Dark Horses des ESC 2021
(2) Måneskin aus Italien waren mit „Zitti e buoni“ auch die Televoting-Sieger
(3) Live-Blogs, Live-Blogs, Live-Blogs
(4) Der Corona-ESC
(5) Das Moderatoren-Team unter die Lupe genommen
(6) Wie der WWF mit dem ESC die Welt retten will
(7) Wie geht’s weiter in und mit Österreich?
(8) So war die Arbeit im Online-Pressezentrum
(9) Täglich ESC kompakt LIVE – mehr als ein Zuckerschock
(10) Erfolgsfaktor Band – Waren Bands in diesem Jahr besonders erfolgreich?
(11) FreeESC vs. ESC
(12) ESC-Home-Partys im Lockdown machen wenig Spaß
(13) Wettquoten, Blogger:innen, Leser:innen – Wer sagt das Ergebnis des ESC am besten voraus?
(14) Die Schweiz als Jurysieger – was sind die Gründe für die Erfolgsserie?
(15) Die Countdown- und die After-Show in der ARD
(16) Wie haben Nicht-Fans den ESC erlebt?
(17) Die Qualifikations-Chancen nach dem ESC 2021
(18) Sind null Punkte gleich null Punkte?
(19) Ein Blick hinter die Kulissen – So arbeiten wir in der Blogger-WhatsApp-Gruppe
(20) Die Punktevergabe – spannend oder grausam? 
(21) Alles dreht sich um die Wettquoten


14 Kommentare

  1. Nun ja, das Outfit von Destiny bei ihrer Probe war in der Tat nicht sehr glücklich gewählt, was für mich aber vor allem an dem Hintergrund lag, hat sich mit dem Outfit von Destiny farblich „gebissen“. Fand ich wiederum aber gar nicht schlimm, dass man ihre Pfunde gesehen hat. Im Gegenteil: Es war mutig von ihr, nicht viele (vor allem junge Frauen) trauen sich das, da sie ja leider oft hämische Bemerkungen aushalten müssen. Kann man doch als Zeichen sehen, sich nicht immerzu zu schämen. Sie sah aber bei ihrem Auftritt wunderschön aus, meiner Meinung nach.
    Gjon’s Tears Auftritt fand ich eigentlich ganz stimmig, also, mir hat es gefallen.😊

  2. Destiny ist leider in mehrfacher Hinsicht ein schlechtes Vorbild – ich würde mir wünschen, dass sie ähnlich wie Jendrik in der Versenkung verschwindet.

  3. Fand Gjons Performance unpassend zum Song, hätte mir da was anderes gewünscht, denke das Ergebnis wäre aber kein anderes gewesen, find Platz 3 aber sowieso toll.
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    Ich muss bei beiden Outfits von Destiny, ob pink, ob silber, schlucken. Tut mir leid. Da aber so viele der diesjährigen Teilnehmerinnen sich für ein ähnliches Kostüm entschieden haben, leide ich wohl an Geschmackverirrung. Auf jeden Fall würde ich! so nicht rumlaufen.🤔
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    Für mich war Tusses Stimmband OP noch ein Aufreger, hatte als bekennender Fan schon Angst, dass er nicht auftreten kann.

    • Ich finde die Sache mit der Performance von GJon ist mehr ne deutsche Sache. In vielen internationalen You-Tube-Reaktionen wird ausschließlich der Gesang von ihm gelobt. Ein dritter Platz für die Schweiz ist absolut top. Die Deutschen können davon nur träumen. Selbst Platz 6 oder 7 wäre ja auch ein tolles Resultat gewesen.

  4. Der Fall Gjon’s Tears ist in der Tat sehr interessant.
    Man koennte natuerlich stundenlang darueber diskutieren, ob die Tanzeinlagen gut oder schlecht, kunstvoll oder eher peinlich waren.
    Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist die Glaubwuerdigkeit des Kuenstlers.
    Bei Maneskin und Barbara hatte man direkt den Eindruck, dass sie einfach ihr selbst waren. Dass ihre Konzerte und Live-Auftritte einfach so sind, wie wir auf dem Ahoy-Arena gesehen haben (OK, bei Maneskin sind wahrscheinlich nicht so viele Feuerwerke dabei, aber sonst….)
    Man hatte einfach den Eindruck: Hier ist der Kuenstler, in seinem Element, mit seiner Musik (Uebrigens, das gilt nicht nur fuer Maneskin und Barbara, sondern fuer viele ESC-Auftritte).
    Bei Gjon wirkte der Tanz eher als ein externer Faktor (egal, ob gut oder schlecht). Und das hat auch eine Rolle beim Televoting gespielt (z.B., im Vergleich zu Barbara).

