Advent der besten ESC-Momente (20): Platz 5 – Der missverstandene Antiheld

Eurovision-Advent_Momente_Aufmacher_20_Bild

Wir haben Euch im letzten Monat nach Euren ESC-Lieblingsmomenten gefragt. Momente, die Euch berührt haben, Momente die euch ausflippen und zum ESC-Fan haben werden lassen. Einen lieben Dank an dieser Stelle an alle die dabei mitgemacht und so insgesamt 224 unterschiedliche ESC-Momente in die Auswahl gebracht haben. Diese haben wir mit Punkten im ESC-Schema versehen und ausgewertet – und präsentieren Euch nun Eure liebsten 20 Momente – jeden Tag einen neuen. Bis Heiligabend!

 

Platz 5: Salvador Sobral „Amar Pelos Dois“ (83 Punkte)

Es gibt Artikel, da frage ich mich schon vor dem Verfassen, ob diese die Mühe eigentlich Wert sind. Das heutige Adventstürchen ist leider, aufgrund der zu erwartenden Kommentare, so ein Artikel.

Portugal war lange eines der erfolglosesten Länder des Eurovision Song Contest: Von bis heute 51 Teilnahmen schaffte das Land nur zehnmal den Sprung unter die besten zehn Plätze. Vor dem Jahr 2017 konnten nie die besten fünf Plätze erreicht werden, die beste Platzierung gelang 1996 der Sängerin Lúcia Moniz mit einem sechsten Platz. Mit der Einführung der Halbfinale im Jahre 2004, gelangte Portugal vor 2017 lediglich nur drei mal überhaupt die Qualifikation fürs Finale.

2016 verzichtete Portugal aus finanziellen Gründen erneut auf eine Teilnahme und veränderte, nach Umstrukturierungen im federführenden Sender RTP, auch sein Vorentscheidungsformat Festival da Canção. Nun wurden erfolgreiche Komponisten damit beauftragt, Songs für den Song Contest zu komponieren. Unter ihnen war 2017 auch die Sängerin Luísa Sobral, die sechs Jahre zuvor bei der portugiesischen Castingshow „Idols“ dritte wurde und anschließend alle fünf ihrer Jazz-Alben in die heimischen Charts brachte.

Lúisa schrieb das sparsam instrumentierte Lied „Amar pelos dois“ („Für beide lieben“) für ihren Bruder Salvador Sobral, der bis zu diesem Zeitpunkt eher durch kleine Jazz-Bars zog und sich dort der oft improvisierten Jazzmusik hingab. Salvador empfindet Musik, die etwas aussagt oder es vermacht zu berühren, als einzig interessant und lässt sich beim musizieren gerne treiben. Musik muss für ihn „echt“ sein. 2016 nahm er sein Debütalbum „Excuse me“ auf, dass aber erst im Anschluss an den Eurovision Song Contest in Kiew ein großer kommerzieller Erfolg werden sollte. Schon nach seinem ersten Auftritt im 1. Halbfinale beim Festival da Canção entwickelte sich ein Hype um „Amar pelos dois“. Der Mitschnitt des Auftrittes erreichte schnell mehrere Millionen Aufrufe auf YouTube. Im Finale setzten ihn die Jurys auf den vorderen Rang, die Zuschauer auf den zweiten Platz und Portugal hatte mit Salvador seinen Repräsentanten gefunden.

Die ESC-Fans reagierten allerdings gespalten: Die einen fühlten sich emotional berührt, liebten die sanfte Stimme Salvadors, die anderen erlebten „Amar pelos dois“ als unglaublich altbacken und Salvadors Art und Bewegungen als „unangenehm“. So wurde der portugiesische Beitrag anfangs eher im oberen Mittelfeld gewettet.

Die treibende Kraft hinter der Teilnahme Salvador Sobrals war allerdings seine Schwester Lúisa, die ihren Bruder aus gesundheitlichen Gründen auch bei den meisten Proben in Kiew vertrat. Sie war auf einer Art Mission für Portugal. Das Lied hatte sie in der Absicht verfasst, die Schönheit der portugiesischen Sprache und die Identifikation mit dem Land wiederzugeben. Vor Ort entwickelte sich ein Hype um das atmosphärisch friedliche Lied. Die bisher recht erfolglosen portugiesischen Fans fingen langsam an, an einen möglichen Sieg zu glauben.

Spätestens als Salvador am Tag des Red Carpet nach Kiew anreiste, geriet er in die für ihn völlig fremde und auch ungeliebte ESC-Bubble mit stressigen Tagesabläufen von Proben, Interviews und Partys. Das war nicht seine Welt, ein einziges Lied viermal hintereinander Proben zu müssen, widerstrebte ihm. Ihm war es wichtiger, Menschen zu berühren, als zu gewinnen. Auch Interviews nutzte er immer wieder, um darauf und auf politische Botschaften hinzuweisen. Doch für seine Schwester überwand er sich und improvisierte nur selten bei den Proben, so schwer es ihm auch fiel.

