Es war der Tag des ersten Halbfinales des Eurovision Song Contest 2026 in Wien. Im Anschluss an den letzten Programmpunkt im Eurofan House von wiwibloggs war im Vienna Museum eine vom ORF organisierte Podiumsdiskussion zur Bedeutung von Fanblogs für den ESC geplant. Zusammen mit Vertretern von eurovoix, wiwibloggs und esctoday sollte ich über die „aktuelle Landschaft der Eurovision-Fanblogs und ihren Beitrag zum Erfolg von Künstlerinnen und Künstlern vor und nach dem Wettbewerb“ diskutieren.
An der Formulierung im Konjunktiv habt ihr schon gemerkt: Diese Veranstaltung hat nie stattgefunden. Bereits im Vorfeld war die Zielgruppe nebulös geblieben, zumal man davon ausgehen konnte, dass ESC-Fans zwischen 17:00 und 18:30 Uhr an einem Halbfinal-Abend anderes zu tun haben (sich auf den Weg zur Halle oder zum Public Viewing machen, zwischen Tagesprogramm und Liveshow etwas essen…) als einer Podiumsdiskussion beizuwohnen. Außerdem wurde das Event außer als nachgeschobenes Anhängsel des Programms von wiwibloggs nirgendwo beworben.
Es kam wie es kommen musste: Nach dem letzten Programmpunkt von wiwibloggs verließen alle Fans fluchtartig das Vienna Museum und als die Diskussion dann starten sollte, befanden sich im Publikum ungefähr ebenso viele Menschen wie auf dem Podium. Wir haben uns also (nach einem gestellten Erinnerungsfoto, siehe Aufmacher) dazu entschieden, die Veranstaltung ausfallen zu lassen und unverrichteter Dinge wieder abzureisen.
Doch weil ich mich vorbereitet und mir ein paar Dinge zurecht gelegt hatte, die ich gerne sagen wollte, kann ich meinen Sprechzettel hier jetzt endlich doch noch zweitverwerten und darüber schreiben, warum Fanmedien aus meiner Sicht absolut wichtig sind für den Eurovision Song Contest. Zu allen Punkten hätte es natürlich noch viel mehr zu sagen gegeben. Das hier ist sozusagen die Executive Summary:
Fanmedien leisten einen wichtigen Beitrag für den Eurovision Song Contest auch und gerade weit über die eigentliche Veranstaltungswoche hinaus. Während klassische Medien häufig nur rund um die beiden Halbfinals und das Finale berichten, begleiten ESC-Blogs und andere Fanmedien den Wettbewerb das gesamte Jahr über. Sie berichten über nationale Vorentscheide, neue Musik, Hintergrundgeschichten und Entwicklungen innerhalb der Community und tragen so dazu bei, dass aus gelegentlichen Zuschauer*innen langfristig engagierte Fans werden, die die Shows schauen, Merchandise kaufen, Musik streamen, selbst zum Eurovision Song Contest reisen oder andere Events (wie das Eurovision Weekend) besuchen. Außerdem entsteht eine Gemeinschaft.
Darüber hinaus übernehmen Fanmedien eine wichtige Rolle als Impulsgeber für die öffentliche Berichterstattung. Themen und Diskussionen, die zunächst innerhalb der ESC-Community entstehen, werden später teilweise von klassischen Medien aufgegriffen. Fanblogs sind damit nicht nur Berichterstatter, sondern prägen die öffentliche Wahrnehmung des Wettbewerbs und der Acts aktiv mit.
Ein besonderer Mehrwert liegt zudem in der langfristigen Begleitung der Künstler*innen. Während sich die offiziellen Eurovision-Kanäle naturgemäß auf den jeweils aktuellen Jahrgang konzentrieren, berichten Fanmedien auch nach dem Wettbewerb über Tourneen und neue Veröffentlichungen ehemaliger Teilnehmer*innen. Dadurch verlängern sie die Aufmerksamkeit für die Künstler*innen deutlich und schaffen einen nachhaltigen Mehrwert, der über die eigentliche Wettbewerbsteilnahme hinausgeht.
Die Bedeutung von Fanmedien sollte von offizieller Seite (also der EBU und den Sendern in den einzelnen Ländern, also dem SWR in Deutschland) stärker anerkannt werden. Trotz ihrer zentralen Rolle für Reichweite und Community-Bindung werden Fanmedien in den letzten Jahren zunehmend wie Medien zweiter Klasse behandelt – etwa durch separate Interviewbereiche am Turquoise Carpet oder räumlich abgetrennte Arbeitsbereiche im Pressezentrum. Wer den Gemeinschaftscharakter des Eurovision Song Contest erhalten will, sollte Fanmedien daher als gleichwertige Partner im Mediensystem verstehen und ihnen entsprechende Arbeitsbedingungen ermöglichen.
Ich hätte über diese Punkte gerne diskutiert, aber jetzt freue ich mich auf Euer Feedback zu meinen Thesen in den Kommentaren.
Auch der Abend war für mich übrigens nicht verschenkt: So habe ich es trotz des straffen ESC-kompakt-Programms auch mal ins Eurofan House geschafft, konnte meine Freund*innen von wiwibloggs treffen (siehe unten mit Bernardo und Suzanne) und mit ihnen zu Abend essen.
