
Ist der Startplatz beim Eurovision Song Contest wirklich so wichtig? Macht es tatsächlich einen Unterschied, wann ein Act im Halbfinale oder Finale auftritt – und entscheidet das womöglich sogar über den Sieg? Eigentlich müsste doch DER Siegertitel von jedem Startplatz aus gewinnen können, oder?
Tja, vermutlich ist das gar nicht so einfach zu beantworten. Da gerade die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer stattfindet, versuche ich es einmal mit einem Vergleich. Wünscht mir Glück!
Im Fußball heißt es schließlich auch, dass eine Mannschaft gegen jeden Gegner bestehen muss, um am Ende Weltmeister zu werden. Gleichzeitig ist ein guter Turnierstart enorm wichtig. Man möchte sich im Laufe des Wettbewerbs steigern, Kräfte einteilen und vielleicht die wichtigsten Spieler erst für die entscheidende K.-o.-Phase schonen – und nicht gleich zu Beginn gegen die größten Prügler auf dem Schulhof antreten müssen. Das macht manchmal tatsächlich den Unterschied.
Und ganz ähnlich sehe ich das beim ESC. Ja, der spätere Sieger sollte nicht allein wegen einer günstigen Startnummer gewinnen – und das tut er in den meisten Fällen auch nicht. Aber bei der Startreihenfolge geht es darum, die Weichen für eine möglichst gute Platzierung zu stellen. Denn – Spoiler – die allermeisten Songs gewinnen den ESC ohnehin nicht. Und wenn man schon nicht gewinnt, möchte man wenigstens möglichst weit vorne landen.
Statistisch gesehen ist es günstiger, in der zweiten Starthälfte aufzutreten. Außerdem ist es oft hilfreich, wenn direkt vor und nach einem ein Song eines anderen Genres läuft – einfach, um etwas stärker herauszustechen. Viele Delegationen hoffen zudem darauf, nicht unmittelbar nach einer Werbepause oder einem anderen markanten Showmoment auftreten zu müssen. Und dann gibt es da noch den berüchtigten verfluchten zweiten Startplatz. Der hat schließlich noch nie einen Sieger hervorgebracht. Ausnahmen bestätigen zwar bekanntlich die Regel, doch im Großen und Ganzen herrscht darüber in der ESC-Welt erstaunlich viel Konsens.
Bleibt also die Frage: Wie kommt man überhaupt an einen guten Startplatz?
Die Vergabe der Startreihenfolge hat im Laufe der Jahre einige Veränderungen erlebt – vom reinen Losverfahren über die Auslosung der Starthälfte bis hin zur mittlerweile berühmt-berüchtigten „Producers Choice“, bei der die Produktion die genaue Reihenfolge der einzelnen Acts festlegt. In vielen nationalen Vorentscheiden – etwa beim schwedischen Melodifestivalen – wird die komplette Startreihenfolge von den Verantwortlichen bestimmt, um eine möglichst abwechslungsreiche und spannende Show zu gestalten. Dort gelten der erste, der achte oder der letzte Startplatz sogar als besonders begehrt. Nicht zufällig starten dort häufig die größten Favoriten. Bei einem Vorentscheid nimmt das allerdings kaum jemand übel. Beim ESC selbst sieht das schon ganz anders aus.
Jedes Jahr fühlen sich einzelne Länder durch ihre Startnummer benachteiligt. Wer hingegen von der Produktion günstig platziert wird, schweigt meist und genießt. In diesem Jahr zogen mehrere Acts das „Producers Choice“-Los. Während Rumänien und Italien von der Produktion weit hinten im Finale platziert wurden, erhielten Deutschland und Israel eher undankbare Startnummern – zwei und drei.

Israel konnte dank des Momentums dennoch ein hervorragendes Ergebnis erzielen. Sarah Engels hingegen war zwischen zwei Powerhäusern in diesem Jahr, Dänemark und Israel, regelrecht eingeklemmt. Weder der frühe Startplatz noch die direkte Nachbarschaft im Teilnehmerfeld dürften ihrem Ergebnis geholfen haben. Eher war das Gegenteil der Fall.
Hinzu kommt, dass die Startreihenfolge insgesamt nicht besonders ausgewogen wirkte. Während die ersten fünf Beiträge im Finale vor allem auf Party und Tempo setzten, folgte anschließend ein langer Block aus Balladen und Power-Balladen, in dem sich zwischendurch Akylas wiederfand. Dass dann auf Startplatz zwölf DARA auftauchte, die von der Produktion wohl den besten Platz der ersten Starthälfte erhalten hatte, brachte plötzlich frischen Wind in die Show. Und genau dieser frische Wind konnte am Ende sogar gewinnen.
Damit bleibt die Frage offen, warum manche Länder offenbar von der Startreihenfolge profitieren, während andere das Nachsehen haben. Absicht möchte ich der Produktion dabei keinesfalls unterstellen – das hoffe ich zumindest. Dennoch wirkte die Startreihenfolge in Wien insgesamt alles andere als optimal. Das gilt übrigens nicht nur für das Finale, sondern auch für die Halbfinals.