Die Punktevergabe des Song Contest geriet zu einem überwältigten Triumph für Portugal: Stolze 18 Jurys zückten die Höchstwertung. Mit unglaublichen 382 Punkten und einem Vorsprung von über 100 Punkten begann die unvorhersehbarere Zuschauerwertung. Aber auch hier siegte Salvador überlegen und bekam aus allen Ländern (!) mindestens 5 Punkte. Am Ende gelang Portugal die höchste bis heute je erreichte Punktzahl von 758 Punkten. Dieses Gefühl, für seine Musik mit Punkten statt nur mit Applaus und Interaktion bedacht zu werden, schien Salvador allerdings unangenehm. Seine, für ihn humorvollen, Albernheiten während der Punktevergabe kamen nicht bei allen Fans gut an.

Bei der anschließenden Preisübergabe wurde Salvador gebeten, noch ein paar Worte zu sagen. Und diese ihm wichtigen Worte sollten für viel Presse und Ärger im Nachgang sorgen und ihn bei vielen Fans zu einem der unbeliebtesten Sieger der letzten Jahre werden lassen. Und doch zeigten diese Worte genau das, was ihm selbst wichtig war: Dass Musik aus Salvadors Sicht wichtig sein solle, berühren solle. Es ginge letztendlich nicht um Feuerwerk und die große Show, Musik solle wieder bedeutend werden. Ein Wunsch, den man einem Musiker wie ihm abnehmen kann, der aber in einem Wettbewerb, in dem es eben nicht nur um Musik geht und in dessen Kontext man diese Worte auch als Kritik an den anderen Künstlern und Auftritten verstehen kann, selbstverständlich spaltete und teils heftige Reaktionen verursachte.

Zum Abschluss sang Salvador sein Lied „Amar pelos dois“ nochmal im Duett mit seiner Schwester.

Portugal empfing Salvador wie einen Helden, sein Album „Excuse me“ hielt sich fast ein Jahr in den Charts. Er gab viele umjubelte Konzerte, bevor er sich für seine Herztransplantation aus der Öffentlichkeit zurückzog. Diese verlief glücklicherweise gut, wenn auch nicht ohne Komplikationen und so konnte er schon im Mai 2018 seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der schweren Operation beim Song Contest in Lissabon geben. Auch hier war Salvador aber wieder weniger für seine Musik als für seine Aussagen im Gespräch, nachdem er in einem Interview sagte, dass er das Lied „Toy“ von Favoritin Netta gehört habe und es schrecklich fände.

Eurovision-ESC-Salvador-Sobral-Portuagl-2019

Anfang 2019 veröffentlichte Salvador sein zweites Album „Paris, Lisboa“. In einem Interview in der schwedischen Talkshow Skavlan, erzählte der wieder sichtlich zu Kräften gekommene Salvador nochmal rückblickend von seinen Empfindungen im Rahmen des Contests. Dabei ging besonders sein humorvoller Einwurf, er habe sich für den ESC prostituiert, durch die Medien und die Fanpresse. Dass er diese Worte im Verlauf des Interviews verständlich für sich begründete, fand wiederum kaum Beachtung und zeigt leider abermals, in welchem gesellschaftlichen und medialen Momentum wir derzeit verankert sind.

Salvador ist ein Musiker, der ehrlich auf Fragen antwortet, die man ihm stellt. Der seine Ansichten aber auch versucht, zu erklären. Ein Musiker, dem Musik nur wichtig ist, wenn diese etwas bedeutet oder etwas in ihm auslöst. Das mag nicht jedem gefallen und eventuell sogar ungewollt beleidigen, selbst wenn das nicht seine Absicht ist. Er hat sich in einer schwachen Zeit seines Lebens aus Liebe zu seiner Schwester in den aufreibenden Zirkus des Eurovision Song Contest ziehen lassen und es hat ihm vieles daran nicht gefallen.

Es liegt an uns, die wir in allen möglichen Situation nach Toleranz rufen, diese auch selbst zu zeigen und nicht nur unsere eigene Meinung als die einzig wahre Wahrheit hinzustellen. Und vor allem liegt es an uns, diesen für einige sehr berührenden musikalischen Moment als solchen einfach mal stehen zu lassen, damit jeder ihn unbeschwert genießen kann. Selbst wenn man musikalisch damit nichts anfangen kann.

