ESC-Songcheck kompakt (23) – San Marino: „Adrenalina“ von Senhit

Wer Senhit bisher nur von ihrem ESC-Beitrag von 2011 „Stand By“ kennt (damals noch ohne „h“ im Namen) und geglaubt hat, Senhit sei eine zurückhaltende scheue Sängerin mit einer Vorliebe für nett-belanglose Balladen, der dürfte schon bei ihrem letztjährigen Retro-Disco-Beitrag „Freaky!“ aufgehorcht haben. Der durchaus radiokompatible Discostampfer machte Laune, tönte musikalisch ein bisschen nach Mousse T und wurde optisch durch ein opulent-buntes Musikvideo unterstützt.

Schon Mitte Mai wurde vom Sender SMRTV bekanntgegeben, dass Senhit auch 2021 für San Marino an den Start gehen wird. Voller Vorfreude stürzte sie sich wie keine andere auf ihren Weg nach Rotterdam und veröffentlichte so seit Juli letzten Jahres monatlich Coverversionen ehemaliger Eurovisions-Beiträge samt knallbunten Musikvideos unter dem Hashtag #freakytriptorotterdam. So beglückte sie die Fans mit „Cheesecake“ von Teo, „Everyway that I can“ von Sertab Erener, „Ding-A-Dong“ von Teach-In, „Congratulations“ von Cliff Richard, „Rise Like A Phoenix“ von Conchita Wurst, „Amar Pelos Dois“ von Salvador Sobral, „Waterloo“ von ABBA, „Alcohol is Free“ von Koza Mostra & Agathonas Iakovidis, „Golden Boy“ von Nadav Guedj und „Roy“ von Bilal Hassani. Immer bunt, quietschig, laut und immer mit ein paar zu viel Effekte in den Videos – aber das muss ihr erstmal jemand nachmachen.

Erstaunlich, dass die 42-jährige dazwischen noch Zeit fand, an ihrem eigenen Beitrag für den diesjährigen ESC zu arbeiten – und noch erstaunlicher, wenn man bedenkt, was die Sängerin italienisch-eritreischer Abstammung da am 7. März diesen Jahres veröffentlichte: „Adrenalina“ mit dem bekannten amerikanischen Rapper Flo Rida.

Der Song

Für ihren diesjährigen Wettbewerbsbeitrag „Adrenalina“ hat sich die Sängerin eine ganze Armada an skandinavischen und ESC-erfahrenen Songwritern ins Boot geholt. Neben Senhit selbst haben Thomas Stengaard, Joy Deb, Linnea Deb, Jimmy „Joker“ Thörnfeldt, Kenny Silverdique, Suzi „Suzi P“ Pancenkov, Malou Linn Eloise Ruotsalainen und Chanel Tukia an dem Song mitgewirkt. Außerdem ist der US-Rapper Flo Rida an dem Uptempo-Song beteiligt – und soll sogar, wenn alles klappt, auch in Rotterdam mit auf der Bühne stehen.

Textlich ist „Adrenalina“ sehr sexy und Senhit verzehrt sich darin ziemlich ekstatisch und körperlich nach dem Objekt ihrer Begierde: „Can’t move without your eyes on me. It’s like my body’s yours only. So baby, don’t leave me lonely now – we’re like fire and gasoline. Come and light it up with me. You’re my adrenaline, just one touch and I’ll ignite“ (Ich kann mich nicht bewegen ohne deine Augen auf mir. Es ist, als ob mein Körper nur dir gehört. Also Baby, lass mich jetzt nicht einsam zurück – wir sind wie Feuer und Benzin. Komm und zünde es mit mir an. Du bist meine Adrenalin, nur eine Berührung und ich werde mich entzünden).

Passend zum Text ist „Adrenalina“ ein treibender und tanzbarer, sauber produzierter Feel-Good-Song, der auch mit folkloristischen Elementen aus Osteuropa spielt. So verwundert es nicht, dass die Fans sofort nach Veröffentlichung steil gingen und San Marino kurzzeitig gar an die Spitze der Wettquoten katapultiert wurde. Wie nachhaltig dieser Hype schlussendlich ist, werden wir in Rotterdam sehen. Klar dürfte aber spätestens nach den eigens produzierten Coverversionen und ihrer Teilnahme an den Eurovision Home Concerts im letzten Jahr sein, dass wir uns auf eine „interessante“ Performance freuen können.

