Advent der liebsten Blogger-ESC-Momente (17): Twelve Points für „ABBA Voyage“

Niemand hätte damit gerechnet, wie stark das ABBA-Comeback ausfallen würde, als Björn Ulvaeus mitten in der ESC-Hochphase im Mai 2021 die Pläne konkretisierte und bekräftigte, dass es in diesem Jahr neue Songs von ABBA geben würde, zum ersten Mal seit 40 Jahren.

Wir rechneten mit zwei, maximal vier neuen Songs, um die digitale Londoner ABBA-tar-Liveshow zu promoten. Erst wenige Tage vor der offiziellen Bekanntgabe konkretisierten sich die Gerüchte, dass es nicht nur die gewöhnungsbedürftige ABBA-Retro-Show mit digitalen Avataren von Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid geben würde, sondern möglicherweise ein ausgewachsenes neues Album.

Am 2. September 2021 um 19:00 Uhr stand dann die Welt still. Aus London und auf ABBA-Partys auf vier Kontinenten (eine davon in Berlin) bestätigten Björn und Benny das Erscheinen des Albums „ABBA Voyage“ am 5. November 2021.

Dieser 2. September 2021 gehört für mich uneingeschränkt zu den schönsten Blogger-Erlebnissen ever ever ever und gehört deshalb auch als 17. Türchen in unseren Adventskalender. Maximal angeheizt war ich TikTok-addicted bereits vier Tage vorher, als ABBA – ohnehin die erfolgreichste Band auf dem boomenden Bewegtbildformat – ihren eigenen TikTok-Kanal launchten. Denn das war so erfolgreich (mit über zwei Millionen Followern in einer Woche), dass es heute schon Besinnungsaufsätze darüber gibt, wie „die schwedische Legenden der Welt zeigen, wie heute Marketing funktioniert“.

Das „Erweckungserlebnis“ an diesem 2. September 2021 war für mich weniger die Ankündigung der neuen ABBA-tar-Show im eigenen Venue im smarten Londoner Queen Elizabeth Olympic Park (für mindestens fünf Jahre übrigens), und auch nicht der Ausblick auf das gleichnamige „ABBA Voyage“-Album, es waren vielmehr die beiden neuen Songs „I Still Have Faith In You“ und „Don’t Shut Me Down.

Im meinem Live-Blog konnte ich aus Ergriffenheitsgründen noch gar nichts zu den Songs selbst sagen. Wie stark mich die Songs bewegt haben, entdeckte ich authentisch erst am Samstagvormittag nach dem legendären Donnerstagabend, als mich ein sehr guter Freund anrief und meinte, da gäbe es doch diese neuen ABBA-Songs, ich sei doch auch Fan, ob die ich die schon gehört hatte und wie sie mir gefallen? Statt zu antworten, flossen bei mir plötzlich Glückstränen und ich konnte kaum sprechen, so überwältigt war ich in diesem Moment von den beiden neuen Songs und von der Herausforderung, erstmals etwas dazu zu sagen.

@originalkeano

My reaction to one of ABBA’s best ever songs. Thankyou for this 🙂 #abba #abbavoyage #annifridlyngstad #björnulvaeus #bennyandersson #agnethafältskog

♬ I Still Have Faith In You – ABBA

Wie @originalkeano ging´s auch mir…

„Faith“ und „DSMD“ waren für mich in diesem ersten „Bekennungs-Augenblick“ am Samstagmorgen und bis heute wie eine Zeitreise in die Jahre 1977 (DSMS) und 1981 (Faith), so als hätte sich nichts geändert. Klar, die Produktion ist Level 2020 (Benny Andersson hat in Skeppsholmen/Stockholm eines der besten Musikstudios Europas etabliert), aber die Songs klingen so wie ABBA zu ihren besten Zeiten. Björn sagte im Live-Blog treffend: „Wir können nur das, was wir immer schon gemacht haben. Wir kennen die Zutaten moderner Popmusik gar nicht.“

Und das müssen sie auch nicht, die Songs sind für Fans einfach mitreißend – ergreifend, stimulierend, hochemotional, perfekt komponiert und ABBA-esque unmittelbar (wieder)erkennbar. Klar, die Stimmen von Agnetha und Frida sind (in Würde) älter geworden, aber auch das macht für mich einen Teil der Faszination aus. ABBA verstellen sich nicht, sie wollen das gar nicht, versuchen es erst gar nicht. Love it or leave it.

Zwischendurch konnte ich richtig ärgerlich werden, wenn sich in der Folge der Songpremieren hochnäsige Redakteurinnen aufmerksamkeitsheischend an dem ABBA-Comeback pseudo-analytisch abarbeiteten, inzwischen ist es mir egal. Wie gesagt: Love it or leave it. Oder – um es Patricia Dreyer und Marion Kuchenny mit Hilfe von Echt zu sagen: „Du trägst keine Liebe in Dir.“

Die Adrenalin-Ausschläge von „Faith“ und „DSMD“ hat dann die Album-Premiere zwar nicht in mir ausgelöst, aber ich liebe es uneingeschränkt.