 

Die bisherigen Adventstürchen findet Ihr übrigens hier:
Teil 1 – Die frühen Jahre (1956 bis 1999)
Teil 2 – Alles Neu? Die Jahre 2000 bis 2019
Teil 3 – Das große Drumrum (Openings & Interval-Acts)
Teil 4 – Und bei uns so? Deutsche Beiträge
Platz 20: Johnny Logan „Hold me now“ (33 Punkte)
Platz 19: Dana International „Diva“ (34 Punkte)
Platz 18: Interval-Act „Switch Song“ (36 Punkte)
Platz 17: Opening 2013 „We write the story“ (37 Punkte)
Platz 16: KEiiNO „Spirit in the sky“ (39 Punkte)
Platz 15: Loreen „Euphoria“ (40 Punkte)
Platz 14: Sertab Erener „Everyway that i can“ (41 Punkte)
Platz 13: Alexander Rybak „Fairytale“ (42 Punkte)
Platz 12: Lill Lindfors – Moderation 1985 (44 Punkte)
Platz 11: Interval-Act „Riverdance“ (47 Punkte)
Platz 10: Guildo Horn „Guildo hat euch lieb“ (54 Punkte)
Platz 9: Nicole „Ein bisschen Frieden“ (55 Punkte)
Platz 8: Marija Šerifović „Molitva“ (62 Punkte)
Platz 7: Intervall-Act Madcon „Glow“ (74 Punkte)
Platz 6: Michael Schulte „You let me walk alone“ (77 Punkte)


61 Kommentare

  1. Ja, ja, auch hier zeigen sich die zwei Seiten des ESCs: die, die gute Musik möchten (egal woher) und die, die eine Show mit Titten, Ärschen, Feuerwerk und kreischenden Sängern (als Showakt) sehen wollen.

    Leider war es gerade in den 00er-Jahre üblich, das Letztere zu belohnen, so dass auch ich zu denen gehöre, die beim ersten Hören des portugiesischen Beitrages von 2017 eine Träne verdrückten, und dies auch heute noch tun. Ein unglaublich schönes und bewegendes Lied passierte da vor meinen Augen und Ohren, selbst in Lissabon bei der Wiederholung magisch. Ein würdiges Siegerlied, für immer und ewig.

    Was dahingegen Salvador Sobral sonst noch zu sagen hat oder singen wollte, ist mir persönlich schnuppe, so wie bei fast allen anderen Siegern. Sein Lied hat mich, so unglaublich es auch klingt, berührt und wird es auch weiter tun.

  2. Für Portugal hat mich der Sieg sehr gefreut, sind sie doch oft weit unter Wert geschlagen worden. Leider sagt mir der Musikstil von Salvador Sobral so gar nicht zu. (Mache mich wieder extrem unbeliebt, ich weiss). Aber, sorry, ist nun mal nicht mein Geschmack. Aber natürlich hat er Recht, es sollte wieder mehr Wert auf die Musik gelegt werden. Die Show wird in der Tat manchmal etwas übertrieben, sehe ich auch so.
    Und ich hätte ja auch mit einer guten Platzierung für Salvador Sobral gerechnet, aber Sieg hat mich dann doch etwas erstaunt.

  3. @aufrechtgehn.de war der erste, der mich auf salvador sobral aumerksam gemacht hatte. Und ich war von ihm als typ und vom gesamtpaket auf anhieb begeistert. Sein verzotteltes erscheinungsbild, die spastischen bewegungen und der zarte song….fabelhaft.
    Ich muss aber sagen, dass das ganze drumherum mit krankheit, schwester, kann nicht singen, pressekonferenz usw. mich dann eher in die egal-fraktion getrieben hat.
    Der abschluss mit dem duett mit seiner schwester hat mich dann aber wieder voll gepackt.
    Ein würdiger und verdienter sieger

  4. Ein ganz toller geschriebener Beitrag, danke Manu.

    Ich war in Kiew dabei und habe die Freude und Tränen in den Augen der portugiesischen Delegation gesehen. Allein dafür hat sich der Sieg gelohnt.
    Mit dem Lied fremdle ich ein bißchen, aber das ist halt Geschmackssache.
    Das Salvador immer wieder nir so halb wiedergegeben wird und dann dieser Negativ-Medienhype erzeugt wird ärgert mich. Er hat doch recht. Es gibt das Sprichwort: Getroffene Hunde bellen. Schaut mal wer als erstes geschriehen hat nach den Worten bei der Siegerehrung…..der unsäglich plastische Schwede und Mr. Kanone Rumänien…..

    Den Song mit seiner Schwester zu singen war sehr bewegend. Das hat mir Gänsehaut gemacht.

    Und im Jahr danach Lissabon erleben zu dürfen….einmalig. Danke Salvador und Luisa Sobral.