In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:
- (1) Die schönsten Wien-Bilder der Blogger*innen
- (2) Mein erster Eurovision Song Contest vor Ort
- (3) Wie war Wien als Gastgeberstadt 2026?
- (4) Das „Eurovision at 70“-All-Star-Medley beim ESC 2026 in Wien – ein neuer Klassiker
- (5) ESC 2026 in Wien: All My Life for a Night Like
- (6) Tagebuch ESC 2026: Mini-Storys aus meiner Zeit in Wien
- (7) Bevor wir heimgehen … Sechs Nächte im Euroclub
- (8) Zero points – Wie nah dran Sarah Engels, Essyla und UK an Televotingpunkten waren
- (9) Machen die neuen Jury-Regeln das ESC-Endergebnis unvorhersehbar?
- (10) Zu viel Drama, zu wenig Bangaranga? Warum die Favoriten 2026 scheiterten
- (11) So haben sich Juryvoting und Televoting beim ESC 2026 unterschieden
- (12) Eigentlich nur ESC – Ein Reisebericht zu meinem ersten ESC vor Ort
- (13) Deutschlands erstes ESC-Jahr unter Federführung des SWR – Die ultimative Bilanz
- (14) Absturz beim ESC 2026: Was ist mit Schweden passiert? Und wie geht es weiter?
- (15) Nicht im Finale, aber längst in unseren Herzen
- (16) Wie eine Inszenierung einen Song verändern kann – Die Magie hinter dem Staging von „Bangaranga“
- (17) Sarah Engels im Wonderland: In die ESC-Bubble gekommen, um zu bleiben?
- (18) Producers Curse? Diese Sache mit den Startplätzen beim ESC
- (19) All aboard – Die Eurofan Cruises auf der Donau
Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:
- Bye Bye Basel: Unser Rückblick auf den ESC 2025
- Malmö Memories: Unser Rückblick auf den ESC 2024
- Leaving Liverpool: Unser Rückblick auf den ESC 2023
- Torniamo a Torino: Unser Rückblick auf den ESC 2022
- Replay Rotterdam: Unser Rückblick auf den ESC 2021
- Talking Tel Aviv: Unser Rückblick auf den ESC 2019
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Wir können von sehr viel Glück reden, dass es so ein tolles, unterhaltsames, manchmal kontroverses und informatives Fanmedium wie ESC kompakt gibt, meiner Meinung nach.
Andere Medien können da bei Weitem nicht mithalten.
Mir würde was im Leben fehlen, wenn ich da nicht mindestens ein Mal am Tag reinschauen würde.
Vielen lieben Dank euch Bloggern für die Passion und dem Engagement!
Ihr hättet auf jeden Fall noch mehr Aufmerksamkeit verdient, nachdem von Eurovision.de nicht viel übrig geblieben ist.
Bitte daher so weitermachen!
(Benny, ich hoffe, du hast diesen Artikel wenigstens dem SWR zukommen lassen.)
Kann mich da nur zu 100% anschließen!
Dem ist nichts hinzuzufügen. Lieber Alex, danke für diesen Kommentar. Liebe Blogger, danke, danke, danke für Eure fantastische Arbeit!
Da schließe ich mich auch sehr gerne an.👍
Grüne Ampel für diesen Kommentar! 🚦😇
🔝 100% Zustimmung, ich schaue auch jeden Tag rein.
Vielen Dank für die harte Arbeit.
Wer ist denn der Otter neben Axel Hirsoux auf dem Bild?
Denkst wieder nur mit deiner Hose…🤓
Kennste ja!
Wer den Gemeinschaftscharakter des Eurovision Song Contest erhalten will, sollte Fanmedien daher als gleichwertige Partner im Mediensystem verstehen und ihnen entsprechende Arbeitsbedingungen ermöglichen.
Ja, wenn alle so korrekt, professionell und objektiv berichten würden wie ESCK. Hysterische Schreihälse, die es bei den Fanmedien ja auch zuhauf gibt, würde ich schon in ein separates Gehege platzieren, am besten unter medizinischer Aufsicht und unter Security-Begleitung. 😉
Benny,da hast du alles aufgeführt,was die Fanmedien,für mich insbesondere ESC kompakt, so wichtig macht. Wo bekommt man denn sonst die Infos her,wenn man sich bis ins Detail über den ESC informieren will?
Aus der Bild Zeitung auf jeden Fall nicht.
Schade,dass dieser Austausch in Wien nicht zustande kam. Vielleicht lässt es sich in Zukunft mal zu einem besseren Zeitpunkt wiederholen.
Ich bin auf jeden Fall sehr,sehr dankbar dafür,dass es euch gibt,es alles noch in deutsch ist und,dass man sich auf eurer Plattform auch mit Gleichgesinnten austauschen kann.🤗
Hmmh, ich frage mich natürlich wie die vielen anderen Menschen da draußen, warum diese Podiumsdiskussion nicht zu einer anderen Zeit terminiert wurde.
So war es vorhersehbar ein Rohrkrepierer.
Inhaltlich sicher wichtig, allerdings ohne Rückenwind vom SWR ein, na was wohl, richtig, eine Nullnummer.
Mit den Füßen abstimmen: Die Fans sollten einfach mal geschlossen dem ESC-Zirkus fernbleiben, aber das klappt ja schon beim Fußball und beim Tanken an zu teuren Tankstellen nicht wirklich.
So bleibt es vergebliche Liebesmüh😉.