Producers Curse? Diese Sache mit den Startplätzen beim ESC (Viva Vienna 18)

Tatort? Die Los-Töpfe beim ESC 2026 in Wien. Quelle: EBU.com

Ist der Startplatz beim Eurovision Song Contest wirklich so wichtig? Macht es tatsächlich einen Unterschied, wann ein Act im Halbfinale oder Finale auftritt – und entscheidet das womöglich sogar über den Sieg? Eigentlich müsste doch DER Siegertitel von jedem Startplatz aus gewinnen können, oder?

Tja, vermutlich ist das gar nicht so einfach zu beantworten. Da gerade die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer stattfindet, versuche ich es einmal mit einem Vergleich. Wünscht mir Glück!

Im Fußball heißt es schließlich auch, dass eine Mannschaft gegen jeden Gegner bestehen muss, um am Ende Weltmeister zu werden. Gleichzeitig ist ein guter Turnierstart enorm wichtig. Man möchte sich im Laufe des Wettbewerbs steigern, Kräfte einteilen und vielleicht die wichtigsten Spieler erst für die entscheidende K.-o.-Phase schonen – und nicht gleich zu Beginn gegen die größten Prügler auf dem Schulhof antreten müssen. Das macht manchmal tatsächlich den Unterschied.

Und ganz ähnlich sehe ich das beim ESC. Ja, der spätere Sieger sollte nicht allein wegen einer günstigen Startnummer gewinnen – und das tut er in den meisten Fällen auch nicht. Aber bei der Startreihenfolge geht es darum, die Weichen für eine möglichst gute Platzierung zu stellen. Denn – Spoiler – die allermeisten Songs gewinnen den ESC ohnehin nicht. Und wenn man schon nicht gewinnt, möchte man wenigstens möglichst weit vorne landen.

Statistisch gesehen ist es günstiger, in der zweiten Starthälfte aufzutreten. Außerdem ist es oft hilfreich, wenn direkt vor und nach einem ein Song eines anderen Genres läuft – einfach, um etwas stärker herauszustechen. Viele Delegationen hoffen zudem darauf, nicht unmittelbar nach einer Werbepause oder einem anderen markanten Showmoment auftreten zu müssen. Und dann gibt es da noch den berüchtigten verfluchten zweiten Startplatz. Der hat schließlich noch nie einen Sieger hervorgebracht. Ausnahmen bestätigen zwar bekanntlich die Regel, doch im Großen und Ganzen herrscht darüber in der ESC-Welt erstaunlich viel Konsens.

Bleibt also die Frage: Wie kommt man überhaupt an einen guten Startplatz?

Die Vergabe der Startreihenfolge hat im Laufe der Jahre einige Veränderungen erlebt – vom reinen Losverfahren über die Auslosung der Starthälfte bis hin zur mittlerweile berühmt-berüchtigten „Producers Choice“, bei der die Produktion die genaue Reihenfolge der einzelnen Acts festlegt. In vielen nationalen Vorentscheiden – etwa beim schwedischen Melodifestivalen – wird die komplette Startreihenfolge von den Verantwortlichen bestimmt, um eine möglichst abwechslungsreiche und spannende Show zu gestalten. Dort gelten der erste, der achte oder der letzte Startplatz sogar als besonders begehrt. Nicht zufällig starten dort häufig die größten Favoriten. Bei einem Vorentscheid nimmt das allerdings kaum jemand übel. Beim ESC selbst sieht das schon ganz anders aus.

Jedes Jahr fühlen sich einzelne Länder durch ihre Startnummer benachteiligt. Wer hingegen von der Produktion günstig platziert wird, schweigt meist und genießt. In diesem Jahr zogen mehrere Acts das „Producers Choice“-Los. Während Rumänien und Italien von der Produktion weit hinten im Finale platziert wurden, erhielten Deutschland und Israel eher undankbare Startnummern – zwei und drei.