  5. Manu, dieser Artikel war, wie übrigens alle Deiner Adventsartikel, alle Mühe wert, vielen Dank dafür!

    Ich bin Portugal beim Grand Prix eigentlich fast immer wohlgesinnt, da die Titel sich meist positiv vom Durchschnitts-ESC-Titel abheben und sich nicht nach aktuellen Moden richten. Salvador Sobrals Lied finde ich gut, es gehört allerdings nicht zu meinen absoluten portugiesischen Favoriten. Das große Berührtsein vieler habe ich auch nicht ganz 100%ig nachvollziehen können, am nächsten kam ich diesem Gefühl beim Auftritt zusammen mit seiner Schwester. Mein Liebling bei der portugiesischen Vorentscheidung 2017 war übrigens „Nova gloria“ von Viva la Diva (der Titel, der bei den Fernsehzuschauern gewann).

    Salvador Sobrals Kritik am ESC dahingehend, dass es dort zuviel um Feuerwerk und große Show und zu wenig um die Musik geht, hat mir jedoch hervorragend gefallen und ich schöpfte große Hoffnung, dass das positive Auswirkungen auf die Zukunft des ESC haben könnte. Wenn man sich dann aber anschaut, was für ein schwacher Titel dank billiger Showeffekte im Folgejahr den zweiten Platz erreichen konnte (sodass ich über den Sieg des von mir ungeliebten „Toy“ noch erleichtert war), dann war diese Hoffnung wohl vergebens. Ganz im Gegenteil, jetzt wird sogar das Festival i Kenges kaputt gemacht durch vom Lied ablenkende Lasershows und hektische Videobilder im Hintergrund. 🙁

  6. Habe Portugal den Sieg absolut gegönnt. Aussergewöhnlicher Song und aussergewöhnlicher Sänger. Alles richtig gemacht Portugal. War wenigstens mal wieder eine Überraschung und nicht von vornherein abzusehen.
    Und der Artikel war die Mühe wert🤗

  7. Im Grunde genommen ist mein Kommentar dazu der gleiche wie zu Molitva vor ein paar Tagen: Hochverdienter Sieg, weil ehrlich, berührend und authentisch!

  8. ++ tolles Türchen, super geschrieben Manu!
    So aus der Zeit gefallen, es gehört eigentlich in einen ESC der 50er Jahre.
    Ich hätte mir für diese Nummer ein Orchester in Kiev gewünscht.
    Luisa hat mich in ihrer feinen zurückgenommenen Art in den Proben und im Duett am Ende total an Gigliola Cinquetti (Siegerin 1964) erinnert. Ich krieg immer noch feuchte Augen bei der Siegerreprise.
    Ich bin wie Rainer1 seit dem Artikel zum VE bei aufrechtgehn.de ein großer Fan der Nummer gewesen und konnte es anfangs kaum glauben, dass er wirklich gewinnen könnte.

  9. Tolles Ende des Artikels! Ich gönne jedem den Salvador-Moment. Genauso wie man mir eben zu gönnen hat, mich an „Zero Gravity“ zu erfreuen, ohne dazwischenzumotzen 😉
    Bühnenshows sollen für mich unterstützend wirken. Daher darf bei einer Uptempo-Nummer auch gerne Pyro und Tanz kommen. Und auch Salvador hatte ein Staging! Ja klar! Da war ein hübscher Wald auf der Leinwand ^^

    • Zero Gravity mag ich auch ganz besonders! Aber war da auch Pyro beim Auftritt? Ich erinnere mich nur noch an den großen Mann, der die Sängerin hereingetragen hat und irgendwas mit Blumen im Hintergrund. Das lenkt natürlich auch ein bisschen vom Song ab, aber es tut mir nicht in den Augen weh wie Pyro, hektische Leinwandbilder und Lasershows.

      • Ihr redet aneinander vorbei. 😉

        ESCFan2009 = Zero Gravity = Australien 2019
        Thomas M. (mit Punkt) = Gravity = Ukraine 2013

      • Oh, danke porsteinn! Wie peinlich von mir! Kates „Zero gravity“ fand ich natürlich auch super. Auch hier wieder: Einer der Fälle, in denen mir die Inszenierung sogar gefallen hat, aber das Entscheidende war für mich das Lied an sich, das fand ich toll.

  10. Ich sehe das ein bisschen anders als viele hier. Wenn ich an einem Wettbewerb teilnehme, sollte ich diesen schon auch respektieren, denn es zwingt mich ja niemand, daran teilzunehmen. Pauschale Urteile finde ich da deplatziert, ich gehe ja auch nicht zu irgendeinem Sportwettbewerb, um mich dort dann über eben diesen Sportart auszulassen.
    Außerdem finde ich es verlogen, wenn die Inszenierungen beim ESC kritisiert werden, dann aber beim eigenen Auftritt das Publikum Handlungsanweisungen bekommt (in diesem Fall: absolute Ruhe).