  5. Da war doch noch die Spekulation um mögliche Manipulationen bei Maltas Wettquoten. Da kräht auch kein Hahn mehr nach. Aber als ich hier davon gelesen habe, musste ich an die Geschichte aus dem „ZDF-Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann denken, wie der maltesische Glücksspiel-Chefaufseher zum Glückspiel-Cheflobbyisten wurde. Jaja, Malta, eigentlich eine schöne Insel, aber auch für Online-Casinos und Wettspiele ein Paradies…

    Und bei den Kollegen von aufrechtgehn.de habe ich von möglichen Schummeleien beim Televoting bezüglich Moldau gelesen, die die EBU aber nicht weiter verfolgen wollte – stattdessen lieber die Drogen-Geschichte bei Maneskin: https://www.aufrechtgehn.de/2021/05/geld-stinkt-nicht-kirkorov-korruption-bleibt-ohne-konsequenzen/

    Da bemerke ich auch Parallelen zum Bundestags-Wahlkampf, da kommt auch mancher Skandal und manches Skandälchen hervor, das möglicherweise noch vom Wähler mit der Klospülung aus der Erinnerung gelöscht werden könnte, insbesondere, wenn der/die Kandidat:in zum/zur Kanzler:in vereidigt werden könnte…

  6. Nach dem ESC ist vor dem ESC! Als mögliche Teilnehmerin der Niederlande für das kommende Jahr wird die Künstlerin Maan de Steenwinkel, die vor sechs Jahren die Castingshow „The Voice of Holland“ gewann, gehandelt:

    https://escxtra.com/2021/07/26/maan-a-serious-candidate-to-represent-the-netherlands-at-eurovision-2022/

    Letztes Jahr veröffentlichte sie das Album mit dem Titel „Onverstaanbaar“ (Unverständlich), auf dem u. a. die einfühlsame Ballade „Ze Huilt Maar Ze Lacht“ (Sie weint, aber sie lacht) gelistet ist:

    https://www.youtube.com/watch?v=j-HkuKxTYEU

    Es gibt aber auch aktuelles Material von Maan. So hat sie in ihrem aktuellen Song „Nee is nee“ mit der Künstlerin Bente Fokkens zusammengearbeitet:

    https://www.youtube.com/watch?v=J3LkU8z0jPg

    Sollte sich die Künstlerin beim für den ESC zuständigen Sender AVROTROS in der internen Auswahl durchsetzen, dann könnte die Niederlande nach 2010 wieder einen Song in Landessprache zum ESC schicken, da Maan nämlich seit November 2017 nur niederländischsprachige Songs veröffentlichte.

    • Hm… ich weiss im Moment gar nicht, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite klingt der Sound interessant, aber dieser „Aha-Moment verpufft relativ schnell, will sagen, drei Minuten sind mir dafür doch ein wenig zu lang….😉

  7. Die Schweiz war vor der Show mein Favorit, aber dieser Tanz, hat das sehr albern gemacht für mich.

    Wie Malta im Semi zu viele Televoting Punkte bekommen konnte und im Finale nicht ist mir ein Rätsel.

  8. Mir ist aufgefallen, das fast alle farbigen Künstler, bis auf Schweden, im Televoting deutlich weniger Punkte bekamen als im Juryvoting. Zufall?

    • Schwierige Frage. Bei Künstlern asiatischer Herkunft ist ähnliches zu beobachten. Eine Zeit lang dachte ich sogar, diese könnten beim ESC überhaupt nicht erfolgreich sein bis dann Dami Im das Gegenteil bewies. Aber wie will man herausfinden, ob es wirklich an den Künstlern lag oder nicht doch an den Songs?

      • Dann hätte 2001 nicht ein schwarzer Künstler gewonnen. Bei den Jurys kann das aber auch passieren, siehe Milly Scott. Aber das war auch noch in anderen Zeiten, nämlich 1966.

      • Besonders grass ist das bei Malta. Destiny hat das 1. Halbfinale gewonnen und hat natürlich dort auch viele Televoting-Punkte bekommen. Im Finale dann der Absturz im Televoting, obwohl sie ja nicht viel schlechter war. Das gleiche dann bei Senhit. Ich will nicht generell unterstellen, das es was anderes war, als das einem ein Lied nicht gefällt, aber auffällig ist das schon.

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