Der Check

Song: 4/5 Punkte
Stimme: 3/5 Punkte
Instant-Appeal: 4/5 Punkte
Optik: 3/5 Punkte

Benny: „Adrenalina“ ist ein guter, tanzbarer Song, der mir wirklich Spaß macht. Well done! Flo Rida hätte ich persönlich jetzt nicht unbedingt gebraucht und die Zeiten dieser kurzen Rap-Parts in Pop-Songs sind eigentlich auch schon seit mindestens 10 Jahren vorbei, aber gut, wenn’s der Publicity nützt. San Marino hat in diesem Jahr wirklich alles gegeben und ich halte den Finaleinzug für ziemlich sicher – eine Platzierung ganz oben wird es aber wohl nicht werden. 8 Punkte.

Berenike: Von allen Upbeat-Dancenummern in diesem Jahr ist das sicher die zeitgemäßeste, „Adrenalina“ ist auf professionelle Art kreativ und ich verstehe, warum der Track so gut ankommt. Trotzdem frage ich mich manchmal, wie groß der Hype ohne Flo Rida mit No-Name-Rapper wäre… In dem Stück steckt aber auf jeden Fall „Fuego“-Potenzial. Trotzdem ist es nicht unbedingt mein Genre, deshalb 5 Punkte.

Douze Points: Eigentlich müsst das doch der griechische Beitrag sein. Laut, schnell, ethno und ein bisschen drüber. Gerade mit dem Rap-Teil von Flo Rida könnte das Lied auch schon ein paar ESCs in der Schublade gereift sein. Nun hat sich Senhit seiner angenommen und zeigt damit ihre Wandelbarkeit. Musikalisch geht mir das langgezogene „A-dre-na-liiiiine“ etwas auf den Geist. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass das der beste ESC-Beitrag San Marinos ever ever ever ist. 12 Punkte.

Florian: Zunächst sei gesagt, dass mir ein Song im Stil wie „Adrenalina“ eigentlich wenig zusagen sollte, diese urban-tropischen Popbeats hat man mittlerweile einfach so oft gehört, dass es auf mich nur noch nervend wirkt. Dennoch schafft Senhit es irgendwie, den Song zeitgemäß wirken zu lassen. Das Flo Rida-Feature ist ein nettes Gimmick, doch die Jubelstürme kann ich nicht so ganz verstehen – da gibt es wirklich talentiertere (und angesagtere) Kollegen, die daraus einen tatsächlichen Charthit machen könnten. Trotzdem würde es mich nicht wundern, wenn San Marino das beste Ergebnis in seiner ESC-Geschichte einfährt. 5 Punkte.

Manu: Wer hätte das vorher bitte gedacht? Bei „Adrenalina“ wummern die Bässe, die Melodie gräbt sich in meine Gehörgänge: das ist richtig satt produziert und hört sich für mich gut weg – nur der Rap von Flo Rida bringt mich etwas raus. Den hätte ich jetzt nicht gebraucht. Ich bin mir unschlüssig, ob das auch auf der Bühne funktionieren wird, da Senhit ja auch gern mal ein bisschen zu viel macht. Aber als Audio macht mir das Spaß – 8 Punkte.

Max: Fand ich ja am Anfang ganz furchtbar. Ich hab nicht verstanden, wieso das jeder so hypen muss. Flo Ridas beste Zeiten sind ja auch vorbei und der Beat ist nicht gerade innovativ. Und jetzt kommt es: mittlerweile liebe ich es. Vielleicht, weil ich es nicht so verbissen sehe wie am Anfang. Mein Gott, dann schickt eben ein Zwergstaat einen geilen Club-Banger ins Rennen mit einem 2008er-US-Star. Das ist doch so Banane, dass man es wieder feiern muss. Also wie gesagt, jetzt bin ich vollgepumpt mit Adrenalin. Finale ja, beste Platzierung San Marinos ja. Sieg? Eher nicht. 10 Punkte.

