Advent der liebsten Blogger-ESC-Momente (18): Feuer und Flamme für „Taken By A Stranger“

Ich hatte schon immer ein recht unpatriotisches Verhältnis zum Eurovision Song Contest. Im Vordergrund standen für mich seit meinem ersten im TV verfolgten Contest meine musikalischen Favoriten, egal woher diese kamen. Dementsprechend bin ich im Gegensatz zu vielen anderen Fans vor Ort auch immer mit den Fahnen meiner Favoriten geschmückt und trage keinen deutschen Flaggenschmuck.

Ganz kalt lässt mich der deutsche Beitrag trotzdem nie, meistens wünsche ich den deutschen Vertreter:innen vor allem menschlich alles Gute, gerade weil man sie im Laufe der ESC-Saison etwas mehr „kennen lernt“ als die anderen Teilnehmer:innen. Und ja, ich muss auch zugeben, dass ich Jahre genieße, in denen „der ESC ist doch nur politisch und alle hassen uns“-Stimmen leise werden, weil Deutschland eine bessere Platzierung erreichen konnte.

Aber ich unterstütze den deutschen Beitrag nicht übermäßig mehr, nur weil er aus Deutschland kommt. Dazu muss er mir auch gefallen. Umso schöner ist es dann, wenn ein Beitrag, der mir gut gefällt, aus dem Heimatland stammt und ich ihn unterstützen kann. Und noch schöner ist es, wenn ich für einen deutschen Beitrag Feuer und Flamme bin und richtig mitfiebern kann. Das ist mir bisher einmal passiert, seit ich den ESC aktiv verfolge: mit „Taken By A Stranger“ von Lena 2011.

Der Titel hat mich bei „Unser Song für Deutschland“ (fast) sofort geflasht. Direkt nach dem ersten Hören von „Taken By A Stranger“ im ersten Halbfinale war ich noch etwas unentschlossen. Irgendwie war der Titel „komisch“ – und gleichzeitig auf eine ganz gewisse Art und Weise faszinierend. Selbst als ich für ihn angerufen hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich da gerade für den Song abstimme, den ich am besten finde. Als es dann aber zur Ergebnisverkündung der Finalqualifikanten kam, habe ich gemerkt, dass ich das Lied unbedingt im Endentscheid haben wollte. Und als ich den Auftritt dann das zweite Mal anschaute, hat mich der Beitrag richtig gepackt.

„Taken By A Stranger“ hat es geschafft, Gefühle in mir auszulösen. Wie schon im Adventskalender zum Sieg von „1944“ beschrieben, sind Lieder, welche dies schaffen, immer etwas ganz Besonderes für mich. Ich saß mit Gänsehaut und einem kalten Schauer, der mir über den Rücken lief, vor dem Bildschirm. Der Song war so bedrohlich, mystisch, geisterhaft, neblig, schwebend. Er war so anders als die „üblichen“ Songs. Er schaffte es auf minimalistischer Art und Weise Spannung aufzubauen. Er war auch nach unzähligen Malen Anhören noch interessant, weil es immer wieder neue verspielte Soundeffekt zu entdecken gab. Ich war fasziniert von dem Titel.

Daher wollte ich ihn unbedingt als deutschen Beitrag und habe dem Finale von „Unser Song für Deutschland“ extremst entgegengefiebert. „Taken By A Stranger“ war nicht nur mein Favorit, sondern wurde auch als genereller Favorit gehandelt, und ich war voller freudiger, hoffnungsvoller Anspannung, ob es wirklich einmal klappen würde, dass wir einen meiner Meinung nach phantastischen Song zum ESC schicken. „Taken By A Stranger“ musste einfach das Rennen machen!

Am 18. Februar war es dann endlich soweit: das Finale von „Unser Song für Deutschland“ lief. Ich saß ganz aufgeregt und bewaffnet mit meinem Handy, dem elterlichen Telefon und einem Althandy, für das ich mir extra eine zusätzliche Prepaidkarte gekauft hatte (damals ging das noch unkompliziert ohne Postidentverifizierung usw…), vor dem Fernseher. Und stimmte im Superfinale schließlich wie eine Irre für „Taken By A Stranger“ ab.

Und dann siegte der Beitrag tatsächlich mit grandiosen 79% der Stimmen. Mein Favorit hatte sich wirklich durchgesetzt! Ich war euphorisiert und glücklich.

