
Es ist der Tag des Türkisen Teppichs – eine Woche vor dem Finale des Eurovision Song Contest 2026 in Wien. Die Acts stellen sich den Fragen der Presse, posieren vor den Fotowänden und geben Interviews. So auch Aidan aus Malta und die spätere Siegerin DARA aus Bulgarien.
Dann nähert sich Sarah Engels in ihrem spektakulären roten Kleid, das eine Hommage an Katniss Everdeen darstellt. Mit einem Lächeln beobachtet sie die beiden Kolleg*innen beim Posieren. Aidan bemerkt Sarah aus dem Augenwinkel und ruft sie zu sich, DARA winkt sie ebenfalls heran. Man sieht Sarah förmlich an, wie sie sich darüber freut – fast so, als würden die coolen Kids in der Schulkantine fragen, ob man sich zu ihnen an den Tisch setzen möchte. Nicht, dass Sarah nicht selbst cool wäre. Aber man merkt ihr an, dass diese offene, herzliche Willkommenskultur rund um den ESC für sie alles andere als selbstverständlich ist.

Vielleicht wird irgendwann einmal an Universitäten erforscht, warum Sarah Engels ein derart hohes Maß an Kritik bis hin zu Anfeindungen auf sich zieht. Vor der ESC-Saison hatte ich dieses Ausmaß überhaupt nicht auf dem Schirm. Erst im Laufe der Wochen wurde ich – vor allem auf Social Media – immer wieder damit konfrontiert.
Jede Person, die in der Öffentlichkeit steht, bekommt früher oder später ihr Fett weg. Selbst wir Blogger*innen erleben das, obwohl wir keine Prominenten sind. Doch bei Sarah bewegt sich das in einer völlig anderen Dimension. Ich habe mir während der ESC-Saison immer wieder die Frage nach dem Warum gestellt. Eine wirklich schlüssige Antwort konnte weder ich noch jemand anderes finden.
Als mögliche Erklärungen werden ihre DSDS-Vergangenheit, die mediale Aufmerksamkeit rund um ihr Privatleben oder die Lagerbildung nach ihrer Trennung von Pietro Lombardi genannt. Doch all das sind letztlich nur Theorien. Nichts davon rechtfertigt auch nur ansatzweise das, was Sarah tagtäglich lesen oder hören muss. Hoffentlich bekommt sie vieles davon gar nicht erst mit.
Zurück zum ESC: Unsere Bubble ist – wie wir alle wissen – eine ganz eigene Welt. Sie folgt ihren eigenen Regeln und Dynamiken, die Außenstehende oft nur schwer nachvollziehen können. Ehrlich gesagt verstehen wir sie manchmal selbst nicht. Aber wir wissen, dass hier andere Maßstäbe gelten.
Dazu gehört auch, internationale Acts unabhängig von ihrem Ruf im Heimatland zu feiern. So werden etwa Azúcar Moreno von deutschen ESC-Fans gefeiert, obwohl sie in Spanien durchaus polarisieren. Umgekehrt wird eine in Deutschland so kontrovers diskutierte Sarah Engels von Fans aus Israel, Polen oder anderen Ländern begeistert aufgenommen. Auch das konnte man in Wien – etwa im EuroClub – sehr gut beobachten.
Was interessiert einen ESC-Fan aus Albanien schließlich, was Pietro Lombardi in einem Podcast mit Oliver Pocher über Sarah erzählt? Gar nichts. Für ihn zählt nur, dass Sarah aus Deutschland einen „Guilty Pleasure“-EuroClub-Hit liefert – und diesen auch noch live hervorragend singt. Damit erfüllt sie alle Kriterien einer ESC-Popdiva. Alles andere spielt in dieser Welt kaum eine Rolle. Unser Blogger Peter sagt den Acts gerne: „Einmal ESC-Bubble, immer ESC-Bubble.“ Und tatsächlich gewinnen viele Künstler*innen hier Fans, die ihnen über Jahrzehnte hinweg treu bleiben.