    • Nun ja, es gab aber auch mal Zeiten, da war Ruhe im Publikum selbstverständlich, denn es galt ja, dem Song zuzuhören und nicht Fahnen zu schwenken und der Pyro-Lasershow auf der Bühne ein ähnliches Spektakel abseits der Bühne entgegenzustellen. Ja, ja, früher …;-)

      • Das ist bei dem einen oder der anderen sicher der Fall gewesen, aber das zu verallgemeinern wäre fast genauso falsch wie wenn ich sagen würde „Das heutige ESC-Publikum ist hauptsächlich an Party-Machen und Selbstinszenierung interessiert und hört lieber sich selbst singen als die Künstler auf der Bühne.“

    • Absolute Zustimmung! Ich fand das absolut respektlos! Er hätte ja nicht antreten müssen, wenn er keine Ahnung vom Wettbewerb hatte und noch nicht einmal die Proben mitmachen konnte. Sich dann nicht einmal die Songs im Folgejahr anzuhören, weil die ja ach so schlimm sind, und dann im Nachhinein noch negativ über den ESC ablassen, ich zitiere: „Dieser Wettbewerb war eine Prostitution“ Unglaublich…

    • Sehe ich genauso, Benny – Salvador hat sich ein Gast verhalten, der pampig über ein 5-Gänge-Menü verschlingt – ohne den ESC würde er vermutlich weiter in Barcelona in der U-Bahn singen. Geschmacklos für mich die Inszenierung als todkranker Modeverachter, der zu erschöpft ist, zu proben, aber dann aufgekratzt bei PKs rumspringt und vermutlch mehr Zeit für das Platzieren seiner immer gleich liegenden Haare braucht, als viele, de er als „plastic“ bezeichnet. Reality-TV Gehabe vom Feinsten – ist ja ok; ironischerweise sprach das oft gerade die Leute an,die diese Art Zirkus bei zB schwedischen oder griechischen SängerInnen lamentiert hätten.
      Lied ist nett, könnte in einem alten Film laufen, während Rita Hayworth gerade eine Bar in Montevideo betritt.

  11. Hach. Schmelz (nicht Schmalz! Was für einen Unterschied ein einzelner Buchstabe machen kann …). Wunderbar zerbrechlich und nostalgisch elegant. Besser geht’s nicht, zumindest beim ESC. Neben ‚Oro‘ mein Lieblingsbeitrag der Jahre nach der Jahrtausendwende.

    Danke für dieses Meisterwerk, Luisa,und danke für den fantastischen Vortrag, Salvador.

  12. „und zeigt leider abermals, in welchem gesellschaftlichen und medialen Momentum wir derzeit verankert sind.“

    Wie wahr, wie wahr … und wie traurig. Das ist die Twitterisierung jeglichen Diskurses, die Verkürzung von Argumenten zu Slogans. 🙁

  13. Auch ich war in KIew vor Ort und ich habe bei Salvadors Auftritten gemerkt, dass ich hier etwas magisches erlebt habe. Obwohl ich absolut kein Jazz Fan bin, habe ich auch eines seiner Konzerte in Deutschland besucht, weil ich neugierig war, wie ein ganzes Konzert von ihm sein würde. Ich war sehr positiv überrascht, wie humorvoll er ist, was für ein begnadeter Sänger und Künstler in ihm steckt und dass er mich mit Musik begeistern konnte, die mir eigentlich nicht so zusagt. Ich mag den ESC genauso bunt und facettenreich, wie er ist. Und dazu gehört auch Salvador Sobral, weil er mit seiner Art absolut etwas besonderes hat.

  14. Hier kann ich nur das gleiche wie bei Molitva und Euphoria sagen:
    Hochverdienter Sieger, authentisch und charismatisch.

    Ich weiß noch, wie ich gejubelt habe, wo die 12 Punkte geflogen sind, wahr gefühlt ein Portugiese.

  15. Zwar war damals Belgien meine Nummer 1, aber Portugal kam gleich dahinter und über Salvadors Sieg habe ich mich auch tierisch gefreut. Es war einfach ein soo anderer Siegertitel der eine ganz spezielle Atomosphäre geschaffen hat die mir immer noch Gänsehaut beschert. War auch sehr positiv überrascht dass der Song auch im deutschen Televoting 12 Punkte abgeräumt hat.

    Portugal hat aber allgemein schon einige Perlen zum ESC geschickt, besonders toll gefallen mir da die Titel aus den Jahren 1991,1993,1994 und nicht zu vergessen das großartige „Senhora do mar“ aus dem Jahr 2008.