Israel konnte dank des Momentums dennoch ein hervorragendes Ergebnis erzielen. Sarah Engels hingegen war zwischen zwei Powerhäusern in diesem Jahr, Dänemark und Israel, regelrecht eingeklemmt. Weder der frühe Startplatz noch die direkte Nachbarschaft im Teilnehmerfeld dürften ihrem Ergebnis geholfen haben. Eher war das Gegenteil der Fall.

Hinzu kommt, dass die Startreihenfolge insgesamt nicht besonders ausgewogen wirkte. Während die ersten fünf Beiträge im Finale vor allem auf Party und Tempo setzten, folgte anschließend ein langer Block aus Balladen und Power-Balladen, in dem sich zwischendurch Akylas wiederfand. Dass dann auf Startplatz zwölf DARA auftauchte, die von der Produktion wohl den besten Platz der ersten Starthälfte erhalten hatte, brachte plötzlich frischen Wind in die Show. Und genau dieser frische Wind konnte am Ende sogar gewinnen.

Damit bleibt die Frage offen, warum manche Länder offenbar von der Startreihenfolge profitieren, während andere das Nachsehen haben. Absicht möchte ich der Produktion dabei keinesfalls unterstellen – das hoffe ich zumindest. Dennoch wirkte die Startreihenfolge in Wien insgesamt alles andere als optimal. Das gilt übrigens nicht nur für das Finale, sondern auch für die Halbfinals.

Was könnte man also verbessern, um eine möglichst faire Startreihenfolge zu schaffen? Eine Reihenfolge, die sowohl für eine abwechslungsreiche Show sorgt als auch von allen Delegationen als nachvollziehbar empfunden werden kann. Oder ist das am Ende schlicht unmöglich?

Und jetzt seid Ihr wieder gefragt: Was meint ihr dazu? Seid Ihr mit der Startreihenfolge und der „Producers Choice“ zufrieden? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:

Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:



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7 Comments
Matty
Matty
2 Stunden zuvor

Da war doch was: die Startreihenfolge! Die Producer’s Choice sollte abgeschafft werden und es sollte wie bei der Auslosung beider Halbfinals verfahren werden (erste Hälfte und zweite Hälfte).

Last edited 2 Stunden zuvor by Matty
ESC77
ESC77
2 Stunden zuvor

Am liebsten wieder komplett auslosen oder alternativ eine (sinnvolle?) Startreihenfolge festlegen 🙂

Rainer Knuth
Rainer Knuth
2 Stunden zuvor

Thema schon so oft geschrieben, hier kurze Zusammenfassung.

Erstens, jeder Künstler zieht eine Gruppe die aus 2 oder 3 Songs bestehen. Die Reihenfolge der Gruppen ist schon festgelegt ( ähnlich jetzt dem erste oder zweite Hälfte im Finale). Innerhalb dieser zweier oder Dreiergruppen können die Produzenten die Songs frei verschieben, somit wird ermöglicht das nicht 3 Songs des selben Genre hintereinander auftreten müssen.

AlexESC
AlexESC
1 Stunde zuvor

Also ich kenne jetzt nicht die detaillierten Quoten vom ESC-Finale, also wie sich die Quoten im Laufe des Abends verändern, aber ich kann mir vorstellen, dass es mehr Publikum gibt, je länger die Show dauert. Ich rede jetzt hier übrigens vom Durchschnittspublikum, also nicht den großen ESC-Fans wie wir hier, die beim ESC wirklich alles von A bis Z verfolgen. Der ESC findet im Mai statt: Frühling, schönes Wetter und deswegen bleibt man vielleicht auch länger draußen und schaut den ESC nicht von Anfang an. In diesem Fall hätten die frühen Startplätze einen Nachteil, weil diese noch nicht so viel Publikum haben, wie die späteren. Und dazu kommt, dass das Durchschnittspublikum sich die ESC-Songs, außer vielleicht dem Song für das eigene Land, wohl nicht vorher bereits über die Streaming-Dienste (Spotify, etc.) anhören bzw. auf YouTube das Musikvideo schauen. Ich bin kein Medienprofi in dieser Hinsicht, aber ich könnte mir halt vorstellen, dass es so ist.