Am Ende holte Lena beim ESC 2011 „nur“ einen 10. Platz mit „Taken By A Stranger“. Auch wenn das nach dem Sieg vom Vorjahr erst einmal etwas ernüchternd wirkte, war es letztendlich nicht so überraschend. Der Song war schon sehr speziell und seiner Zeit vielleicht auch etwas voraus. Außerdem finde ich es auch viel wichtiger, einen tollen und mutigen Beitrag zu senden, anstatt nur auf die Platzierung zu schauen. Und im Vergleich zum Abschneiden Deutschlands in späteren Jahren war der 10. Platz am Ende letztendlich eine recht gute Platzierung. Überdies war es für Lenas weitere Karriere sicherlich wichtig, dass sie direkt eine ganz andere Seite zeigen konnte und so nicht für immer im „Satellite“-Korsett feststeckte.

Beim Finale des ESC 2011, meiner ersten Live-Show, war ich dann übrigens noch nicht mit Flaggen geschmückt, auf die Idee bin ich damals als ESC-Live-Neuling noch gar nicht gekommen. Damals trug ich „nur“ ein „Taken By A Stranger“-T-Shirt. Aber wenn ich damals schon Flaggenschmuck getragen hätte, er wäre am 14. Mai 2011 sicher schwarz-rot-gold gewesen.

Beim ESC-Finale in Düsseldorf – damals noch mit Eltern.

Bislang in unserem Adventskalender erschienen:

(1) Mein „erstes Mal“
(2) Die BRAVO und ein Kindheitstrauma
(3) Der ESC 2000 in Stockholm
(4) Ein Hoch auf Moya Doherty
(5) Null Punkte und das Comeback von Ann Sophie
(6) Abba 1979 live in Dortmund
(7) Der Euroclub in Kiew
(8) Jamalas Sieg in Stockholm
(9) Hier geht es nicht um Oslo und Lena
(10) Deutscher Vorentscheid 2019 und Eurovision in Concert in Amsterdam
(11) Aufregung nach einem Jahr ESC-Entzug
(12) Mamma Mia Musical Premiere in Hamburg
(13) Das ECG-Treffen 2021 mitten in der Coronazeit
(14) Fitnesstraining mit Birthe Kjær
(15) Mit dem Kassettenrekorder vor dem Fernseher
(16) Måneskin katapultieren den ESC auf die globale Chartbühne
(17) Twelve Points für „ABBA Voyage“

2020: Advent der besten DACH-ESC-Beiträge
2019: Advent der besten ESC–Momente


28 Kommentare

  1. „Taken by a stranger“ ist ein toller Beitrag, gefällt mir noch besser wie „Satellite“.😊
    Endlich gab es mal auch Aus Deutschland eine ausgereifte Choreographie. Dass es „nur“ der 10. Platz war, könnte auch daran liegen, dass viele dachten: „Wieder Lena??? Sie hat doch schon mal gewonnen…“ Wahrscheinlich war auch ein bißchen der „unschuldige Zauber“ fort. Aber nichtsdestotrotz: Der 10. Platz war immer noch ein gutes Ergebnis.🙂

    P. S.: Dem kann ich zustimmen: Ich bin auch nicht sehr patriotisch eingestellt. Um ehrlich zu sein: Viele deutsche Beiträge der 1970/1980er Jahre höre ich heute noch gerne (interessanterweise meistens die Songs, die nicht von Herrn Siegel stammten😉. Aber heute kann ich leider wenige deutsche Songs zu meinen Favoriten zählen. Trotzdem tut es mir natürlich sehr leid, wenn die Künstler*innen nach hinten durchgereicht werden. Da fühle ich schon mit. Und wenn dann noch in der Heimat auf sie „eingeprügelt“ wird, finde ich das richtig ärgerlich.😕

  2. Ein absolut toller Beitrag, den ich auch von Anfang an beim ESC sehen wollte. Ein bisschen enttäuscht von der Platzierung, aber am Ende war das völlig egal. Da stand nicht mehr die verpeilte lovely Lena, sondern eine andere, neue und verdammt coole Lena. Qualitativ ist TBAS meiner Meinung nach deutlich besser als Satellite.

