ESC-Songcheck kompakt (22) – Polen: „The Ride“ von RAFAŁ

Sechs, setzen. Nein, das hat Rafał Brzozowski auf seinem Aufmacherbild vermutlich nicht gemeint (auch wenn soviel Selbstkritik durchaus vorstellbar wäre, wenn das Video zum Song fast doppelt so viele negative Bewertungen hat wie positive). Nein, der Pole wird als Sechster im zweiten Halbfinale antreten. Und in seinem Kommentar zu diesem Bild auf Instagram schreibt er weiter: „Mein sechster Sinn sagt mir, dass die Show großartig werden wird! 😉 Drückt mir die Daumen!“

RAFAŁ ist Sänger und TV-Moderator – und wurde als die beliebteste Fernsehpersönlichkeit im polnischen Fernsehen ausgezeichnet. Er ist ein Entertainer und moderiert die Musiksendung „THE NAME OF THE TUNE“. Im Jahr 2020 war er außerdem Co-Moderator des Junior Eurovision Song Contest in Polen. Für den Eurovision Song Contest 2021 wurden er und der Song „The Ride“ intern ausgewählt und am 12. März bekanntgegeben.

Seine Karriere begann RAFAŁ bei „The Voice of Poland“ im Jahr 2011. Seitdem wurde er zu einem der beliebtesten Sänger seiner Generation in Polen (O-Ton Pressemitteilung). Seine Debütsingle mit dem Titel „Tak blisko“ (So nah) war auf Platz 1 in Polen. Rafałs Alben gehören zu den jeweils meistverkauften und erreichten Gold- und Platinauszeichnungen.

Der Song

RAFAŁs Song „The Ride“ wurde von den schwedischen Grammy-nominierten Songwritern Joakim Övrenius, Thomas Karlsson, Clara Rubensson und Johan Mauritzson geschrieben und komponiert. Diese Songwriter*innen erreichten mit ihren Liedern Top-Positionen auf den Hitlisten rund um die Welt.

Das Lied ist ein Uptempo-Song, der sich intensiv an Musikmotiven der 80er Jahre bedient. Der treibende Beat unterstreicht die Aussage des Textes, dass seine Begleitung bereit „for the ride of your life“ sein soll. Denn der Sänger will „take it to the end of the line, Takin’ the fight, make it alright.“ Der Text ist ein zielloses Herunterbeten von Phrasen, die Großes in einer Form versprechen, wie wir sie bis zum Januar regelmäßig vom US-Ex-Präsidenten zu hören bekamen.

Der Art Director des Videos „The Ride“ und von Rafals Bühnenperformance ist Mikołaj Dobrowolski. Die Choreographie wurde von Agustin Egurrola erstellt. Das Musikvideo wurde von Pascal Pawliszewszki inszeniert.

Der Check

Song: 2/5 Punkte
Stimme: 1,5/5 Punkte
Instant-Appeal: 3/5 Punkte
Optik: 2/5 Punkte

Benny: Ein wirkliches ärgerliches Machwerk. Die ersten Takte gehen gut los und ich hoffe auf eine tolle Retro-Nummer, aber dann kommt ein sehr seichtes Poplied mit bestenfalls mittelmäßiger Melodie, das gerne auf der 80er-Jahre-Retro-Welle mitreiten möchte, aber nicht mal den Strand findet. Dazu scheinen die Verantwortlichen RAFAŁ zumindest optisch und tänzerisch selbst nicht zu trauen, wozu sonst dieser Jugendwahn mit Sonnenbrille, Photoshop und diese schnelle Schnitte im Video? Hier passt nichts zusammen und ganz unabhängig von der Frage, wie diese Nominierung zustande gekommen ist, hätte RAFAŁ ein besseres und zu ihm passendes Lied verdient gehabt. 2 Punkte.

Berenike: Nachdem die Polen zwei Jahre in Folge tolle moderne elektronische Tanznummern zum JESC geschickt haben, fragt man sich schon, wieso sie das nicht auch beim „großen“ ESC hinbekommen. Im Vergleich fällt „The Ride“ da absolut durch. Und auch im Vergleich zu den Dancenummern der Damen im 2021er-Jahrgang wirkt der Song etwas laienhaft produziert. Und doch gefällt mir die trashig-unbeholfene Eingängigkeit irgendwie… Es ist der perfekte Soundtrack um (gedanklich) nachts über die leere Autobahn zu düsen. 5 Punkte.

Douze Points: Das Beste an „The Ride“ sind die paar schönen 80er-Jahre-Synthie-Akkorde im Refrain. Ansonsten ist das eine relativ belanglose Komposition ohne Herz und Seele. Die unsympathische, pseudo-coole Ausstrahlung des Sängers und seine dünne, sehr gepresst wirkende Stimme ziehen den Beitrag noch weiter nach unten als es bereits die weitgehend sinnbefreite Aneinanderreihung der textlichen Plattitüden schaffen würde. 3 Punkte.