Ob man dies mit Fußball vergleichen kann? Ja hier braucht man auch Losglück, aber die Turnierveranstalter setzen hier halt fast ausschließlich auf die Auslosung und legen hier keine Matches manuell fest. Es ist hier eben Losglück wie weit man kommt, ob dies aber dann schlecht ist, wenn man früh dadurch ausscheidet kommt auf die Situation an. Angenommen Team A verliert im Achtelfinale gegen Team B. Team B gewinnt dann am Ende das Turnier. Ist dann Team A schlecht, weil sie bereits im Achtelfinale ausgeschieden sind, oder hatten sich einfach nur Pech, dass sie bereits im Achtelfinale auf Team B gestoßen sind und wären ansonsten vielleicht auch bis ins Finale gekommen?

Last edited 1 Stunde zuvor by AlexESC
Tamara
Mitglied
Tamara
15 Minuten zuvor

Ouuuh, mein Lieblings-Aufregerthema dieses Jahr! Da krieg ich sofort Schaum vorm Mund. Da ich mich über die Startreihenfolge des Finales hier und anderswo (Sixtus sagt miau: Startnummernanalyse und aktueller Wettquotenstand) schon in aller Ausführlichkeit aufgeregt habe, an dieser Stelle nur noch ein paar allgemeine Gedanken:

Die Producer’s Choice, so wie sie jetzt exerziert wird, ist nicht muh und nicht mäh. Man beachte übrigens den Apostroph, ich hab extra noch mal nachgeschaut: Producer’s (also einer) und nicht etwa Producers‘ (also mehrere). Und wenn der eine kein Händchen dafür hat, wie in den letzten drei Jahren schon geschehen, dann bringts ohnehin nix. Also, an dieser Stelle entweder alles oder nichts. Aber von mir aus lieber: Nichts.

Ja, man will den Erfordernissen der Show Genüge tun, rhabarber rhabarber barbaras rhabarberbar (hallo Marti!). Aber: Letztendlich ist das Ganze immer noch ein Wettbewerb. Und Wettbewerb heißt: Faire Bedingungen für alle. Wenn zum Beispiel 2021 die beiden Frauen-Empowerment-Songs auf den Startplätzen 5 und 6 kommen (obwohl letzterer das Semi gewonnen hat!), wenn auf Platz 9 das UK kommt, weil der Sage nach Terry Wogan spätestens ab dieser Startnummer immer mit dem Saufen angefangen hat, wenn auf Startplatz 15 ein tanzender Mittelfinger kommt, auf 16 die Sätze „Put your middle fingers up“ und „we don’t wanna grow old“ und dann auf 17 „growing up is getting old“ – da kann mir doch keiner erzählen, dass das „den Erfordernissen der Show entsprechend“ gestaltet wurde, damit „jeder Beitrag scheinen kann“. Da hat sich irgendeiner locker einen hinter die Binde gekippt und bei der Startreihenfolge mächtig Spaß gehabt. Derlei Beispiele gibts noch viele, aber das war das eklatanteste. Und dass ausgerechnet Israel in den letzten drei Jahren die Startplätze 6, 4 und 3 hatte, obwohl das Land in allen drei Jahren jeweils das zweite Semi gewonnen hatte, ist natürlich auch nur der Tatsache geschuldet, dass man diese Beiträge immer schön zum Scheinen bringen wollte, n’est-ce pas? Was wollen uns die Producer damit sagen? Dann habt doch wenigstens die Eier in der Hose und packt sie direkt auf die 2! Bisher hatten die Producer auch Glück, dass da noch nie die zweite Hälfte gezogen wurde. Und die Ukraine 2024 auf die 2? Nur um zu zeigen, dass ein Beitrag auch von dieser Startnummer aus gut abschneiden kann? Ja sicher.

Endgültig ad absurdum geführt wurde das mit den Erfordernissen der Show dieses Jahr, wo Riesenprop um Riesenprop auf die Bühne geschleift wurde – sehr oft auch in zwei oder mehreren Beiträgen hintereinander, was zu Überbrückungsmoderationen und Begucken des Publikums führte, bevor es losging.