Erstens – und das vor allem – bin ich glücklich, dass es neue Musik von ABBA in 2021 gibt. Das ist unverändert überwältigend. Auf TikTok finden sich ungezählte Memes von Teenagern und Twentysomethings, die schlicht die Tatsache feiern, dass sie jetzt plötzlich doch in einer Zeit leben, in der es neue Musik von ABBA gibt. (Und natürlich gehen die Spekulationen, dass jetzt „Mamma Mia“ Part III möglich ist, durch die Decke.)

Zweitens ist das Album ABBA 2021 pur und ungeschminkt. Weder biedern sich ABBA an irgendwelche aktuelleren Musiktrends an, noch wurden die Stimmen von Agnetha und Frida  synthetisch verjüngt (was heute technisch elegant möglich wäre).

Drittens bleiben ABBA sich selbst auch „neuzeitlich“ auf eine berührende Art und Weise treu. Wenn Jan Wiele in der FAZ fordert, „man hätte sich in Erinnerung an ABBAs druckvollen Disco-Sound der Siebziger doch noch etwas mehr Wumms“ für „ABBA Voyage“ gewünscht, dann verkennt er, dass ABBA 2021 mit Adaptionen von „Voulez-Vous“ oder „Lay All Your Love On Me“ unglaubwürdig wären. ABBA sind heute nicht mehr „Gimme Gimme Gimme„. „ABBA Voyage“ bietet großartige Titel, die nach ABBA klingen, die gleichzeitig aber auch reflektieren, dass ABBA (mit vielen ihrer Fans) 40 Jahre älter geworden sind.

Viertens – und dafür verehre ich speziell Benny –  hat ABBA Voyage eine Leichtigkeit und ein gewisses Augenzwinkern, wie man es nur transportieren kann, wenn man sich und der Welt nichts mehr beweisen will oder muss. Das Outro von „Keep An Eye On Dan“ ist ein wunderbares Beispiel dafür. „S.O.S.“ wird humorvoll zitiert, aber eben nicht kopiert.

Fünftens gibt es – und das passt gut in die Zeit und in diesen Adventskalender – zum allerersten Mal eine kuschelig-kitschige Weihnachtssingle von ABBA: Little Things (siehe Foto oben).

So wie ich das sehe, scheine ich nicht allein zu sein. Wie die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) soeben bekanntgab, ist „ABBA Voyage“ mit großem Abstand das meistverkaufte Album des Jahres in Deutschland. In den amazon-Verkaufschart rangiert das Album in den CD/Vinyl-Charts heute in vier verschiedenen Versionen (!) in der Top 10, u.a. auf Platz 1 und Platz 3.

So mag man mir nachsehen, dass dieser Adventskalender ABBA-Erinnerungen aus mehreren Jahrzehnten hervorkramt, die Livetour aus 1979 genauso wie über zwanzig Jahre später die Hamburger „Mamma Mia“-Premiere 2002 und nochmal (fast) zwanzig Jahre später das Comeback des Jahrzehnts mit dem Erscheinen von „ABBA Voyage“.

Daran anknüpfend habe ich mir vorgenommen zu prüfen, ob sich ABBA nicht auch gut als Soundtrack für’s Kickboxen eignet?

Bis es soweit ist: So long.

Bislang in unserem Adventskalender erschienen:

(1) Mein „erstes Mal“
(2) Die BRAVO und ein Kindheitstrauma
(3) Der ESC 2000 in Stockholm
(4) Ein Hoch auf Moya Doherty
(5) Null Punkte und das Comeback von Ann Sophie
(6) Abba 1979 live in Dortmund
(7) Der Euroclub in Kiew
(8) Jamalas Sieg in Stockholm
(9) Hier geht es nicht um Oslo und Lena
(10) Deutscher Vorentscheid 2019 und Eurovision in Concert in Amsterdam
(11) Aufregung nach einem Jahr ESC-Entzug
(12) Mamma Mia Musical Premiere in Hamburg
(13) Das ECG-Treffen 2021 mitten in der Coronazeit
(14) Fitnesstraining mit Birthe Kjær
(15) Mit dem Kassettenrekorder vor dem Fernseher
(16) Måneskin katapultieren den ESC auf die globale Chartbühne

2020: Advent der besten DACH-ESC-Beiträge
2019: Advent der besten ESC–Momente

 


15 Kommentare

  1. Heute Abend ist die zweifache ESC-Teilnehmerin Vicky Leandros, die bei The Masked Singer auch als Katze auftrat, Gast im Kölner Treff! Beginn der Sendung ist 22 Uhr im WDR-Fernsehen.