  3. Liebe Berenike „ich hatte schon immer ein recht unpatriotisches Verhältnis zum Eurovision Song Contest“
    .
    Ich meine fast mir ist durch den ESC der letzte Funke Patriotismus vergangen, so wie in Deutschland damit umgegangen wird.
    Hatte mal in jungen Jahren das Erlebnis in einer international gemischten Gruppe den ESC zu sehen, da war ein Mitfiebern für sein Land, für unsereins unvorstellbar, ist aber auch irgendwie egal, solange ich den ein oder anderen guten Song für mich entdecke🙂

  4. Liebe Berenike, vielen Dank für dieses Adventskalendertürchen, in dem ich jedes einzelne Wort unterschreiben kann. „Taken By a Stranger“ ist auch mein 2011-Sieger und mein liebster deutscher ESC-Beitrag. Außerdem ist das Lied in meinen Allzeit Top 20 und der einzige deutsche ESC-Beitrag, der auf meiner Liste stolz eine 12/12-Wertung vorweisen kann. Platz 2 und 3 auf meiner Deutschlandliste belegen Roger Cicero und Walter Andreas Schwarz. Außerdem tummeln sich nich die Lieder von Joy Fleming, Lena Valaitis, Michelle, Roman Lob, Nora Nova und Irene Sheer in meiner Playlist. Leider trifft Deutschland beim ESC eher selten meinen Geschmack. Umso schöner ist es dann, wenn das doch mal passiert, auch wenn ich es beim Patriotismus mit Samuel Johnson halte: „Patriotism is the last refuge of the scoundrel“.

    • „Taken by a Stranger“ steigt in meinem persönlichen Gusto auch immer weiter. Inzwischen bin ich der Meinung, dass der in die Kategorie Imaani, Loic Nottet, Margaret Berger, Aminata, Go_A (ergo am Puls der Zeit oder gar futoristisch) gehört. Mein liebster ESC Song aus Deutschland ist aber immer noch „Ein Lied kann eine Brücke sein“.

  5. Auch ich bin unpratiotistisch. Ich jubel auch eher Songs aus anderen Ländern zu. Wobei ich auch auf den deutschen Beitrag schaue und so.

  6. Oh ja, einer der besten deutschen Beiträge aller Zeiten, und auch ich finde ihn viel besser als Satellite. Im Finale von Düsseldorf klar unter Wert geschlagen, war eigentlich nach den Semis neben „I can“ mein Favorit für den Sieg. Leider wohl zu ungewöhnlich, aber ganz und gar großartig. So einen Lärm wie in Düsseldorf in der Halle, als das kam, hab ich noch mein Lebtag nicht erlebt!

  7. Danke für diese Erinnerung. Auch für mich ist das einer der besten deutschen Beiträge. Und auch den 10. Platz habe ich seinerzeit nicht als Enttäuschung empfunden. Im Gegenteil: da die Gastgeberbeiträge es spätestens seit Einführung des Televotings nicht mehr ganz so leicht haben wie zu Nur-Jury-Zeiten (Ausnahmen bestätigen die Regel), ist der 10. Platz doch ziemlich gut. 🙂

  8. Auch für mich einer der besten ESC-Beiträge aller Zeiten und DAS Highlight des musikalisch eher unterdurchschnittlichen 2011.
    Zur Patriotismus-Debatte – ein Wort, das oft aus ver´ständlichen Gründen verteufelt wird, reflektiert aber nicht das schlechteste, für viele eine Motivation zum „Erfolg“ des Landes beizutragen. In ESC-Hinsicht will ich natürlich, dass meine Faves (selten D) gut abschneiden, möchte aber nicht, dass wir Schrott schicken, über den sich dann – sorry Germany, zero points – alle kaputtlachen.

    • Ich finde 2011 gar nicht so schlecht: GRC, ITA, GEO, SRB, BIH … there are quite a few songs I still enjoy listening to. 🙂

    • @4porcelli

      Habe mich mit dem Song Anfang eher schwer getan, mittlerweile gefällt es mir richtig gut und ist definitiv einer der besten deutschen Beträge.

      Ansonsten fand ich 2011 einen sehr durchschnittlichen Jahrgang. Mit „Running Scared“ kann ich bis heute nichts anfangen und den Pausenact mit Jan Delay lasse ich lieber unkommentiert.🤢

      Für mich ist 2011 auch das Jahr der abgestürzten Fanfavoriten. So viele Länder wurden als mögliche Sieger gehandelt, vor allem Frankreich aber auch Großbritannien, Estland oder Ungarn. Alle von ihnen sind im Finale entweder komplett abgeschmiert oder deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

      Ansonsten mag ich neben Lena auch den slowenischen Beitrag „No One“ von Maja Keuc sehr gerne.🙂

      • Delay war ein weiteres Beuspiel für den inzestuösen Ansatz zum ESC, den der NDR fährt. Ein Wunder, dass nicht Lotto King Karl direkt nominiert wird.