Meine Vermutung ist, dass Sarah dieses besondere Gefühl schon früh gespürt hat. Spätestens während der Pre-Partys dürfte sich dieser Eindruck bestätigt haben. Bloggerin Laureen hatte in Wien die Gelegenheit, sie nochmals zu interviewen, und fragte gezielt, ob sie sich vorstellen könne, auch künftig Teil der ESC-Bubble zu bleiben. Sarah bejahte das. Sie schätze die positive Atmosphäre und den enormen Zuspruch, den sie erfahre. Deshalb könne sie sich gut vorstellen, auch über den Wettbewerb hinaus in irgendeiner Form Teil dieser Community zu bleiben.
Besonders eindrucksvoll wurde das im Eurofan House in Wien. Als Sarah dort auftrat, drohte die Location beinahe aus allen Nähten zu platzen. Minutenlang skandierte das Publikum ihren Namen. Spätestens in diesem Moment dürfte ihr bewusst geworden sein, dass der Eurovision Song Contest für sie vielleicht so etwas wie ein Safe Space außerhalb Deutschlands geworden ist. Zumal sie auch ziemlich am Anfang ihrer ESC-Reise bedauert hatte, dass der Rückenwind aus Deutschland ausbliebe und sie in und von anderen Ländern etwas ganz anderes beobachtet hatte.
Sarahs ESC-Reise war sicherlich sehr anstrengend und sie – und wir – hätten uns auch ein anderes Ende gewünscht. Wie Sarah heute, einige Wochen nach dem Finale, auf die ESC-Bubble blickt, ist nicht bekannt. Sicherlich musste auch sie zunächst das Finalergebnis verarbeiten. Doch eines dürfte feststehen: Die Türen der ESC-Community stehen ihr weiterhin offen. Und ESC-Events gibt es bekanntlich das ganze Jahr über.
Was meint Ihr: Ist Sarah in der ESC-Bubble angekommen, um zu bleiben? Habt ihr ähnliche Beobachtungen gemacht? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!
In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:
- (1) Die schönsten Wien-Bilder der Blogger*innen
- (2) Mein erster Eurovision Song Contest vor Ort
- (3) Wie war Wien als Gastgeberstadt 2026?
- (4) Das „Eurovision at 70“-All-Star-Medley beim ESC 2026 in Wien – ein neuer Klassiker
- (5) ESC 2026 in Wien: All My Life for a Night Like
- (6) Tagebuch ESC 2026: Mini-Storys aus meiner Zeit in Wien
- (7) Bevor wir heimgehen … Sechs Nächte im Euroclub
- (8) Zero points – Wie nah dran Sarah Engels, Essyla und UK an Televotingpunkten waren
- (9) Machen die neuen Jury-Regeln das ESC-Endergebnis unvorhersehbar?
- (10) Zu viel Drama, zu wenig Bangaranga? Warum die Favoriten 2026 scheiterten
- (11) So haben sich Juryvoting und Televoting beim ESC 2026 unterschieden
- (12) Eigentlich nur ESC – Ein Reisebericht zu meinem ersten ESC vor Ort
- (13) Deutschlands erstes ESC-Jahr unter Federführung des SWR – Die ultimative Bilanz
- (14) Absturz beim ESC 2026: Was ist mit Schweden passiert? Und wie geht es weiter?
- (15) Nicht im Finale, aber längst in unseren Herzen
- (16) Wie eine Inszenierung einen Song verändern kann – Die Magie hinter dem Staging von „Bangaranga“
Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:
- Bye Bye Basel: Unser Rückblick auf den ESC 2025
- Malmö Memories: Unser Rückblick auf den ESC 2024
- Leaving Liverpool: Unser Rückblick auf den ESC 2023
- Torniamo a Torino: Unser Rückblick auf den ESC 2022
- Replay Rotterdam: Unser Rückblick auf den ESC 2021
- Talking Tel Aviv: Unser Rückblick auf den ESC 2019
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Schln und vor allem ihre Reaktionen zu den Songs der anderen diesjährigen Teilnehmer am ESC war auch klasse und stellte die von ESC KOMPAKT komplett in den Schatten!
Och Matty…
Fit?
Hab sie auch kritisiert aber trotzdem dranbleiben.
Mit einem anderen song hätte sie sich besser abgeschnitten!
Ihr Auftritt beim Teppich hatte hollywood und Cannes flair.
Am besten fand ich auch „Sarah Engels singt Hate-Kommentare“:
https://youtube.com/shorts/-G9cEOUF1EE?is=zOvoEj8tdjxFggJz