    In der NDR Tslk Show gibts heute auch ESC-Bezug, und ze3ar ist Olli Dittrich, der 2006 als Mitglied der Gruppe Texas Lightning beim ESC antrat, zu Gast. Die Sendung beginnt um 22 Uhr 45.

  2. „Don’t shut me down“ ist mein mit abstand meistgehörter song in der zweiten jahreshälfte 22. In der ersten war’s (surprise!), „tout l’universe“
    Trotzdem. Ich hätte gehofft, dass das abba-comeback auch ausserhalb der abba/esc-blase mehr interesse entwickelt.

  3. Ich finde Abbas neue Lieder nach wie vor extrem dröge, aber wie ich bereits vor ein paar Wochen schrieb: Das ist ganz einfach nicht mehr meine Musik. Ich liebe zwar noch einige ältere Abba-Lieder – vielleicht v. a. aus biographischen und/oder nostalgischen Gründen … einige gleichen proustschen Madeleines -, aber ansonsten bin ich musikalisch um- und weitergezogen.

    • Ja klar, manchmal ändern sich die Vorlieben, wobei ABBA ihre eigene Messlatte schon sehr hoch gehängt haben.🙂
      Ich freue mich aber immer noch, wenn ich ältere ABBA-Songs im Radio höre.😊

    • Das mit Spannung erwartete ABBA „Voyage“-Album entpuppte sich mit Liedern, die deutlich aus der Zeit gefallen sind.
      Neulich brachte ich meine Oma zum Tanztee in die Kirchengemeinde. Da wurden die neuen ABBA-Titel gespielt. Niemand hat getanzt. Tja…bittere Realität.

  4. In jedem Wort merkt man die Leidenschaft von Peter für ABBA. Was so ein Comeback wirklich auslösen kann, auch bei jungen Fans ist für mich sehr überraschend gewesen. Ich muss dazu sagen, dass ich „ISHFIY“ als nicht ABBA-Fan sehr gut finde. ABBA ist jetzt nicht unbedingt meine Musik, aber ich freue mich alle ABBA-Fans, für die das Comeback ein sehr emotionales Erlebnis war.

  5. Ich bin kein Abba Fan und habe nie ihre Musik gekauft. Ich halte ihre wahrscheinlich letzte Platte für sehr gelungen. Little Things holt mich z.B. richtig ab.

  6. Mir aus dem Herzen geschrieben ❤️
    Allerdings wat ich erstmal von Voyage ein wenig enttäuscht. „Faith“ und „DSMD“ waren nach Veröffentlichung schon echte Überflieger.
    Irgendwas hat mich am Album gestört….nach einiger Zeit fiel mir auf, was es war. Die Reihenfolge der Tracks hatte mich irgendwie nicht abgeholt. Im Spotyfi habe ich dann meine eigene Reihenfolge erstellt (ich weiß das untergräbt den künstlerischen Grundgedanken) aber seit dem läuft es fast in Dauerschleife, wenn ich Zeit habe.

  7. Voyage ist mir zu unrund.
    Irgendwie passen die Lieder nicht zusammen.
    Es fühlt sich wie Stückwerk an.
    Also, es hat sich nicht geändert: Bis auf Voulez-Vous und The Visitors ein typisches Abba-Sammelsurium eben.

    Irgendwie hat die neue Abba-Platte eine melancholische Traurigkeit, mit der ich nicht wirklich etwas anfangen kann. Da gibt es Spannenderes.

    Schön aber, dass der Autor seine fast schon anbiedernde Ehrerbietung ohne erhobenen Zeigefinger darlegt. Mir persönlich ist Abba auch nah (liegt wohl am Alter), aber da gibt es noch mehr. Man wächst schließlich weiter und es gibt m.M.n. nichts Traurigeres als Musikfans, die immer und immer wieder dasselbe Zeug von „ihrem“ Künstler erwarten. Oder Menschen, die meinen, dass sich seit „früher, als ja alles besser war“ musikalisch nichts mehr getan hat. So oder so, Voyage hat seine Berechtigung, nicht mehr, aber such nicht weniger.

    • Peter bewertete ja das Album schon vor der Veröffentlichung als „wunderbar“. Das nenne ich mal Verklärung und Verblendung pur!
      ABBA hätten auch „Alle meine Entchen“ singen können, Peter hätte das Lied in den göttlichen Musikolymp erhoben 😂😂😂

  8. ABBA und Måneskin sind für die BRIT-Awards 2022 nominiert, und zwar in der Kategorie „Internationale Gruppe des Jahres“:

    https://escxtra.com/2021/12/18/maneskin-abba-brit-awards-2021/

    Måneskin treten in der Kategorie „Bester Internationaler Song des Jahres“ mit ihrem Titel „I wanna be your slave“ an und ich hoffe, daß sie gewinnen und sich gegen die starken Mitbewerber Olivia Rodrigo und The Weeknd durchsetzen.

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