  16. Unverdient! Mehr sage ich nicht…

    Und wo ist eigentlich Love Love Peace Peace? Ich hatte doch stark damit gerechnet, dass es dabei sein würde. Aber in den Top 4? Ich glaube eher nicht.

    • Love love peace peace, Conchita und Lena sehe ich als gesetzt – der 4. ist mir nicht klar, ev ESC dahoam in DUS als Ganzes?

      • Ja da bin ich auch hin- und hergerissen; einerseits – ESC-Countdown ohne ABBA fühlt sich strange an. Andererseits kennen die allermeisten von uns das nur aus Rückblicken, so daß der Auftitt eher historische Bedeutung hat, als dass man den wow-Effekt erlebte wie bei Alex Rybak, Lena oder „Mans nackt mit Wölfen.“

  17. Zur moralisierenden Salvadordiskussion: Ich finde, dass es die Aufgabe von Künstlern ist, anzuecken, zu verstören, den Spiegel vorzuhalten, manchmal auch zu beleidigen. Ich habe noch keinen ernstzunehmenden Künstler kennengelernt, der ein einfacher Mensch ist; und bitte glaubt mir, dass ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe in meiner Münchner WG 10 Jahre lang mit einem inzwischen nicht mehr unbekannten Schauspieler und einr Malerin zusammen gelebt. Das war manchmal die Hölle, vor allem wenn es um Dinge wie putzen oder Wäsche waschen ging … Und auch aus beinahe 30 Jahren literaturwissenschaftlicher Forschung sind mir nur sehr wenige Künstler bekannt, die nicht schwierig und anstrengend waren. Die meisten waren schlichtweg überheblich, haben aber trotzdem (oder eher deshalb?) große Kunst hervorgebracht. Wer im bestehenden System perfekt funktioniert und eiligst den Knicks macht, zumal in einer bis zur Leblosigkeit glattgebügelten Veranstaltung wie dem ESC, ist für mich wenig mehr als eine Marionette der Unterhaltungsindustrie. Solche Menschen gehören nicht in die Welt der Kunst, sondern in Tante Gertruds allsonntägliches Kaffeekränzchen.

    • @togavrus

      Beim letzten Satz musste ich so lachen!! Aber ich finde auch dass Salvador Recht hatte, und bei der Reaktion des glattgeleckten Schweden von 2017 kommt mir auch dass Sprichwort in den Sinn: Getroffene Hunde bellen!! 😉

      • Ich finde, dass der ESC alles sein kann. Das ist doch das Schöne daran: Wir können „Party for Everybody“ und „Suus“ im selben Jahrgang in den Top 5 sehen. 🙂

      • Putzigerweise beides Lieder, die ich nicht ausstehen kann ;-). Dazu hatte der Jahrgang mit Aphrodisiac and dem Diktatoren-Verwandten als Interval Act noch 2 weitere meiner persönlichen Tiefpinkte.

      • Immerhin marginal besser als das dahingequiekte Secret combination.

  18. Traurig: 🙁

    Alain Barrière (Frankreich 1963) ist tot

    und ebenfalls Sir Kenny Lynch (VE UK 1862), der wirklich erste schwarze Interpret beim ESC

    Ruhet in Frirden !