      • SVN 2011 mag ich auch sehr gerne. Neben GER gefällt mir aus 2011 noch CYP, BUL, ROM, GEO, BIH, GRC, auch AUT fand ich nicht so schlecht, wie sie teilweise in der Fanschaft ankam. BEL fand ich eigentlich auch ganz cool.
        UK fand ich in der Studioversion auch gut, aber live unterirdisch, umgekehrt verhielt es sich mit ISL, das ich in Audio nicht so berauschend fand, aber live haben sie mich umgehauen. SWE und EST mochte ich ganz damals ganz gerne. Aber beide Songs gehen mir mittlerweile extrem auf den Keks.

        Also sooo schlecht fand ich den 2011er Jahrgang gar nicht. Solides Mittelfeld.😉

    • Wieso bedeutet „sorry Germany, zero points“, dass sich über den entsprechenden Song „alle kaputtlachen“?

  9. @ Gaby, danke dass Du ISL und CYP ergänzt hast. Die beiden Beiträge mag ich auch sehr gerne. 🙂 SVN war auch gut, trifft aber nicht ganz meinen Musikgeschmack.

  10. Taken by a Stranger war auch meiner Meinung nach der stärkere der beiden Lena-Beiträge. Leider hatte Lena da ein wenig mit einem Heimnachteil zu kämpfen. Da war soviel Lärm in der Halle, das gab ein unschönes Hintergrundrauschen während des Auftritts, was diesem mystischen, bedrohlichen Charakter des Songs geschadet hat. Auswärts wäre damit bestimmt mehr für Lena drin gewesen.

  11. Jetzt fällt mir auf, wie sehr ich diesen Vorentscheid geliebt habe. 1 Künstlerin die uns ganze 12 Songs präsentiert. So einen VE kann es von mir aus gerne nochmal geben. Zum Beispiel beim Comeback von Michael Schulte 😀

  12. ich bin auch jemand,der beim ESC zu allererst auf die musik achtet und weniger auf das eigene land.
    2011 habe ich aber auch lena dick die daumen gedrückt,weil der song einfach klasse war.
    2011 hatte zwar einen ziemlich langweiligen sieger aber der contest war sehr gut,allein schon die legendäre eröffnung mit der big band,lange hüte,einradmädchen,derbe coole metalmucke,tragisches bulgarien usw.
    beim deutschen vorentscheid war ich aber ziemlich zwiegespalten denn die ballade war ja auch kein schlechter song.
    vielleicht hätte die sogar besser abgeschnitten,weil avantgarde pop es beim ESC schwer hat?
    egal,deutschland hat damals noch maßstäbe gesetzt!
    progressiv,innovativ und auch zeitlos.
    wenn ich alle deutschen wettbewerbstitel nehme,ist 2011 meine nr.1 – insgesamt dann die nr.2 denn an lilly (among the clouds) kommt zumindest bei mir die lena nicht vorbei. 🥰
    anbei noch mal lenas schöne ballade zwecks ergänzung. (52 likes 0 dislikes)

  13. Damals sahs Anke Engelke in der Jury. Sie hat immer ehrliche Kommentare zu den einzelnen Titeln abgegeben. Bei einem Titel, der von zwei dänischen Autorinnen geschrieben wurde, sie sich im Vorfeld als „besseres und spirituell“ ausgaben, meinte Anke Bach der Präsentation des Titels: „Die beiden Hühner können erzählen was sie wollen, der Titel ist trotzdem Scheiße“. Das Studiopublium war laut am lachen und ich vorm TV. Aber recht hatte sie.

  14. Hat jemand Fyr og Flamme gesagt?
    Spaß beiseite: Ich hab damals mit meinem Vadder um ’ne Pulle Jamison gewettet, dass Lena in die Top Ten kommt. Puh, noch mal Glück gehabt! Der Song gefällt mir an sich gut, aber ich finde, Lena hat ihn zu unsubtil gesungen und performt.

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