Florian: Polen kann mich mit „The Ride“ leider überhaupt nicht überzeugen. Ein fast 40-jähriger Sänger singt einen Song, der ihn gut 20 Jahre jünger wirken lassen soll. Dazu diese merkwürdige Instrumentation und Inszenierung im Musikvideo. Das ist leider wirklich nicht gut gemacht und das Gesamtpaket stimmt hier einfach nicht. Dann hätte man wenigstens so ehrlich sein und Rafal einen anderen Song geben sollen, wenn man sich schon aus welchem Grund auch immer gegen Alicja entscheidet. 3 Punkte.

Manu: Die polnischen Verantwortlichen taten sicher nicht gut daran, sich lange nicht zu rühren und Fans sowie die Interpretin des letzten Jahres Alicja im Unklaren zu lassen, was sie für den diesjährigen ESC planen. Geworden ist es schlussendlich der in Polen zwar omnipräsente, aber gerade wohl bei ESC-Fans nicht sehr beliebte RAFAŁ. Sein Lied will nach „The Weeknd“ klingen, plätschert trotz dessen typischen Sounds aber nur so dahin. Die polnischen Fans quittieren ihren Unmut mit so vielen Dislikes, dass die Like-Funktion unter dem offiziellen Musikvideo auf dem YouTube-Kanal von RAFAŁ mittlerweile abgestellt wurde. Auch von mir gibt es nur 2 Punkte.

Max: Wie sagt man „Guilty Pleasure“ auf Polnisch? Ich weiß, dass es absolut nicht die Neuerfindung der Musik ist, aber ich finde es tatsächlich ziemlich eingängig. Es erinnert mich aber an einige Lieder, da hat man sich vielleicht sehr gut inspirieren lassen. Der große Wurf wird Polen damit natürlich nicht gelingen, aber gut, vielleicht klappt es ja mit dem Finale. Polen hat ja nicht gerade eine kleine Diaspora. 6 Punkte (tatsächlich…).

Peter: Wow, auf dem Aufmacherbild sieht Rafał richtig lässig und sexy aus, als wär’s sein Bewerbungsfoto für ein Remake von „Risky Business“. Das ist aber ein auch ein Teil des Problems: Der Song, die Instrumentierung, der Beat, das Video, die Inszenierungen im Clip spielen treffsicher mit den Erfolgs-Versatzstücken eines 80er-Jahre-Charthits, aber „The Ride“ ist so beliebig, oberflächlich und angestrengt, dass es in den 80er-Jahren weder hierzulande noch in seiner Heimat überhaupt in den Top 40 gelandet wäre. Ich mag Polen so sehr (beim ESC und auch sonst) und bin fast ein bissel sauer, dass „The Ride“ so schwach ist. 4 Punkte.

Gesamtpunktzahl: 25/84 Punkten

Beim ESC-kompakt-Index landet „The Ride“ auf Platz 37 von 39.

Wie schneidet der polnische Beitrag "The Ride" von RAFAŁ ab?

View Results

Loading ... Loading ...

Bisher erschienene Songchecks:

Erste Hälfte des ersten Semis

(1) Australien: „Technicolour“ von Montaigne
(2) Irland: „Maps“ von Lesley Roy
(3) Litauen: „Discoteque“ von THE ROOP
(4) Nordmazedonien: „Here I Stand“ von Vasil
(5) Russland: „Russian Woman“ von Manizha
(6) Schweden: „Voices“ von Tusse
(7) Slowenien: „Amen“ von Ana Soklič

Zweite Hälfte des ersten Semis

(8) Aserbaidschan: „Mata Hari“ von Efendi
(9) Belgien: „The Wrong Place“ von Hooverphonic
(10) Israel: „Set Me Free“ von Eden Alene
(11) Kroatien: „Tick-Tock“ von Albina
(12) Malta: „Je Me Casse“ von Destiny
(13) Norwegen: „Fallen Angel“ von TIX
(14) Rumänien: „Amnesia“ von Roxen
(15) Ukraine: „SHUM“ von Go_A
(16) Zypern: „El Diablo“ von Elena Tsagrinou

Zwischenstand nach dem ersten Halbfinale

Erste Hälfte des zweiten Semis

(17) Estland: „The Lucky One“ von Uku Suviste
(18) Griechenland: „Last Dance“ von Stefania
(19) Island: „10 Years“ von Daði og Gagnamagnið
(20) Moldau: „Sugar“ von Natalia Gordienko
(21) Österreich: „Amen“ von Vincent Bueno


114 Kommentare

  1. Song: Radiotauglich.
    Stimme: nachbearbeitet
    Instant-Appeal: Frisch mitgebracht aus England.
    Optik: wir wollen deine Augen sehen. Keine Bewertung möglich.

    • Upsa, sorry, die Lettin noch vergessen. Die hatte die dritte 0/10. Bei ihm hier waren es 1/10 (wer am Boden liegt, den soll man nicht noch treten).

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.