  19. Oje, es war klar, dass das früher oder später kommen würde. Zweifelsohne einer der emotionalsten Momente – für mich leider nur ein Tiefpunkt seinesgleichen. Die Zeit, auf die man sich eigentlich am meisten freut, nämlich auf die ESC-Woche als Höhepunkt des Jahres, endete in einer einzigen Katastrophe. Gerade im Hinblick auf den leeren und nur schwer zu ertragenden Sommer (ich kann Hitze nicht ausstehen und fühle mich oft bedrückt), der ja dann immer vor der Tür steht, eigentlich immer ein guter Moment zum Luftholen.
    Dabei lief die Vorentscheidssaison. Es gab viele gute Lieder, und am Ende kam ein wirklich gutes Line-Up für den ESC 2017 hinaus, welches viel besser als das im Vorjahr war. Salvador lief für mich unter dem Radar. Ich habe darin einfach nichts sehen können, keine Gefühle, keine Emotionen. Bis zu den Proben hin war das für mich ein sicherer Kandidat für die Nichtqualifikation. Gerade als es dann mit großen Schritten auf den ESC zuging, ging es mir auch persönlich nicht ganz so gut (werde das jetzt nicht näher erläutern), sodass der anstehende Contest ein wenig auch ein Anker der Hoffnung war.
    Dann begann ja mit den Proben der Hype um das Lied und seinen dazugehörigen Sänger, Salvador Sobral. Für mich war das total unverständlich. Besonders Salvador mit seinen wichtigtuerischen Statements und Kommentaren hie und da und das ganze „Sonderbare“ (Proben von der Schwester vertreten, Krankheit…), was ihm ja auch letztendlich einen Sonderstatus einbrachte, erschienen mir so unecht, aufgesetzt, künstlich. Dann sieht man in den Halbfinalen, wie die gesamte Top 4 (!) von einem rausfliegt, was einen schon etwas kränkt, während *so* ein Beitrag nun als Sieger gesehen wird. Am Ende habe ich einfach gehofft, dass das (eigentlich schon tote) Pferd Italien doch noch den Sieg holt, aber vergebens: Da lag das Kind schon im Brunnen. Das nichtssagende, belanglose Lied hat gesiegt. Mit Höchstpunktzahl. Unglaublich – und offen gesagt kann ich es bis heute nicht ernsthaft nachvollziehen. Ich kenne wirklich niemanden, der das Lied mag. Absolut keiner im „echten“ Leben. Auch die Versuche sich einzureden, dass es Portugal als Land an sich als Ausgleich für viele tolle Beiträge und seiner dauerhafter Erfolgslosigkeit verdient hatte, scheiterten. Ich kann es einfach nicht, ich kann es nicht. Der Beitrag und sein Künstler polarisieren bis heute, die Fronten sind verhärtet (was ja nicht zuletzt an Manus Einstieg für diesen Beitrag ersichtlich wird) und werden es vermutlich noch lange bleiben. Ob das den ESC an sich verändert hat? Ich weiß es nicht, habe aber das Gefühl, dass die Umgangssprache in der Bubble doch etwas verroht ist (Zusätzlich sprach ja Togravus bereits die „Twitterisierung“ an, die ich ganz furchtbar momentan finde). Zum Glück folgte auf die Zeit ja ein buchstäblich ins Wasser gefallener Sommer und ein guter Nachfolge-ESC, sodass die Angst etwas gelindert wurde. 😉

    Kurzum: Das leere Liedchen füllte sich für mich mit lauter negativen Erinnerungen und purer Abneigung. Wenn ich das Lied heute noch irgendwo ertragen muss, so kommen da ebendiese weder hoch. Deswegen kann ich das Werk (und den dazugehörigen Künstler) durch die entwickelte Antipathie nur strikt ablehnen. Ich freue mich zwar etwas für die, die über den Sieg erfreut waren und sich wieder mehr mit dem Wettbewerb identifizieren konnten. Ich konnte es anschließend nur weniger…
    Aber Lieder, die negative Gefühle wie ein Schwamm aufsaugen können, gibt es ja immer wieder. Mir fallen zusätzlich noch „Quedrate Conmigo“ und „A Monster Like Me“ ein, die für mich ein rotes Tuch sind.

    Okay, das war etwas länger als erwartet, aber das musste jetzt zu dieser Gelegenheit einfach raus. Die restlichen Türchen können ja nur besser werden.

  20. Danke für Deine Schilderung, wie es Dir 2017 erging. Dieses Enttäuschungsgefühl am Ende eines ESC kenne ich nur zu gut, vor allem wenn eine solche Euphorie für einen Titel zu erleben ist, die man selbst nicht nachvollziehen kann. Bei Salvador Sobral war für mich die Euphorie und der haushohe Sieg auch nicht verständlich, immerhin fand ich den Titel aber doch ganz akzeptabel und konnte also ganz gut damit leben.

  21. Ich muss jetzt leider mal Klartext reden. Es darf ja jeder über „Amar pelos dois“ denken, was er will, aber das Thema Gesundheit ist ein aderes. Salvador Sobral hat ein Jahr nach dem ESC ein neues Herz bekommen. All jene, die vor diesem Hintergrund in Bezug auf seine gesundheitlichen Probleme von Inszenierung oder Kalkül sprechen, zeigen uns nur eines: Sie sollten mal die moralische Integrität ihres Charakters überprüfen. Da scheint mir doch noch sehr viel Luft nach oben zu sein.

    • @togavrus ceterum

      Volle Zustimmung meinerseits!! Man muss den Song wirklich nicht mögen, aber sich einerseits über den Charakter von Salvador aufregen um dann andererseits indirekt zu behaupten er hätte seine Krankheit nur simuliert ist finde ich einfach nur verlogen und hochgradig geschmacklos!!