Peter: Meine anfängliche San-Marino–Euphorie ist etwas verflogen, zumal ich mit Flo Rida nicht so viel anfangen kann, aber dennoch ist dieser Song im Jahrgang 2021 locker im ersten Viertel und das Beste, was San Marino je gemacht hat beim ESC. Die ethno-inspirierten Grooves von „Adrenalina“ sind klasse, die kompakte Dynamik des Songs und die Power in der Stimme von Senhit tun ein Übriges. Clever und zeitgemäß produziert, kreativ (wenn auch etwas tacky überschminkt) inszeniert. Auch gut: Tolle stimulierende Beats! 12 Punkte.

Gesamtpunktzahl: 60/84 Punkten

Beim ESC-kompakt-Index landet „Adrenalina“ auf Platz 2 von 39.

Wie schneidet der san-marinesische Beitrag "Adrenalina" von Senhit ab?

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Bisher erschienene Songchecks:

Erste Hälfte des ersten Semis

(1) Australien: „Technicolour“ von Montaigne
(2) Irland: „Maps“ von Lesley Roy
(3) Litauen: „Discoteque“ von THE ROOP
(4) Nordmazedonien: „Here I Stand“ von Vasil
(5) Russland: „Russian Woman“ von Manizha
(6) Schweden: „Voices“ von Tusse
(7) Slowenien: „Amen“ von Ana Soklič

Zweite Hälfte des ersten Semis

(8) Aserbaidschan: „Mata Hari“ von Efendi
(9) Belgien: „The Wrong Place“ von Hooverphonic
(10) Israel: „Set Me Free“ von Eden Alene
(11) Kroatien: „Tick-Tock“ von Albina
(12) Malta: „Je Me Casse“ von Destiny
(13) Norwegen: „Fallen Angel“ von TIX
(14) Rumänien: „Amnesia“ von Roxen
(15) Ukraine: „SHUM“ von Go_A
(16) Zypern: „El Diablo“ von Elena Tsagrinou

Zwischenstand nach dem ersten Halbfinale

Erste Hälfte des zweiten Semis

(17) Estland: „The Lucky One“ von Uku Suviste
(18) Griechenland: „Last Dance“ von Stefania
(19) Island: „10 Years“ von Daði og Gagnamagnið
(20) Moldau: „Sugar“ von Natalia Gordienko
(21) Österreich: „Amen“ von Vincent Bueno
(22) Polen: „The Ride“ von RAFAŁ


97 Kommentare

  1. Ich liebe ja ihr blau-weißes Outfit aus dem „Alchol Is Free“-Video und wie sehr ihr Herz für den ESC glüht – wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet, dass ihre Karriere jenseits der Bubble nicht so verlaufen ist wie erhofft.
    Die Flo Rida-Frage könnte im Zweifelsfall nach rumänischem Vorbild gelöst werden: Wie einst Paula Seling kann er doch als Hologramm auf der Bühne auftreten. Nur entsprechend länger, aber die Kohle hat San Marino anscheinend. „Adrenalina“ geht gut nach vorne und sollte sowohl bei den Juroren (als ob sie es wagen würden, den bekanntesten Act downzuvoten) als auch Zuschauern punkten. Passt alles zusammen, sollte den Top 5 nichts im Wege stehen.

  2. „Meine anfängliche San-Marino-Euphorie ist etwas verflogen […]. 12 Punkte.“
    Das ist der Peter, wie wir ihn alle kennen und lieben 😀

  3. ich bin dieser art von musik beim ESC etwas überdrüssig aber ich kann jetzt nicht sagen,daß dies jetzt ein schlechter beitrag dieses genres ist.
    in diesen internen wettbewerb ähnlicher songs mit serbien,kroatien,moldau,griechenland,zypern,israel und aserbaidchan ragt die nummer schon noch heraus – finale dürfte nicht zu verhindern sein und hier sehe ich platz 7-12 im bereich des möglichen.
    rap ist nicht so meine baustelle aber hier veredelt der rappart mit der bassdrum auf punkt den song sehr gut.

  4. Hier bin ich echt mal sehr sehr SEHR gespannt auf die Platzierung. Ich denke, das beste san marinesische Ergebnis ist in Reichweite, möglicherweise schafft sie sogar die Final-Top-Ten.

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