Was könnte man also verbessern, um eine möglichst faire Startreihenfolge zu schaffen? Eine Reihenfolge, die sowohl für eine abwechslungsreiche Show sorgt als auch von allen Delegationen als nachvollziehbar empfunden werden kann. Oder ist das am Ende schlicht unmöglich?
Und jetzt seid Ihr wieder gefragt: Was meint ihr dazu? Seid Ihr mit der Startreihenfolge und der „Producers Choice“ zufrieden? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!
In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:
- (1) Die schönsten Wien-Bilder der Blogger*innen
- (2) Mein erster Eurovision Song Contest vor Ort
- (3) Wie war Wien als Gastgeberstadt 2026?
- (4) Das „Eurovision at 70“-All-Star-Medley beim ESC 2026 in Wien – ein neuer Klassiker
- (5) ESC 2026 in Wien: All My Life for a Night Like
- (6) Tagebuch ESC 2026: Mini-Storys aus meiner Zeit in Wien
- (7) Bevor wir heimgehen … Sechs Nächte im Euroclub
- (8) Zero points – Wie nah dran Sarah Engels, Essyla und UK an Televotingpunkten waren
- (9) Machen die neuen Jury-Regeln das ESC-Endergebnis unvorhersehbar?
- (10) Zu viel Drama, zu wenig Bangaranga? Warum die Favoriten 2026 scheiterten
- (11) So haben sich Juryvoting und Televoting beim ESC 2026 unterschieden
- (12) Eigentlich nur ESC – Ein Reisebericht zu meinem ersten ESC vor Ort
- (13) Deutschlands erstes ESC-Jahr unter Federführung des SWR – Die ultimative Bilanz
- (14) Absturz beim ESC 2026: Was ist mit Schweden passiert? Und wie geht es weiter?
- (15) Nicht im Finale, aber längst in unseren Herzen
- (16) Wie eine Inszenierung einen Song verändern kann – Die Magie hinter dem Staging von „Bangaranga“
- (17) Sarah Engels im Wonderland: In die ESC-Bubble gekommen, um zu bleiben?
Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:
- Bye Bye Basel: Unser Rückblick auf den ESC 2025
- Malmö Memories: Unser Rückblick auf den ESC 2024
- Leaving Liverpool: Unser Rückblick auf den ESC 2023
- Torniamo a Torino: Unser Rückblick auf den ESC 2022
- Replay Rotterdam: Unser Rückblick auf den ESC 2021
- Talking Tel Aviv: Unser Rückblick auf den ESC 2019
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Da war doch was: die Startreihenfolge! Die Producer’s Choice sollte abgeschafft werden und es sollte wie bei der Auslosung beider Halbfinals verfahren werden (erste Hälfte und zweite Hälfte).
Am liebsten wieder komplett auslosen oder alternativ eine (sinnvolle?) Startreihenfolge festlegen 🙂
Thema schon so oft geschrieben, hier kurze Zusammenfassung.
Erstens, jeder Künstler zieht eine Gruppe die aus 2 oder 3 Songs bestehen. Die Reihenfolge der Gruppen ist schon festgelegt ( ähnlich jetzt dem erste oder zweite Hälfte im Finale). Innerhalb dieser zweier oder Dreiergruppen können die Produzenten die Songs frei verschieben, somit wird ermöglicht das nicht 3 Songs des selben Genre hintereinander auftreten müssen.
Also ich kenne jetzt nicht die detaillierten Quoten vom ESC-Finale, also wie sich die Quoten im Laufe des Abends verändern, aber ich kann mir vorstellen, dass es mehr Publikum gibt, je länger die Show dauert. Ich rede jetzt hier übrigens vom Durchschnittspublikum, also nicht den großen ESC-Fans wie wir hier, die beim ESC wirklich alles von A bis Z verfolgen. Der ESC findet im Mai statt: Frühling, schönes Wetter und deswegen bleibt man vielleicht auch länger draußen und schaut den ESC nicht von Anfang an. In diesem Fall hätten die frühen Startplätze einen Nachteil, weil diese noch nicht so viel Publikum haben, wie die späteren. Und dazu kommt, dass das Durchschnittspublikum sich die ESC-Songs, außer vielleicht dem Song für das eigene Land, wohl nicht vorher bereits über die Streaming-Dienste (Spotify, etc.) anhören bzw. auf YouTube das Musikvideo schauen. Ich bin kein Medienprofi in dieser Hinsicht, aber ich könnte mir halt vorstellen, dass es so ist.
Ob man dies mit Fußball vergleichen kann? Ja hier braucht man auch Losglück, aber die Turnierveranstalter setzen hier halt fast ausschließlich auf die Auslosung und legen hier keine Matches manuell fest. Es ist hier eben Losglück wie weit man kommt, ob dies aber dann schlecht ist, wenn man früh dadurch ausscheidet kommt auf die Situation an. Angenommen Team A verliert im Achtelfinale gegen Team B. Team B gewinnt dann am Ende das Turnier. Ist dann Team A schlecht, weil sie bereits im Achtelfinale ausgeschieden sind, oder hatten sich einfach nur Pech, dass sie bereits im Achtelfinale auf Team B gestoßen sind und wären ansonsten vielleicht auch bis ins Finale gekommen?