      • Jetzt macht mal halblang. Ich kann hier nirgends den Vorwurf lesen, Salvador hätte seine Krankheit inszeniert. Falls Ihr Euch auf den heutigen längeren Kommentar beziehen solltet, da ist lediglich zu lesen, wie das „Gesamtpaket“ Salvador Sobral mitsamt dem Hype drumrum DAMALS auf einen Leser wirkte, der zu dieser Zeit in einer nicht so guten Grundstimmung war.
        Klar, in der Klammer steht zwar auch das Wort Krankheit, das war etwas ungeschickt, zumal es das letzte ist, was vor den drei Adjektiven steht, über die Ihr Euch sicher am meisten geärgert habt, aber diese beziehen sich eben auf den GANZEN Satz.

        Ich bin ziemlich sicher, dass Salvador dieser ganze Hype, für den er m.E. nichts kann, damals selbst ziemlich unangenehm, ja sogar unheimlich war. Und ich bin so froh, dass die Herz-Operation gut gelaufen ist und es ihm jetzt sichtlich besser geht!

  22. @Thomas M.

    Im langen Kommentar schrieb der User dass das ganze „Sonderbare“, darunter die Krankheit (finde es sowieso grenzwertig eine Krankheit als „sonderbar“ zu bezechnen) auf ihn unecht, also nicht authenthisch wirkte.

    Sorry, aber für micht ist da nicht so viel Raum für Interpretationen. Finde es allgemein nicht gerade fair die negative Stimmung die man hat (auch wenn ich dass von mir selber kenne) einfach so auf andere Personen zu projezieren. Auch das „Argument“dass man ja keinen kenne der den Song mag ist finde ich ziemlich schwachbrüstig. Vielleicht gab es ja welche die den Song mochten, aber wenn der beste Kumpel da schon so eine negative Einstellung sagt man halt lieber nichts bzw. stimmt ihm der Friedenserhaltung wegen zu.

    Ich sehe aber schon dass wir in diesem Punkt nicht auf einem gemeinsamen Nenner kommen werden, deswegen werde ich mich dazu nicht mehr äußern.

    Wünsche dir aber dennoch ganz ehrlich und unironisch ein schönes Weihnachtsfest!!

    • Man fragt sich auch, warum „Amar pelos dois“ das Televoting gewonnen hat, wenn niemand den Song mag. Es ist immer so ermüdend, wenn Menschen aus den Erfahrungen in ihrem limitierten sozialen Kontext (und das gilt für alle, auch mich) universelle Wahrheiten extrahieren zu können glauben.

  23. Danke ESC 1994, ich wünsche Dir auch schöne Weihnachtsfeiertage!

    Vielleicht könnten wir doch dahingehend einen gemeinsamen Nenner finden, dass der Kommentar tatsächlich die Interpretation ermöglicht, dass dem Leser die Krankheit DAMALS unecht oder zumindest überbetont erschien, dass dieser Vorwurf aber nicht vom heutigen Standpunkt aus erhoben wird (Togravus schrieb ja von der Herzoperation, das konnte er aber damals noch nicht wissen).

    Ich habe den Kommentar als eine Momentaufnahme vom Frühjahr 2017 gelesen, in der die damaligen Emotionen nochmals ehrlich beschrieben werden, v.a. wie unschön der Hype in diesen Wochen auf ihn wirkte, was dadurch noch verschlimmert wurde, dass er in dieser Zeit den ESC eigentlich als einen „Anker der Hoffnung“ gebraucht hätte.

    • @Thomas M.

      Dann hätte er es aber unmissverständlicher formulieren können. Das Wort „unecht“ ist nun mal ein Wort dass kaum Raum für andere Beudeutungen bietet.

    • Calis Kommentar ist glaube ich ähnlich wie meiner dahingehend zu sehen, dass die Krankheit (und ich weiß nicht mehr, ob man damals schon was von den Herzproblemen wußte, oder an Tourettes) sehr geschickt für PR-Zwecke genutzt wurde. Das ist meiner Ansicht nach zwar irgendwo zwischen manipulativ und geschmacklos aber im heutigen PR-Kontext legitim – aber es ist halt auch ganz klar (ebenso wie die abgewetzten Klamotten und die mit viel Mühe auf zerzaust gestylten Haare) eine ausgeklügelte Strategie gewesen, Salvador als zarte künstlerische Seele, der viele Opfer für seine Kunst bringt, zu positionieren. Ähnlich wird das bei in Casting-Shows immer wieder inszeniert (auch legitim); schräg ist für mich, es primär dieselben Leute sind, die sich über das „Getue“der Casting-Leute aufregen, die bei der Sobral/RTP-Maschinerie sehr berührt zu sein schienen.

  24. Ein wunderbarer Siegertitel, ein interessanter Künstler. Und dann auch noch Portugal! Das ich das noch erleben durfte 🙂 Auch die beiden Beiträge seit „Amar…“ finde ich ganz wunderbar. Ich hoffe, dass Portugal seine selbstbewusste Linie weiterverfolgt.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.