In den Semis ist das mit der Reihenfolge aufgrund der geringeren Teilnehmerzahl nicht ganz so wichtig, weil da wirklich jeder von jedem Startplatz aus weiterkommen kann. Mir ist kein Fall bekannt, wo die Startnummer oder die „Umgebung“ eines Beitrags selbigen rausgekickt hat. Von mir aus legts dort weiter fest.

Im Finale ist das anders. Da sind es Stand jetzt zehn Teilnehmer mehr, das hat eine ganz andere Dynamik. Außerdem geht es dort nicht um Weiterkommen oder nicht, sondern um den Sieg. Hier werden nicht 10 aus 15 (oder von mir aus auch: 19) rausgepickt, sondern einer aus 25 (oder hoffentlich bald wieder 26!) Das ist eine ganz andere Hausnummer! Wenn Ihr schon eine Reihenfolge festlegen wollt, dann schafft doch wenigstens die Producer’s Choice wieder ab! Das ist wirklich nur noch Gegurke und hat nichts gebracht. Aber noch besser und fairer wäre es, alles wieder auszulosen.

Natürlich hat das Los auch seine Tücken, dafür braucht man nur auf den Jahrgang 2011 schauen. Gerade wenn es keinen klaren Favoriten gibt oder die Favoriten nicht abliefern, kann schon mal was rauskommen, womit keiner gerechnet hat und keiner zufrieden ist. Trotzdem, Losen ist in einem Wettbewerb immer noch das fairste. Mal hat man Glück, mal hat man Pech, so isses. Und „Fairytale“ oder „Euphoria“ hätten auch von Startplatz 2 aus haushoch gewonnen.

Ich wünsche mir, dass den Schweden bei ihrem nächsten Sieg diesbezüglich seitens der EBU die Daumenschrauben angelegt werden. Diese ganzen Verschlimmbesserungen kamen nämlich immer, wenn Schweden ausgerichtet hat. Die Melloisierung des ESC muss dringend gestoppt werden! Wenn was vorher funktioniert hat, kann man es ruhig mal funktionierend lassen!

So, habe fertig. Thanks for reading.

Last edited 14 Minuten zuvor by Tamara
cars10
cars10
2 Minuten zuvor

Startnummern auslosen.
Fertig.

funtasticc*
Mitglied
funtasticc*
1 Minute zuvor

Meiner Meinung nach ist das reine Losverfahren in den Semis wie im Finale die sinnvollste Lösung. Wie bereits beschrieben, müssen sich in allen Shows die besten Acts durchsetzen und da ist die Startreihenfolge schlichtweg egal, wie man in diesem Jahr an Dänemark und Israel gesehen hat.
Und wenn man in drei Jahren das Los der vorderen Plätze gezogen hat, mag das nicht schön sein, ist dann aber halt Pech. Und sollten drei oder mehr ähnliche Genres hintereinander auftreten müssen, dann ist das halt so.
Allein aus Showeffektgründen die Producers Choice beizubehalten ist Quatsch, da das nur zu Unstimmigkeiten führt und, wie auch in diesem Jahr geschehen, trotzdem viele ähnliche Genres hintereinander gespielt werden.

Die Show bleibt doch trotzdem spannend. Nur weil dann vielleicht mal zwei Balladen hintereinander gespielt werden, schalten die Zuschauer doch nicht ab… und Ballade ist ja nicht gleich Ballade, sondern sie können trotzdem sehr unterschiedlich sein.
Und wenn man einen direkten Vergleich z.B. bei den Spaßbeiträgen hat, ist das doch auch fair allen gegenüber.
Weg mit Producers Choice, hin zum reinen Losverfahren, egal, ob erste oder zweite Hälfte. Dann kann sich keiner beschweren oder sich bei einem schlechten Ergebnis mit einem schlechten Startplatz herausreden. Dann bleibt ein doofes Lied ein doofes Lied.